Verpflichtet zur Selbstsorge Angewiesen auf Solidarität
Alte Menschen in der Kirchengemeinde
„Wenn ich das Sagen hätte, würde ein Staatssekretär für die Emanzipation von Menschen mit Alzheimer eingesetzt und die Politik träfe Vorbereitungen für die Demenz-Explosion. Dann stünden unsere Wünsche bei der Pflege im Mittelpunkt, und auch der Demenzkranke hätte das Recht auf Privatsphäre und Freiheit. Wenn ich das Sagen hätte, würde Ruhe-Medikation verboten ...“, fordert Stelle Braam in dem Buch, das sie zusammen mit ihrem Alzheimer-kranken Vater Rene geschrieben hat.1 Es ist ein Buch voll Respekt für diesen Vater, einen älteren Psychologen, und für seine Wahrnehmung der Wirklichkeit. „Alzheimerkranke haben viel zu sagen“, sagt Stella „man muss ihnen nur zuhören“: In ihrer Erzählung spüren wir seine Not, wenn Strukturen und Standards der Altenhilfe seine Selbstbestimmung brechen, wenn er mit immer neuen Bezugspersonen zu Recht kommen muss, von einem zum anderen weitergegeben wird - wenn man nicht mit ihm, sondern über ihn spricht. Wir wünschen uns mit ihm, einmal wieder selbst einkaufen zu gehen, einen Menschen zu lieben, nicht allein zu bleiben. „Gemeinsame Dinge helfen uns“, sagt er zu seiner Tochter, als sie ihm die 10 Forderungen aus dem gemeinsamen Buch vorliest.
Stella bezweifelt, dass die notwendigen Veränderungen in der Altenhilfe aus den sozialen Diensten selbst kommen. Eine Betroffenen- und Angehörigenbewegung sei vielmehr notwendig, meint sie ein Mentalitätswandel, der am Ende auch die Dienste verändert. Die stillschweigende Aussonderung der Gebrechlichen und Sterbenden aus der Gesellschaft der Fitten und Leistungsstarken müsse einer wirklichen Integration weichen. Ein Menschenbild, das im Wesentlichen auf Autonomie und Tätig sein ausgerichtet war, müsse um die Aspekte der Angewiesenheit und Vergänglichkeit ergänzt werden. Und die Pflege, die in den letzten Jahren auf ihre körperlichen Aspekte reduziert worden war, müsse wieder in ihren sozialen, psychischen und spirituellen Dimensionen gesehen werden.
Die Segregation zwischen Helfern und Hilfebedürftigen, zwischen Steuerbürgern und Transferempfängern, zwischen Betroffenen und Managern macht leider auch vor Kirche und Diakonie nicht halt. Seit Jahrzehnten beklagen wir die „Auswanderung der Diakonie aus der Kirche“, das Outsourcen professioneller Dienste von den Altenheimen bis zu den Diakoniestationen, das in den 60er und 70er Jahren mit dem wachsenden Wohlfahrtsstaat begann und in den letzten Jahren, in Zeiten des sozialen Dienstleistungsmarktes ihren Höhepunkt erreicht hat. Viele trauern noch immer um den Verlust der Diakonissen, die Motoren der Gemeindediakonie waren - vom Kindergarten bis zur Altenpflege, die ehrenamtliche Dienste begleiteten, und dabei eng mit dem Gemeindepfarramt verbunden waren sie knüpften ein breites, diakonisches Netz vor Ort, das mit dem professionellen Netz der Diakonissenanstalten verbunden war. Und sie kannten Familien und ihre Geschichte, soziale und geistliche Nöte und auch die privaten Lebenszusammenhänge, die auf den Kanzeln oft nicht thematisiert wurden. Tatsächlich erleben wir heute Gemeinden, die eher Angebote für die Lebens- und Freizeitwelt der Aktiven machen und Diakonische Dienste, die sich kaum noch von anderen professionellen Leistungen unterscheiden. Arbeits- und Lebenswelt scheinen nicht recht zusammen zu kommen. Und dennoch bin ich überzeugt: es bestehen gute Chancen, dass die getrennten Wege in neuer Weise zusammen führen. Entwicklungen in Pflege und Gesundheitswesen sprechen genauso dafür wie Veränderungen in Kommunen und Bürgergesellschaft auf dem Hintergrund des demographischen Wandels.
