„Mit Gott und den Menschen reden

Aktuelles

Aktuelle Termine

Morgenandachten

Kompetent und qualifiziert: Wir engagieren uns

Management und Spiritualität

Bürgerschaftliches Engagement

Gute Pflege genügt uns nicht

Rente mit 67 aus dem Job mit 56

Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn

Modelle gesellschaftlicher Verantwortung

Kindheit in Deutschland

Von der Liebesanstalt zum Sozialunternehmen

Konsequenzen des demographischen Wandels für Kirche und Diakonie

Diakonie, Spiritualität und Gemeinschaft

Sozialwirtschaft aktuell– zur Unternehmerdenkschrift der EKD

"Arme habt Ihr alle Zeit" – zum Armuts- und Reichtumsbericht

Was muss drin sein, wenn Diakonie drauf steht

Artikel Finanzmarktkrise

Ehrenamt
Evangelisch
Engagiert

Pflegediakonie, Spiritualität und Gemeinschaften

„Kinder- und Jugendarmut und soziale Gerechtigkeit – der theologische Rahmen unseres Handelns“

Zukunftsfähige Marktwirtschaft: Aufbau von Vertrauenskapital

Die Bedeutung religiöser Bindung für das bürgerschaftliche Engagement

Präsentierte die Barmer Theologische Erklärung ein neues Kirchenbild?

Erfolgsfaktor Werteorientierung?!

Zivilgesellschaftliche Aspekte der Gemeinwesendiakonie

Verpflichtet zur Selbstsorge – Angewiesen auf Solidarität

Haltetaue der Sehnsucht

The Stellenbosch Consensus. 20 theses on Globalization

Diakonische Unternehmenskultur im Spannungsfeld von Auftrag und Mark

Spiritualität als Aufgabe diakonischer Bildung

Neujahrsempfang der Stadt Baunatal

Verpflichtet zur Selbstsorge

Kirche nimmt Arbeitswelt ernst
Gründung: Evangelischer Verband Kirche – Wirtschaft – Arbeitswelt

Systemwechsel des Gesundheits- und Pflegeversicherung

Wohnviertel sind Schlüssel für diakonische Arbeit

Humanisierung der Arbeitswelt

Diakonie soll sich vor Wirtschaftssprache hüten

Das Arbeitsplatzsiegel ARBEIT PLUS

Lust und Frust als Mitarbeiter im Garten Gottes

Horst Symanowski

Wir sind es wert – vom Wert der Pflege

Diakoninnen und Diakone in der Kirche der Zukunft

Impulse für ein gerechtes und nachhaltig tragfähiges Gesundheitssystem

Sozialethische Aspekte der aktuellen Gesundheitspolitik

Gerechte Teilhabe gestalten-
Armenfürsorge zwischen Sozialpolitik und social Entrepreneurship

