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Pflegediakonie, Spiritualität und Gemeinschaften
1. Spiritualität in der weiblichen Diakonie
1.1. „ Was willst du, dass ich tun soll ?“ Unterwegs ins Offene
„ Liebe Schwester Annemarie! Leider kann ich zu unserem Schwesterntag nicht kommen und möchte versuchen, meine Gedanken schriftlich zu übermitteln, was ja viel schwerer ist.“, schreibt Schwester Anneliese Pulvermüller. „Aber ich hoffe und wünsche, dass ich verstanden werde. Zu der Frage, wie sich die Schwesternschaft versteht , kann ich wenig sagen; die meiste Zeit war ich in Häusern, z. B. in Velbert oder hier in Tübingen, wo wir eine netten und gute Gemeinschaft hatten. Und wir Bundesschwestern sind uns auch alle einig, weil wir im Krieg eingetreten waren und darum wussten. Darum meine ich: Wenn wieder gefragt wird: „ Herr, was willst Du, das ich tun soll“ , dann werden wir wieder zu wahren Zeugen des auferstandenen Herrn. Daraus erwächst dann Lebens- und Dienstgemeinschaft. Natürlich können wir, räumlich gesehen, nicht alle zusammen leben und arbeiten. Die meisten stehen allein, oder nur wenige gemeinsam an einem Arbeitsplatz. Darum wünschen wir Informationen, auch über ganz konkrete Nöte und Schwierigkeiten, damit solch eine Gemeinschaft aktiv bleiben kann.“.
Dieser Brief aus dem Jahr 1973 findet sich in der Schwesternakte der verstorbenen Diakonisse Kaiserswerth.[1] Es handelt sich um eine Antwort auf die große Schwesternbefragung des Kaiserswerther Verbandes. Die seit Ende der Nachkriegszeit sinkenden Eintrittszahlen und der damit einhergehenden Bedeutungsverlust waren lange verdrängt worden, die Erosion der überkommenden hierarchischen und zentralistischen Ordnung hatte zu Zerreißproben geführt. In vielen Einrichtungen wurden neue Gemeinschaftsformen gelebt, die sich aber noch nicht in neuen Ordnungen niederschlugen. Die Leitung der Schwesternschaften suchte nach tragfähigen Antworten auf den offenkundigen Innovationsbedarf. Aber wichtiger als die Ordnungen war den Schwestern die gelebte Gemeinschaft in Dienstgruppen und Wohngemeinschaften. Auch die wachsende Zahl „ziviler“ Mitarbeiterinnen stellte sie vor neue Herausforderungen und Fragen.
Gab es etwas, was sie von anderen Mitarbeiterinnen unterschied ? Eine diakonische Kompetenz, ein besonderes Profil , ein Amt ? Viele Diakonissen legten damals die Tracht ab, weil sie darin eher das entfremdend Besondere als befreiende Demut und gewinnenden Dienst sahen, weil ihnen die Gemeinschaft im Dienst wichtiger war als ein exclusives Amt in der Institution. .Ihnen lag daran, eine neue Generationen für diakonisches Handeln zu werben auch die vielen, für die die Verankerung in einer christlichen Tradition nicht mehr selbstverständlich war. Die Hochphase der Wohlfahrtsentwicklung begann, das Monopol der Kirchen auf die Nächstenliebe war längst gebrochen, die pflegerischen und sozialen Bildungsgänge boomten und differenzierten sich. Psychiatriereform und Veränderungen der Jugendhilfe wiesen in Richtung Entinstitutionalisierung. Und die „Frauen- und Friedensbewegung“ machte auch den Schwestern Mut, selbstbewusst Veränderungen zu wagen.
Jetzt konnten Mütter auf den Kinderstationen übernachten, ganzheitliche und personenzentrierte Pflege wurde durchgesetzt, zum ersten Mal wagte man Diskussionen mit Chefärzten und Krankenhausleitung um neue Konzepte und Strukturen. Pflegeschulen und Schwesternschaften veränderten sich, Partizipation und Solidarität waren die Schlüsselbegriffe dieser Zeit. Und auch die Frömmigkeit war politisch geworden. In ihrem Buch „ Aufbruch der Frauen“ thematisierte die Theologin Anna Paulsen 1964 Frauenbildung , Frauenberufstätigkeit und neue Mütterlichkeit und setzte dabei Frauenbewegung und Frauendiakonie in Beziehung zueinander.[2]
„Herr, was willst Du, dass ich tun soll?“, das war für Anneliese Pulvermüller die Schlüsselfrage im Blick auf die Umfrage ihres Mutterhauses. Sie war überzeugt, dass allein der Glaube neue Wege weisen könnte. Mochten die alten Formen zerbrechen, die Leitungen ratlos sein: Christus selbst begegnete in den Herausforderungen der Zukunft; dafür wollte sie sich offen halten.. Denn „ kann man überhaupt so lange vorausplanen bis 1980, bei den raschen Veränderungen überall ? Aber wir dürfen gewiss sein, dass wir nicht allein gelassen sind und ...können weitergeben von der Liebe, von der wir leben.“ Das war der Geist, in dem sich in den 70-er und 80er Jahren Diakonissenmutterhäuser in Diakoniewerke wandeln konnten der Auftrag überschritt und zerbrach die Formen, in denen er sich über lange Zeit manifestiert hatte.
1.2. Auf der Suche nach der verlorenen Ganzheitlichkeit
Wenn 30 Jahre später bei den Kaiserswerther Einführungstagen für junge Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen eine der alt gewordenen Diakonissen ursprünglicher Form aus ihrer Berufsgeschichte erzählte, fand sie immer aufmerksame Zuhörer und Zuhörerinnen. Dabei ging es um Tracht und Taschengeld , aber auch um den Umgang mit Zeit und die Rolle der Gemeinschaft. Heute kann sich kaum noch jemand vorstellen, Arbeit und Leben so zu verbinden wie die alten Schwestern es taten , auch wenn 12 Stunden Tage für junge Klinikärztinnen nichts Außergewöhnliches sind und viele der Pflegekräfte sich völlig erschöpfen bei dem Versuch , Beruf und Familie zu vereinbaren. Wenn dann eine Diakonisse erzählte, dass sie Zeit hatte, einen ganzen Tag am Sterbebett zu sitzen, wenn sie von ihrer Ausbildung berichtete, die durch alle Arbeitsfelder des Werkes führte, wenn klar wurde, dass auch das gemeinsame Essen wie die Morgenandacht zum Dienst gehörte, dann leuchtete plötzlich eine große Sehnsucht auf, eine Sehnsucht nach der verlorenen Ganzheit. Angesichts der Arbeitsverdichtung unserer Tage sind Zeit- und Selbstmanagement gefragt, um mit der eigenen Energie zu haushalten[3]. Wenn aber die alten Schwestern erzählten , schien fast so, als wären die gelassener und freier gewesen, die sich der Hingabe an die Leidenden, der Gemeinschaft und ihren Rhythmen überlassen konnten.