Solidarität neu entwickeln - Veränderungen in der Altenpflege
Wenn es nicht gelingt, das Gesundheits- und vor allem das Pflegesystem neu zu organisieren, könnte es in den nächsten Jahrzehnten zum Kollaps der Einrichtungen kommen - angesichts der schieren Zahl pflegebedürftiger Menschen. Zwar kursieren unterschiedliche Szenarien über die Pflegebedürftigkeit im Jahr 2040, aber auch vorsichtig gerechnet, ist anzunehmen, dass die Zahl der Leistungsempfänger in der Pflegeversicherung zwischen 2000 und 2040 um 61% steigt. Obwohl bereits jetzt ein Neuntel der Erwerbsbevölkerung in Gesundheits-, Heil- und Pflegeberufen tätig ist, hat Meinhard Miegel vor einigen Jahren vorgerechnet, dass sich der Anteil in den kommenden dreißig Jahren verdoppeln. Angesichts der demographischen Entwicklung wird das nicht mehr allein durch einheimische Kräfte zu gewährleisten sein. Bis zu einem Drittel Migrantinnen und Migranten arbeiten bereits heute in kirchlichen Pflegeeinrichtungen. Und die häusliche Pflege wird in hohem Maße von privaten Haushaltshilfen und Pflegekräften aus Osteuropa gestützt. Denn auch wenn noch immer 70% aller Pflegebedürftigen von ihren Angehörigen gepflegt werden: Die Zahl der potentiellen privaten Pflegepersonen seit langem rückläufig.
Das Pflegesetting der Zukunft kann deshalb nicht nur professionell und institutionell gedacht werden. Die Zeit der starken Grenzen zwischen Akut- und Behandlungspflege, stationären, teilstationären Einrichtungen und ambulanten Diensten, die Diktatur des Heimgesetzes, das die Einrichtungen nach außen abschließt und selbst die Mitpflege von Angehörigen erschwert, wird zu Ende gehen. Was kommen wird und muss, ist eine neue Kooperation zwischen Pflegefachkräften, Angehörigen und Freiwilligen.2 Die Flankierung von Pflegehaushalten und die Stabilisierung von Unterstützungssystemen müssen in Zukunft Priorität haben. Darum ist die zeitweilige Freistellung Erwerbstätiger für Pflegeaufgaben in der Familie der richtige Weg. Inzwischen gibt es in den ländlichen Regionen Mecklenburg-Vorpommerns Pflegende, die einen medizinischen Auftrag im „Basisgesundheitsdienst“ wahrnehmen und damit alte Traditionen der Schwesternschaften wieder beleben. Hier öffnen sich die Grenzen zwischen Medizin und pflegenden Berufen. Von allen Beteiligten wird mehr Professionalität, Flexibilität und Kooperation erwartet. Pflegende werden einen eigenständigen Beruf mit hoher fachlicher Qualität ausüben, sie werden Netzwerke bilden und Ehrenamtliche fördern und damit an manche Erfahrung der alten Gemeindeschwestern anknüpfen.
Als kürzlich eine Kollegin aus Bielefeld von ihrem Quartierspflege-Projekt berichtete, da habe ich sie gefragt, ob ihre Arbeit nicht sehr verwandt ist mit der der alten Gemeindeschwester mit Tracht und Häubchen. So eine Mischung aus Pflege und Angehörigenarbeit, aus Gemeinwesenarbeit und Begleitung Freiwilliger, eine Brücke zwischen Diakonie und Gemeinde. Ja und Nein, war ihre Antwort. Ja, weil es auch heute wieder um Vernetzung und Befähigung geht. Nein, weil die Erwartungen an professionelle Distanz gewachsen sind, und weil wir alle mit dem Bewusstsein arbeiten, Teil eines größeren Ganzen zu sein. Wenn einer nicht mit anderen kooperiert, sondern meint, das Ganze steuern zu müssen, gelingt es nicht. Offenbar passiert das gelegentlich in Kirchengemeinden, die früher Träger der Sozialstationen waren.
Vielleicht ist die Hospiz- und Palliative-Care-Bewegung ein Vorreiter für die Entwicklung, die in der Altenhilfe noch ansteht: Palliative Netze überschreiten die Sektoren und arbeiten auch in der Sterbebegleitung alter Menschen multiprofessionell mit Hauptberuflichen und Freiwilligen zusammen.3 Gerade hier, in der hochprofessionellen Intensivpflege wird interessanterweise deutlich, dass Professionelle allein ein Beziehungsnetz nicht aufrechterhalten können. Es braucht Engagierte im Team, in der Nachbarschaft, in Familie und Freundeskreis. Wo das gelingt, ist es auch wieder möglich, dass Menschen da sterben, wo sie gelebt haben wie es sich die Mehrheit der Menschen wünscht. Es sind diese Erfahrungen, die Dörner auf die Entwicklung des Dritten Sozialraums übertragen hat.
