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Zu den biblischen Gleichnissen, die mich immer neu inspirieren, gehört das Gleichnis vom großen Weltgericht – für mich die zentrale Geschichte der Diakonie. Schließlich enthält es die berühmten Werke der Barmherzigkeit, die schon in der frühen Kirche und bis hinein in die Bilderwelt des hohen Mittelalters diakonisches Handeln motivierten. Kranke besuchen, Sterbende begleiten, Hungrige speisen, Gefangene besuchen, Nackte kleiden. Wenn ich das aufzähle, stehen mir Menschen vor Augen: Martin, der den Mantel teilt, Elisabeth von Thüringen, die mit dem Brotkorb von der Burg hinunter zu den Armen geht. Florence Nightingale als Lady mit der Lampe in den Krankensälen auf der Krim. Mathilde Wrede, der Engel der Gefangenen, die sich mit ihren Schützlingen einschließen lässt. Und in diesem Jahr  natürlich Johann Hinrich Wichern, der für die Kinder von Sankt Georg Lebensgemeinschaften im Rauhen Hause gründete – Inseln, in denen Erziehung möglich war.

Es waren erweckte Christen wie Johann Hinrich Wichern und Amalie Sieveking in Hamburg oder Theodor und Friederike Fliedner in Kaiserswerth, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts an der Wiege der neuzeitlichen Diakonie standen. Damals brachte die erste Welle der Globalisierung Armut und Verelendung, Mobilität und neue Anforderungen der Arbeitswelt setzten die Familien unter Druck. Erziehungs- und Pflegeaufgaben kamen zu kurz. Die Kriminalisierung der unteren Schichten, die Aussichtlosigkeit in den Gefängnissen, der Mangel an Krankenversorgung für die , die sich keine private Pflege leisten konnten, die Hoffnungslosigkeit der Straßenkinder  das alles musste gläubige Menschen herausfordern. Nicht nur in Deutschland, auch  in England, Holland, Frankreich entstanden diakonische Initiativen, die sich schon bald ökumenisch vernetzten. Und das Gleichnis vom großen Weltgericht stand Pate, als die Innere Mission die Werke der Barmherzigkeit für die evangelische Kirche neu entdeckten. Sie scheuten sich nicht von den Orden zu lernen – von den Ritterorden und ihrem Pflegeethos, von den Vincentinerinnen und anderen. 

Aber weder Wichern noch Fliedner konnten bei der Gründung ihrer Einrichtungen  wissen, dass sie eine große Bewegung in Gang setzen würden: sie fingen klein an. Genau gesagt: sie öffneten die eigene Familie für andere und entwickelten von dort aus ein System professioneller Hilfen. Zwei Schwestern zunächst, zwei Brüder, eine kleine Gruppe, manchmal sogar ein Fehlgriff. Ihre Ideen boomten, weil sie Lösungen  für  drei große Nöte der damaligen Zeit boten: sie bildeten professionelle Unterstützungssysteme für Erziehung und Pflege aus, sie schufen Ausbildung und Arbeitsplätze für unverheiratete junge Frauen, für arbeitslose junge Männer, und boten ihnen damit einen geachteten Platz in der Gesellschaft, und sie schufen eine Gemeinschaft, die auf Zeit oder auf Dauer  Ersatzfamilie werden konnte.  Sie gaben also Antwort auf äußere wie auf innere Not, sie boten den Einzelnen Perspektiven und sorgten gesellschaftlich für Stabilität und – das war für ihn das Wichtigste – sie machten deutlich, wie das Evangelium Leben und Welt gestaltet. Diakonie, Innere Mission, Mutterhäuser und Bruderhäuser gaben eine umfassende und ganzheitliche Antwort:  sie waren Werke des Glaubens, diakonische Kirche und Lebenshilfe für Kinder, Armem, Kranke wie für die Schwestern und Brüder selbst. Sie waren Glaubens-, Lebens- und Dienstgemeinschaft und übten mit dieser Ganzheitlichkeit  eine ungeheure Anziehung aus. „ Ein Reich Gottes im Kleinen“. nannte Wichern das Rauhe Haus. Wer kam und mitarbeitete, fand Arbeit, bekam Sicherheit und Versorgung , vor allem aber einen Sinn. Viel verdienen konnte man nicht, aber das schien nicht so wichtig. „Man sagt, so eintönige Verrichtungen wie das Kämmen schmutziger Köpfe und das Verbinden abstoßender Wunden könnten nur die übernehmen, die darauf angewiesen sind, Geld zu verdienen“, schrieb Florence Nightingale, Fliedners Schwesternschülerin, im Jahr 1851 in ihr Kaiserswerther Tagebuch. „Die so denken, sollten einmal die Atmosphäre erleben, die ein Krankenhaus beseelt, das man als Schule Gottes ansehen darf, in der Patienten wie Pflegerinnen Gewinn davon tragen..“[1]