Aber der Zweiklang von Aktion und Kontemplation, von Gottes- und Weltbezug, der das Leben der Gemeinschaft bestimmt hatte, ist zerbrochen. In dem Maße, wie die Bibelworte über den Eingangstüren zur Fremdsprache wurden, zerfielen mit dem Catering die Tischgemeinschaft, mit der Entkirchlichung die Kultur der Sterbebegleitung , mit dem Auseinanderfallen von Arbeit und Leben die gemeinsame Tagesstruktur, mit dem Zwang, mobil und flexibel zu sein die Bereitschaft, sich ganz auf eine Gemeinschaft einzulassen.. Zwar ist die Sehnsucht nach Religion ungestillt, die Institutionen aber, in denen Arbeit und Leben, Glaube und Handeln verbunden waren, sind erodiert und ihres Profils beraubt.. Das Auseinanderfallen der Gesellschaft in unabhängige Teilsysteme, wie sie N.Luhmann beschreibt, hat nicht nur die Einheit der alten Diakoniewerke mit ihrer Glaubens- Lebens- und Dienstgemeinschaft aufgelöst, sondern auch die Identität von Institution und Person im Amt der Diakonisse und die von Arbeit und Leben der einzelnen Schwestern. Die neue Suche nach Ganzheitlichkeit ist eine Antwort auf diese Verlusterfahrungen. Dazu gehören auch das Bemühen um das diakonische Profil und eine spezifische diakonische Unternehmenskultur und die neuen Forschungsansätze zu Spiritualität und Ethos der Pflege..[4]
1.3. Spiritualität mit Leib und Seele
Die persönliche Suche nach Ganzheitlichkeit wird heute vor allem am Körper festgemacht. In den integrativen Therapien wie im religiösen Ausdruck spielen Fasten und Öle ,aber auch Düfte und Musik eine wichtige Rolle. Viele möchten ihren Glauben „erden“, den eigenen Glaubensweg unter die Füße nehmen; Pilgern hat Konjunktur. Durch Handauflegen, Salbung, Berührung sollen Energieblockaden gelöst, sollen Menschen durchlässig und aufnahmefähig werden.. In einer Welt, in der alles jederzeit verfügbar iin der wir virtuell mit Menschen rund um die Erde verbunden sind, bietet das Hier und Jetzt des eigenen Körpers die Chance intensiver und unmittelbarer Wahrnehmung. Unser Atem, die Gefühle von Spannung von Entspannung, Weite und Enge bringen uns in Kontakt mit dem eigenen Erleben, mit den Rhythmen der Zeit. Rituale als gestalteter Ausdruck von Gefühlen , Beziehungen, Übergängen in Zeit und Raum gewinnen neue Bedeutung. Präsenz wird körperlich erfahren, an Kraftorten, mit Düften. Körperliche Berührung tangiert auch die psychische Haut.. Feministische Spiritualität spricht deshalb vom „ soulbody“. Auch die hebräische Bibel betrachtet den Menschen als unteilbares psychosomatisches Ganzes. Die Schöpfungsgeschichte sagt das in einem Bild :: der Mensch, von Gottes Händen geformt, mit Atem belebt, ist lebendige Seele.[5]
Mit Spiritualität meine ich die Wahrnehmung einer anderen Wirklichkeitsdimension, die sich weniger auf den Begriff bringen als erfahren lässt. Diese Erfahrungsorientierung ist offen für unterschiedliche Traditionen, Praktiken und Rituale, für heilige Orte und Pilgerwege verschiedener Religionen und Konfessionen. Ähnlich wie in den mystischen Erfahrungen einer Mechthild von Magdeburg oder Hildegard von Bingen oder auch eines Meister Eckhardt geht es um ein gesteigertes Gottes- und Selbstbewusstsein, eine Wahrnehmung von Einheit, die die Grenzen zwischen Leib und Seele, Gott und Mensch, Geist und Natur überschreitet. Solche mystischen Erfahrungen sind in den letzten Jahrzehnten in besonderer Weise in der Frauenbewegung aufgegriffen worden. die sich in der Unmittelbarkeit religiösen Erlebens zugleich von patriarchalen und institutionellen Normen zu befreien suchte. Statt mit „Jakobs Leiter“ ein Oben und Unten zwischen Himmel und Erde mit festen Wertehierarchien zwischen Geist und Körper, Mann und Frau zu konstruieren, soll „ Sarahs Kreis“ das Denken in festen Über- und Unterordnungen verändern.[6] Diese Bewegung hat auch die Schwesternschaften erreicht. „ Den Begriff „ Geistliches Leben“ kann ich nicht mehr hören, sagte mir vor Jahren eine ältere Diakonisse im Schwesternrat. „ Das klingt, als gäbe es neben dem geistlichen körperliches oder ein soziales Leben. Als lebten die einen geistlich und die anderen weltlich. Mit dieser Aufteilung begreifen wir aber die Wirklichkeit nicht. Es kann doch nicht nur um ein Segment unseres Lebens gehen und auch nicht um eine bestimmte Kaste. Reden wir lieber von Spiritualität.“
„Frömmigkeit geschieht als Gestaltwerdung christlichen Glaubens inmitten von Raumzeitlichkeit, schreibt Carl Heinz Ratschow: [7] Jedes „ überall“ wird für den Menschen zum nirgends. Wir brauchen feste Zeiten und Orte .“ Auch die Glaubenspraxis der Mutterhausdiakonie war durch solche feste Zeiten und Orte geprägt. Mit ihrer eigenen agendarischen Form für das Morgen- und Abendgebet, für die monatlichen Betstunde Herrnhuter Prägung , für Einsegnungen und Aussegnungen und den Reisesegen vor dem Altar der Mutterhauskirche , aber auch mit den selbst gestickten Paramenten haben die Kaiserswerther Schwestern erfahrbar gemacht, dass in Wort und Sakrament der Energiestrom aller sozialen Arbeit fließt. Wer durch Kaiserswerth , durch Neuendettelsau oder Bethel geht, stößt in der Anlage der Orte, in der Prägung der Häuser und Friedhöfe , der Bibelworte und Bilder überall auf dieses Bekenntnis. In dieser Verbindung von Spiritualität und sozialem Engagement liegt bis heute eine große Faszination.