Freiheit ermöglichen eine neue Kultur des Miteinanders
Die soziale Struktur unserer Gesellschaft ist in einem grundlegenden Veränderungsprozess. Die Umbrüche auf dem Arbeitsmarkt, der demographische Wandel, die Krise der Sicherungssysteme und die Veränderungen von Familie und Geschlechterrollen verändern die Kultur des Miteinanders in unserer Gesellschaft. Einerseits steigt der Bedarf an sozialen, pädagogischen und gesundheitlichen Dienstleistungen in Erziehung und Pflege, andererseits stoßen Professionalisierung und Ökonomisierung personell wie finanziell an ihre Grenze. In dieser Situation schaut die Sozialpolitik aufs Quartier. Hier zeigen sich die gesellschaftlichen Prozesse von Vereinzelung und Benachteiligung.
Im Stadtteil fände sich „das Ensemble der Opfer“, hat der Theologe Ernst Lange schon in den 70er Jahren geschrieben, als er die Ladenkirche in Spandau gründete. Kinder und Alte, aber auch Hartz-IV-Empfänger und Asylsuchende Menschen also, die in Ihrer Mobilität eingeschränkt sind, sei es körperlich, sei es finanziell. Die Erfahrung zeigt aber auch: das Miteinander im Wohnumfeld hält ungeahnte Ressourcen bereit: „Hier wird konsumiert, auch öffentliche Meinung konsumiert, hier also gebildet und getragen, hier ist der Ort gegenseitiger Befreiung oder gegenseitiger Zerstörung in den Geschlechterbeziehungen, hier werden kleine Kinder erzogen oder deformiert, hier vereinsamen alte Menschen, grüne Witwen und enttäuschte Adoleszenten. Warum um Gottes Willen denkt die Kirche so gering von diesem Wirkraum?“, so Ernst Lange.
Inzwischen ist die Förderung „der sozialen und kulturellen Netzwerke“ im Stadtteil auch Thema der Stadtentwicklung. So spricht die „Leipzig-Charta“ von 2007 von „integrierter Stadtentwicklung“ hin zur nachhaltigen europäischen Stadt. „Wie müssen die Institutionen beschaffen sein“, fragen die Stadtplaner, „damit sie es den in ihnen lebenden Individuen ermöglichen, sich als Handelnde mit ihnen zu identifizieren? Wie sehen soziale Institutionen aus, die man als ´Verkörperung´ von Freiheit verstehen könnte?“ Ganz sicher anders als die Einrichtungen und Gemeinden, die wir kennen. Gerade im Alter brauchen wir Orte, wo kulturelle und soziale Angebote nahe liegen, wo der Kontakt zu anderen Generationen erhalten bleibt. Eine Nachbarschaft, in der man einander hilft. Eine Stammkneipe, wo man uns begrüßt. Einen Lebensraum, in dem die eigenen Fähigkeiten und Begabungen zum Tragen kommen Es geht dabei um Teilhabe jenseits der Erwerbsarbeit.
Längst haben sich Kommunen auf diesen Weg gemacht. So wie Arnsberg, eine der Bewerberinnen für den Deutschen Engagementpreis. Mit dem Konzept: “Mehr Lebensqualität im Alter“ will Arnsberg das bürgerschaftliche Engagement Älterer und das lebenslange Lernen fördern, Gesundheitsdienstleistungen quartiernah entwickeln und die Bedürfnisse älterer Menschen bei der Stadtentwicklung berücksichtigen und vor allem Kooperationen zwischen verschiedenen Partnern anregen. Partner aus der Freien Wohlfahrtspflege, der Wirtschaft, der Bürgergesellschaft sind dabei beteiligt. Die Maßnahmen orientieren sich am Leitbild der Bürgerkommune mit Dorf- und Stadtteilkonferenzen und mit Zukunftswerkstätten. Dazu gehört eine Seniorenakademie, die Fachstelle Zukunft Alter, aber auch das Projekt Demenz Arnsberg, das professionelle Angebote und zivilgesellschaftliche Netze verknüpft und auf Generationen übergreifende Projekte setzt. Arnsberg war soziale Stadt 2004 des Deutschen Städtetages und hat einige andere Preise bekommen. Außerdem hat die Stadt die LernWerkstatt Demenz aus der Projektphase in eine Regelfinanzierung gebracht.