Das ist lange her. Wenn wir heute über Gewinne, Gewinnerwartungen und Erfolge reden, haben wir zunächst die materielle Seite im Blick. Aus den Liebesanstalten von einst – ja, so hießen die Werke tatsächlich – sind Unternehmen auf dem Sozialmarkt geworden. Das ist keineswegs verwerflich. Denn schon für den Erfolg der Gründerfiguren von Amalie Sieveking über Theodor Flieder bis zu Johann Hinrich Wichern war es entscheidend, dass es gelang, geistliche Impulse mit unternehmerischem Geschick und einer herausragenden Öffentlichkeitsarbeit zu verbinden. Genauso wichtig war allerdings, dass sie gute politische Kontakte ins Hamburger Bürgertum und ins preußische Königshaus hatten. Der soziale Protestantismus trug wesentlich dazu bei, dass in Deutschland am Ende des 19. Jahrhunderts ein Sozialstaat entstand, der den Einrichtungen und Diensten von Diakonie und Caritas Gestaltungsraum und politische Mitsprachemöglichkeiten bei garantierter Kostendeckung bot. Auch das ist nun schon lange her. Inzwischen setzen auch Staat und Kommunen auf Wettbewerb. Der Gesetzgeber baut auf die Gesetze des Marktes:  die Institutionenorientierung ist der Nutzerorientierung gewichen, statt langfristiger Beziehungen werden Produkte angeboten, verglichen und verkauft. Kassen wie Nutzer suchen den günstigsten, kompetentesten und effektivsten Anbieter im jeweiligen Sektor. Alles muss sich rechnen. Jede Handlung wird dokumentiert. Der Output zählt, die Wirkung wird evaluiert. 

Als Unternehmen auf dem Markt muss die Diakonie Kundenwünsche ernst nehmen, sie muss Mitarbeiter zielorientiert einsetzen und effizient wirtschaften. Damit geht die Versuchung einher, ökonomischen Erfolg  zu verabsolutieren und ethische Konflikte zu verdrängen – die Gefahr also, dem eigenen Auftrag untreu zu werden. Auch in diakonischen Einrichtungen werden Kinder mit Trisomie 21 abgetrieben. Es gibt auch diakonische Einrichtungen, in denen Demenzkranke zwar gut gepflegt, aber wenig Chance auf Aktivierung erhalten. In beiden Fällen spielen die finanziellen Aspekte eine wesentliche Rolle – sei es, dass man Patientinnen nicht verlieren will, sei es, dass die Personalkosten nicht ausreichen.  Das Dilemma ist: Von einem diakonischen Unternehmen erwarten die meisten Menschen mehr als nur fachlich gute und effektive Arbeit. Diakonie ist die soziale Arbeit der Kirche. Der Erfolg diakonischer Arbeit hängt auch davon ab , dass die Erwartungen erfüllt werden, die Menschen damit verbinden: dass  Menschen in ihrer Würde und in ihrer Not ernst genommen werden, dass Mitarbeitende Sinn und Gemeinschaft erfahren, dass Angehörige, Nachbarn und das Gemeinwesen in die Arbeit einbezogen werden. Eine überzeugende ethische Haltung und die Anwaltschaft für die Schwächsten gehört noch immer zum Profil der Diakonie. Und wir dürfen nicht darüber hinwegsehen, dass dieses Profil mit der Marktorientierung eines Unternehmens in Konflikt geraten kann. Ob es um das Leben der Ungeborenen geht;  um die Versorgung dementer Menschen oder um die schwierigen Fragen der Sterbebegleitung - es macht Mühe gemeinsam mit Patienten, Mitarbeitenden und Angehörigen um angemessene Problemlösungen zu ringen. Aber es ist nötig. Denn Diakonie ist eben doch noch mehr und etwas anderes als das, was Staat und Markt als Qualität der Sozialwirtschaft  definieren und garantieren.