Auch in der seelsorglichen Haltung der alten Gemeindeschwestern war der Leib-Seele-Bezug spürbar. Ich weiß nicht, ob diese Frauen eigene Körpererfahrungen religiös fruchtbar machen konnten, da zum Beispiel der oft schmerzliche Verzicht auf eigene Kinder kaum betrauert werden konnte. Auch waren Schöpfung und Leiblichkeit als Wege, auf denen wir Gottes Stimme hören, lange Zeit tabuisiert. Aber die Lebenserfahrung , die mit der Geburt von Kindern, mit Pflege und Sterbebegleitung verbunden war,, hat Gemeinden mehr geprägt als manche Predigt. Immerhin hatte die Arbeit der Diakonissen eine Nähe zum lange verschütteten heilenden Dienst der Kirche, der immer schon mit der Waschung und Salbung der Kranken und Sterbenden und mit dem Gebet verbunden war. In diesen Traditionsdiensten der Diakonissen lebte eine Erinnerung an das Amt der Diakoninnen in der alten Kirche weiter. Dorothea Reininger hat in ihrer Arbeit über den Diakonat der Frau belegt, dass in Zeiten einer klareren Geschlechtertrennung die Taufassistenz mit Be- und Entkleidung und Salbung wie die Krankensalbung und Kommunionausteilung bei Frauen zu den Aufgaben der Diakoninnen gehörten.[8]
Nach der Überleitung der Schwesternstationen in ambulante Dienste drohte in den letzten Jahren die Gefahr, dass die religiösen Wurzeln der Pflege in Vergessenheit gerieten. Inzwischen allerdings ist in der Palliativpflege Spiritualität als eine Qualitätsdimension auch des öffentlichen Gesundheitswesens allgemein anerkannt. Die Zusammenarbeit von Seelsorge, Medizin und Pflege ist in neuer Weise gefragt.. Dabei geht es , ganz im Sinne von Dietrich Stolberg[9], um integratives seelsorgliches Handeln aller Berufsgruppen, auch derer , die für den Leib sorgen weil es bei Gott eine Vorordnung der Seele vor dem Leib nicht gibt. Die traditionelle Überordnung des Wortes über das Handeln, die Unterordnung der Schwestern mit ihrem „ stillen Dienst “ unter die geistliche Leitung der Häuser hat allerdings die Pflege im wahrsten Sinne des Wortes mundtot gemacht. „ Echtes Dienen spricht nicht von sich, genauso wenig wie echte Frömmigkeit“ schreibt Heinrich Leicht noch 1953. .[10] Unter diesem Verständnis von Demut und Dienst leidet der Berufsstand bis heute so wie die Seelsorge unter mangelnder Integration der Leiblichkeit leidet, selbst wenn sie durch die KSA-Bewegung auf Augenhöhe mit den Leidenden gekommen ist. Nun wird es Zeit, dass die alten Hierarchien sich in Partnerschaft wandeln: Geist und Leib , Seelsorge und Leibarbeit, Spiritualität und Pflege, Kirche und Diakonie gehören zusammen.
1.3. Christliche Spiritualität und diakonische Organisation
Im heutigen Gesundheitssystem allerdings fühlen sich Seelsorgerinnen und Seelsorger ebenso wenig aufgehoben wie Pflegende.: Wo Lebensprozesse standardisiert werden müssen, wo Daten mehr gelten als Sinnlichkeit und ganzheitliche Wahrnehmung , wo die Zeit für menschliche Begegnung fehlt, geht leicht auch der Respekt vor dem Leben, seinen Grenzen , seiner Schönheit und Vergänglichkeit verloren. Kein Wunder, dass das Interesse an allen Formen des Religiösen gerade unter den Pflegenden groß ist.
Dabei zeigt sich eine große Vielfalt. Während in Kaiserswerth die Glocken der Mutterhauskirche täglich zu den Morgen- und Abendandachten der Schwesternschaft riefen, hatten Elternschule und Fortbildungseinrichtungen integrative Therapien im Programm, und auch in der Schwesternschaft wurde Reiki geübt. Kaum jemand hatte den Eindruck, dass dieses Nebeneinander fragwürdig sei.? Religion und Spiritualität haben eine neue Bedeutung als „ Stresspuffer“. Auch den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern dient sie als emotionale Ergänzung eines funktionalisierten Alltags.
Spannungen und Konflikte entstehen nur dann, wenn Religionen normative Fragen ins Spiel bringen um Pränataldiagnostik und Spätabtreibungen, um Forschungsvorhaben und Sterbehilfe. In ethischen Konflikten treten Unterschiede im Gottes- und Menschenbild, in den Werthaltungen zutage. In solchen Situationen wird deutlich: diakonische Träger und Teams brauchen mehr als Spiritualität, sie brauchen ein Wertegerüst, das die Freiheit unterschiedlicher Zugänge und Lebenswege achtet und gleichwohl gemeinsames Handeln ermöglicht. Dabei muss der christliche Glaube mit der säkularisierten Wissenschaft, mit dem herrschenden Zeitgeist einer liberalen Ökonomie mit anderen Religionen ins Gespräch gebracht werden. Was angesichts der religiösen Sehnsüchte christliche Spiritualität und diakonische Ethik bedeuten kann, muss theologisch reflektiert werden. Der christliche Glaube, seine Auferstehungshoffnung, seine Tauftraditionen bietet Kriterien für den Umgang mit den Lebensgrenzen wie für die Verantwortung des Einzelnen und der Gemeinschaft. Diakonische Spiritualität , für die die Leib-Seele-Arbeit im Vordergrund steht, darf sich die „ Kopfarbeit“ theologischen Nachdenkens nicht ersparen. Dass die Spiritualität von Frauen in der Diakonie sich lange Zeit weniger als „ geistige Herausforderung“ dargestellt hat, erweist sich dabei bis heute als Problem.
