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EKD Pressemitteilung 77/2012

Rente mit 67 – aus dem Job mit 55
Arbeiten im Alter

1.) „Schönen Feierabend“, ruft mir gelegentlich jemand nach, wenn ich abends das Büro verlasse. Dann denke ich – je nach Gemütsverfassung - an einen Kinobesuch, ein Glas Wein im Freundeskreis ,eine heiße Badewanne oder an ein paar gemütliche Stunden auf dem Sofa. Zugegeben, ich habe nicht immer Freizeit, wenn ich nach Hause gehe – oft tausche ich nur den einen Schreibtisch mit dem anderen. Aber die Minuten, in denen ich die Arbeit im Büro aus der Hand lege und den Computer herunterfahre, markieren eine Schwelle, und wenn ich mich ausstemple, beginnt eine andere Zeit. Feierabend – das klingt nach Freiheit und Selbstbestimmung .Und das kleine Hochgefühl, das damit verbunden ist, die Arbeit aus der Hand zu legen, koste ich gern ein bisschen aus. 

Aufhören ist eine Kunst, die man immer neu einüben muss. Am Abend, am Wochenende, bei einem Berufswechsel – und schließlich am Ende des Arbeitslebens. Ich kenne Ruheständler, die zunächst einfach weitermachen – sie beraten  eine andere Firma, arbeiten freiberuflich in ihrem Feld, halten Vorträge und genießen es, das Gleiche nun etwas ruhiger angehen zu lassen. Andere spüren sehr bald, was ihnen fehlt. Die Kollegen zum Beispiel .Die waren fast zur Familie geworden. Jetzt hat  plötzlich kaum noch einer Zeit. Die Dinge im Betrieb ordnen sich neu. So räumt man auch selbst auf , wirft manches weg und gesteht sich endlich ein, wie viel vergebliche Liebesmüh man sich gemacht hat. Und man fragt sich – wozu ?

Keine Stempeluhr und keine Akten mehr, weniger Emails und Anrufe  – was gestern noch wichtig war , verliert an Bedeutung. Und auch die eigene Bedeutung ändert sich .Manche fühlen sich jetzt leer und gestrandet, andere befreit. Jetzt endlich musst Du Dich nicht mehr beweisen – auch nicht vor dir selbst.Wer im Ruhestand ist, muss nicht mehr jung, stark und unverletzlich erscheinen. Er kann zu seinen Grenzen stehen und gelassen abwarten, was kommt. „Für mich endet im nächsten Jahr meine berufliche Tätigkeit“, schrieb eine Bekannte, die erst vor kurzem ihre Dissertation abgeschlossen hatte „Mal sehen, welche Aufgaben jetzt wieder auf mich zukommen! Jedenfalls freue ich mich auf die Zeit danach.“