Die stille Altersrevolution

Engagiert für das Leben – mit allen Generationen

Familie: Entwicklungen und Perspektiven

Familien stärken

Den Himmel erden

Anders wachsen – wie Jesus coacht

EKD Pressemitteilung 77/2012

Modelle gesellschaftlicher Verantwortung

„Freiheit in Verantwortung“ – so ist eine der zentralen Thesen der Denkschrift Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive überschrieben, die in diesem Sommer erschienen ist. „ Unternehmerische Freiheit in evangelischer Perspektive ist Freiheit vor Gott und den Menschen.“ In Abgrenzung zu einem individualistischen marktliberalen Freiheitsverständnis, das die bloße Nutzenmaximierung im Sinn hat, betont die Denkschrift unter Aufnahme von Luthers Schrift „ Von der Freiheit eines Christenmenschen“ den Zusammenhang von Freiheit und Bindung , Freiheit und Dienst. „Freiheit“, heißt es im Text, „ ist nicht auf die Wahlfreiheit des Individuums zu reduzieren, sondern als kommunikative Freiheit in Ver-Antwortung vor Gott und den anvertrauten Menschen zu verstehen.“
Bewusst – und selbst nach drei Korrekturgängen – ist der Begriff Verantwortung hier so geschrieben, dass der ursprüngliche Wortsinn noch zu erkennen ist: es geht um Antwort, es geht darum, sich den Fragen, Anforderungen, Aufforderungen eines anderen ganz und gar zu stellen, sich selbst mit dieser Antwort aus der Hand zu geben und dem Urteil eines anderen zu überlassen. Ohne Dialog gibt es also keine Verantwortung- und schon die Dialogbereitschaft an sich kann uns verändern. So verantworten sich Mitarbeitende vor ihren Chefs, Vorstände vor Aufsichtsräten, Unternehmen im Fall von Krisen und Konflikten vor ihren Kunden, Bürger und Organisationen vor Gericht – aber auch – und das fordert die Denkschrift ein- Arbeitgeber vor ihren Mitarbeitenden, Unternehmen vor der Gesellschaft. Gesellschaftliche Verantwortung ist aufs Ganze gerichtet. Deshalb ist sie eben nicht nur in Hierarchien und Linien eingebunden, sondern gilt auch dem Geringsten gegenüber, weil sie sich der gegenseitigen Abhängigkeit bewusst ist, die ohne wechselseitige Achtung schwer erträglich wäre. Aus diesem Grunde müssen die Gehälter der best bezahlten vor den Mitarbeitenden im Niedriglohnbereich gerechtfertigt werden. Aus diesem Grunde werden vernünftige Unternehmensleitungen die persönlichen Biografien und Lebensbedingungen wie das familiäre Umfeld ihrer Mitarbeitenden wahrnehmen, für ein gesundes Arbeitsklima, weiterführende Fortbildungsangebote und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sorgen und damit letztlich für Stabilität und Vertrauen sorgen, ohne dass auch wirtschaftliche Erfolge auf Sand gebaut sind.

Ver- Antwortung zielt aufs Ganze: aufs Ganze der Person, der Unternehmensentwicklung wie der Mitarbeiterfamilie, aufs Ganze der Gesellschaft, auf Stakeholder wie auf Share. Hinter dieser Herausforderung , die angesichts der Komplexität unternehmerischen wie politischen Handelns notwendig in Konflikte führen muss, steht letztlich eine existenzielle, ja eine religiöse Herausforderung. Es geht um die Verantwortung vor Gott, den Traditionen und Werten, in die unser Handeln eingebettet ist, dem eigenen Gewissen. Ja, auch im Dialog mit dem eigenen Gewissen, vor dem Spiegel sozusagen, wird Verantwortung entwickelt und geklärt. Die Unternehmensdenkschrift nennt anhand biblischer Texte existentielle Herausforderungen, auf die es zu antworten gilt: Die Gaben, die uns und anderen gegeben sind, wie sie in der Charismenlehre des Paulus beschrieben werden, die kluge Haushalterschaft im Umgang mit den anvertrauten Ressourcen, das Spannungsfeld von Leistungsgerechtigkeit und Bedarfsgerechtigkeit, wie es im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg beschrieben wird, und schließlich auch die Herausforderung, die Gottes Gerechtigkeit und seine Option für die Armen gegenüber unserer Suche nach Anerkennung und Gewinn darstellen. Verantwortung kann also nur gelingen, wenn wir bereit sind, die eigenen Werte und Erfolgsmaßstäbe vom Ganzen her immer neu in Frage stellen zu lassen – im Blick auf Fragen der Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit, aber auch im Blick auf die, die von uns abhängig sind, im Blick auf Gesellschaft und Politik.

Die Denkschrift zum Unternehmerischen Handeln ist an dieser Stelle nicht naiv, sondern benennt die Konflikte, die mit globalisierten Märkten verbunden sind. Beim Durchsehen für diesen Impuls ist mir aufgefallen, dass der Begriff Verantwortung, der im Anfang sozialethisch entfaltet wird, im Globalisierungskapitel unter dem Titel „ Wirtschaftliche und politische Verantwortung in Zeiten der Globalisierung“ wieder auftaucht. Hier wird betont, dass der tiefgreifende Strukturwandel, der mit weltweiten Absatzmärkten einhergeht, soziale Gestaltung erfordert – dabei geht es darum, die Leitlinien einer weiterentwickelten, öko-sozialen Marktwirtschaft und „Kriterien der gerechten Teilhabe und Inklusion weltweit zu verankern“.

