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EKD Pressemitteilung 77/2012

Der demographische Wandel und die Konsequenzen für Kirche und Diakonie


1. Einige Daten zur Bevölkerungsentwicklung
Noch nie in der Geschichte der Menschheit sind Menschen im Durchschnitt bei so guter Gesundheit so alt geworden, wie dies heute in den wohlhabenden Ländern unserer Welt möglich ist. Allerdings haben auch und gerade die wohlhabenden Staaten zugleich mit einem neuen Problem ungekannten Ausmaßes zu tun: mit der so genannten Unterjüngung der Gesellschaften, mit einem deutlichen Schrumpfen der Bevölkerung, den Konsequenzen für die Wirtschaft und den damit gegebenen Auswirkungen auf die sozialen Sicherungssysteme.

Deutschland gehört zu den OECD-Ländern mit der niedrigsten Fertilitätsrate ( z.zt. 1,4 Kinder), auch wenn es in jüngster Zeit von Spanien und Italien „ überholt“ worden ist. Dabei ist der Einfluss der durchweg kinderreicheren Familien der Zuwanderer in Deutschland bereits eingerechnet. Hauptgrund für die niedrige Geburtenrate ist die hohe Zahl von ca einem Drittel kinderlos bleibender Frauen der Jahrgänge ab 1965 – wobei, wenn ich einen Grund nenne, sogleich auch nach den Hintergründen gefragt werden müsste, und, wenn ich von kinderlosen Frauen spreche, die soziale Frage nach der Verantwortung der Väter noch nicht benannt ist. Franz-Xaver Kaufmann spricht jedenfalls in diesem Kontext von einer Bevölkerungs-Implosion: wenn sich über die Generationen gerechnet eine Frauengeneration nur noch zu zwei Drittel reproduziert, so bedeutet dies rechnerisch, dass auf 1000 Frauen nur noch 667 Töchter, 444 Enkelinnen und 276 Urenkelinnen kommen. Ohne Zuwanderung würde die Bevölkerungszahl Deutschlands bis 2050 auf 50,7 Millionen zurückgehen, so Herwig Birg. [1]Kaufmann stellt dar, dass eine Steigerung der Geburtenrate auf 1,6 Kinder und eine Zuwanderungsintensität von ca 150.000 Personen jährlich zu einer deutlich positiven Veränderung führen könnten – und es ist deutlich, in welcher Weise sich Politik und Wirtschaft unter dem Signum der Vereinbarkeit um entsprechende strukturelle Anreize bemühen. Umgekehrt könnte der Anteil der 60-und mehr –Jährigen bei der heutigen Fertilität und ohne Zuwanderung langfristig fast die Hälfte der Bevölkerung ausmachen.[2] Unsere Wahrnehmung allerdings hält nicht Schritt mit solchen Zahlen: sie ist zur Zeit noch stark durch die Generation der Baby-Boomer geprägt, die aber ab 2010 allmählich aus dem Erwerbsleben ausscheiden wird. Ihr folgte aber ein deutlicher Geburtenrückgang in den 70er Jahren.

Zur Beurteilung der Situation nimmt Franz Xaver Kaufmann den Begriff des „ Humanvermögens“ aus dem 5. Familienbericht auf- gemeint ist jenes geistige und kulturelle Vermögen, welches die Überlebensfähigkeit einer Kultur sichert, und durch Bildung und Erziehung, Weitergabe von Werten und Verhaltsmaximen vor allem in den Familien weitergegeben wird. Der Begriff Humanvermögen bezeichnet die Gesamtheit der Kompetenzen aller Mitglieder einer Gesellschaft, die sich zum eigenen und zum Nutzen Dritter entfalten können. Der Begriff erschließt zwei Problemanzeigen im Kontext des Bevölkerungsrückgang. Eine ursächliche, denn je höher das Humankapital der Eltern ist, desto mehr sind sie an der Qualität und nicht an der Quantität der nachwachsenden Generation interessiert. Verantwortete Elternschaft bedeutet also eine hohe Investition in Bildung und Erziehung. Und eine Konsequenz: Wo im Zusammenhang mit den hohen Opportunitätskosten der Elternschaft auf Kinder verzichtet wird, entsteht so zu sagen eine Investitionslücke im Humankapital, die Kaufmann für die letzten 30 Jahre auf 2.5 Billionen Euro berechnet. Die wirtschaftliche Konsequenz: Deutschland als Hochlohnland mit hohem Wissenskapital tritt in Konkurrenz mit Ländern, die zur Zeit noch sehr junge Bevölkerungen haben und noch stark in ihr Humanvermögen investieren können. Wenn also die Bildungsanstrengungen, die in den letzten Jahren diskutiert werden, und die Versuche, Frauen als Fachkräfte in der Arbeitswelt zu halten, nicht realisiert  Aus Sicht von Herwig Birg müsste das so genannte „magische Zieldreieck“ aus Vollbeschäftigung, Preisstabilität und außenwirtschaftlichem Gleichgewicht durch das Ziel der demographischen Nachhaltigkeit erweitert werden. Er bedauert mit Recht, Dass die wirtschafts- und sozialpolitischen Debatten um Renten- und Gesundheitsreform und die demographischen Reformdiskussionen um Familien- und Einwanderungspolitik in der Regel unverbunden geführt werden.[3]