2.) Arbeit, vor allem die Erwerbsarbeit , steht im Mittelpunkt unseres gesellschaftlichen Daseins. Die Philosophin Hanna Arendt hat das mit dem Begriff der Arbeitsgesellschaft zugespitzt. An der Arbeit hängt die Subsistenz des Einzelnen, an der Arbeit hängen auch unsere Sozialversicherungen, die in Deutschland bis jetzt als Umlagesysteme organisiert sind, aber zunehmend auch individuell finanziert werden müssen. „Emploayability“ heißt deshalb das neue Zauberwort in Europa. Arbeitsfähig zu bleiben, die eigene Arbeitskraft gut verkaufen können, aktiv zu sein – auch über den Ruhestand hinaus - ist ein wesentliches Ziel. Arbeit ist  Selbstverwirklichung und kann Anerkennung bringen, sie verbindet uns mit anderen Menschen. Deshalb soll jeder Mann und jede Frau das Recht haben, seine Existenz und die seiner nicht-arbeitsfähigen Angehörigen durch eigene Erwerbsarbeit zu sichern. Genau betrachtet geht die aktive Arbeitsmarktpolitik inzwischen darüber hinaus: jeder und jede hat die Pflicht, sich durch eigene Arbeit zu unterhalten und erst nachrangig das Recht, gesellschaftliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Damit verschwindet die so genannte Reproduktionsarbeit, die in Zeiten männlicher Vollbeschäftigung von Frauen geleistet wurde, mehr und mehr aus dem Blick der Gesellschaft. Die zähe Diskussion über das Ehegatten- und Familiensplitting, der Vorrang von Kindern aus erster und auch aus zweiter Ehe beim Unterhalt gegenüber den Ehefrauen, die Pflicht für geschiedene Mütter und Väter, nach den ersten Jahren wieder eine Arbeit aufzunehmen, sprechen eine deutliche Sprache: Politisch betrachtet denken wir nicht mehr im System Familie ( das Erwerbsarbeit und Reproduktionsarbeit umschließt), sondern ganz auf den einzelnen Erwerbstätigen ausgerichtet. Gleichwohl löst sich die Sorgearbeit natürlich nicht auf. Das Statistische Bundesamt hat schon vor längerer Zeit errechnet, dass ,rein quantitativ gesehen ,die Arbeit im Haus, in der Erziehung, im Garten, die Pflege- und Sorgearbeit sowie ehrenamtliche Tätigkeiten den Umfang der Erwerbsarbeit um einiges übertrifft. Die so genannte „informelle Arbeit“ ist die unabdingbare Voraussetzung dafür, dass Erwerbsarbeit überhaupt stattfinden kann – auch wenn diese klassische Frauenarbeit bei weitem nicht die Anerkennung erfährt, die ihr eigentlich zukommt. Jürgen Rinderspacher vom SI, der viel über diese Zusammenhänge gearbeitet hat, stellt deshalb fest: „Sich allein der Hausarbeit und Kindererziehung zu widmen ist heute genauso begründungspflichtig, wie es früher einmal, in kleinbürgerlichen Kreisen, die Erwerbstätigkeit der Ehefrau gewesen ist“.

Die Lebenserwartung einer gut ausgebildeten Frau beträgt inzwischen durchschnittlich 85 Jahre. Rechnet man Ausbildung und Studium bis zum 25zigsten Lebensjahr und den Eintritt ins Rentenalter mit 63 Jahren, so bleiben insgesamt 47 Jahre erwerbsfrei. Allerdings nicht arbeitsfrei: Vom Kindergarten über die Schule bis zum Studium und auch später im Alter wurde auf je altersspezifische Weise durchgehend Leistung verlangt. Erwerbsarbeit ist also, bezogen auf unsere Lebenserwartung, nur eine mehr oder weniger große Episode. Dies  galt lange Zeit für Frauen sowieso  es gilt aber heute auch für Männer. Ausbildungszeiten, Praktika, Arbeitslosigkeit, Erziehungszeiten – unsere Arbeitsbiographien werden zunehmend durchlöchert. Wir tun also gut daran, den Begriff der Employability um den des aktiven Lebens zu erweitern. Das könnte uns helfen, den demographischen Wandel nicht nur rein organisatorisch in den Griff zu bekommen, sondern die gesellschaftlichen Veränderungen, der ja auch die Rolle von Frauen und Familien betreffen, besser zu verstehen.

Vor Jahren feierte eine Kollegin die „halbe Rente“. Und jeder kennt die Frage: „ Wie lange muss ich noch?“  Dass wir also alle demnächst bis 67 arbeiten sollen, löst heftige Debatten aus. Jeder kennt die demographischen Prozesse, die dahinter stehen und die unsere Sozialen Sicherungssystem verändern werden. Sie werden fast wöchentlich in Talkshows diskutiert. Weil wir im Durchschnitt alle älter werden, verlängern sich die Rentenbezugszeiten. Hinzu kommt ,dass die Erwerbszeiten der heute Beschäftigten tendenziell kürzer werden – die goldene Uhr nach 50 Jahre Erwerbsarbeit, die man bekommen konnte, wenn man mit 15 die Lehre begann und mit 65 ausschied, bekommt heute niemand mehr. Denn niemand verlässt die Schule mit der Konfirmation. Schul- und Ausbildungszeiten sind länger geworden, die meisten Berufe verlangen mehr Qualifikation; die Chancen auf einen guten Lebensstandard sind für viele gestiegen- aber die Zeit in der Erwerbstätige in die Rentenkasse einzahlen, hat sich reduziert. Der erarbeitete Wohlstand muss also über eine längere Lebensstrecke verteilt werden. Hinzu kommt die bekannte Tatsache, dass immer weniger aktive Arbeitnehmer immer mehr Rentner „finanzieren“ müssen – und dass immer weniger Junge – jedenfalls in der Logik des geltenden Umlageverfahrens – immer mehr Alte mit ihrer aktuellen Arbeitsleistung ernähren – der so genannte demographische Faktor.

