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EKD Pressemitteilung 77/2012

EKD-DENKSCHRIFT

Verantwortung für unternehmerisches Handeln

von Cornelia Coenen-Marx
erschienen in der SOZIALwirtschaft aktuell, Ausgabe 22/2008 • November 2008

Eine neue Denkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland untersucht
»Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive«. Darin
wird auch die Sozialwirtschaft auf ihre Verantwortung hingewiesen, in
Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern trotz steigenden Wettbewerbs nicht in
erster Linie »Kostenfaktoren« zu sehen. Gerade die Träger der Freien
Wohlfahrtspflege müssten Kriterien für die Qualität sozialer Dienstleistungen
sowie für ihre Finanzierbarkeit in die Gestaltung des Wettbewerbs einbringen.

»60 Jahre Soziale Marktwirtschaft« – das Jubiläum im vergangenen Sommer hat die Ahnengalerie der Väter und Vordenker vielfältig ins Bild gesetzt(1): Walter Eucken, Franz Böhm, Wilhelm Röpke und Alfred Müller-Armack. Dessen »irenische Formel« prägt unsere Sozialkultur bis heute: die Kraft des Marktes als Wohlstandsmotor mit dem Prinzip des sozialen Ausgleichs zu verbinden. Dazu muss der Staat einen wettbewerblichen Rahmen setzen, Arbeitgeber und Arbeitnehmer kooperieren und Verbraucherinnen und Verbraucher ihre Verantwortung wahrnehmen. Schließlich müssen Investitionen in Bildung, Ökologie und Strukturpolitik hinzukommen, so Müller- Armack in den 1960er Jahren.

Wenn Bildung und Teilhabe heute zu zentralen Themen geworden sind, bewegen wir uns auf dieser Traditionslinie. Die jüngste Erschütterung der Finanzmärkte aber zeigt: Wir brauchen Antworten auf neue Herausforderungen, auf die Globalisierung der Märkte, den Wettbewerb der Standorte und Sozialsysteme, den demografischen Wandel, die Energieproblematik. Als die Bertelsmann-Stiftung kürzlich 350 zufällig ausgewählte Menschen eingeladen hat, ein »Bürgerprogramm« zu erarbeiten, wurde das schnell deutlich: »Wir können die Entwicklung nicht allein dem freien Spiel der Märkte überlassen«, steht dort in der Einleitung. Und »wir müssen darauf achten, dass ethische Werte nicht dem Gewinnstreben der Marktgiganten und Spekulanten geopfert werden.« Fast drei Viertel stimmten der folgenden Kernaussage zu: Es soll ein »gesellschaftspolitischer Wertekatalog« aufgestellt werden, damit Würde und Respekt dem Menschen gegenüber gewahrt werden«.(2)

Auf dem Hintergrund dieser gesellschaftlichen Entwicklungen hat der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland die Kammer für Soziale Ordnung gebeten, sich mit zwei Grundfragen zu befassen: zum einen mit den Gefahren gesellschaftlicher Exklusion und der Entwicklung des Arbeitsmarkts, zum anderen mit der Verantwortung unternehmerischen Handelns. Die sogenannte »Sozialkammer«, die bereits bei der 1. EKD-Synode 1949 eingerichtet wurde und sich seitdem mit Fragen wie Eigentum, Mitbestimmung und der Entwicklung des Gesundheitssystems beschäftigt hat, arbeitet dem Rat im Sinne einer sachverständigen Politikberatung zu. Ihr gehören Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Verbänden, von Arbeitgeber und Arbeitnehmerseite, aus Diakonie und Wissenschaft an. Ihre Aufgabe ist die ethische Reflexion der sozial- und wirtschaftspolitischen Entwicklung. Die derzeitige 10. Sozialkammer steht unter Leitung von Prof. Dr. Gert G. Wagner von der Humboldt-Universität zu Berlin.

Unter seinem Vorsitz legte die Kammer im Sommer 2006 die Schrift »Gerechte Teilhabe – Befähigung zu Eigenverantwortung und Solidarität. Eine Denkschrift des Rates der EKD zur Armut in Deutschland« vor. Das Dokument versteht Armut nicht allein als Mangel an materiellem Einkommen, sondern im Kern als fehlende Teilhabe in allen Lebensbereichen. Teilhabegerechtigkeit zielt auf eine möglichst umfassende Integration aller Mitglieder der Gesellschaft und Eröffnung von Zugängen zu Bildung, Gesundheit, Arbeitsmarkt. Die Denkschrift schließt dabei, so einer der Autoren, Prof. Dr. Traugott Jähnichen, Befähigungs- und Verteilungsgerechtigkeit ein und überwindet die klassische Alternative von konsumtiver Sozialpolitik einerseits und investiven Ausgaben für Bildungs- und Qualifizierungsprogramme andererseits. Nur solide Qualifikationen sichern die ökonomische Stabilität der Gesellschaft – und Ausbildungsdefizite führen zu hohen Folgekosten der sozialen Sicherungssysteme mit einer erheblichen Belastung, was die Verteilungsgerechtigkeit angeht. Die Denkschrift empfiehlt unter anderem mehr Investitionen in Bildung, um die Problemlösungskompetenz und Eigenständigkeit aller zu erhöhen und die Chancen am Arbeitsmarkt zu verbessern. Im Kern geht es also um eine soziale Kultur der Eigenverantwortung und der Solidarität.