Über demographischen Wandel zu reden, heißt deswegen nicht nur über die Herausforderungen und Chancen einer älter werdenden Bevölkerung zu sprechen, sondern auch über die finanziellen und gesellschaftlichen Investitionen in die nachfolgende Generation, über Veränderungen des Familienbildes und den Zusammenhalt der Generationen, die Integration von Zuwanderern mit anderer Kultur und Religion und schließlich die Konsequenzen für schrumpfende Städte und Regionen. Damit sind vielfältige Fragen der sozialen Gerechtigkeit angesprochen, die sich zur Zeit deutlich verschärfen. Es geht um die Startchancengerechtigkeit der jungen Generation, um Leistungs- und Bedarfsgerechtigkeit zwischen der immer geringeren Zahl von Erwerbstätigen und den Beziehern von Transfereinkommen, und schließlich um Generationengerechtigkeit zwischen den drei Generationen der Gesellschaft. Es geht aber auch um Teilhabegerechtigkeit und Schutz vor Diskriminierung für alle Generationen und Lebensstadien. Gerade im Blick auf die Älteren besteht ein Problem darin, dass wir Teilhabe in den letzten Jahrzehnten im Wesentlichen auf Verteilungsgerechtigkeit reduziert haben und deswegen lediglich über Rentenformeln, Rentenalter und die Zukunft der Sicherungssysteme, nicht aber über das Humanvermögen der Älteren und – abgesehen von der Erbschaftssteuer - auch nicht über das materielle und immaterielle Generationenerbe gesprochen haben. Richard Hauser hat dazu kürzlich eine Aufstellung vorgelegt, die beides berücksichtigt.[4] Dazu zählt eben auch das von der älteren Generation erarbeitete Sozialvermögen wie Soziale Ordnung, Rechtsstaatlichkeit usw. Tatsächlich tragen  ältere Menschen heute in einem erheblichen Maße zu Erhalt und Ausgestaltung der demokratischen Ordnung und des gesellschaftlichen Lebens, zur Stabilisierung sozialer Beziehungen, ja insgesamt zu Wertschöpfung und Wohlstand in der Gesellschaft bei.

Noch ein paar Zahlen zur Verdeutlichung:

1.)   Der Anteil der unter 20-jährigen betrug 1998 noch 21,6% und nimmt bis 2050 auf Werte zwischen 15. und 18 Prozent ab.

2.)   ( Zum Thema Teilhabegerechtigkeit) 8.2 Prozent der Schulabgänger verließen 2004/2005 die Schule ohne Abschluss. Über 2, 5 Mio Minderjährige in Deutschland leben in Armut. 423.000 Jugendliche unter 25 Jahren waren 2007 arbeitslos. Die Chance eines Akademikerkind auf das Gymnasium zu kommen ist – bei gleicher Intelligenz – 3,2 mal so hoch wie die eines Arbeiterkindes.

3.)   Der Anteil der über-60-jährigen nimmt auf Werte zwischen 35 und 42 % zu.

4.)   1998 war jeder zweite Einwohner älter als 38. Dieses so genannte Medianalter nimmt bis 2050 auf Werte zwischen 45 ( Fertilitätsrate 2,1) und 53 Jahren ( Fertilitätsrate 1,4)

5.)   Die Zahl der Hochbetagten ( über 80-jährigen) betrug 1998 3,0 Miliionen- sie nimmt – je nach Höhe der Lebenserwartung- auf eine Zahl zwischen 9.9 und 13,1 Millionen zu.


2. Demographischer Wandel in der Kirche
Jan Hermelink und Thorsten Latzel haben in ihrem Werkbuch „ Kirche empirisch“ ein Schaubild zum demographischen Aufbau der ev. Kirchenmitglieder im Vergleich zur Gesamtbevölkerung veröffentlicht. Sie zeigt, dass die Kirchenmitgliedschaft im Vergleich zur Gesamtbevölkerung schon jetzt erheblich unterjüngt ist, aber auch, dass die Altersstruktur in der evangelischen Kirche anders als die Bevölkerungsstruktur darunter leidet, dass die mittleren Jahrgänge zwischen 40 und 45 deutlich unterrepräsentiert sind. Diese Situation lässt sich zum einen aus den Kirchenaustritten vor allem junger Menschen erklären, die inzwischen eine ganze Kohorte der nächsten Generation betreffen, zum anderen aber auch aus der mangelnden Kompensation durch Migration- abgesehen von den Aussiedlern sind die meisten Migranten eben nicht evangelisch. Insofern gestaltet sich – auch wegen des anderen Austrittsverhaltens –der Altersaufbau der katholischen Kirche positiver. In der Konsequenz heißt es bei den Autoren: Selbst wenn es keine Mitgliedschaftsverluste durch Austritte gäbe und selbst wenn alle Kinder getauft würden, würde die evangelische Kirche zahlenmäßig weiter schrumpfen,[5] der Anteil an der Gesamtbevölkerung wird weiter sinken, das Durchschnittsalter der Mitglieder aber steigen. Damit wächst den Gemeinden eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe im Blick auf die Würdigung des Alters und des Alterns wie auf die damit verbunden Themen von intergenerativer Arbeit, Pflege und sozialen Diensten, aber auch auf die Weitergabe des kulturellen Erbes zu. Die Einsetzung einer ad-hoc-Gruppe zu den „ Potentialen des Alters“ durch den Rat der EKD nimmt diese Chance und Verpflichtung auf; die Gruppe unter Leitung von Prof. Kruse wird ihre Arbeit in Kürze abgeschlossen haben.