Da ich aus dem Rheinland komme und in der Region gearbeitet habe, die vom Niedergang der alten Textilindustrie und den Unternehmen von Ruhrkohle und Stahl geprägt waren, weil ich in Wuppertal aufgewachsen bin, der Stadt von Friedrich Engels, wo viele Mittelständler bis in Kirche und Gemeinden hinein Verantwortung übernahmen, habe ich das Glück gehabt, verantwortungsvolle Unternehmer im Sinne der Weberschen Ethik kennen zu lernen. So konnte ich erleben, wie die Globalisierung zunächst die Textilunternehmen abwandern ließ und dann auch die Verbindung zwischen Gemeinden und Unternehmen lockerte. Und später dann auch die feindliche Übernahme von Mannesmann D2 durch Vodafone, die die Medien und Gerichte wie eine Symbolgeschichte beschäftigt hat. Für den Düsseldorfer Norden war Mannesmann, was Thyssen für Duisburg , Ford für Köln und Henkel für den Düsseldorfer Süden waren und zum Teil noch sind: Patriarchal geführte Unternehmen ( und das gilt trotz oder gerade mit der Montanmitbestimmung ), in denen die Mitarbeiterschaft als Betriebsfamilie verstanden wird und das Umfeld durch wirtschaftliche und politische Verflechtungen, aber auch durch Sponsoring in das Wohl und Wehe des Unternehmens einbezogen ist. Wohl auch deshalb ließ man sich in Düsseldorf Zeit, das Mannesmann D-2-Schild abzumontieren und durch die Marke Vodafone zu ersetzen: die Düsseldorfer Jonges, die Sportvereine und die Betriebsseelsorge hatten die Veränderungen , die mit den Wechsel vom rheinischen zum angloamerikanischen Kapitalismus ausmachten, schon längst zu spüren bekommen. Dazu gehörte auch, dass die Verflechtungen des wohl vertrauten korporatistischen Modells sich plötzlich als Filz entpuppten. „ Mängel und Fehler des alten Systems wie mangelnde Transparenz , ein Hang zur Kungelei und mangelnde Effizienz wurden in Politik und Medien deutlich zur Sprache gebracht“ , heißt es dazu in der Unternehmensdenkschrift. Ob wir das angesichts der Intransparenz und der beschleunigten Wertevernichtung auf den Finanzmärkten heute noch so schreiben würden, muss bezweifelt werden. Aber es geht weiter : „Die Dynamik des globalen Wettbewerbs erfordert eine neue ordnungspolitische Klärung der Rolle von Unternehmen in der sozialen Marktwirtschaft – und dies auch im Blick auf ihre Mitverantwortung bei der Gestaltung dieses Ordnungsrahmens. Damit ist auch die Verantwortung der Politik gewachsen, der Wirtschaft Rahmenbedingungen vorzugeben und ihre Einhaltung zu prüfen – eine Verantwortung, der die nationale Politik insbesondere mit internationalen Vereinbarungen gerecht werden muss.“ Dass das nicht nur politischen Willen braucht, sondern auch einen längeren , mühsamen Verständigungsprozess um die Rolle der internationalen Organisationen nötig macht, das erleben wir gerade. Vielleicht, so scheint es mir jetzt, zerbrach der Korporatismus nicht nur an der Dynamik der globalisierten Märkte, sondern auch an einer dynamischer und pluraler werdenden Gesellschaft, aus deren Mitte sich zu viele exkludiert fühlen : Frauen mit Kindern und anderen Erwerbsbiographien, Arbeitslose, Niedriglöhner, Leiharbeiter und Migranten und auch strukturschwache Regionen.
In diesen Zeiten eines globalen Veränderungssturms sehnt sich mancher zurück nach den Zeiten des rheinischen Kapitalismus der Nachkriegsgesellschaft , des Wohlfahrtstaats der 60er und 70er. Ich möchte jedoch nicht vergessen, dass die enge Verflechtung von Staat und Wirtschaft, die sich in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts gerade im Kartell von Kohle und Stahl an der Ruhr zeigte, auch ihre furchtbaren Schattenseiten hatte ,in die die Kirche mit eintauchte. Große Stiftungen und Krankenhäuser auf der einen Seite und Waffenindustrie auf der anderen gingen Hand in Hand , genauso wie die Mülheimer Oberin Schwester Auguste sich gern mit den Stiftersöhnen der Krupps und Haniels in SA-Uniform fotografieren ließ. Der obrigkeitliche Gestus, gepaart mit Fürsorge für die, die dazu gehörten – das war eben auch eine brisante Mischung. Sie fordert uns heraus, darüber nachzudenken, auf welche Gesellschaft gesellschaftliche Verantwortung zielt.