Bildung und Engagement- unterwegs zur Bürgergesellschaft
Kirchengemeinden, diakonische Dienste und kirchliche Verbände sind das Herz der Bürgergesellschaft. Und ältere Menschen sind ihre Motoren. 22% aller über 65-jährigen engagieren sich in der Kirche- im Vergleich zu 13% in der Gesamtbevölkerung. Trotzdem wird die überdurchschnittlich hohe Beteiligung älterer Freiwilliger in den Gemeinden gelegentlich abgewertet. Es seien ja nur alte Menschen, hört man dann schlimmer noch: nur alte Frauen. Dabei werden gerade die jungen Alten inzwischen mehr und mehr umworben in Kultur und Bildungsarbeit, aber auch in sozialen Diensten. Anders als Menschen in der so genannten „Rush-hour“ des Lebens, in der Phase von Karriereorientierung und Familiengründung, können die älteren Bürgerinnen und Bürger ihre Erfahrung und ihre Freiheit einbringen, um den fragilen Zusammenhalt unserer mobilen Gesellschaft zu stärken. Gerade am Ende oder nach der Erwerbsphase tut sich die Chance auf, die ungelebten Seiten der eigenen Biographie zum Leuchten zu bringen. In der Auseinandersetzung mit dem gelebten Leben, auch mit seinen Schattenseiten, mit Verlusten, Scheitern und Endlichkeit, können neue Kräfte der Solidarität und Mitverantwortung wachsen. Und diakonische Freiwilligenagenturen und Einrichtungen der Erwachsenenbildung haben einen nicht unwesentlichen Anteil daran, wenn das gelingt.
Ältere Menschen in Gemeinden und Diensten der Kirche werden zu Begleitern und Mentoren. Als Freiwillige in Sozial- und Diakoniestationen leisten sie Nachbarschaftshilfe, bei „Rent a Grant“ arbeiten sie als Leihomas. Damit tragen sie entscheidend dazu bei, dass die Wohnquartiere wirklich lebendig und lebenswert bleiben. Selbsthilfe und Nachbarschaftshilfe sind wichtige Motoren für ein aktives Altern. Dabei spielen die privaten Erziehungs- und Pflegeleistungen, die familiären Unterstützungsleistungen im Haushalt, bei Wäsche und Einkäufen eine zentrale Rolle. Wo das Private sozusagen öffentlich wird, wo über die Kernfamilie hinaus neue Wahlverwandtschaften wachsen, weil Nachbarn oder Freiwillige mit zupacken, entstehen neue Netze, die Familien und Dienste verbinden und Generationen überschreiten. Diese Entwicklung kommt der Kirche sehr entgegen und fordert sie zugleich heraus. Denn Kirche ist von Anfang an eine erweiterte Familiaritas, in der die Älteren eine hohe Bedeutung für die Kultur der Gemeinschaft haben.
Um an solche Traditionen anzuknüpfen, müssen wir allerdings mit der versteckten Abwertung Älterer und vor allem älterer Frauen aufräumen. Es gäbe eine Reihe von biblischen Belegen, die man dafür zitieren könnte ich denke an das Elterngebot, aber auch an Simeon und Hannah, die voller Sehnsucht auf das ankommende Kind einer fremden Frau warten. Am wichtigsten aber scheint mir mit der Hochschätzung des Witwenamtes zu tun zu haben. Dabei ging es um den sozialen Beitrag dieser Frauen, die Belastungen erfahren hatten, Krisen kannten und gerade so anderen zur Seite stehen konnten. Transferempfängerinnen mit diakonischen Auftrag also.