Beginnend mit meinem Jahrgang 1052 soll also das „normale“ Renteneintrittsalter für Männer und Frauen auf 67 Jahre heraufgesetzt. Was heißt aber „normal“? Die Gewerkschaften und zahlreiche Verbände haben dagegen massive Proteste eingelegt mit dem Argument, kaum jemand diese Altersgrenze faktisch erreicht, sodass es sich  im Ergebnis um eine Rentenkürzung handele. Also: Rente mit 67 – aus dem Job mit 55 Jahren. Denn der Arbeitsdruck steigt noch immer stetig: höhere Stückzahlen, mehr Kundenbesuche, wachsende Fallzahlen, mehr gefahrene Kilometer, kürzere Liegezeiten, mehr Umsätze. Das gilt für die Industrie wie für die Sozialwirtschaft. Wichtig, um standzuhalten, ist nicht nur die Professionalität, sondern auch die Fähigkeit, effizient zu arbeiten.

3.) Berufliche Leistung hat heute sehr viel mit der Prozess- und Ablauforganisation zu tun . Und die Zeitkompatibilität eines/r Beschäftigten, sagt Jürgen Rinderspacher, sei eine conditio sine qua non, eine unverzichtbare Voraussetzung für das Zustandekommen von beruflicher Leistung.Vier Zeitdimensionen müssen dabei, seiner Auffassung nach, in den Blick kommen:
a.) Die Extensität der Arbeit, also  die Dauer der Tages- und Wochenarbeitszeit, die derzeit wieder steigt. Sie wurde in Europa gerade auf 48 Stunden – höchstens 65 Stunden festgelegt. Hierhin gehört auch die Ausweitung der Betriebs- und Ladenöffnungszeiten bis hin zum Rund-um-dieUhr-Betrieb in Fabriken, in Büros oder Call-Centern und natürlich auch in Krankenhäusern und Altenheimen.
b.) Auch die Intensität der Arbeit ist erheblich gestiegen. Neuere  personalwirtschaftliche Konzepte arbeiten dabei weniger mit direkten Anweisungen, stattdessen werden Anreize durch Projektarbeit und Zielvereinbarungen gegeben.

3. Synchronizität ist zu einem Schlüsselfaktor geworden, nicht zuletzt die elektronische Vernetzung hat die Reaktions- und Integrationsgeschwindigkeit verkürzt. Kooperationsgeschäfte und Outsourcing sind an der Tagesordnung. „Just in time“ zu liefern wird immer wichtiger.

4.) Flexibilität ist auch deshalb das zweite große Zauberwort in Europa. Es hat viele Konnotationen. Zum einen geht es darum, dem Betrieb die Arbeit zur Verfügung zu stellen, wenn sie anfällt – also verfügbar zu sein. Die Wochenenden sind dabei nicht mehr tabu. Zum anderen geht es darum, den Job – auch innerbetrieblich zu wechseln, wenn neue Qualifikationen gefragt sind. Und schließlich, mobil zu sein, wenn Betriebsteile verlagert, Betriebe geschlossen werden.

Das alles macht es älteren Arbeitnehmen nicht leicht, die Leistung zu erbringen, die von ihnen erwartet wird. Die Mobilität zum Beispiel nimmt mit dem Alter deutlich ab. In den letzten Jahren hat man deswegen versucht, diese Lücke mit dem Instrument der Altersteilzeit politisch zu schließen. Altersteilzeit sollte eine Möglichkeit schaffen, den Jüngeren Platz zu machen, indem die Älteren den Betrieb früher verlassen. Sie sollte die Gesundheit der Beschäftigten schonen –  auf diese Weise auch die Kassen der Krankversicherung . Und sie sollte zugleich mehr Leistung und neue, bessere Qualifikationen in die Betriebe bringen, um diese unter dem Druck der Globalisierung wettbewerbsfähiger zu machen.