Mit diesem Typus der Unternehmen sind inzwischen auch die alten Diakoniewerke untergegangen und haben sich in soziale Unternehmen verwandelt. Und während die einen nach der Auflösung der selbstverständlichen Bindung an die Region neue Wege zu sozialer Verantwortung suchen, haben die anderen das unternehmerische Handeln neu entdeckt. Deutlicher als früher kommen CSR-Projekte in Unternehmen nun aber nicht fürsorglich daher, sondern werden im Rahmen der Unternehmensstrategie als zeitlich befristete Projekte mit selbständigen Partnern sehr genau definiert. Es geht dabei nicht wie ehedem um Abhängigkeit, sondern um einen bewusst geplanten Dialog mit dem gesellschaftlichen Umfeld und den Herausforderungen und Bedarfen, die dort sichtbar werden. Noch viel zu selten sind diakonische und soziale Unternehmen dabei Partner.

Das liegt nach meinem Dafürhalten daran, dass sie die gesellschaftliche Lobbyarbeit und das eingehen auf soziale Bedürfnisse zunächst selbst als ihre ureigenste Aufgabe definieren. Schließlich sind Gemeinwohlorientierung und Gemeinnützigkeit sind die Markenzeichen der Freien Wohlfahrtspflege in Deutschland. Allerdings hat der zunehmende Wettbewerb auf dem Sozialmarkt, der sich seit Ende der 80er Jahre angesichts einer veränderten europäischen Gesetzgebung und einer neuen Öffnung zu privaten Anbietern in Deutschland entwickelte, dazu geführt, dass Produkt- und Prozessorientierung, Effizienzkriterien und die Suche nach Synergien den Blick auf das Ganze und die Verantwortung für das Ganze zurücktreten ließen. Die Konflikte zwischen der so genannten unternehmerischen und der sozialanwaltschaftlichen Diakonie sprechen eine deutliche Sprache: es geht um die gesellschaftliche Verantwortung auch und gerade der Sozialwirtschaft. Es geht um Glaubwürdigkeit. Auch in sozialen Unternehmen wächst der Niedriglohnsektor, auch in Krankenhäusern kirchlicher Träger kam es nach Einführung von Fallpauschalen zu frühen , den so genannten blutigen Entlassungen, und nur die ganz großen mit einer guten Kapitaldecke können es sich nach dem Ende der kostendeckenden Pauschalen noch leisten, sich innovativ für ihre Region einzusetzen – neue, noch nicht durchfinanzierte Modelle auszuprobieren oder Freiwilligenzentren zu unterhalten , die nicht nur dem eigenen Unternehmen dienen. Auch die Zusammenarbeit mit der regionalen, kommunal finanzierten Diakonie hilft da nur begrenzt weiter: auch kommunale Träger, leiden darunter, dass freiwillige Leistungen angesichts des Wettbewerbsdrucks auf die Wohlfahrtsstaaten wie angesichts des demographischen und sozialen Wandels, der eine immense soziale Herausforderung darstelle, kaum noch finanzierbar sind.