1.4. Pflicht und Freiheit Spiritualität und Ethik als persönliche Frömmigkeit
30 Jahre nach Schwester Annelieses Brief ging es jetzt in den kleiner gewordenen Schwesternschaften darum, die Kräfte zu bündeln und zugleich Unterschiede zuzulassen und zu würdigen. Die neue Gemeinschaftsregel der Kaiserswerther Schwesternschaft, die um die Jahrtausendwende entstand, betont die Vielfalt der Lebensstile und Lebensformen: „Wir akzeptieren unterschiedliche Lebensformen: ob Frauen verheiratet oder nicht verheiratet sind, ob sie mit Kindern oder kinderlos leben, ob sie voll- oder teilzeitbeschäftigt oder ohne Erwerbsarbeit sind“, heißt es da. „ Wir akzeptieren, dass sich Frauen je nach Lebenssituation unterschiedlich stark an die Gemeinschaft binden können und möchten...Wir achten untereinander Verletzlichkeit und Grenzen, Träume, Hoffnungen und unterschiedliche Frömmigkeitsstile“. Wer Schwesterngemeinschaften kennt, weiß, wie schwer sich viele damit tun, Unterschiede zuzulassen und Konflikte zu benennen. Der Wunsch nach Eigenständigkeit und Freiheit und die Sehnsucht nach Einheit und Gemeinschaft stehen in Spannung zueinander. Konkurrenz unter Frauen wird deshalb unter dem Anspruch der Gleichheit versteckt, Konflikte unter den Normen begraben. Das ist mit der Individualisierung der letzten Jahrzehnte nicht grundsätzlich anders geworden, weil der äußere Druck durch Konkurrenz und Wettbewerb gewachsen ist. Es braucht eine Klärung der gemeinsamen Grundlagen und innere Freiheit, wenn es in einem solchen Arbeitsklima ein alternatives Miteinander geben soll.
Eine Neuformulierung des Diakonissenspruches von Hermann Löhe, der auch im Kaiserswerther Mutterhaus einst auf jedem Nachtisch stand ( „ Mein Lohn ist , dass ich darf“ ) würde „ heutzutage eher von der Freiheit reden müssen, zu der uns Christus befreit hat, und in der die einzelnen, hier also die Diakonissen, in viel betonterer und andersartiger Weise selber Subjekt ihres Lebens innerhalb der Mutterhausdiakonie sind...“schrieb Friedrich Thiele schon 1963[11] .: Damals belastete die Anpassung der meisten diakonischen Einrichtungen an die Gesundheits- und Rassepolitik des Dritten Reiches die Gewissen vieler Schwestern noch immer schwer. Lebenslang sollten sie sich erinnern sich an Sterilisationen unter Anleitung der Ärzte oder die Entlassung psychisch Kranker mit Billigung der Vorsteher Erfahrungen, die die Autorität der Vorgesetzten ein für alle mal unterminierten. Das schlimmste daran scheint mir die Indienstnahme theologischen Denkens für wirtschaftliche oder politische Ziele. Hier begann die innere Erosion der Glaubens- und Dienstgemeinschaft. Denn der Gehorsam, den viele Schwestern auch gegen ihr eigenes Gewissen leisteten, war in den Schwesternordnungen der Mutterhäuser festgeschrieben. Als einer der drei „ evangelischen Räte“ wurde Gehorsam zudem wie sexueller und materieller Verzicht noch gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts bei den Einsegnungen in die „ursprüngliche Form“ hoch gehalten.
Auch die Einsegnungsordnungen betonten bis in die Gegenwart die Pflichten des Diakonissenamt.. „ Vor dem Angesicht Gottes und vor dieser christlichen Gemeinde frage ich Sie : Wollen Sie die Pflichten des Diakonissenamtes treu erfüllen ..“ Immerhin hatten die Auseinandersetzung der 60er Jahre insofern Früchte getragen, als die Kaiserswerther Schwesternschaft der Ansprache des Pfarrers 1967 einen Abschnitt anfügte, in dem es hieß::„Liebe Schwestern, wenn Gott fordert, so schenkt Er, wenn er befiehlt, ist sein Befehl zugleich Erlaubnis. Er will Eure Mitarbeit. Ihr dürft seiner Verheißung gewiss sein: Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein!“ .Mit dieser Orientierung am Befreiungshandeln Christi, an Charismen und Partizipation begann eine Veränderung, die die Grundlagen der so genannten weiblichen Diakonie berührt.
1.5. Differenzierung als Befreiung
Seit ihrer Gründung in der Mitte des 19. Jahrhunderts waren die meisten Mutterhäuser patriarchal strukturiert. Dabei funktionierten die Gemeinschaften nach dem Modell einer Ersatzfamilie mit dem Vorsteher als Diakonissenvater und der Oberin als Mutter. Die Diakonissenanstalt bestand, wie Hermann Schauer noch 1960 schrieb, nicht durch die Diakonissen, sondern für sie. [12]Das Mutterhaus sorgte für Pflege und Erziehung und bot unverheirateten Frauen zugleich eine neue Perspektive und eine lebenslange Versorgung. Die Dominanz der geistlichen, später auch der medizinischen, Leitung über die Pflege wurde mit der Schöpfungsordnung und der „ natürlichen“ Geschlechterordnung begründet. Empathie und Zuwendung, Beziehungsfähigkeit und Mütterlichkeit, die grundlegenden Haltungen für Pflege und Erziehung, entsprachen nach der Überzeugung der Zeitgenossen der „Natur“ der Frau. Die „ Liebesanstalten“, in denen Pflege und Erziehung unter geistlicher Leitung gemeinschaftlich organisiert wurden, boten über die Jahrzehnte vielen Menschen Hilfe und Heimat. Die ideologischen und politischen Grundlagen dieser so genannten „ weiblichen Diakonie“ -, fielen allerdings spätestens nach dem zweiten Weltkrieg endgültig weg. Um einen Pflegeberuf auszuüben, musste schon seit dem Ende des vergangenen Jahrhunderts niemand mehr Diakonisse werden. Und bereits Fliedners berühmteste Schülerin Florence Nightingale[13] hatte sich darauf berufen, dass Gott immer unmittelbar zu ihr gesprochen habe, dass sie also keines Amtsträgers bedurft hätte, um seinen Willen zu erfahren.
Seit Mitte der 60er Jahre konnten dann Frauen, die sich biblisch-theologisch ausbilden lassen wollten, Diakoninnen und bald darauf auch Pfarrerinnen werden und selbst ein anerkanntes kirchliches Amt übernehmen. Zugleich professionalisierte sich die Pflege: an die Stelle der Oberinnen traten Pflegedienstleitungen und Pflegemanager.[14]
Die Schwesternumfrage von 1973 markiert also den Zeitpunkt, zu dem sich die Mutterhäuser der „weiblichen Diakonie“ zu Diakoniewerken und bald schon zu Diakonieunternehmen wandelten. Und spätestens mit dem Entstehen der Diakonissenmuseen um die Jahrtausendwende war klar: die Geschichte der „weiblichen Diakonie“ als geistlicher Bewegung ist zu Ende gegangen. Pflege ist eine Dienstleistung geworden wie andere auch, auch wenn sie immer noch wie ein Frauenberuf bezahlt wird.