Niemand möge sich einbilden, das seien moderne Probleme. Johann Hinrich Wichern hat vom dreifachen Diakonat gesprochen. Im bürgerlichen oder staatlichen diakonischen Dienst verwirklicht sich für ihn der Auftrag des Staates: Dazu gehören Gesetze und an Gesetze gebundene Finanzierungen. Angesichts des Abbaus sozialer Sicherungssysteme wissen wir heute: das gilt es hoch zu schätzen; es ist aber auch mit Abhängigkeit verbunden. Und die Gesetze des Marktes haben dabei ihre eigenen Versuchungen. Daneben gab es für Wichern den freien Diakonat, das diakonische Handeln jedes Einzelnen- wir würden heute sagen , das bürgerschaftliche Engagement. Alle Initiativen, viele Innovationen haben damit begonnen, dass Menschen tun, was noch nicht standardisiert und modularisiert ist. Wofür es noch keine Finanzierung gibt oder was niemand bezahlen kann. Freundschaft kann man nicht bezahlen.

Die Zeitschrift Chrismon hat in ihrem jüngsten Heft nach Wicherns Erben gefragt. Da wurde Christian Kratzer von Ärzte ohne Grenzen vorgestellt, Karlheinz Böhm von „ Menschen für Menschen“, Bernd Siggelkow von der Arche in Berlin , Ruppert Neudeck und viele andere. Die allermeisten begannen mit einer ehrenamtlichen Initiative. Manche haben inzwischen Einrichtungen und Ketten aufgebaut: die Archebewegung, die Malteser-Migrantenmedizin wachsen. Mir ist aufgefallen, dass viele von ihnen Aufgaben wahrnehmen, um die sich niemand reißt. Dienste anbieten, die nicht gut zu verkaufen sind. Illegale , obdachlose Menschen, jugendliche Straftäter – kaum Altenhilfe, keine Pflege. Aber Wicherns Erben haben Leuchtkraft – sie ziehen Engagierte an, die heute wie damals Sinn suchen in ihrem Tun. Und sie setzen hohe Standards. Mich begeistert zum Beispiel das Obdachlosenhotel „Reichtum 2“; mit seinen roten Teppichen und goldenen Bilderrahmen verbeugt es sich vor denen, die kommen. Jeder Mensch ist Gastfreundschaft und Schönheit wert.

Auch das ist Diakonie- ein kleiner Bioladen vielleicht nur neben dem großen Supermarkt. Aber doch auch eine Anfrage an die Angebote und Vertriebswege der Großen. An ihr Profil und ihre Hingabe. Wie kann man damit umgehen ? „ Diakonie sein“ – schrieb neulich jemand. Diakonie ist mehr als eine Dienstleistung oder ein Produkt, Diakonie ist eine Haltung.  Müssen also jetzt Mitarbeitende die zurückgehenden finanziellen Ressourcen der Träger mit ihrer Hingabe kompensieren ? Keine Frage:  Das Ringen der Träger um Wirtschaftlichkeit  und der Burnout der Engagierten sind zwei Seiten einer Medaille – und sie sind Versuchungen der Diakonie.

Johann Hinrich Wichern allerdings kannte neben der staatlichen und der freien Diakonie noch eine dritte Form: die Diakonie der Kirche.  Damit kann heute nicht nur die Kirchenkreisdiakonie gemeint sein, die selbst immer mehr zur Unternehmensdiakonie wird. Gemeint ist die kirchliche Verantwortung für das Soziale. Gemeint sind aber auch eigene Antworten auf die anstehenden Herausforderungen. Es ist klar:  die Kirche kann sich nicht damit abfinden, das Soziale an Staat und Markt zu delegieren. Allerdings steht sie dabei selbst heute auf dem Markt, auf dem Sinnmarkt einer pluralen Gesellschaft. Sie muss sich mit dem Anspruch des Evangeliums auseinandersetzen, in dem ihre Freiheit gründet. Sie hat weiterzusagen, was für Jesus zählt – ganz unabhängig von Angebot und Nachfrage. Seelsorge, Gottesdienste, Glaubensangebote müssen sich mit der Zeit verändern, im Kern aber richten sie sich nicht nach den Kundenwünschen. Die Gebote können neu interpretiert werden-  wegdiskutieren kann man sie nicht. Betrug und Korruption zerstören vertrauen. Spätabtreibungen töten lebensfähige Menschen. Der Tanz ums goldene Kalb führt nicht ins gelobte Land. Das muss gesagt werden, auch wenn es keiner hören will. Denn die Kirche hat ihren Auftrag nicht von ihren Kunden. Auch das hat allerdings seine spezifischen Versuchungen und Gefahren. Lange Zeit haben wir die Frage nach Mitgliedern, ja , die Mission aus den Augen verloren. Die Organisationsentwicklung hielt nicht Schritt mit dem , was dran war. Das hat sich in den letzten Jahren verändert. Ein neues Interesse an Religion  bei knapper werdenden Ressourcen lässt uns fragen, wie wir zielgerichteter und effektiver Arbeiten.