Ich bin überzeugt davon, dass wir diese Herausforderungen nur bestehen, wenn es zu neuen, sektorübergreifenden Netzwerken kommt. Diakonische Unternehmen sind , wie die Sozialpolitik des Staates, in hohem Maße versäult und haben es mit differenzierten Kriterien und Standards in ihren unterschiedlichen Handlungsfeldern zu tun. Dabei steht oft keineswegs der vielbeschworene Kunde im Mittelpunkt. Vielmehr geht es darum, die Logik der Kostenträger bei der Leistungserbringung zu beachten. Wer unterschiedliche Hilfebedarfe hat, etwa alt und behindert ist, hat dabei schon ein Problem. Gleichwohl ist es einigen Trägern- vor allem in der Behindertenhilfe und in der Altenhilfe in vorbildlicher Weise gelungen, ihr Handeln tatsächlich am Einzelnen und seinen Bedarfen, aber auch am Quartier und den Möglichkeiten der Stakeholder dort auszurichten. Ich denke an Alsterdorf und Bethel, aber auch an das Johanneswerk in Bielefeld mit seinem Modell der Quartierspflege. Ich denke an Familienzentren und Mehrgenerationenhäuser, mit denen die privaten Nöte in die Öffentlichkeit zurück kehren. Diese Bewegung begann mit der Auflösung der Anstalten in den 70er Jahren und hat heute seinen Höhepunkt im Modell des Dritten Sozialraums, wie ihm Klaus Dörner propagiert. Dabei geht es darum, die regionale Verantwortung neu zu entdecken und die Grenzen gesellschaftlicher Sektoren zu überschreiten. Das heißt also: mit Unternehmen zusammen arbeiten, oder Tochterfirmen gründen, damit auch Benachteiligte und Menschen ohne Schulabschluss Arbeit finden. Mit Wohnungsbauunternehmen und Stadtplanung, mit der Wirtschaft zusammen arbeiten, damit Familienfreundlichkeit und Vereinbarkeit möglich werden und damit auch alte Menschen im Quartier versorgt werden können. Mit Tageseinrichtungen und Schulen zusammen arbeiten, damit behinderte Kinder integriert werden. Damit Menschen mit ihren Gaben und Einschränkungen volle und gerechte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben haben. Übrigens betont auch die EKD-Denkschrift „ Gerechte Teilhabe“, die der Unternehmerdenkschrift vorausging und vor allem Armut und Arbeitslosigkeit im Focus hat, die Notwendigkeit, Bildungs- Sozial- und Wirtschaftspolitik in Deutschland neu zu vernetzen.

In diesem Jahr haben Kirche und Diakonie anlässlich des 200.Geburtstags von Johann Hinrich Wichern wieder einmal auf die Anfänge von neuzeitlicher Diakonie und Innerer Mission in Deutschland zurückgeschaut. Auf die Initiativen und Bewegungen also, die ein wichtiger Motor zum entstehen sozialer Netze in den Zeiten der ersten Globalisierungswelle waren. Armut und Arbeitslosigkeit, prekäre Beschäftigungsverhältnisse, Vernachlässigung von Kindern und Kranken – das waren die Herausforderungen, auf die Männer und Frauen wie Wichern, Fliedner, Sieveking eine Antwort suchten. Sie schufen Krankenhäuser und Erziehungseinrichtungen, aber auch Quartierspflege und sozialen Wohnungsbau, sie bildeten aus und kümmerten sich darum, dass neue Formen von Gemeinschaft entstanden, wo Familien versagten. Wer auf die Erfolgsfaktoren dieser Bewegung schaut, der entdeckt viel Mut und unternehmerisches Denken, politische und soziale Netzwerke, die Kirche, Politik und Wirtschaft wie selbstverständlich einbezogen. Die Folie aber, auf der diese Initiativen wuchsen, war ein unmittelbares, biblisches Verständnis gesellschaftlicher Verantwortung. Das Gleichnis vom großen Weltgericht in Matth. 25 hat dabei eine entscheidende Rolle gespielt. Die Werke der Barmherzigkeit, wie sie in der kirchlichen Tradition heißen, Empathie und Solidarität schulden wir nicht nur den geringsten Brüdern und Schwestern – in ihnen begegnen wir Jesus selbst. Wer davor die Augen verschließt, Beunruhigung, Verunsicherung, Verantwortung abwehrt, bleibt in sich selbst gefangen – den eigenen Ängsten, dem eigenen Gewinnstreben. Das Gleichnis vom großen Weltgericht lässt die Anspruchsgruppen, mit denen wir zu tun bekommen, durchsichtig werden für Gottes Anspruch. Er ist der Herr des Weinbergs und der Hungernde am Wegesrand –ein ungeheurer Anspruch eigentlich.