Die Differenzierung, die nun sichtbar wird, befreit aus falschen Engführungen der Geschlechterordnung wie des Glaubens. Pflege ist nicht Frauensache, Leitung nicht Männersache, auch wenn noch immer 75 Prozent der Pflegenden Frauen sind und der Anteil der Frauen in der Leitung weit unter 25 liegt. Nächstenliebe im Sinne des christlichen Glaubens ist nicht an kirchliche Institutionen gebunden. Organisationen brauchen Normen, Spiritualität aber und Ethik braucht Gewissensfreiheit. Professionalisierung lässt angemessene Bezahlung erwarten, aber Zuwendung bleibt ein Geschenk. Im Lichte dieser Differenzierung ist nun zu fragen, was weibliche diakonische Spiritualität sein kann und was Gemeinschaften leisten können. Dabei gehe ich noch einmal von den strukturellen Elementen der so genannten Frauendiakonie unter den Bedingungen der Professionalisierung und Ökonomisierung des Gesundheitswesens aus.
2- „Weibliche“ diakonische Spiritualität
2.1. Professionalität , Spiritualität und Beziehung
Die Modularisierung und Segmentierung der einzelnen Aufgaben in Pflege und Gesundheitsdiensten steht in Spannung zu der Tatsache, dass Pflege ein Beziehungsgeschehen ist. Unter Zeitdruck werden pflegebedürftige Menschen zum Objekt einer Behandlung und Pflegende werden sich selbst zum Instrument. Tatsächlich aber ist Pflege wesentlich Interaktion[15], für die ein hohes Maß an Wahrnehmungsfähigkeit, Empathie und erfahrungsgesättigte Intuition genauso notwendig sind, wie die Bereitschaft, den Leidenden als Subjekt des eigenes Lebens ernst zu nehmen und zu schützen. Denn schließlich werden in der Pflege die elementaren Bedürfnisse eines verletzlichen Menschen zum Ausgangspunkt des Handelns. Dazu sind neben den pflegefachlichen kommunikative, soziale und interkulturelle Kompetenzen notwendig. Pflege ist mehr als eine Dienstleistung, die auf eine unmittelbare, geldwerte Gegenleistung zielt. Die Bremer Ökonomin Maren Jochimsen hat darauf hingewiesen, dass sich der Kern klassischer Sorgesituationen eher mit einem Geschenk vergleichen ließe. Damit ist sie nahe dran am Diakonissenspruch von Wilhelm Löhe ( „ Mein Lohn ist , dass ich darf „) aber auch am Selbstverständnis vieler freiwillig Engagierter ( „Freundschaft lässt sich nicht bezahlen“).[16]
Die größte Berufszufriedenheit und die beste Zusammenarbeit von Haupt- und Ehrenamtlichen habe ich in der Palliativarbeit erlebt, wo eine ganzheitlich orientierte Teamarbeit mit Medizin und Pflege, Atem- und Physiotherapie, Seelsorge und ehrenamtliche Begleitung möglich war und sich das Team um den Leidenden und seine Angehörigen „ orchestrieren“ ließ, wo aber auch ethische Probleme und unterschiedliche Haltungen nicht tabuisiert wurden. [17]Zusammenarbeit statt Wettbewerb der Hierarchien, Vielfalt und Kooperation statt Normierung, Personenorientierung statt Institutionenorientierung, Offenheit für Gefühle statt pure Rationalisierung das ist dem Ethos der Pflege angemessen. Wer bei einem anderen Menschen, einem Kranken, das entstandene Ungleichgewicht zwischen den Sorge und Selbstfürsorge kompensieren will, braucht selbst ein Team, das ihm auch einmal den Rücken frei hält, Klarheit über das eigene ethische Handeln und die eigenen Kraftquellen. Schwesterngemeinschaften haben traditionell versucht, die inneren Kräfte wie die ethische Orientierung durch Einkehrtage zu stärken; große Mutterhäuser haben Berufswege ermöglicht, in denen Schwestern ihre Kräfte nicht bis zur Erschöpfung an einer Stelle verbrauchen mussten.
Kritisch ist allerdings anzumerken, dass die Mutterhäuser als fürsorgliche Institutionen zwar die Sorge für andere wie für die eigenen Schwestern hoch hielten, die Fähigkeiten zur Selbstsorge aber wenig entwickelten. „ Es gibt keine Spiritualität des Ausgenutztwerdens, auch wenn mancherorts die Ausnutzung weiblicher Arbeitskraft spiritualisiert wurde auf Kosten von Bildung und Selbstachtung“, schreibt Andrea Tafferner in einem Aufsatz zur Spiritualität einer Diakonin.[18]Im Leitbild der Kaiserswerther Diakonie heißt es deshalb im Abschnitt Verpflichtungen aus unserer Geschichte: „ Nächstenliebe und Selbstachtung gehören für uns zusammen.“[19]
Das hat sich nun deutlich verändert.. Der Verband Evangelischer Diakoninnen und Diakone hat kürzlich gemeinsam mit dem Rauhen Haus ein Modell entwickelt, um seine Mitglieder an ihrem jeweiligen Ort zu stärken. Es reicht von der Potenzialanalyse über zertifizierte Fortbildungen bis zum überregionalen kollegialen Austausch, Personalentwicklung, Standortbestimmung, Coaching und Supervision[20]. Tatsächlich ist es wichtiger als je, diakonische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter berufsbiographisch zu unterstützen und zu begleiten nicht nur im Sinne der Personal- und Profilentwicklung der Unternehmens, sondern im Sinne einer uneigennützigen, personenorientierten Stärkung von Männern und Frauen , von Professionellen und Freiwilligen in der Diakonie.“ Es gebe niemand die Seele preis um der Kunst willen“, schrieb einst Friederike Fliedner in ihr Tagebuch[21] eine Mahnung, die bis heute gilt.
2.2. Ungeteilte Aufmerksamkeit
Dass niemand Diakonisse sein muss, um eine gute Schwester zu sein, war schon Friederike Fliedner deutlich. Professionelle Pflege kann gelernt werden wie andere Berufe auch. Damit aber Menschlichkeit und Zuwendung erhalten bleiben, braucht es Zeit und manchmal auch Mut zur Veränderung. So hat in den letzten Jahrzehnten die Hospizbewegung unseren Umgang mit dem Sterben verändert in Krankenhäusern, Medizin und Pflege. Dabei haben Angehörige und Ehrenamtliche eine entscheidende Rolle gespielt. Sie haben daran erinnert, dass Sterbende uns herausfordern, das eigene Sterben zu bedenken, und damit diakonische Traditionen aufgenommen, die fast schon vergessen waren.“ Je elender, desto ehrwürdiger“, heißt es in den alten Schwesternordnungen; eine Erinnerung daran, dass uns Christus in den Leidenden begegnet Die Wahrnehmung dieser anderen Wirklichkeit braucht Offenheit und Achtsamkeit.