Gemeinwesendiakonie entwickeln
Wenn Kirche soziale Orientierung geben will, wird es Zeit für neue Modelle der Verknüpfung von Kirche und Diakonie, von Gemeinde, Bildungsarbeit und sozialen Diensten. Im Augenblick stehen sie sich gegenüber wie Markt und Kommune, wie Staat und Wirtschaft. Mit unterschiedlichen Rechtsformen und Organisationskulturen: Der Druck einer durchorganisierten Arbeitswelt in den sozialen Diensten im Unterschied zur Lebenswelt-Orientierung der Kirchengemeinden, die Spannung zwischen ökonomisierter Marktlogik und steuerfinanzierten Gemeindesystemen, zwischen Beruflichkeit und Ehrenamt kann die Vernetzung erschweren. Diakonische Arbeit überschreitet die Ortsgemeinde mit ihren Zuständigkeiten. Sie schließt die katholischen Bewohner des Altenzentrums ebenso ein wie die Mitarbeitenden, die keine kirchliche Bindung haben - für Kirche mit ihren Loyalitätsrichtlinien oft eine schwierige Grenzüberschreitung. Kirchengemeinden dagegen sind in ihrer parochialen Struktur immer schon auf das Gemeinwesen bezogen. Pfarrerinnen und Pfarrer, Kirchenvorstände und Ehrenamtliche leben im Stadtteil, sie kennen Schulen und Vereine aus eigenem Erleben. Wo beides zusammen kommt, kann Neues entstehen Heimat auch für die, die nicht schon immer in einem Quartier zu Hause waren.
Entscheidend ist allerdings, dass Kirchengemeinden das gesamte Quartier, ja die Region in den Blick nehmen, in der sie arbeiten und leben mit ihren Altenwohnungen und Gesundheitsdiensten, mit Kommune und Wohlfahrtseinrichtungen und vor allem mit den Menschen, die dringend Unterstützung brauchen. Gebrechliche und Demenzkranke, Rentner mit kleinen Einkommen, die oft nur noch schwer Zugang zum Gesundheitssystem finden. Angehörige die oft bis an den Rand ihrer Kräfte Nächstenliebe üben, die vereinsamen und oft übersehen werden. In diesem Netzwerk kann die Gemeinde mit Freiwilligenbörsen zusammen arbeiten, sie kann Gruppen pflegender Angehöriger unterstützen und die Professionellen in den diakonischen Diensten seelsorglich begleiten. Sie kann mit der Pflegeberatung zusammenarbeiten und Mehrgenerationenhäuser tragen oder unterstützen. Die sogenannte Diakoniedenkschrift der EKD von 1998 mit dem Titel „Herz und Mund und Tat und Leben“, die zum 150-jährigen Jubiläum der Inneren Mission veröffentlicht wurde, hat ermutigt genau in diese Richtung zu arbeiten: es muss darum gehen, die Distanz zwischen Kirchengemeinden und Diakonischen Diensten zu überbrücken, die Kontakte zu den Betroffenen zu verbessern und ihre Bedürfnisse besser wahrzunehmen und schließlich die Vernetzung mit außerkirchlichen Initiativen zu stärken.
Kirchengemeinden als Caring Communities
Im geistlichen Zentrum für Menschen mit Demenz in Berlin ist das geschehen. Dort hat ein Sozialunternehmer ein Tanzcafé für Demenzkranke eingerichtet hat. Mit Musik, die zurück in die goldenen 20er und 30er führt. Auch Gottesdienst wird gefeiert: einfach, sinnlich und sehr lebendig. Menschen geben Zeit und setzen Phantasie ein, um ihn vorzubereiten und viele davon sehen darin ein Stück Lebenssinn. Arbeitslose, Hartz IV-Empfänger und Ältere haben hier ihren Einsatzort gefunden. Hier ist eine Gemeinde auf dem Weg zur Caring Community, zu einer Gemeinschaft der wechselseitigen Hilfe und Solidarität, zu der jeder sein Teil beiträgt. Denn alte Menschen im Quartier brauchen mehr als ambulante Pflege, einen Reinigungsservice und Essen auf Rädern. Sie brauchen vor allem Menschen, die sie an neuen Erfahrungen teilhaben lassen und alte wachrufen.
Karin Nell, die in der rheinischen Diakonie den Kulturführerschein entwickelt hat, hat dazu einige Anstoßfragen formuliert, die ich hier zitieren möchte:
„Woher nehmen wir im Alter unsere Lebensfreude, auch wenn wir mit großen körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen leben müssen?
Wie können wir uns die Welt nach Hause holen, wenn wir nicht mehr verreisen können?
Wie viel Heimat brauchen wir im Alter?
Wie finden wir zu unseren Wurzeln?
Wie lernen wir, loszulassen?
Welche Menschen werden bei uns sein, wenn wir sterben?
Und: Sind wir selbst bereit, uns für die gewünschten Veränderungen zu engagieren?“
Die letzte Frage ist wohl die wichtigste: unser Engagement, unsere Solidarität erwächst letztlich auf dem Wurzelboden unserer eigenen Bedürftigkeit, aus dem Wissen um unsere eigene Verletzlichkeit und Endlichkeit. Und umgekehrt: aus dem Vertrauen, dass wir, wenn es darauf ankommt, nicht allein sein werden, wächst die Kraft zur Sorge für uns selbst und für andere.