Aber auch das der Schrumpfungsprozess der Kirche, der mit diesem Wandel einhergeht, bedarf einer besonderen Reflexion. Axel Noack schreibt in einem Aufsatz unter der Überschrift „ Fröhlicher Kleinwerden und dabei wachsen wollen“[6]: „ Unsere Gemeinden sehen noch nicht, was auf uns zukommt“, weil die Auswirkungen der demographischen Entwicklung im Alltag noch nicht zu sehen sind. Die Zahl der Gottesdienstbesucherinnen steigt, die Zahl der Taufen entwickelt sich positiv, die Finanzen sind längst nicht so stark wie angenommen eingebrochen. Allerdings genügen diese vergleichweise kleinen Korrekturen nicht, den Trend nachhaltig zu verändern. Noack macht darauf aufmerksam, dass wir es eben nicht nur mit Zahlen, sondern mit sozialen und mentalen Veränderungsprozessen zu tun haben: Zwei Themen aus seinen Überlegungen nehme ich auf: Kinderlose erleben nicht die Phase, in der sie ihre Kinder taufen, mit den eigenen Kindern noch einmal neu über die Bedeutung des Glaubens nachdenken, Rituale einüben und damit wieder mehr Bindung zur Kirche entwickeln. Und Bestattungen, die lange als kirchliche Bastion galten, verändern sich, weil viele Ältere ohne Kinder und weitere Angehörige sterben werden, weil die Erinnerung nicht mehr in Familiengräbern weitergegeben wird, das Geld für eine Erdbestattung und eine Feier fehlt - kurz: Die Zahl der anonymen und der nicht-kirchlichen Bestattungen nimmt zu, auch deshalb, weil viele Angehörige kaum noch wissen, ob ihre Eltern zur Kirche gehörten. Damit erodieren zwei Stützpfeiler von Kasualien, die bislang über die Generationen hin Familien und Kirchenmitgliedschaft getragen haben.

Klaus Zulehner und andere haben darauf aufmerksam gemacht, dass die verstärkten Bemühungen um einen missionarischen Aufbruch gekoppelt sein müssen mit einer neuen Theorie des pastoralen Raums. Das bloße Setzen auf die Region führt hier offenbar nicht weiter. Aus einer Untersuchung über diverse Studien der anglikanischen Kirche zieht Michael Herbst [7]die Quintessenz, dass möglichst überschaubare Beziehungsnetze und eine Öffnung auch nach außen entscheidende Voraussetzungen für wachsende Gemeinden sind. Vielleicht kann das Konzept der kirchlichen Orte helfen, Region und Beziehungsnetze neu zu vermitteln.

Schon jetzt wird vielen Gemeinden neu bewusst, dass das diakonische Engagement substantiell zu ihrem Auftrag gehört.[8]In Kirche und Diakonie werden deshalb gemeinsam Konzepte entwickelt für  die Re-Sozialisierung[9] und Revitalisierung von Kirchengemeinden: Diakonische Gemeinde und gemeinwesenorientierte Diakonie ergänzen sich zur Gemeinwesendiakonie, die nicht erst auf soziale Notlagen reagiert, sondern aktiv daran mitarbeitet, funktionierende Sozialräume zu gestalten und Notlagen präventiv zu verhindern.“[10] Auch Klaus Dörner wirbt mit seinem Konzept  vom dritten Sozialraum für eine neue Wertschätzung der Kirchengemeinden.[11]  und für die Wiedervereinigung von diakonischer Professionalität und kirchengemeindlichem Bürgerengagement gelingen. Kirchengemeinden, das ist die Hoffnung, könnten Caring Communities werden.


3. Potenziale des Alters nutzen
Kleiner, älter, ärmer an Geld und an hauptamtlichem, pastoralem Personal werde die Kirche im Jahre 2025 sein, heißt es in einem Perspektivpapier der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Das Reformpapier, das die Chancen in der Krise betont, mahnt einen Paradigmenwechsel im Verständnis des ehrenamtlichen Engagements an, der auf die „hohe Mobilität und individuelle Lebensgestaltung“ Rücksicht nimmt, die Möglichkeiten der Mitgestaltung und Mitentscheidung stärkt und die Anforderungen an Hauptamtliche deutlich verändert. „Mehr Professionalität im Umgang mit Ehrenamtlichen“ heißt die Devise für eine Kirche der Zukunft. Die Kompetenz der Ehrenamtlichen soll anerkannt, ihre Professionalität mit Informations- und Weiterbildungsangebote gestärkt werden. Ehrenamtsakademien werden gegründet, und auch auf der regionalen Ebene werden Haupt- und Ehrenamtliche im Freiwilligenmanagement weitergebildet. Der „Strukturwandel des Ehrenamts“, von dem in den letzten Jahren viel die Rede war, ist  in den Kirchen angekommen. Die Verantwortlichen wissen: Ehrenamtliche brauchen Freiräume für eigene Gestaltungsmöglichkeiten und für ein zugleich sinnvolles wie selbstbewusstes Tun, das in der Erwerbsarbeit oft vermisst wird. Eine „neue Kultur der Wertschätzung“ etabliert sich allmählich – mit Auslagenersatz und Zertifikaten, mit klaren Vereinbarungen und Kompetenzen und vor allem mit wechselseitiger Achtung und (relativer) Gleichberechtigung von Haupt- und Ehrenamtlichen.