In der Umbruchzeit von 1967 hat die damalige Kaiserswerther Oberin Charlotte Renner von „ ungeteilter Aufmerksamkeit“ gesprochen. Für mich ist das bis heute die beste Beschreibung für Spiritualität im diakonischen Handeln. Diese Haltung speist sich ihrer Überzeugung nach aus „ Gebetsstille und Meditation“, aber auch aus der Geborgenheit in der schwesterlichen Gemeinschaft. Wir brauchen Zeiten des Rückzugs, in denen sich unser Blick klärt, wo wir uns neu ausrichten für die Transzendenz in der Wirklichkeit. Damit das gelingt, brauchen wir Kolleginnen und Freundinnen, mit denen wir unsere Erfahrungen teilen, die uns aber auch vertreten und an unsere Stelle treten können. Christliche Spiritualität stellt uns jedenfalls in einen größeren Zusammenhang, der weit über die aktuelle Aufgabe und unseren Alltag hinausgeht und ihn zugleich für diesen Horizont durchsichtig macht.
Ein Bild dafür war und ist für mich die Tischgemeinschaft im Betheler Speisesaal mit dem Wandgemälde vom großen Gastmahl - Arbeit und Leben, erlebte und verheißene Gemeinschaft, Glaube und Alltag gehören zusammen. Spiritualität macht den Augenblick transparent wird für den Weg Gottes mit uns. Zur Einübung der Achtsamkeit diente auch die Kaiserswerther Betstunden- Litanei , die bis heute von den meist alt gewordenen Diakonissen gebetet wird, während nebenan im Krankenhaus die Abendschicht das Essen austrägt und vermutlich gar nicht wissen, was auch für sie gesprochen wird:
„Vor Gleichgültigkeit gegen dein Wort und Kreuz,
vor unseligem Großwerden, vor aller Selbstgefälligkeit
vor unnötiger Verlegenheit, vor Verwirrungen,
vor Unwahrheit und Unzufriedenheit,
vor Trägheit und unheiligem Eifer
behüt uns , lieber Herr und Gott.
Deine menschliche Geburt, Gott,
Deine Armut und deine Knechtsgestalt,
Deine Sanftmut und Demut,
Deine dienende Liebe beim Fußwaschen,
Deine Versuchungen, Deine Tränen und Angstgeschrei,
tröste uns, lieber Herr und Gott. [22]
2.3. Compassion und Schwesterlichkeit
Die Schweizer Pflegewissenschaftlerin Silvia Käppeli[23] hat gezeigt, dass dieses Motiv des mit leidenden Gottes die wichtigste religiöse Wurzel der sozialen Arbeit im Christentum und auch im Judentum ist. Gott schwebt nicht über den Dingen, er ist greifbar und anfassbar, ist „ Fleisch geworden“ in Jesus von Nazareth. „Wir haben einen Hohenpriester , der mit unseren Schwächen mitfühlt und mitleidet“, heißt es im Hebräerbrief . Das griechische Wort Sympathie ist das gleiche wie das englische compassion, einer der zentralen Begriffe der Pflegewissenschaft heute, die manche auch als die Kunst der mitleidenden Aufmerksamkeit bezeichnen. Das ist die diakonische Spiritualität , wie sie uns in Elisabeth von Thüringen oder Florence Nightingale begegnet.
2.4. Orte der Gastfreundschaft
Zur weiblichen diakonischen Kultur, zur Kultur der Gemeinschaften gehört deshalb auch die Gastfreundschaft. Der schön gedeckte Tisch, die Blumen im Zimmer, das frisch gemachte Bett drücken schon äußerlich sichtbar ein herzliches Willkommen und Achtung vor dem anderen aus. Marjory Thompson stellt in ihrem Buch „ Spiritualität neu entdecken“ [24]auch einen Textabschnitt aus Matthäus 25 in diesen Kontext. „ Gastfreundschaft bedeutet, den Anderen aus innerstem Herzen bei sich in seiner Wohnung aufzunehmen. Dazu gehört, dass man sich um die Bedürfnisse und das Wohlergehen des anderen mit all der Offenheit, dem Respekt, der Freiheit, Behutsamkeit und Freude kümmert, wie sie die echte Liebe auszeichnet.“ Dabei kann der Andere buchstäblich jeder andere Mensch sein , dem ich begegne aber Fremde und Feinde stellt das Evangelium besonders heraus. .Die Wohnung , die hier gemeint ist, kann das Zimmer oder Haus sein, in dem wir leben und arbeiten. Es geht aber auch um unsere innere Welt. Gastfreundschaft ist ein weibliches Bild für diakonisches Handeln , für die innere Annahme eines Menschen und letztlich für die Bereitschaft, sich Gott zu öffnen, wenn er in unserer Welt Herberge sucht. Vielleicht in Gestalt eines Kindes oder eines leidenden Menschen, vielleicht in Gestalt eines Fremden, oder auch mit seinem Geist und seinem Wort.
Die Hospizbewegung hat diesen Gedanken bereits in ihrem Namen aufgenommen. Und aus den Mutterhäusern sind inzwischen Häuser der Stille und Hotels geworden, die eine neue Art von Offenheit für ihre Gäste üben, professionell und freundlich in der Dienstleistung, und zugleich offen für Suchende nach Spiritualität und Gemeinschaft. .Solche Häuser können den Mitarbeitenden in der Sozialwirtschaft auch heute Entlastung bieten. Sie können zu Kraftorten werden, wo Menschen auftanken und sich neu einüben in Kontemplation und Reflexion, wo etwas spürbar wird von den Traditionen der diakonischen Kultur , die Charlotte Renner am Herzen lag: Geborgenheit, die mit einem weiten Herzen, mit Respekt und Offenheit gepaart ist, da hat sie große Anziehungskraft in der Zerrissenheit unseres Alltags.