Tatsächlich hat die Altersteilzeit wesentlich dazu beigetragen hat, die Belegschaften in den Betrieben zu verjüngen, sie hat damit aber auch die Dynamik und den Leistungsdruck angeheizt. Das beste Beispiel dafür ist die  IT-Branche . Die dort erwartete Produktivität kommt wesentlich zu Stande durch Kreativität, durch zeitliche und räumliche Flexibilität und hohe Arbeitsintensität und nicht zuletzt, durch sehr lange Arbeitszeiten. Befristete Arbeitsverträge und Projektarbeit als Arbeitsform gehören zum Bild . Nicht nur in dieser Branche ist die Arbeit prototypisch auf junge, körperlich stabile und kinderlose Singles zugeschnitten. Angesichts des Fachkräftemangels in Deutschland scheint aber allmählich ein Umdenken einzusetzen. Lange Zeit glaubte man nämlich, in der Medien- und Wissensgesellschaft sei das Erfahrungswissen nicht mehr so wichtig wie die Bereitschaft zum dauernden Lernen, die übrigens nicht vom Alter abhängig ist. Heute wissen wir aber, dass darüber hinaus eben auch kulturelles Wissen und kommunikative Fähigkeiten , Orientierungswissen und Identifikation wichtig sind,  um gut zu kooperieren und trotz der Arbeitsmigration eingeführte Standards in einem Unternehmen zu halten. Arbeitsvermögen ist eben doch mehr als abgerufene Leistung.

Gerhard Wegner vom Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD versteht Arbeitsvermögen die qualifizierte Leistungsfähigkeit , von der gerade die Rede war, aber auch die ausgebildeten Fähigkeiten ( hier spielt Fort- und Weiterbildung eine große Rolle ), und schließlich die Summe der Lebenserfahrungen. Dieses Vermögen ist nicht von außen zu mobilisieren, aber dass es mobilisiert wird, setzt voraus, dass Menschen in ihrer ganzen Menschlichkeit gesehen werden. Für Ältere wie übrigens auch für pflegende Angehörige oder für erziehende Eltern sind dabei. kürzere Arbeitszeiten genauso wichtig die Möglichkeit, sich die Arbeit nach Maßgabe der eigenen, Befindlichkeit einzuteilen - bis hin zum gleitenden Übergang in den Ruhestand. Darum sind die Lehrer in Niedersachsen vor kurzem auf die Barrikaden gegangen, als sie per Verordnung gezwungen werden sollten, die angesparten Überstunden Zeit am Ende „abzufeiern“. Arbeit allmählich zurückfahren können, aber auch Phasen intensiver Arbeit mit Sabbatphasen wechseln zu können, das hat Zukunft.

4.) Überhaupt hängt viel davon ab, dass wir lernen, die modernen diskontinuierlichen Arbeitsbiographien als Chance zu nutzen, um möglichst lange gerne zu arbeiten. Noch nie waren Menschen so kompetent und selbständig wie heute, noch nie gab es auch so viele Möglichkeiten, sich selbst zu vernetzen und gut zu organisieren. Damit kann ein Zuwachs an Gestaltungsfähigkeit einher gehen. Eine Arbeitsgesellschaft erscheint am Horizont, die Raum bietet für Erwerbsarbeit, aber auch für die so genannte Care-Arbeit, die nun nicht mehr einfach zwischen den Geschlechtern aufgeteilt werden kann. Die Einführung des Elterngeldes einschließlich der Vätermonate, die Anrechnung von Pflegezeiten, der Anspruch auf eine unbezahlte Freistellung in der Zeit der Pflege- das alles sind Schritte in dieser Richtung; Schritte, die unser Bild von der Arbeit verändern.

Als kleines Mädchen habe ich erlebt, wie mein Vater sich ein Sabbatjahr nahm, um an einem Lexikon zu arbeiten. Die Familie zog um, rückte zusammen, und erlebte einen umtriebigen Vater mit großer Stetigkeit  am Schreibtisch, der zugleich Zeit hatte für die Erziehung der jüngsten Kinder. Damals war das eine große Veränderung- später eine große Ermutigung. Denn diese Auszeit wurde nach Jahrzehnten zum Fundament für einen ausgefüllten Ruhestand. Mein Vater kehrte an seinen Schreibtisch zurück und arbeitete an einer zweiten Auflage seines Buches. Seit dem bin ich überzeugt: Es lohnt sich, auch zwischendurch eine Auszeit zu nehmen, wann immer wir unsere Ziele neu definieren müssen. Wer seinem Leben eine neue Richtung geben will, muss auch einmal runter mit der Geschwindigkeit und vielleicht auch Gepäck abwerfen. Wir brauchen Sabbatphasen.