1,1 Millionen Menschen engagierten sich nach der Statistik der Evangelischen Kirche in Deutschland 2005 in den evangelischen Gemeinden. Und wer sich in der Kirche engagiert, unterscheidet sich denn auch in seinen oder ihren Motiven nur in geringem Maße vom Durchschnitt aller Engagieren.Es geht darum, „die Gesellschaft zumindest im Kleinen mit zu gestalten“ (69% Protestanten) und „mit anderen Menschen zusammenkommen“. Ähnlich wie im sozialen Engagement oder in der Bildungsarbeit wird auch das Engagement in der Kirche deutlich ( zu zwei Dritteln) von Frauen getragen. Prototyp ist die ältere Hausfrau, formal gut gebildet ( 57% bei den Protestanten) und gut situiert ( 52% der protestantischen Engagierte stuften ihre finanzielle Situation im Jahr 2004 als sehr gut oder gut ein)[12].  Freiwillige über 65 engagieren sich stärker als in anderen Bereichen in Kirche und Religion – genau sind es 22% gegenüber 13% aus allen Bereichen. Dabei unterscheidet sich auch die Motivstruktur älterer Ehrenamtlicher von der der jüngeren. Während nur ein knappes Drittel der unter 45jährigen im kirchlich-religiösen Bereich ´voll und ganz´ der Aussage zustimmt: ´Mein Engagement ist eine Aufgabe, die gemacht werden muss, und für die sich schwer jemand findet´, bejaht über die Hälfte der über 45jährigen dieses ´Pflicht´ - Motiv.“ Die kulturpessimistische These, das „alte Ehrenamt“ mit seiner altruistischen Motivation sei durch das zeitlich begrenzte neue Ehrenamt mit starkem Selbstverwirklichungsinteresse abgelöst worden, trifft also so einfach nicht zu-  neuere Untersuchungen weisen vielmehr auf einen Motivmix hin: Gerade ältere freiwillig Engagierte verbinden selbstbezogene und altruistische Motive. Es geht ihnen um ein Gleichgewicht von Geben und Nehmen.

Die überdurchschnittlich hohe Beteiligung älterer Freiwilliger in den Gemeinden und Diensten der Kirche wird gelegentlich kritisch gesehen – und das, obwohl die Beteiligung Jugendlicher keinesfalls geringer ist als in anderen Arbeitsfeldern. Deutlich geringer allerdings fällt das Engagement der mittleren Jahrgänge aus, die nun allerdings auch in der der evangelischen Kirche im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung unterrepräsentiert sind. Tatsächlich stellt das Engagement Älterer angesichts des demographischen Wandels zugleich eine Chance dar. Gerade die jungen Alten werden mehr und mehr umworben – in Kultur und Bildungsarbeit, aber auch in sozialen Diensten. Angesichts wachsenden Drucks in der so genannten „ Rush-hour“ des Lebens, in der Phase von Karriereorientierung und Familiengründung, können die älteren Bürgerinnen und Bürger ihre Erfahrung und ihre Freiheit einbringen, um den fragilen Zusammenhalt einer mobilen Gesellschaft zu stärken.Die Kirchen können viel dazu beitragen, die gesellschaftliche Reserviertheit gegenüber dem Alter aufzulösen, wenn sie das ehrenamtliche Engagement Älterer in den eigenen Gemeinden angemessen würdigt.

Im Blick auf das freiwillige Engagement Älterer sind die Kirchen das Zentrum der Zivilgesellschaft. Wie kaum eine andere Organisation bieten sie – zusammen mit den vielfältigen Hilfen für Ältere in der Diakonie – ein dichtes Netzwerk an Angeboten zur Mitarbeit und Mitbestimmung, zum Engagement in Gruppen und Kreisen: von der klassischen Unterhaltung bis hin zu selbstorganisierten Aktivitäten aller Art. Kirchengemeinden sind gerade für ältere Menschen gut zugänglich und bieten ihnen Chancen Teilhabe zu praktizieren. Zudem sind gerade religiöse, gottesdienstliche und seelsorgerische, Formen der Kirche für ältere Menschen von Bedeutung. Je älter jemand ist, desto kirchlicher sind er oder sie in der Regel und desto weniger geneigt, aus der Kirche auszutreten.

Gleichwohl kann dieser Reichtum nicht für selbstverständlich genommen werden. Glaubt man den Studien aus diesem Bereich, dann wird es entscheidend sein, einerseits den Wunsch nach Bildung ernst zu nehmen, andererseits aber die die Pädagogisierung des Ehrenamts zu überwinden.[13] Die so genannten jungen Alten wollen sich professionell und  selbstbestimmt einbringen. Angesichts anderer Freizeit- und Gestaltungsmöglichkeiten schauen viele genau hin, ob ihre Gaben und die Herausforderungen wirklich zusammen passen und ob ihre Persönlichkeit und biographische Prägung berücksichtigt werden.

Gerade am Ende oder nach der Erwerbsphase tut sich die Chance auf, die ungelebten Seiten der eigenen Biographie zum Leuchten zu bringen und schlummernde Gaben neu zu entdecken. In der Auseinandersetzung mit dem gelebten Leben, auch mit seinen Schattenseiten, mit Verlusten, Scheitern und Endlichkeit, können neue Kräfte der Solidarität und Mitverantwortung wachsen. Es geht darum, das eigene Vermögen, die Erfahrungen der eigenen Generation einzusetzen und weiterzugeben. damit wir selbst und andere Sinn und ein lohnendes Leben finden.

Ältere Menschen in Gemeinden und Diensten der Kirche können so zu Begleitern und Mentoren, zu Lesehelfern und Seniortrainern werden. Als Freiwillige in Sozial- und Diakoniestationen leisten sie Nachbarschaftshilfe, bei „Rent a Grent“ arbeiten sie als Leihomas, in Mehrgenerationenhäusern geben sie den Kindern ein Stück Kontinuität in wechselnden Alltagsmustern. Mit all dem tragen sie entscheidend dazu bei, dass die Wohnquartiere wirklich lebendig und lebenswert bleiben und dass im wahrsten Sinne des Wortes „ die Kirche im Dorf“ bleibt.. Wo Gemeinden diese Potentiale nutzen, können sie selbst zu Mehrgenerationenhäusern werden; zu Orten, an denen das Ehrenamt nicht nur in der eigenen Gruppe oder Alterskohorte verbleibt, sondern soziale Grenzen überschreitet.