Das ist gut so. Denn eine Wahrheit, die nicht auf ihre eigene Wirkung bedacht ist, verliert ihren Handlungsbezug und ihre gesellschaftliche Relevanz. Eine Kirche, die ihrem Auftrag nachkommen will, die Menschen Orientierung für ihr Handeln und tragende Gemeinschaft geben will, braucht auch eine zielgerichtete Organisation. Institutionelles Selbstvergessenheit ist genauso gefährlich wie eine dogmatische Erstarrung und institutionelle Enge. Deswegen kann die Konzentration auf das  „ Kerngeschäft“ auch eine Versuchung sein. Denn es ist das Fruchtfleisch, das schmeckt, wenn wir Früchte essen -  auch wenn der Samen im Kern weiter gegeben wird. Was an der Kirche schmecken muss, ist auch ihre Diakonie. Um des Evangeliums willen darf Diakonie nicht alles  tun, was Gewinn bringt und erwartet wird . Und sie muss  Zeit und Raum geben,  damit auch Mitarbeitende ihre Motivation erhalten und immer neu entdecken können. Die Diakonie der Kirche braucht deshalb  Seelsorge,  Bildungsarbeit, Andachts- und Abschiedsräume und das Engagement ihrer Mitglieder. Sie braucht Geld und Zeit der Gemeinden.

Natürlich ist das ein Tabuthema in Zeiten der Sparzwänge und Fusionen. Aber nüchtern betrachtet zwingen die Pluralisierung der Gesellschaft und der Marktdruck auf diakonische Einrichtungen beide, Kirche wie Diakonie ,sich deutlicher zu profilieren und erkennbar zusammen zu rücken – das gilt für die Öffentlichkeitsarbeit, für politische Stellungnahmen oder auch für die Zusammenarbeit von Einrichtungen und Gemeinden auf Kirchenkreisebene. Paradoxerweise führt nun gerade die  Notwendigkeit verstärkter Kooperation auch  zu Abgrenzungen und bewussten Missverständnissen. Ich beobachte verschiedene Varianten des immer gleichen „ Schattenboxens“.  Man präsentiert  die eigenen Stärken und zeigt dem anderen, wie viel Nachholbedarf er hat. Bei Organisations- und Personalentwicklung, Qualitätsmanagement zum Beispiel kann die Kirche von der Diakonie lernen. Oder man führt den anderen mit seinen  Defiziten vor. So fordern wir als Kirche  zu Recht mehr spirituelles Profil, mehr ethische Orientierung in der Diakonie, ohne allerdings über die materiellen und personellen Ressourcen zu sprechen, die dafür nötig sind. Und das, obwohl der Markt sie nicht hergibt – auch , weil die Kirche dafür Kirchensteuern erhält. Eine noch raffiniertere , Variante des Schattenboxens ist, der Kritik zuvorkommen  und  sich selbst als „ die bessere Hälfte“ zu behaupten. Diakonie steht dann für die vergessene Ämtervielfalt der Kirche, für  interdisziplinäre Ethik, Legitimation der  Volkskirche - Kirche dagegen für die Anwaltschaftlichkeit als vergessene Seite der Diakonie oder für eine prophetische Sozialethik ohne Interessenbindung. Diakonie als dynamische Kraft ist  dann nahe an Wirtschaft und Zivilgesellschaft als den Zukunftssektoren , Kirche dagegen bewahrt Kultur, Tradition und Spiritualität in einer Welt der Ökonomisierung.