2.5. Blick voraus ins Offene
Wie damals Anneliese Pulvermüller sind heute wir unterwegs ins Offene. Keiner weiß, wie die diakonische Landschaft in 30 Jahren aussehen wird. Es mag sein, dass die ambulante und stationäre Arbeit in Kompetenzzentren zusammenwächst und dass das professionelle Gesundheitssystem sich in neuer Weise mit gemeinwesenorientierter Arbeit verknüpft. Schon jetzt gibt es in den ländlichen Regionen Mecklenburg-Vorpommerns Pflegende, die einen medizinischen Auftrag im „ Basisgesundheitsdienst“ wahrnehmen und damit alte Traditionen der Schwesternschaften wieder beleben. Dabei lösen sich die Grenzen zwischen Medizin und pflegenden Berufen auf, Krankenhäuser ambulantisieren sich und von allen Beteiligten wird mehr Flexibiltät und Kooperation erwartet. Die hohe Professionalität, die für diese Aufgaben nötig ist, wird auf Dauer nicht mehr nach „ Frauentarifen“ bezahlt werden können. Zugleich aber ist die finanzielle Grenze der Professionalisierung und Ökonomisierung erreicht. Familien, Nachbarschaften und Freiwillige werden deshalb sich in Zukunft vielleicht nicht nur das Hospizthema auf die Fahnen schreiben. Ob es gelingt, auch Männer stärker einzubeziehen oder ob die Zahl der Migrantinnen, die bei uns die Professionalisierungslücke füllen, weiter wachsen wird ? Niemand weiß, in welchem Maße diese Aufgaben der Nächstenliebe „ weiblich“ bleiben werden.
Was aber bedeutet diese Entwicklung für Spiritualität und Gemeinschaften ? Je eigenständiger die Aufgaben der professionell Pflegenden werden, je stärker Berufliche und Freiwillige zusammen arbeiten, umso wichtiger wird einerseits die Beziehung zu Gemeinde und Gemeinwesen und andererseits die Fähigkeit der Pflegenden selbst, eine Gestalt für die spirituellen Aspekte ihrer Arbeit zu finden.. Diakonische Spiritualität hat eine eigene Sprache als sie im Gottesdienst gesprochen wird sie hat mit dem Leib und allen Sinnen zu tun, mit der Gestaltung von gastfreundlichen Orten, mit ( besonderen )Zeiten und Rhythmen, mit Grenzerfahrungen, Gesten und Ritualen. Diakonische Spiritualität ist ungeteilte Aufmerksamkeit und damit der Mystik nah. Nicht alles, was dabei geschieht, kann in Worte gefasst werden und dennoch haben die Bilder und Gesten eine Grammatik , die sich auf biblische Geschichten und Texte bezieht. Diakonische Spiritualität ist erfahrungsorientierte Theologie.
Es braucht einen neuen Dialog zwischen Geschlechtern und Berufsgruppen, um ihre Schätze zu heben und , wo möglich, neu in Worte , Bilder und Rituale zu fassen. Eine reine Überformung durch das „ vorgeordnete Wort“ wie sie die Diakonissenausbildung lange kennzeichnete, ist damit nicht gemeint. In ihrer Biographie der Diakononissenmutter Marianne von Rantzau hat Ursula Röper nachgezeichnet, wie unter dem Einfluss Theodor Fliedners in Kaiserswerth aus einer eigenständigen jungen Adligen eine Diakonisse wird, die den Weg der Selbstverleugnung wählt und dabei Sätze schreibt wie „ Der Herr möge alles eigene von mir nehmen“.“[25] Ähnliche Formeln, die die Sündhaftigkeit betonen und um Heiligung ringen ,finden sich bis in die Aufnahmeschreiben von Schwestern vor ihrer Einsegnung in den 30-er und 40er Jahren. Auch das Oral-history-Projekt von Ute Gause mit Kaiserswerther Diakonissen[26] zeigt, wie viel lebendiger die Erzählungen der Schwestern sind, wenn sie sich der erlernten Dogmatik gerade nicht bedienen.
Die feministische Theologie mit ihren Frauenliturgien, die inzwischen durch theologische Reflexionsprozesse gehen konnte, weist in eine eigenständige Richtung. Julia Koll spricht in ihrer Untersuchung „ Körper beten“[27] von einer Anknüpfung des Gebets an entfaltete Gegenwart. und „ leiblicher Kommunikation“. [28]Eine solche körper- und erfahrungsbezogene diakonische Spiritualität „weiblich“ zu nennen, ist eine Konstruktion, die allerdings ihre Begründung darin findet, dass sie bislang ihren systematischen Ort im Kontext der „weiblichen“ Diakonie hat. Jedenfalls geht es darum, Gestalt und Theorie, Konkretion und Abstraktion, Differenz und Beziehung, Sensitives und Verbales neu ins Verhältnis zu setzen , ohne eine Über-und Unterordnung zu konstruieren, wie sie der Geschlechterhierarchie entspricht. Nur im Dialog miteinander können sich diese Zugänge gegenseitig erhellen und alle Beteiligten zu neuen Erkenntnissen führen. Nach meiner Erfahrung geschieht das zum Beispiel in Ethikberatungen dann, wenn Beobachtungen, Intuition und Wissen aller Berufsgruppen zusammenfließen.
3. Was bedeutet das für die diakonischen Gemeinschaften ?
Mein Traum von der Zukunft eines Gemeinschaftsverbandes
3.1. Die alte Koppelung von Person und Struktur , von Diakonissenanstalt und Schwesterngemeinschaft, die einst die DNA der diakonischen Unternehmen war, ist zerbrochen. Die Pflege- und Gesundheitsbranche wird nicht mehr von den Kirchen, sondern vom Markt bestimmt. Die Logik der Arbeitsabläufe ist ebenso ökonomisiert wie der Status der Gesundheitsberufe. Beides ist auf Effektivität und günstige Preise bei hoher Qualität ausgerichtet.
3.2. Die Gemeinschaften sind Erinnerungsgemeinschaften, sie repräsentieren die Wurzel dieser heutigen Branchen, eine andere Kultur, ein auf Caring und Compassion ausgerichtetes Wertesystem. Deswegen sind sie einerseits hoch geachtet und andererseits wenig beachtet und an den Rand gedrängt. Sie wären überlastet, wenn man von ihnen erwarten würde, allein die diakonische Kultur und Spiritualität zu prägen; dazu braucht es vor allem Leitbilder und Qualitätsentwicklung, Fortbildung und Ethikberatung, neue Gottesdienst- und Andachtsformen. Sie sind gefährdet, wenn sie für diese Funktion von der Unternehmensleitung in den Dienst genommen werden etwa als Rechte Hand des Vorstehers, der selbst eher „ Diakoniemanager“ ist.
3.3. Statt in dieser Weise in den Dienst genommen zu werden, brauchen die Gemeinschaften Freiräume für das Widerständige der Tradition, Freiräume in denen ihre Autonomie geachtet wird, ihre Gegenmacht ernst genommen wird ganz ähnlich, wie Mitarbeitervertretungen Freiräume brauchen, gefördert und ernst genommen werden müssen. Mein Eindruck ist, dass Gemeinschaften wie Mitarbeitervertretungen an die einzelnen diakonischen Unternehmen gebunden und damit strukturell schwach sind.