Wer sich bislang in der Kirche engagiert, ist meistens von anderen angesprochen worden. Um auch die zu erreichen, die eher kirchendistanziert, aber  auf der Suche sind, braucht es neue Wege wie Läden und Kirchencafés, aber auch eine Öffnung und Vernetzung mit Freiwilligenagenturen, Seniorenbüros und Unternehmen. Bürgerschaftliches Engagement ist heute Institutionen- und einrichtungsübergreifend und auch die Kirchengemeinden sind darauf angewiesen, mit anderen Organisationen zu kooperieren, wenn es darum geht, sich für das Gemeinwohl einzusetzen und auch die zu erreichen, die oft übersehen werden und nur geringe Teilhabechancen haben. Inzwischen gibt es eine Fülle von Beispielen für neue Formen des Engagements Älterer von Vereinen, deren Mitglieder sich gegenseitig praktische Nachbarschaftshilfe leisten, bis zu Cafés für Demenzerkrankte und ihre Angehörigen.


4. Wachsende Hilfe- und Pflegebedarfe
Die zunehmende Hochaltrigkeit sowie die wachsende Zahl demenzieller Erkrankungen gehören zu den besonderen Herausforderungen einer älter werdenden Gesellschaft. Viele Menschen bleiben tatsächlich, was ihr biologisches Alter angeht, lange jünger, körperlich leistungsfähiger und sozial aktiv– viele andere, vielleicht sogar eine Mehrheit, kann dieses Ideal nie erreichen. Tatsächlich nimmt die Ungleichheit im Alter in dem Maße zu, wie die Invidualisierung, die Pluralität und die gesellschaftliche Spreizung wachsen.

Es ist deswegen einerseits richtig, das überholte Bild vom Alter als einem Lebensstadium der Versorgung hinter sich zu lassen. Ältere Menschen sind  vollwertige Akteure ihres Lebens, für die gesellschaftliche Teilhabe wesentlich ist Andererseits darf dabei nicht übersehen werden, dass es darunter auch eine große Gruppe gibt, die auf die Sorge anderer angewiesen sind.. Die Gefahr ist, dass angesichts eines neuen, aktivitäts- und entwicklungsorientierten Bildes vom Alter die ärmeren, kranken und gebrechlichen diskriminiert werden und nun die letzte Lebensphase, die häufig Pflegebedürftigkeit einhergeht, abgewertet wird, ist durchaus gegeben. Es geht also darum, nicht ein neues Bild vom Alter, sondern eine differenzierte Sicht des Alters zu entwickeln, zu der Wachstum und Verletzlichkeit, Entwicklung und Vergänglichkeit in gleicher Weise gehören.

Die Zahl der pflegebedürftigen Menschen in Deutschland wird mit der Zahl der Hochaltrigen weiter wachsen. Auch die Beziehungsbedürftigkeit zu pflegender Menschen wird wachsen. Denn wer in der nachfolgenden Generation keine Angehörigen hat, wird möglicherweise einsam alt. Schon heute leben 41,3 % der 70 bis 85 Jahre alten Menschen in Einpersonenhaushalten.[14] Ihre Möglichkeiten, bei Bedarf auf informelle Netze zurückzugreifen, sind sehr begrenzt. Dadurch wachsen die Anforderungen an die Pflege nicht nur in quantitativer, sondern auch in qualitativer Hinsicht- ja, wir müssen davon ausgehen, dass ein Paradigmenwechsel nötig wird.

Denn wenn es nicht gelingt, das Gesundheits- und vor allem das Pflegesystem neu zu organisieren, könnte es in den nächsten Jahrzehnten angesichts der Zahl der alten und pflegebedürftigen Menschen zum Kollaps der Einrichtungen kommen. Je nachdem, welche Annahmen über die Entwicklung der altersspezifischen Pflegefallhäufigkeiten getroffen werden, kursieren unterschiedliche Szenarien über die Pflegebedürftigkeit im Jahr 2040. Nach dem Grundmodell von Rothgang zum Beispiel steigt, bei im Zeitverlauf konstanten alters- und geschlechtsspezifischen Pflegehäufigkeiten, die Zahl der Leistungsempfänger in der Sozialen Pflegeversicherung zwischen 2000 und 2040 von 1,86 Mio. auf 2,98 Mio, also um 61.%. Andere Schätzungen gehen sogar von einer Steigerung um 76% aus.

Zugleich ist die Zahl der potentiellen privaten Pflegepersonen seit langem rückläufig, auch wenn noch immer 70 % aller Pflegebedürftigen von Angehörigen gepflegt werden. So hat sich in Nordrhein-Westfalen das „Töchter- und Schwiegertöchter-Pflegepotential“ seit 1950 halbiert. Und nicht nur pflegebedürftige ältere Menschen, sondern viele Millionen zusätzlicher Krankheitsfälle werden bei kürzeren Liegedauern in den Kliniken künftig im häuslichen Umfeld betreut werden müssen. Obwohl bereits jetzt ein Neuntel der Erwerbsbevölkerung in Gesundheits-, Heil- und Pflegeberufen tätig ist, hat Meinhard Miegel vor einigen Jahren vorgerechnet, dass sich der Anteil in den kommenden dreißig Jahren verdoppeln müsse. Angesichts der demographischen Entwicklung wird das allerdings nicht mehr allein durch einheimische Kräfte zu gewährleisten sein. Bis zu einem Drittel Migrantinnen und Migranten arbeiten bereits heute in kirchlichen Pflegeeinrichtungen. Und die häusliche Pflege wird in hohem Maße von privaten Haushaltshilfen und Pflegekräften aus Osteuropa gestützt.