Als jemand, der dieses Schattenboxen seit langem kennt, sage ich: Das hat etwas , weil es uns die blinden Flecken zeigt. Aber wertvoll ist das nur, wenn anschließend eine gemeinsame Neuorientierung folgt.  weil sie die Bruchstellen und vergessenen Seiten von Kirche und Diakonie offen legt .Wenn dann keine gemeinsame Neuaufstellung folgt, verlieren wir Chancen. Kirchenmitgliedern, Freiwillige, Patienten und Kunden, Staat und Öffentlichkeit oder auch Menschen anderer Religionen verstehen es nicht mehr, wenn Kirche und Diakonie sich auseinanderdividieren. Und sie haben Recht. Denn die Herausforderungen, vor denen wir heute stehen, sind ähnlich groß wie die zu Wicherns Zeiten. Der weltweite Wettbewerb hat die Wohlfahrtsstaaten alle unter Druck gesetzt. Einer wachsenden Zahl von Menschen fehlen die Voraussetzungen einer echten Teilhabe an der Gesellschaft. Und die anderen sind oft in einem Maße in den Erwerbsprozess eingebunden, das sich kaum mit der Pflege von Älteren oder der Erziehung von Kindern kombinieren lässt.

In Stadtteil- und Quartiersarbeit , in Mehrgenerationenhäusern und in Pflegenetzen  arbeiten Kirche und Diakonie inzwischen an einer neuen Sozialkultur arbeiten. In Palliativarbeit und Sterbebegleitung öffnen sich diakonische Unternehmen für Freiwillige aus den Gemeinden, öffnen sich Gemeinden für neue Formen der Sterbebegleitung und Trauerarbeit. Bei den Impulstagen für Gemeinde und Diakonie in Mitteldeutschland ist zu spüren, wie inspirierend es sein kann, wenn Mitarbeitende in ihrem Dienst ernst genommen und in ihrem Glauben gestärkt werden, wenn aber auch geistliche und fachliche Angebote selbstverständlich ineinander greifen - unter Beteiligung von Bischöfen, Kirchenämtern und Diakonischen Vorständen. Es gibt viele Erfolgsmodelle, und es wären noch mehr zu entwickeln.  Zum Beispiel  ein Curriculum diakonischer Bildung  für  Schule und Jugendarbeit, das die neuen Chancen der Ganztagsschulen nutzt.  Oder auch verbindliche Bausteine für die diakonische Bildung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wie sie in Kassel gerade entwickelt werden. Interdisziplinäre Angebote für diakonische Führungskräfte, aber auch ein kirchlich-diakonischer Update für Aufsichtsräte. Oder ein gemeinsames Freiwilligenengagement, wie es Kirche und Diakonie in Hannover entwickeln. Wer die Chance hat, sich umzuschauen, der sieht; es fehlt  nicht an guten Beispielen und neuen Ansätzen.  Wo Kirche und Diakonie zusammenarbeiten, werden nicht nur Kräfte gebündelt und Synergien erreicht – es kommen auch zwei unterschiedliche Perspektiven zusammen. Wahrheit und Wirksamkeit, Auftrag und Markt. 

Mag sein, dass dabei Reibung entsteht, aber eben auch Kreativität. Es wächst die widerständige Kraft, die Wahrhaftigkeit, die für gesellschaftliche Veränderungen notwendig ist ,der klare Blick, der das Elend sieht, die Liebe, die wirksame Hilfe bringt, kommt zusammen mit dem Glauben, das wir selbst geliebt sind, auch wenn wir nicht viel tun können. So gewinnen Menschen die Motivation, die sie brauchen, um durchzuhalten, auch wenn der Druck groß wird. Wahrheit und Wirksamkeit, Glaube und Liebe erhellen sich gegenseitig. Davon erzählt auch das Gleichnis vom großen Weltgericht. Da gibt es die einen, die die Barmherzigkeit tun. Aus humanistischen Motiven, würden wir sagen - einfach um dem Leben zu dienen. Um das Leid zu mindern. Und es gibt die anderen,  die nach Gott fragen und auf den Herrn warten. Und die in ihrer Suche nach Religion blind dafür sind, dass Gott  ihnen längst begegnet ist: in den Hungrigen, Kranken, Nackten. In den Gefangenen. Spät gehen beiden die Augen auf, zu spät vielleicht. Damit uns das nicht passiert, erzählt Jesus diese Geschichte. Glaube und Liebe gehören zusammen. Und manchmal, oft sogar, entdecken wir die Wahrheit des Glaubens im Tun. Dass Sie diese Erfahrung immer neu machen, das wünsche ich Ihnen. 


Cornelia Coenen-Marx,  Köln, 19.9.08



[1] Quelle ? FN-Biografie..


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