Mein Vater war Pfarrer und deshalb sicher privilegiert. Die höchste Lebensdauer, las ich kürzlich, hätten Beamte, Ministerialräte und Universitätsprofessoren- und bei den Frauen evangelische Pfarrerswitwen. Die werden im Schnitt 87.9 Jahre alt. Diese Statistiker wussten natürlich nichts von dem statistischen Wunder der Diakonissen. Mit ihrer noch längeren Lebensdauer fallen sie sogar aus den Sterbetafeln der Versicherungen völlig heraus , sie werden eben einfach zu alt. Woran das liegt, weiß keiner so genau. Ist es die Arbeit, das leichte Gepäck, die Flexibilität, oder Gemeinschaft, in der man sich lebenslang zu Hause fühlen kann?

Ich bin sicher: das statistische Wunder hat etwas mit dem Lebensstil der Schwestern zu tun. Vieles daran ist fast in Vergessenheit geraten: Die täglichen Morgen- und Abendandachten, das generationen- übergreifende Wohnen und der gemeinsame Mittagstisch, Sonntagsruhe und regelmäßige Einkehrtage - lauter Gelegenheiten übrigens, die Arbeit für eine Weile aus der Hand zu legen. In unserer globalisierten Welt mit ihren 24-Stunden-Diensten macht jeder seine eigenen Pausen, oder er macht eben keine, macht weiter bis zur Erschöpfung. Diakonissen aber machen Feierabend – und wenn ihre Kräfte nicht mehr ausreichten, dann gingen sie in den Feierabend. Untätig waren und sind die meisten trotzdem nicht Die Schwestern blieben schon immer aktiv und übernahmen Aufgaben, die eigentlich unbezahlbar sind.. Ich lasse mir bis heute Socken aus Kaiserswerth kommen. Und nirgendwo gibt es eine so tiefe Erfahrung in der Sterbebegleitung wie in den Feierabendhäusern.Aber ihre Arbeit war eben nicht nur Beruf – und sicher mehr als ein Job. Viele sind wirklich ihrer Berufung gefolgt .Auch bei 14-Stunden Tagen, bei immer neuen Einsätzen und Auslandsaufenthalten gehörten die Zeiten der Einkehr immer dazu. Ich glaube, das ist  das Geheimnis für ein waches und verantwortliches Leben.

4.) Die Freizeitforschung sprach eine Zeitlang von „Arbeit nach der Arbeit“. Darunter verstand man Tätigkeiten nach Feierabend und am Wochenende wie Hausarbeit, Gartenarbeit, Renovierungen, z. T. Erziehungsarbeit und vieles andere mehr. Inzwischen hat der Begriff einen neuen Klang. Arbeit nach der Phase des Erwerbslebens . Ein Freund, der sonst jedes Jahr zu Weihnachten ein Märchen herausgab, schrieb mir zu Weihnachten: „In diesem Jahr fehlte mir die Zeit zum Geschichtenschreiben“ . Dieses Jahr war auch für ihn eine Zeit der Veränderung und des Wandels“. Mit 60 Jahren hatte er seine verantwortliche Position verlassen – er wollte noch einmal etwas Neues beginnen. Jetzt engagiert er sich für die Zusammenarbeit der Ostseeanrainerstaaten –mein Freund ist beteiligt beim Aufbau des Hanse-Parlaments in St. Petersburg. „ Es ist ein wunderbares Erlebnis“, schreibt er, wie lebendig die historischen Wurzeln sind und mit welchem unerschütterlichen Vertrauen Menschen aus den unterschiedlichen Kulturkreisen der zehn Ostseeländer an der Verwirklichung dieses Traums mitarbeiten.“ Sein Brief sprüht vor Unternehmenslust. Man spürt, dass er endlich seine Träume verwirklichen, Visionen erden kann.