Hier schließt die jüngst erschienene Denkschrift »Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive« an. Unternehmerisches Handeln ist nach diesem Dokument von zentraler Bedeutung für Innovation, Wertschöpfung und gesamtgesellschaftlichen Wohlstand. »Moderne Gesellschaften brauchen Menschen, die bereit sind, unternehmerische Verantwortung zu übernehmen«, heißt es in der ersten These. Dabei bleibt das Ziel einer gerechten Teilhabe aller an den wirtschaftlichen und sozialen Prozessen Maßstab auch für ein verantwortliches Handeln in Wirtschaft, so der Ratsvorsitzende, Bischof Wolfgang Huber, in seiner Einleitung zur neuen Denkschrift, die allen, die am wirtschaftlichen Geschehen beteiligt sind, ethische Orientierung geben soll. Im Mittelpunkt steht christliches Verständnis von Freiheit und Verantwortung. Dabei wird Freiheit als »kommunikative Freiheit« verstanden, als Freiheit in Ver-Antwortung vor Gott wie vor den anvertrauten Menschen. Charakteristisch für dieses Freiheitsverständnis, betont einer der Mitautoren, Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm, ist die enge Bindung an die Menschenwürde.(3) Und Menschenwürde, so die Denkschrift, steht im Widerspruch zu einer bloßen Orientierung an der Nutzenmaximierung.

Wenn die Vorstandsgehälter der DAX-Unternehmen in den letzten zwanzig Jahren um 650 Prozent gestiegen sind, wie eine Kienbaum-Untersuchung zeigt (4), wird verständlich, warum viele schon länger das Gefühl hatten, hier sei etwas aus dem Lot geraten. Wenn immer weniger in Innovation und in die Zukunft einer Unternehmung investiert wird, weil schnell hohe Gewinne erzeugt und Dividenden ausgeschüttet werden müssen, bleiben die Tugenden der großen Unternehmergestalten wie Robert Bosch, Ernst Werner von Siemens oder Carl Zeiss auf der Strecke. Die Denkschrift erinnert an sie, aber auch an die Innovationskraft, den Unternehmergeist und die Durchsetzungsfähigkeit der Gründergestalten von Diakonie und Caritas wie Johann Hinrich Wichern, Theodor Fliedner oder Adolf Kolping.

Wie zu Beginn der Industrialisierung, als diese Sozialreformer ihre Konzepte entwickelten, macht die Veränderung des »Geistes der Wirtschaft« (Max Weber), die wir heute erleben, vielen Menschen Angst. Das fordert die Wirtschaft zu neuer Verantwortung und die sozialen Dienste zu neuer Innovationskraft heraus. Die Globalisierung eröffnet neue Möglichkeit für Handel und Wachstum, Entwicklung und Mobilität. Damit wachsen allerdings zugleich die Risiken des Scheiterns und des Verlustes sozialer Sicherheit. Immer mehr Menschen, auch die in der Mittelschicht, die ihr Schicksal mit einem Unternehmen verbunden hatten, fühlen sich nicht mehr hinreichend eingebunden und geschützt. Auch und gerade, wenn Arbeitnehmer nicht mehr lebenslang mit einem Unternehmen verbunden sind, so die Denkschrift, muss im Blick bleiben, dass sie mehr sind als ihre Arbeitskraft, dass sie Person sind mit einer eigenen Biografie und einem persönlichen Umfeld. »Alle, die im Unternehmen tätig sind, ob Vorstände oder Hilfsarbeiter, sind eben nicht nur Mittel zum Zweck, sondern auch und vor allem Geschöpfe Gottes, geschaffen zu Gottes Bild« Wenn aber Entlassungen nicht nur als allerletzte Möglichkeit eingesetzt, sondern allein zur Erhöhung von ohnehin hohen Gewinnen vorgenommen werden, wenn Beschäftigte sich nicht mehr trauen, im Krankheitsfall zu Hause zu bleiben oder zum Arzt zu gehen, oder auch, wenn im Unternehmen ein Klima herrscht, in dem alle menschliche Kommunikation allein dem wirtschaftlichen Unternehmenszweck untergeordnet wird, dann ist die Würde des Menschen verletzt. Der Text nennt Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Gesundheitsschutz und Fortbildungsmöglichkeiten für Mitarbeitende sowie die Interessenvertretung und Mitbestimmung durch Gewerkschaften und Betriebsräte als Zeichen für eine verantwortliche Unternehmenskultur und er betont: »Es gibt gute Gründe und deutliche Hinweise aus den Ergebnissen der Sozial- und Wirtschaftsforschung für die Annahme, dass ein Unternehmen, das mit seinen Arbeitnehmern kooperiert, nachhaltig arbeitet und soziale Verantwortung übernimmt, auch beste Chancen hat, langfristig wirtschaftlich erfolgreich zu sein.«