Gemeinden sind Orte eines Engagements, das über das hier und jetzt hinausgeht. Sie lassen uns spüren, dass wir in einer Geschichte leben, die unser eigenes Leben weit überschreitet, viele Generationen zurück und nach vorn in eine Zeit, wenn wir nicht mehr leben. Diesen offenen Blick zu erhalten, die eigenen Grenzen zu überschreiten, das braucht Unterstützung und gute Rahmenbedingungen.
Ich nenne abschließend 10 Empfehlungen für Kirchengemeinden, damit das gelingt:
- Kirchengemeinden sollten das Potential der engagierten Älteren neu schätzen lernen es sind mehr als im Schnitt aller anderen Organisationen, und es sind Menschen, die Lebenserfahrung und Lebenssinn weitergeben wollen.
- Sie sollten ihre Gemeindehäuser als Plattformen für die Begegnung der Generationen nutzen und immer öfter generationenübergreifend arbeiten.
- Kirchengemeinden sollten neu entdecken, welche diakonischen und auch pädagogischen Angebote es im Quartier gibt: vom Betreuten Wohnen über den Pflegedienst bis zur Familienbildungsstätte mit ihrer Angehörigenarbeit ; sie sollten Kooperationen suchen und Netzwerke entwickeln.
- Kirchengemeinden sollten ihre eigenen Einrichtungen generationenübergreifend vernetzen; die Tageseinrichtung für Kinder mit der stationären Altenhilfe oder dem betreuten Wohnen, die Konfirmandenarbeit mit dem Altencafe.
- Die Verantwortlichen sollten den Blick über Kirche und Diakonie hinaus ins Quartier richten: auf die Situation der älteren Bürgerinnen und Bürger, aber auch auf die von pflegenden Angehörigen, sie sollten offen sein für die Zusammenarbeit mit Ärzten und Pflegediensten, mit Chören und Reiseveranstaltern und allen anderen, die wichtige Knotenpunkte im Netz für ältere Mitbürger sind.
- Kirchengemeinden sollten mit ihren diakonischen und ökumenischen Partnern Seelsorgenetze bilden und dabei einen neuen Blick und eine neue Professionalität für die Lebenserfahrungen Älterer, ihre Lebensübergänge und offenen Fragen entwickeln.
- Kirchengemeinden sollten ihre kulturellen Schätze auch unter dem Gesichtspunkt von Heil und Heilung betrachten: Seelsorge, Kunst und Musik geben langen Atem und halten gesund.
- Gerade Gemeinden dürfen die Frage nach dem Tod und dem ewigen Leben nicht ausklammern: die Wahrnehmung unserer Zerbrechlichkeit und Endlichkeit kann dem Leben Tiefe geben.
- Auch Gebrechlichkeit darf nicht ausgeklammert werden es gilt Gemeinderäume niedrigschwellig zu gestalten - sowohl, was die Architektur angeht, als auch, was den Umgang mit Zeit und Ritualen angeht. Eine solche Haltung tut allen Generationen gut.
- Es ist an der Zeit, die Rolle der Ältesten neu beleben: viele Menschen suchen Mentoren und Ratgeber, die Lebenserfahrung, aber keine eigenen Aktien mehr im Spiel haben. Gemeinden könnten sie ausbilden und coachen.
- Und schließlich ein letztes Plus: Die Verantwortlichen müssen das eigene Alter in den Blick nehmen und eine bewusste Haltung dazu entwickeln. Nicht jeder muss zu jederzeit alles können. Auch im Team gilt es vielmehr generationenübergreifend zu arbeiten.
Cornelia Coenen-Marx, 6.10.10, Hannover
1. Stella Brahm, Ich habe Alzheimer
2 Beispiele dafür hat das Sozialwissenschaftliche Institut der EKD 2007 in der Dokumentation
des Projekts „ Das Ethos fürsorglicher Pflege“ dargestellt
3 Wie sich dieser Bereich nun auch in der Altenhilfe entwickelt hat, lässt sich nachlesen bei:
Andreas Heller u.a.( Hrsg.), Wenn nichts mehr zu machen ist, ist noch viel zu tun. Wie alte
Menschen würdig sterben können, 3.erweiterte Auflage, Freiburg 2007