Ich kenne auch eine Ärztin, die mit Mitte 50 nach Afrika ging, um dort zu arbeiten. Sie baute aus, was sie früher in Ferieneinsätzen bei Ärzte ohne Grenzen erlebt hatte. In Ostafrika half sie, ein Krankenhaus nach westlichen Standards aufzubauen, was Labor und Operationstechnik angeht. Zugleich arbeitete sie viel mit den Frauen der Basisgesundheitsdienste zusammen. Meine Freundin blieb verschont von Dagnose- relevanten -Berechnungsmodulen und Rationalisierung im Gesundheitswesen. Sie lernte ein ganz anderes Verständnis von Krankheit und Heilung kennen. In charismatischen Gemeinden erlebte sie die Kraft der Gebete .Auf ihrer homepage fand ich einen ermutigenden Satz: „Alter ist eine einmalige und neue Form der Freiheit, die verstanden und gelebt werden will.“ Leute wie sie ,die sich neuen Entdeckungen stellen und zwischen Kulturen vermitteln wollen, haben sich kürzlich bei Misereor zusammengeschlossen. „Einfach anders altern“ heißt die Initiative von Menschen, die in ihrer dritten Lebensphase noch einmal aufbrechen, um eine gerechte Zukunft zu gestalten. Manche arbeiten in der Entwicklungshilfe , andere übernehmen diakonische Aufgaben. 

Natürlich muss man unterscheiden zwischen den verschiedenen Alternsgruppen. Die Situation der jüngeren Älteren, von denen ich eben gesprochen habe, ist geprägt von der „Noch-Erwerbsarbeit“, oder durch gleitende Übergänge. Mit der Heraufsetzung des Rentenalters erstreckt sich die Erwerbsphase künftig weiter ins Alter hinein. Ein Teil der Rentenbezieher wird darüber hinaus gezwungen sein, sich um einen Zuverdienst zu kümmern, so wie es heute schon in den Niederlanden der Fall ist- in 450 Euro-Jobs, in der Schattenwirtschaft. „Rüstige Rentner“ können anderen günstige Serviceleistungen für Handwerkerarbeiten, Einkäufe oder Hausverwaltung. Die alternde Gesellschaft wird eine arbeitende Gesellschaft sein – den Ruhestand in der Form, die wir kennen wird es wegen der rückläufigen Alterssicherung immer seltener geben. In einer Vergleichsstudie wurde kürzlich festgestellt, dass da , wo es kein feststehendes, gesetzliches Rentenalter gibt, Betriebe wie Arbeitnehmer weit länger in die Emplyoability des Einzelnen, in seine Fortbildung und Gesunderhaltung investieren . Die Vorstellung, dass man die letzten Jahre irgendwie durchhalten oder notfalls auch absitzen muss , ist wohl eher typisch deutsch. Das Festhalten an starren Altersgrenzen sollte deshalb auch bei uns einer Strategie Platz machen, die Menschen die Möglichkeit gibt, länger zu arbeiten, wenn sie sich dazu in der Lage fühlen und wenn die Unternehmen sie brauchen.

5.) Aber Geld muss nicht notwendig das Tauschmittel sein, wenn es darum geht, kleine Dienste zu erhalten. Immer mehr Netzwerke und Wohngemeinschaften entstehen, in denen sich Menschen mit ihren Fähigkeiten und „Schwächen“ ergänzen können. Tauschringe scheinen wieder an Bedeutung zu gewinnen. Der Kasseler Soziologe Heinz Bude erwartet für das Alter vor allem eine Neuentdeckung der Freundschaft und rechnet mit ganz verschiedenen Formen von Netzwerken, die sich im Alter stützen Insgesamt wächst ein neues Verständnis von Solidarität und Subsidiarität, erste Schritte in Richtung des von Klaus Dörner propagierten „ Dritten Sozialraums“ sind getan. Neue Gemeinschaften entstehen- und sie sind notwendig, damit wir uns auch mit Einschränkungen selbst erhalten und integriert leben können. Sie erinnern sich an das Geheimnis des langen Lebens bei den Diakonissen. Das Problem dabei ist das gleiche wie dort: das Netz muss geknotet werden, bevor wir hilfebedürftig sind.