3.4. Diakonen und Diakoninnengemeinschaften sind nach meiner Erfahrungen deshalb oft stärker, weil sie auf theologische Bildung und auf Mitarbeiterentwicklung setzen und dabei eher in größeren Verbundsystemen denken oft auch in Verbundsystemen zwischen diakonischen Unternehmen , Kirchenkreisen und Gemeinden, so wie ich es beim Rauhen Haus beobachte.
3.5. Im Feld der Pflege- und Gesundheitsberufe, die aus der Tradition der Frauendiakonie kommen, fehlt ein großer spiritueller Personenverband, der auf fachlich fundierte, theologische Bildung setzt, Supervision, Coaching und geistliche Begleitung anbietet, gerade Frauen in ihren Berufs- und Lebensübergängen begleitet, und mit einer modernen, flexiblen und mobilen Biografie rechnet. Dieser Verband müsste mit der kurzen Verweildauer in den Pflegeberufen, mit dem Wechsel von Arbeit und Weiterbildung, beruflicher und familiärer Tätigkeit rechnen.
3.6. Manchmal träume ich von einem solchen Kaiserswerther Verband: als einem Verband , der Mitarbeitenden aus allen Häusern offen steht und allen, gern auch in Kooperation mit den einzelnen Häusern, Fortbildung, Coaching, Entlastung und Orientierung, ethische Beratung anbietet. Ein solcher Verband könnte Austauschprojekte auch auf ökumenischer Basis anbieten, Berufswege attraktiver gestalten, Mentoring organisieren und einen Pilgerweg zu den Kraftorten der Tradition anbieten..
3.7. Ein solcher Verband, stelle ich mir vor, wäre kein Unternehmens- sondern ein Personenverband, der allerdings mit Mitgliedschaften und Gemeinschaften auf Zeit rechnet, der Gastfreundschaft übt und damit auch für solche Menschen attraktiv wird, die nicht mehr oder noch nicht in einem Unternehmen der Mutterhausdiakonie arbeiten. Spezifischer und offener als „ Christen im Gesundheitswesen“, gemeinschafts- und lebensorientierter als eine Hochschule, ein Qualitätsmerkmal der Kaiserswerther Häuser, mit dessen Angeboten sich werben ließe.
3.8. Florence Nightingale beschrieb einst das Kaiserwerther Krankenhaus als „ eine Schule Gottes, in der Pflegende und Gepflegte Gewinn davon tragen.“ Ein Netzwerk für Lebensgewinn- das bleibt meine Vision. Darein zu investieren, davon bin ich überzeugt, wäre gut angelegtes Geld für die Unternehmen. Mittelfristig, wenn der Fachkräftemangel spürbar wird, könnte sich eine solche Kooperation sogar rechnen. Sie kann aber vielleicht auch auf das Interesse und die Mitgliedschaft der Einzelnen und die Unterstützung Dritter setzen.
Cornelia Coenen-Marx; Karlsruhe 11.03.09
[1] Archiv der Kaiserswerther Schwesternschaft, Fliedner-Kultur-Stiftung Kaiserswerth
[2] Anna Paulsen, Aufbruch der Frauen. Ein Beitrag zum Gespräch zwischen Frauendiakonie und Frauenbewegung, Lahr 1964
[3] vgl. zum Beispiel: Matthias Lauterbach, Susanne Hilfig: So bleibe ich gesund, Was Sie für Ihre Gesundheit, Lebensenergie und Lebensbalance tun können, : Psychoenergetische Stressbalcance,Hannover 2006
[4] vgl. z.B. Beate Hofmann, Diakonische Unternehmenskultur, Stuttgart 2008, oder „ Charakteristika einer diakonischen Kultur“, Projekt des DW EKD, 2008,
[6] vgl. z.B. „ Mary Faulkner, Womens Spirituality, USA 2002
[8] Dorothea Reininger, Diakonat der Frau in der einen Kirche, Ostfildern 1999
[10] Heinrich Leich, Der Beruf der Schwester im Wandel der modernen Gesellschaft, Das Krankenhaus 12, 1953
[11] Friedrich Thiele, Diakonissenhäuser im Umbruch der Zeit, 1963
[12] Hermann Schauer, Frauen entdecken ihren Auftrag, Göttingen 1960
[13] Florence Nightingale, Ever yours, Florence Nightingale, Cambridge 1990
[14] In welchem Umfang die Zahl der Leitenden Theologen zurückgeht, hat der Verband Diakonischer Dienstgeber im Jahr 2008 in einer Umfrage erhoben.
[15] so z.B. Sabine Kühnert , Pflegewissenschaft am Puls der Zeit, in „ Thomas Klieu.a. Entwicklungslinien im Gesundheits- un d Pflegewesen , Frankfurt M. 2003
[16] vgl. die Untersuchung des Sozialwissenschaftlichen Instituts zum 3. Freiwilligensurvey der Bundesregierung
[17] Hans Bartosch, Cornelia Coenen-Marx u.a.: Leben ist kostbar. Der Palliative Care- und Ethikprozess in der Kaiserswerther Diakonie, Freinurg 2005
[18] Die Qualität des Dienens, zur Spiritualität einer Diakonin, in: Peter Hünermann ( Hg) Ein Amt für Frauen in der Kirche- ein frauengerechtes Amt ? , Ostfildern 1997
[19] in: Cornelia Coenen-Marx ( Hg): Ökononomie der Hoffnung, Impulse zum 200.Geburtstag von Theodor und Friederike Fliedner, Kaiserswerth 2000
[20] Diaknoie 2015, in : Der Bote, Berichte aus der Brüder- und Schwesternschaft des Rauhen Hauses, Juni 2008
[21] Anna Sticker, Theodor und Friederike Fliedner, Neukirchen-Vluyn 1965
[22] Liturgien der Kaiserswerther Schwesternschaft, Kaiserswerth 2000
[23] Silva Käppeli, Vom Glaubenswerk zur Pflegewissenschaft, Bern 2004r
[24] Marjory Thompson, Spiritualität neu entdecken., 2003
[25] Ursula Röper, Marianne von Rantzau und die Kunst der Demut . Frömmigkeitsbewegung und Frauenpolitik in Preußen unter Friedrich Wilhelm IV, Stuttgart 1997
[26] Ute Gause u.a.; Kosmos Diakonissenmuitterhaus- Geschichte und Gedächtnis einer protestantischen Frauengemeinschaft , Das Oral-history-Projekt der Kaiserswerther Diakonie, Leipzig 2005
[27] Julia Koll, Körper beten, Religiöse Praxis und Körpererleben, Stuttgart 2007
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