Wichern war es wie Luther wichtig, dass unser Gott ein befreiender, frei machender Gott ist. Darum betont er die Bedeutung der freien Diakonie und des allgemeinen Diakonats – wir würden wohl heute sagen, der Nachbarschafts – und Freiwilligenarbeit. So notwendig nämlich die staatliche Sozialarbeit ist, so hilfreich die Finanzierung aus öffentlichen Kassen: die Einhaltung von gesetzlichen Vorschriften und Standards kann eben auch jene Bürokratie erzeugen, die persönliche Verantwortung hinter dem Einhalten von Regeln verschwinden lässt und jede Freiheit und Gestaltungskraft erstickt. „ Zwang verwandelt die Wohltat in ein Übel“ schreibt Wichern bei der Planung der Arbeit an der Bürgerhof –Siedlung. Neues entsteht -das gilt für Unternehmen und Märkte wie für soziale Bewegungen –, wo Menschen neue Fragen und Herausforderungen wahrnehmen und dann von ihren Gaben und ihrer Gestaltungskraft mutig Gebrauch machen. So entstand die Hospizbewegung, die sogar die Kraft fand, palliative Pflege in Krankenhäusern zu erzwingen und palliative Netze in den Quartieren. So entstanden einst Gefängnisreform und Psychiatriebewegung und heute die Wohngemeinschaften für Demente oder die Familienzentren. Tafelbewegung, Sozialkaufhäuser, Eine-Welt-Läden: am Beginn standen häufig Bürgerbewegungen und Unternehmensgründungen, ganz wie zu Wicherns Zeiten. Gesellschaftliche Verantwortung entsteht eben auch und vielleicht vor allem da, wo Bürgerinnen und Bürger Probleme wahrnehmen: soziale Schieflagen, Versorgungslücken oder auch Gerechtigkeitslücken. Wo der Staat noch früheren Mustern folgt und die Wirtschaft sich abzukoppeln droht, da bekommen es die Bürger am eigenen Leib zu spüren ; sie können und müssen zum Korrektiv werden. Für die Politik bedeutet das, neben Regeln eben auch Freiräume zu geben, damit Bürgerinnen und Bürger den Staat nicht länger als den patriarchalen Fürsorgestaat, sondern als Instrument ihrer eigenen gesellschaftlichen Entwicklung wahrnehmen können. Damit Subsidiarität sich in einer Gesellschaft, in der sich die Milieugrenzen wie die Grenzen zu den europäischen Nachbarn auflösen, neu entwickeln kann. Wo sich die gesellschaftlichen Säulen auflösen, das zeigt das Beispiel der Niederlande, da muss noch einmal neu um die gemeinsamen und tragenden Werte gestritten werden.

Dabei gilt es, die gemeinsamen Werte herauszuarbeiten, für die eine Gesellschaft steht, die öffentlichen Güter, die in die spezifische Verantwortung und Sorge des Staates fallen. Bildung, Sozial- und Gesundheitsfürsorge, aber auch Energieversorgung und Nachhaltigkeitsmanagement gehört ganz sicher dazu. In diesem Zusammenhang ist es spannend zu sehen, dass Stadtwerke nach manchen Leasing-Geschäften mit amerikanischen Versicherungen nun die Tugenden der Verantwortung neu entdecken: „Fairness. Zuverlässigkeit. Engagement.“ Das steht unter der Überschrift Tugenden derzeit in Hannover auf vielen Plakaten der regionalen Stadtwerke. „ Aus Leidenschaft für die Region“. Hier wird kommunale Verantwortung in Unternehmenswerten beworben und beschrieben – eine interessante Mischung.