„Unser Leben währet 70 Jahre, und wenn es hochkommt , so sind es 80 Jahre, und was daran köstlich ist, ist Mühe und Arbeit gewesen“, heißt es im 90: Psalm. Arbeit ist Einkommenserwerb und dabei oft Stress. Arbeit ist Selbstverwirklichung und Anerkennung durch andere und hat ganz eng mit Würde und Sinn unseres Lebens zu tun- weit über die Erwerbsarbeit hinaus. Arbeit ist nötig zum Selbsterhalt und dabei eben auch Mühe – mit zunehmendem Alter immer mehr. Aber auch die Organisation des eigenen Haushalts oder das eigenhändige Ausfüllen einer Banküberweisung wesentlich für das Selbstbewusstsein sein. Wenn die körperliche und geistige Spannkraft, aber auch die soziale Unterstützung , schwindet und das Netzwerk, das unser Leben getragen hat, rissig wird, mag es sein, dass wir die mühevollen Aspekte wieder besonders spüren. Aber Arbeiten im Alter bietet eben auch die Möglichkeit, die eigene Spannkraft zu erhalten und nach eigenem Rhythmus und selbst bestimmter Dauer zu arbeiten – jedenfalls dort, wo es sich um Hausarbeit, um Einkäufe oder Gesundheitspflege geht- ,also die viel beschworene Eigenverantwortung wirklich wahrzunehmen.

6.) Leider treffen alte Menschen noch immer auf zahlreiche Barrieren, die ihnen das Leben unnötig schwer machen. Das beginnt bei der Erreichbarkeit von Geschäften oder Briefkästen und endet nicht mit der  Geschwindigkeit von Ampelphasen oder Rolltreppen und der Ausstattung der  Wohnungen. Wir müssen mehr als bisher darüber nachdenken, welche Veränderungen notwendig sind, um die Arbeits- und Lebenswelt so zu gestalten, dass auch Ältere sich weitgehend selbst versorgen können. Und wir wissen längst, dass das auch dem Miteinander der Generationen dienen könnte – etwas Müttern mit Kinderwagen oder kleinen Kindern. Das Gesicht unserer Städte, unsere Ernährungsgewohnheiten, das Angebot für die Freizeitgestaltung, die Bildungsangebote und vielleicht sogar das Schönheitsideal werden sich verändern. Und hoffentlich auch unsere Wirtschaft. Schon heute stellen sich die Unternehmen auf neue Kunden ein - mit größeren, besser lesbaren Schildern an den Ladenregalen, festeren und höheren  Autositzen und Werbespots, die Alte nicht mehr krank und gebrechlich , sondern stattdessen als attraktive Grau- oder Weißhaarige zeigen. Mancher sagt, man entdecke die Generation Golfplatz statt der Generation Golf. Ob sich in dieser Ironie leise Kritik breitmacht, die Angst vor einer neuen Dominanz des Alters, die der Spiegel neulich unter dem Tiel „ Das Bonbon für die Alten“ groß in Szene gesetzt hat ? Auch die Reserviertheit gegenüber dem Alter ist eine der Barrieren, die wir überwinden müssen. Denn sie hat Rückwirkungen auf Jüngere- sie erhöht das Tempo in der Rushour des Lebens, in der wir möglichst alles unterbringen wollen.

Die längere Lebenserwartung bringt viele Herausforderungen mit - für den Einzelnen, der sich beispielsweise um seine private Altersvorsorge stärker als früher bemühen muss, aber auch für alle, die sich für den gesellschaftlichen Zusammenhalt verantwortlich fühlen. Dazu gehört auch die Kirche. Die Gemeinden werden sich durch die bevorstehende Veränderung des Altersaufbaus verändern. Eine steigende Zahl älterer Mitglieder hat jetzt die Möglichkeit ihre Zeit, ihre Erfahrung und ihr Wissen einzubringen. Schon jetzt sind die jungen, gut ausgebildeten Alten im kirchlichen und diakonischen Ehrenamt besonders häufig vertreten. Dennoch wird auch deren Arbeit noch immer nicht angemessen wertgeschätzt und spielt in der gesellschaftlichen Diskussion über das Alter kaum eine Rolle. Andreas Kruse, Gerontologe aus Heidelberg und Vorsitzender der Kommission für den Altenbericht der Bundesregierung, hat kürzlich geschrieben, unser Diskurs über das Alter sei ein „Belastungsdiskurs“, der sich vor allem um die Sozialen Sicherungssysteme drehe. Zu wenig würde berücksichtigt, dass ältere Menschen mit ihren ideellen, mit ihren zeitlichen, vielfach auch mit ihren materiellen Ressourcen einen großen Beitrag zur Unterstützung der jüngeren Generationen leisten- und dass dieser Beitrag noch größer sein könnte, wenn sie in gleicher Weise wie jüngere Bürgerinnen und Bürger Zugang zum öffentlichen Raum hätten.