Das Pflegesetting der Zukunft kann deshalb nicht nur professionell und institutionell gedacht werden. Es muss aus einer guten Kooperation zwischen Pflegefachkräften, Angehörigen und Freiwilligen bestehen.[15] Deshalb müssen die notwendigen haushaltsnahen Dienstleistungen und Pflegedienste möglichst quartiernah vorgehalten und professionelle und lebensweltliche Hilfen müssen verschränkt werden. Die Flankierung von Pflegehaushalten und die Stabilisierung von Unterstützungssystemen muss Priorität haben. Das gilt auch im Blick auf die zeitweilige Freistellung Erwerbstätiger für Pflegeaufgaben in der Familie. Darüber hinaus wird es gerade im Bereich der professionellen Altenpflege nötig sein, die Bedeutung der Bezugspflege zu stärken. Insbesondere die zunehmende Zahl der demenzerkrankten Menschen leidet mehr als alle anderen unter der Modularisierung der Pflege, die den einzelnen mit einer großen Zahl von Bezugspersonen konfrontiert, die Atmosphäre und Routine immer wieder verändern und die eigene Orientierung erschweren.

Die Chancen überschaubarer Einheiten und abgestimmter Teams sind in vielen Modellprojekten der Demenzpflege sichtbar. In diesem Bereich gibt es inzwischen auch eine Reihe von Untersuchungen zur Bedeutung der Angehörigen für die Dienstleistungsqualität einer Organisation und die Wirkung einer systematischen Angehörigenarbeit.[16] Die chronischen Erkrankungen alter Menschen und ihre Multimorbidität, aber auch die Aufgaben von Palliativversorgung und Sterbebegleitung erfordern darüber hinaus eine gute Zusammenarbeit zwischen Medizin und Pflege. Angesichts der – auch versicherungstechnisch- absolut getrennten Systeme von Krankenhaus und Altenhilfe  führt das immer wieder zu unnötigen Wechseln zwischen Krankenhaus und Heim, zu Drehtüreffekten mit vielen Spannungen, unklaren Prozessen und Doppelungen. Hier müssen die Übergänge erleichtert werden: Modellprojekte der Integrierten Versorgung zeigen, dass Versorgungsnetze, die stationäre und ambulante Dienste, gesundheitliche, pflegerische und soziale Dienste verbinden, gute Erfolge zeitigen.

Gesellschaftspolitisch gilt es einzustehen für eine Aufwertung der Pflege als eigenständigem Beruf in Kooperation mit den Medizinern, aber auch für letztlich kostensparende , qualitativ hochwertige medizinische Kompetenzzentren, eine Überschreitung stationärer und ambulanter Sektoren, die Vermeidung von Doppeluntersuchungen und unausgelasteten technischen Geräten- kurz für Investitionen in Menschen und Netzwerke statt in Status, Technik und minimale Innovationen im Arzneimittelmarkt. Hier liegen alternative Wirtschaftlichkeitsreserven für das Gesundheitswesen, die öffentlich kaum diskutiert werden – ebenso wenig wie die Möglichkeit, offensiv in die arbeitsplatzrelevante Wachstumsbranche Gesundheitswesen zu investieren, obgleich schon eine Beitragssteigerung von 1% in der GVK zu einem Beschäftigungszuwachs von 95.000 Jobs führen könnte.[17] Solche Maßnahmen des Umsteuerns ließen sich allerdings nur dann erreichen, wenn ein neues Bewusstsein für den Wert der Pflege Raum griffe.

Der dafür notwendige Mentalitätswandel wird schwierig, ist aber in jedem Fall unvermeidbar. Schließlich ist er auch die Voraussetzung für die Anerkennung des Einsatzes von Familienangehörigen, Nachbarn und Freunden. Die Zukunft gehört den kleinen Einheiten, die mit spezialisierten Diensten und Einrichtungen vernetzt sind. Wohnortnah werden sie die Chance bieten, Freiwillige und eben auch die Kirchengemeinden weit mehr als bisher einzubeziehen. Damit kommt „ die Diakonie“ zurück in die Gemeinde – sie in den ambulantisierten Unternehmensteilen ist längst da. Das zu entdecken und die damit verbundenen Chancen zu nutzen, wird wesentlich für die gegenwärtigen Reformprozesse der Kirche sein, bei denen in mancher Hinsicht durchaus an Wicherns Reformideen anzuknüpfen wäre.[18] Gemeinden, die diakonisch gut vernetzt und orientiert sind, bieten lohnende Lebensräume für Ältere wie für Familien, aber auch für alle, die sich sinnvoll engagieren möchten.

In diesem Netzwerk kann die Gemeinde sich für die Vermittlung und Begleitung von freiwillig Engagierten, die Begleitung pflegebedürftiger und einsamer Menschen einsetzen und vor allem Verantwortung für diakonische Dienste zu übernehmen und ihre spezifischen seelsorgerlichen und theologischen Stärken einzubringen. Dies reicht von der Mitwirkung in diakonischen Gremien über die Seelsorge für Mitarbeitende und Pflegebedürftige, bis zur Beteiligung an generationenübergreifenden Netzwerken, an Beratungsbüros und Mehrgenerationenhäusern. Letztlich geht es um eine neue Entdeckung von Solidarität in der älteren Generation selbst, aber auch zwischen den Generationen, die nicht nur auf den Austausch von materiellen Leistungen, sondern auch auf Einfühlung und Weitergabe von Erfahrung zielt. Verschiedene bürgerschaftliche Initiativen wie z.B. Herbstzeit haben sich inzwischen gegründet, die diese Richtung verfolgen. In der Kirche gilt es, wahrzunehmen, in welch hohem Maße sich Sinnfragen und die Suche nach Spiritualität mit der Begleitung Älterer, vor allem mit der Konfrontation mit Gebrechlichkeit, Vergänglichkeit und Sterblichkeit verbinden. Hier ist die Kirche bei ihrer Sache.