Verantwortung der Sozialwirtschaft
Eine solche Haltung entspricht der Tradition sozialer Unternehmen der Freien Wohlfahrtspflege, die seit Beginn der 1990er Jahre einer immer stärkeren Markt- und Wettbewerbsorientierung unterliegen. Seitdem sind in der Sozialwirtschaft traditionelle Organisationsund Handlungsprinzipien schrittweise in Frage gestellt und neu geordnet worden. Zwar wurde der Korporatismus als Ordnungsprinzip des bundesrepublikanischen Sozialstaates durch einen politisch organisierten Wettbewerb ersetzt, das bis dahin geltende Kostendeckungsprinzip abgelöst, doch versucht die Politik, den Sozialbereich bis in die kommunalpolitische Ebene ordnungspolitisch zu regulieren und damit auf Art und Qualität der Leistungen, Art der Leistungserbringung und die Preise Einfluss zu nehmen. Diese Regulierung des Sozialen durch die Politik, betont die Denkschrift, habe zwar den Wettbewerbsdruck erhöht, von einem Sozialmarkt könne jedoch angesichts zum Teil planwirtschaftlicher Züge nur eingeschränkt gesprochen werden. Vielmehr bewegten sich die Träger Sozialer Arbeit in Deutschland in einem Dreiecksverhältnis zwischen Leistungserbringung, Markt und Staat. Sie seien einerseits Dienstleister und andererseits Anwalt für die Schwachen.

Im kostenorientierten Wettbewerb mit Arbeitsverdichtung und Beschleunigung stünden aber auch soziale Unternehmen »gelegentlich in der Gefahr, Hilfe- und Pflegebedürftige wie Mitarbeitende in erster Linie als Kostenfaktoren« zu sehen. Darum bedürfe es immer wieder der Vergewisserung über die Ziele und einer neuen Bestimmung der Aufgaben und Qualitätserwartungen. Die Träger der Freien Wohlfahrtspflege müssten aber auch »in ordnungspolitischer Verantwortung Kriterien für die Qualität sozialer Dienstleistungen sowie für ihre Finanzierbarkeit in die Gestaltung des Wettbewerbs einbringen« (Ziffer 119). Darüber hinaus betont die Denkschrift die verstärkte Notwendigkeit zivilgesellschaftlichen Engagements, wo der Kostenträger nicht (mehr) hinreichend Raum, Zeit und Mittel zur Begegnung zur Verfügung stelle, und setzt auf die Zusammenarbeit diakonischer Einrichtungen und Dienste mit Unternehmen. Denn der neuen Marktorientierung sozialer Dienste entspricht auf der anderen Seite ein neues soziales Engagement von Wirtschaftsunternehmen. Die Denkschrift hebt vor allem das überproportionale kulturelle und soziale Engagement von kleinen und mittelständischen Unternehmen im regionalen Kontext, die persönliche ehrenamtliche Mitarbeit von erfolgreichen Unternehmern sowie ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern an gemeinwohlorientierten Aktivitäten in der Gesellschaft hervor. Dabei macht in letzten Jahren auch in der deutschen Wirtschaftswelt ein Begriff Karriere, der für die soziale und ethische Verantwortung von Unternehmen steht: »Corporate Social Responsibility« (CSR). Die Denkschrift versteht CSR als eine Form des Dialogs, den jedes Unternehmen mit seinem gesellschaftlichen Umfeld führen muss, um dessen Bedürfnisse wahrnehmen und umsetzen zu können. Sozialpolitik und Wirtschaftspolitik bilden ein Handlungsganzes. Erfolgreiches unternehmerisches Handeln hat eine große Bedeutung für die Zukunft unseres Wohlstands und unseres Sozialstaats. Es kann aber politisches oder karitatives Handeln nicht ersetzen. Die Grenzen sind vielmehr überschritten, wenn alle Lebensbereiche einer rein wirtschaftlichen Betrachtungsweise unterworfen werden. Erforderlich sind politische Regelungen und unterstützende Rahmenbedingungen aufseiten des Staates, insbesondere eine angemessene Finanzierung öffentlicher Güter vor allem in den Bereichen von Bildung und Ausbildung, aber auch im Gesundheitswesen und in der Altersversorgung.



Anmerkungen
*
(1) Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 20. Juni 2008.

(2) Bürgerforum Soziale Marktwirtschaft. Bürger entwickeln ihr Bild einer zukunfsfähigen Gesellschaft, These 1.2., Seite 10.

(3) Zeitschrift »Zeitzeichen«, Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft, Ausgabe 10/2008.

(4) Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 30. Juni 2008, Seite 13.

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