7) Als Kirche sollten wir einen besonderen Blick haben für die großen Entwicklungs- und Veränderungschancen des Altwerdens. Endlich können die Prägungen aus der Erwerbstätigkeit aufbrechen, endlich können wir den sozialen Panzer ablegen und andere Aspekte der eigenen Person zum Zuge kommen lassen. Die Erreichung des sozialen Ziels, hat Karl Gustav Jung geschrieben, erfolge nämlich häufig auf Kosten der Totalität der Persönlichkeit. „ Viel, allzu viel Leben, das auch hätte gelebt werden können, bleibt vielleicht in den Rumpelkammern verstaubter Erinnerungen liegen, manchmal sind es glühende Kohlen unter der Asche.“ Was da liegen geblieben ist, vergessen oder auch verdrängt wurde – der Schatten-, kann nun noch einmal integriert werden. Jetzt kommt es nicht mehr darauf an, sich mit den Rollen zu identifizieren, die uns andere aufdrücken, jetzt können wir wirklich Person werden, wir selbst werden. Natürlich ist das nicht nur eine Entwicklungsaufgabe für Ältere – aber wann, wenn nicht jetzt.

Um diese Aufgabe anzugehen, brauchen wir, wie Andreas Kruse sagt, einen erweiterten Produktivitätsbegriff. Zur Arbeit des Leben gehört nicht nur Erwerbsarbeit, nicht nur das Engagement für andere, sondern auch die Auseinandersetzung mit dem eigenen Schatten und mit der eigenen Endlichkeit. Sie gewinnt im Alter zunehmend an Bedeutung. Allerdings brauchen wir dazu eine förderliche Umgebung- Freunde, Angehörige, die uns unterstützen und an uns lieben, was noch nicht erschienen ist. Kinder, die uns nicht auf bestimmte Rollen und Erwartungen festlegen. Und eine Kirche, die ihr eigenes Altersbild überprüft, die Auseinandersetzung mit Grenzen wertschätzt und alles dafür tut, dass Menschen auch angesichts ihrer Endlichkeit und Verletzlichkeit ein erfülltes Leben haben.

Ich habe am Anfang die Philosophin Hanna Arendt zitiert – mit dem Begriff der Arbeitsgesellschaft. In ihrer Schrift „ Vita aktiva oder vom tätigen Leben „ ( 1960) beschreibt sie auch, wie sie Handeln versteht – den Umgang mit Menschen in Wort und Tat, das Leben in einem Beziehungsgeflecht. „ Wenn ich spreche und handle, schreibt sie, gebe ich Aufschluss über mich und gebe mich aus der Hand.“ Das gilt, bis zuletzt. Das Beziehungsgeflecht, in dem wir stehen, prägt uns  – und wir prägen mit unseren Worten, mit unserem Lächeln, mit unseren Blicken das Leben anderer. Dabei entsteht erfüllte Zeit. Zeit, in der man nicht auf die Uhr sehen muss. Zeit, die uns reifen lässt.

„Unser Leben währet 70 Jahre, und wenn es hoch kommt, so sind’s 80“, heißt es in Psalm 90, „und was daran köstlich erscheint, ist doch Mühe und Arbeit gewesen.“ Das klingt ein wenig defätistisch. Aber so endet es nicht: Der Psalm ist ein Aufruf, uns unserem Alter und unserer Endlichkeit zu stellen und am Ende vor allem glücklich zu werden: „ Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden. Und: Fülle uns frühe mit Deiner Gnade, so wollen wir rühmen und fröhlich sein unser Leben lang.“

 

Cornelia Coenen-Marx

 

 

 

 

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