5. Veränderungen in den Familie
Angesichts des demographischen Wandels ist Familie zu einem der zentralen Politikfelder avanciert. Familie ist mehr als das Zusammenleben unterschiedlicher Individuen mit je eigenen Rechten, sie ist eine Fürsorge- und Lerngemeinschaft zwischen Partnern und Generationen. Darin sind nicht nur Kinder und Eltern, sondern auch Grosseltern und weitere Verwandte und Wahlverwandte einbezogen. Bei allen Problemen, die mit der Kinderlosigkeit eines Teils der Bevölkerung einhergehen, muss zugleich gesagt werden, dass bei denen, die Kinder haben, nach wie vor der Familientyp mit zwei Eltern und zwei Kindern dominiert.  Mit der Zahl der „Fortsetzungsfamilien“ ist für viele auch die Zahl möglicher „naher Verwandter“ gewachsen, die – je nach „Wahl“ weiterhin engen Kontakt zu Kindern und Partnern haben können. Die „multilokale Mehrgenerationenfamilie“ von heute ist ein verwandtschaftliches Netzwerk geworden, das Kinder und auch erziehende Eltern unterstützt und gerade für Alleinerziehende von entscheidender Bedeutung ist. Mit der neuerdings ermöglichten (unbezahlten) Freistellung von Großeltern für die Erziehung von Enkeln minderjähriger Kinder werden diese Ressourcen aktiviert. An dieser Stelle sei angemerkt, dass der finanzielle Ausgleich und die Unterstützungsleistungen, die innerfamiliär von den Großeltern in die Kinder- und Enkelgeneration fließt, sich im Verhältnis zu den Rentenleistungen der Jüngeren an die Älteren sich durchaus sehen lassen können.

Nachdem über längere Zeit vor allem die Kinder im Mittelpunkt der Familienpolitik standen („Familie ist da, wo Kinder sind“), erscheint es angesichts des demographischen Wandels inzwischen notwendig, das Leitbild der Mehrgenerationenfamilie wieder stärker zu betonen. und damit sowohl die Fürsorge- und Betreuungsmöglichkeiten von Großeltern, als auch die Pflegeaufgaben der jüngeren Generation in den Blick zu nehmen. Die Organisation der privaten und familiären Aufgaben in der Familie gerade mit Blick auf Kinder, pflegebedürftige und hochaltrige Menschen in Familie und Nachbarschaft steht in Spannung zu der politisch gewollten Notwendigkeit für Männer wie für Frauen, verstärkt durch eigenes Erwerbseinkommen wie Kapitaldeckung für ihre Gesundheits- und Altersvorsorge einzustehen. Der finanzielle Ausgleich für Erziehungs- und Pflegeleistungen in der Familie ist im Verhältnis dazu mangelhaft. Dieses Problem wird mit steigendem Pflegebedarf noch deutlicher werden. Wenn Familien ihren bleibenden Aufgaben trotz des gesellschaftlichen Wandels gerecht werden sollen, brauchen sie also unterstützende Netzwerke.

Kirchengemeinden sind in starkem Maße mit Familien verbunden – das gilt, was die Traditionsweitergabe durch die Generationen oder auch die Erziehungs- und Sorgeaufgaben angeht. Diese Care-Aufgaben liegen allerdings immer noch in hohem Maße auf den Schultern der Frauen. Während sich 80 Prozent der jungen Frauen ein gleichberechtigtes Lebensmodell wünschen, können sich bislang nur – oder immerhin schon – 40 Prozent der jungen Männer ein Lebensmodell vorstellen, in der die unterschiedlichen familiären Aufgaben gleichberechtigt übernommen werden. Tatsächlich sind Mütter noch immer dreimal so lange mit den Kindern und auch erheblich länger mit der Hausarbeit beschäftigt als deren Väter. Und im Blick auf die Pflege wird in allen Berechnungen unmittelbar vom „ Töchter – und Schwiegertöchter“ -Pflegepotential gesprochen, das nun, wie eben gehört, über die letzten Jahre ebenso zurückgeht wie die Anforderungen an Pflege steigen. Seit langem gilt für die Pflege, was jetzt auch für die Erziehungsaufgaben gefordert wird: ein neues Zusammenspiel von öffentlichen Einrichtungen und Diensten und privatem Potenzial gefragt ist. Entscheidend ist, dass beides – übrigens auch finanziell- nicht gegeneinander ausgespielt, sondern neu aufeinander bezogen wird – so wie es da schon sichtbar ist, wo Tageseinrichtungen für Kinder mit Altenzentren zusammenarbeiten. Wichtig ist aber auch, dass Kirchengemeinden Erziehung und Pflege im privaten wie beruflichen Kontext neu würdigen. Damit das gelingt, wird es, wie oben beschreiben, notwendig sein, das Angewiesensein auf andere als eine selbstverständliche Eigenart des Menschen zu verstehen, statt weiter lediglich dem Ideal der Autonomie nachzuhängen – und die Sorge für andere eben so hoch zu schätzen wie die Produktion. In dieser Hinsicht könnten Kirchengemeinden zu einer neuen Kultur beitragen.


