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Liebe Kolleginnen und Kollegen,
am vergangenen Samstag hatte ich das Glück, am Weihnachtkonzert der Erlöserkirche in Jerusalem teilnehmen zu können. Am Vorabend des 4. Advent brannten schon alle vier Kerzen an dem großen Adventskranz und neben dem Altar stand der Weihnachtsbaum. Der israelische Kfar Saba Kammerchor sang Lieder und Kantaten von Britten und Bach darunter die Kantate; „Es wartet alles auf Dich“. An diesem Abend nach dem Sabbat konnte man spüren, wie sehr das stimmt. Deutsche, amerikanische und palästinensische Christen waren gekommen. Aber auch viele jüdische Israelis hatten den Weg durch den arabischen Suqk gewagt, um die wunderbaren Stimmen zu hören. Musik, die alle verbindet und die jedem die Möglichkeit gibt, sich zu öffnen für einen anderen Klang als den des Alltags. Man sah es an dem inneren Leuchten auf vielen Gesichtern, eine Hochstimmung lag in der Luft Weihnachten und Hannuka liegen in diesem Jahr ganz dicht beieinander. „Es wartet alles auf Dich“. Juden und Christen warten in diesem Tagen gemeinsam, etwas zu spüren von der Nähe unseres Gottes. Die Choralmusik erinnerte daran. Und mitten hinein in die Pause nach der ersten Bachkantate sang der Muezzin. Für einen dichten Moment war die Spannung, die über Jerusalem liegt, aufgelöst in Harmonie. Und da hinein erklang von der Orgel eine Choralvariation zu „Vom Himmel hoch“.
Und meine Gedanken wanderten zurück zu einem Gespräch mit Oberrabiner Piron, das wir am Vortag gehabt hatten. Es ging um den interreligiösen Dialog und um die Konflikte, die den Dialog so oft unmöglich machen. Auch um Terror und Haß. Um den Holocaust und die Mauer im Heiligen Land. Der Wiener Jude Piron sprach von Gottes Unbegreiflichkeit. Von dem verborgenen, geheimnisvollen Gott, den alle Menschen suchen. Jeder auf seinem Weg. Blind oft für Gottes Nähe und taub für die Stimmen der anderen. Verzweifelt und voller Fragen, verletzt und voll Misstrauen. Aber hoffen wir nicht alle, dass Gott sich zeigt und sein Geheimnis offenbart?
„Vom Himmel hoch da komm ich her“. Während Elisabeth Roloff an der Orgel in Jerusalem den alten Choral variierte, dachte ich über das Stückchen Himmel nach, das an diesem Abend zu entdecken war. Viele hatten sich aufgemacht und Grenzen überschritten zwischen Religionen, Sprachen und Kulturen. Sie hatten die Verletzungen der Geschichte hinter sich gelassen. Und die unsichtbare Grenze zwischen West- und Ostjerusalem überschritten. In diesen zwei Stunden waren alle Diskussionen an ein Ende gekommen. Drinnen und draußen korrespondierten in einem größeren Klangraum. Geschichte und Politik schienen still zu stehen. Nicht weit weg, zwischen Jerusalem und Behlehem wuchs die Mauer weiter. Und die Altstadt wird mit Videokameras überwacht Tag und Nacht. In Gaza, wo nach dem Ende der Besatzung Hoffnung aufkam, gibt es jetzt Streit, wo die neugeborenen Kinder in Gaza angemeldet werden denn ein freies Palästina lässt auf sich warten. Aber in diesem Augenblick ist mein Herz bei dem Weihnachtslied, das von Gottes Offenbarungen erzählt. Von der guten neuen Mär, dass der Himmel die Erde berührt. Ganz unten. In einer Krippe.
Heute wie damals ist Jerusalem der Zielpunkt so vieler Erwartungen. Die arabische Welt träumt man von Al Kuz, von der Hauptstadt unter dem goldenen Dach des Felsendoms, wo Mohammed in den Himmel gefahren sein soll. Und ganz in der Nähe am Ölberg erwartet das jüdische Volk den wiederkehrenden Messias. Was aber erwarten wir vom neuen Jerusalem, von der Stadt Gottes, von dem Ort, an den die Völker pilgern? Wir erwarten einen Platz, an dem jeder zu Hause sein kann. Gleich, wo er herkommt. Einen Ort, an dem die Angst vergeht, wo die Mächtigen knien und die Verfolgten sich aufrichten. Wo die Opfer geehrt werden und die Kinder Zukunft haben. Wo Träume etwas zählen und die Stimmen der Engel nicht überhört werden. Wir erwarten, die Hütte Gottes bei den Menschen, von der die Geschichte im Stall von Bethlehem erzählt.
Der Kirchenvater Augustinus hat einmal beschrieben, wie Gott sich nach uns sehnt- wie er nach uns ruft, damit wir nicht draußen bleiben, sondern eintreten in seine Wirklichkeit. Man kann dieses alte Gebet auch wie ein Weihnachtsgedicht lesen. Stellen Sie sich doch einfach die Hütte in Bethlehem vor und das Kind, das da in der Krippe schreit. Denken Sie an den Duft von Weihrauch und Myrrhe und an die Weisen, die niederknien, weil sie endlich am Ziel sind. Denken Sie an das Licht, das in vielen Weihnachtsbildern von diesem Augenblick ausgeht und an die Hirten, die sich durch die Nacht aufmachen, weil sie dem Engel glauben und jetzt hören Sie mit mir Augustins Gebet;
Du warst drinnen, ich aber draußen.
Du Gott, warst bei mir, ich aber nicht bei mir.
Du hast gerufen, hast geschrien, und hast meine Taubheit zerrissen.
Du hast geduftet und ich atme dich ein und jetzt sehne ich mich nach dir.
Spät habe ich dich geliebt, du Schönheit, ewig alt und ewig neu.
Die alte Geschichte von Weihnachten ist immer wieder frisch und neu. Ich habe sie diesmal beim Weihnachtskonzert in Jerusalem entdeckt Sie entdecken sie vielleicht heute hier oder ganz woanders. Unterwartet vielleicht mitten im Alltag. Entscheidend ist am Ende, wie wir mit solchen Erfahrungen umgehen ob wir zulassen, dass die Nähe Gottes uns anrührt und verwandelt oder ob wir die geöffnete Tür ins Schloss fallen lassen und weitergehen, als sei nichts geschehen.
Ich wünsche Ihnen und mir, dass wir die Sehnsucht nach Gott nicht betäuben, dass wir die Augen und Ohren offen halten für alle, die auf ihn warten. Und dann aus voller Seele einstimmen können: Fröhliche Weihnachten.
Cornelia Coenen-Marx
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