Das legt zum Schluss die Frage nahe, in welchem Verhältnis denn solche Werte zu politischen Regulierungen und Gesetzen stehen. Ich bin überzeugt, dass es sehr klare Regeln geben muss, wo es um die Sicherung öffentlicher Güter, den Schutz der Lebens und den Respekt vor der Person, aber auch um die Stabilität der Finanzmärkte geht. In allen diesen Feldern suchen wir neue Orientierung. Zugleich aber dürfen wir nicht vergessen , dass Regeln im Namen von Freiheit, Gestaltung, ja auch von Nächstenliebe, gebrochen werden, wenn sie die Wirklichkeit nicht mehr treffen oder wenn Anreize dazu bestehen. Insofern braucht eine dynamische Gesellschaft eben auch ein gerütteltes Maß an Verantwortungsbereitschaft des Einzelnen bis hinein in die Politik. Reinhard Höppner, der mit seinem Buch „ Versucht es doch – 3 % reichen, die Gesellschaft zu verändern“ für politische Verantwortung wirbt, meint: „ In der Politik lautet die Frage ob nicht, ob ich mich morgens im Spiegel ansehen kann, sondern was am nächsten Tag in der Zeitung steht.“ Das gilt in gleicher Weise für Unternehmen und ihre Bilanzen. Leitlinien oder Qualitätskriterien können das kaum ändern. Die Prozesse, in denen sie erstellt werden, können aber wie politische Debatten Werte bewusst machen und Foren der Auseinandersetzung stellen. Kodices und Kontrakte haben darüber hinaus eine forensische Funktion als Berufsinstanz bei Normverstößen . Gleichwohl: der Präzedenzfall von morgen kommt nicht darin vor. Verfahrensregeln der ethischen Beratung nehmen deshalb Dynamik, Pluralität und Streit um Werte besser auf als jede Leitlinie. Nach meiner eigenen Erfahrung in unterschiedlichen Verantwortungsbereichen haben die ethischen Konflikte auch unterschiedliche Zielrichtungen : so geht es z.B. Verwaltungen geht es um die Kraft zu Innovation und Unterscheidung angesichts bestehender Gesetze, in Unternehmen um die sozialen Verpflichtungen bei schwankenden Gewinnaussichten, in einer Kirchengemeinde auch darum, die Gestaltungsspielräume vor den Mitgliedern zu verantworten.

Die Kirche hat in Deutschland Anteil an sehr unterschiedlichen Gesellschaftlichen Systemen – am Sozialmarkt wie am Bildungssektor, an Verwaltung wie Bewegungen im Gemeinwesen. Heute stehen wir auf allen diesen Feldern im Wettbewerb und ringen um Selbstbehauptung. Es geht aber um mehr. Es geht darum, die Chance zu nutzen, mit Menschen aus allen Verantwortungsbereichen darum zu ringen, dass sie sich den Herausforderungen stellen und trotz unterschiedlicher Teilaufgaben das Ganze im Blick behalten. Es geht darum, selbst gesellschaftliche Verantwortung wahrzunehmen und neue Kooperationen zu suchen – mit Schulen, mit Wirtschaft, mit Initiativen aus der Zivilgesellschaft. Vor allem aber geht es darum, Menschen zu einem erfüllten Leben zu helfen. In einer der vielen Fernsehdiskussionen um die Finanzkrise diskutierte kürzlich Fliege mit einem Versicherungsverkäufer, der forderte, Schüler sollten unbedingt noch mehr über Geld lernen. Und – wie hältst Du es mit der Religion , fragte in etwas Jürgen Fliege ? Angesichts des faustischen Pakts, der unsere Moderne kennzeichnet, bleibt das am Ende eine entscheidende Frage – auch im Blick auf unsere soziale Verantwortung.

Cornelia Coenen-Marx, Arnoldshain , 25.10.08

nach oben