6. Der dritte Sozialraum und die Kirche
Familienzentren und Mehrgenerationenhäuser, Quartierpflege und die Entwicklung von Stadtteilzentren im Rahmen des Programms „soziale Stadt“ sind derzeit die Anknüpfungspunkte für ein neues Verständnis der Region. Dabei spielen die bislang privaten Erziehungs- und Pflegeleistungen, die bislang familiären Unterstützungsleistungen bei Haushalt, Wäsche, Einkäufen eine ebenso zentrale Rolle wie ein neuer Mix von Professionellen und Freiwilligen. Wo das Private in dieser Weise öffentlich wird, da entstehen neue Netze, die Familien und Dienste verbinden und Generationen überschreiten.„Leihomas“, Stadtteilmütter, Senior-Mentoren für Schüler und Azubis sind möglich und notwendig, weil die hohe Zahl engagierter älterer Menschen, die ihre Potenziale einsetzen wollen mit einer Überlastung der jüngeren in der so genannten Rush-hour des Lebens zusammen kommt, und weil vielen inzwischen deutlich ist, dass soziale Teilhabe mehr ist als die Verteilung im Rahmen der Sozialversicherungen. Stifter und Stifterinnen, Menschen, die sich um ihre Kirche kümmern und sie offen halten, Leute, die Gräber auf Friedhöfen pflegen, ehrenamtliche Prädikantinnen und Prädikanten in schrumpfenden Städten und Regionen fügen sich genauso selbstverständlich in diesen Kontext ein wie geschichtliche Arbeitskreise. Sie alle halten das kulturelle, geistige und geistliche Arbeit für die nächste Generation wach. Sie sorgen sich um das Humanvermögen.

Diese Entwicklung kommt der Kirche sehr entgegen und fordert sie zugleich heraus. Denn Kirche ist von Anfang an eine erweiterte Familiaritas, in der die Älteren eine hohe Bedeutung für die Kultur der Gemeinschaft haben. Gelingen kann dies an vielen Orte: in der Ortsgemeinde, wo Gemeindehäuser zu Mehrgenerationenhäusern werden können, in Hospiz- oder Demenznetzen, wo diakonische Träger mit gemeindlichen Netzen zusammenarbeiten oder auch in der Bildungsarbeit, wo Angebote für neue Dienste entwickelt werden. Kirche mit ihrem hohem Potenzial an älteren Menschen und ihrem nach wie vor guten Zugang zu Angeboten der Kindererziehung kann dabei gesellschaftlicher Vorreiter sein. Das verlangt allerdings vielfach ein erneuertes Selbstverständnis, das aufräumt mit der versteckten Abwertung Älterer und vor allem älterer Frauen, sondern deren sozialen Beitrag, deren Belastungen und ihren Lebensertrag schätzt und dieses Licht auf den Scheffel stellt. Es gäbe eine Reihe von biblischen Belegen, die man dafür zitieren könnte – die wichtigsten scheinen mir mit der Hochschätzung des Witwenamtes zu tun zu haben. Wachsen gegen den Trend, das heißt eben auch: Schätzen, wer wir ist und was wir zu bringen haben.


Cornelia Coenen-Marx, Stein, 12.2.09




    [1] Herwig Birg, Die demographische Zeitenwende, S. 98

    [2] Franz Xaver Kaufmann,“ Schrumpfende Gesellschaft“, S. 46

    [3] Herwig Birg, Die demographische Zeitenwende, S. 59-

    [4] Richard Hauser: Generationengerechtigkeit, in: „ Soziale Gerechtigkeit- eine Bestandsaufnahme“, S.164

    [5] Jan Hermelink, Thorsten Latzel, Kirche empirisch- Ein Werkbuch,Gütersloh 2008 S. 20

    [6] Axel Noack,“ Fröhlich kleiner werden und dabei wachsen wollen“, in: Wolfgang Nethöfel, Klaus-Dieter Grunwald, Kirchenreform strategisch, Glashütte 2007, S. 427

    [7] Paul Zulehner und Miachel Herbst in: Wolfgang Nethöfel a.a.O, S. 463ff. und 531 ff

    [8] DW EKD (Hrsg.) Die Rolle der allgemeinen Sozialarbeit im Rahmen gemeinde- und gemeinwesenorientierten Handelns der Diakonie (G2-Modell), Berlin Juni 2007, S. 8

    [9] Symposion der EAfA, 9. Juni 2008, Dokumentation erscheint Ende 2008

    [10] Thiess, a.a.O. S.3

    [11] Siehe auch. Klenk,B./Häberlein, V., 1995: Das Stuttgarter Konzept stadtteilorientierter Mobiler Jugendarbeit, S.147. In: Becker,G./Simon,T.(Hg.) 1995: Handbuch aufsuchende Jugend- und Sozialarbeit: Grundlagen, Arbeitsfelder, Praxishilfen: Weinheim; München: „Durch die Verankerung in den Kirchengemeinden ist der direkte Stadtteilbezug gegeben, denn in der Regel sind die Kirchengemeinden die einzige konstante Stadtteilinstitution.“

    [12] Sonderauswertung des Freiwilligensurveys 2004 durch H.W. Grosse, Sozialwissenschaftliches Institut der EKD

    [13] Ralph –Fischer, Kirche und Zivilgesellschaft, Probleme und Potentiale,Stuttgart 2008

    [14] Zahlen aus: Thomas von Winter: Demographischer Wandel und Pflegebedürftigkeit, in Thomas Klie u.a.: Entwicklungslinien im Gesundheits- und Pflegewesen,  Frankfurt am Mein , 2003

    [15] Beispiele dafür hat das Sozialwissenschaftliche Institut der EKD i2007 n der Dokumentation des Projekts „ Das Ethos fürsorglicher Pflege“ dargestellt

    [16] so z.B.  Roland Schmidt, Angehörigenarbeit von Menschen mit Demenz , in : Thomas Klie u.a.: Entwicklungslinien im Gesundheits- und Pflegewesen, FFM, 2003

    [17] so z.B. Bettina Schmidt in „ Eigenverantwortung haben immer die anderen“, Bern 2008 , S. 69

    [18] vgl. z.B.Frank Otfried July, Kirche und Diakonie- eine Erinnerung an Wichern in gegenwärtiger Absicht in : Volker Hermann ( Hrsg) Johann Hinrich Wichern- Erbe und Auftrag, Heidelberg 2007

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