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Management und Spiritualität
In der jüngsten Veränderungsprozessen, die in vielen Fällen erst in Angriff genommen wurden, als die Sparwelle hereinbrach, sind Führungskräfte doppelt gefordert. Zum einen, was Strategie und Managementaufgaben angeht, zum anderen aber auch im Blick auf Partizipation und Glaubwürdigkeit. Gelingt es, die Mitarbeitenden und Gemeindeglieder zu hören, Kritik und Beschwerden ernst zu nehmen, die Bruchstellen nicht zu verkleistern? Oder nutzen wir Management-Tools und Zahlen, um Distanz herzustellen? Haben die Ambivalenzen, Widersprüche, Enttäuschungen ihren Platz in den Entscheidungsprozessen, oder werden solche Gefühle unterdrückt und auf morgen verschoben? Lebendigkeit und Augenhöhe Spiritualität und Gemeinschaft sind Kriterien, an denen Menschen messen, ob Botschaft und Gestalt der Kirche einander entsprechen. Neben der Managementanforderung an das Gelingen von Prozessen kommt deshalb auch die geistliche Erwartung ins Spiel: in der Leitungsperson einem Menschen zu begegnen, der auch in schwierigen Phasen Spiritualität und Gemeinschaft lebt und damit Vorbild ist.
Ernst Lange, der in diesem Jahr 80 geworden wäre, war der Auffassung, der Geist Gottes „wirke in den Fugen“.1 Wer ein geistliches Leitungsamt inne habe, habe deshalb dafür zu sorgen, das in den innerkirchlichen und gesellschaftlichen Dialogen auch die Kritiker zu Wort kommen - er oder sie ist aber auch die Chairperson des Palavers; Übersetzerin, Makler, Unterhändlerin und sei gerade so der Repräsentant, die Repräsentantin der ganzen Gemeinschaft, die sich in der Liebe Christi gründet - jenseits aller Strukturen und Hierarchien, Finanzmittel und Ämter.
Was wird bleiben, wenn wir aus einem Amt ausscheiden, einen Arbeitsplatz verlassen, zurückschauen auf Funktionen, Erfolge und Misserfolge? „Was bleibt, ist die Frage: Wo sind die Menschen?“, sagte neulich ein befreundeter Chefarzt beim 75. Geburtstag eines Diakoniechefs; und es waren viele Wegbegleiter gekommen. Ich sehe es ähnlich: Bleibende Freundschaften zu Menschen aus anderen Berufsgruppen und Kontexten helfen mir auch im Dienst, die Perspektive der anderen in Veränderungsprozessen einzunehmen. Der offene, geschwisterlicher Austausch jenseits von Funktionen und Programmen, das Nachdenken auf der Basis gemeinsamer Glaubenserfahrung ist die Hefe im Teig kirchlicher Entwicklungsprozesse. Es mag und muss vielleicht einzelne Entscheidungen und Härten geben, bei denen wir Menschen vor den Kopf stoßen und verlieren mir jedenfalls ist es in allen Phasen meines Berufsweges so gegangen. Aber das schmerzt mich, vor allem da, wo Versöhnung nicht mehr möglich ist. Anders als in Wirtschaftsunternehmen, in denen die Verantwortung für Mitarbeiter und Kunden produkt- und zeitgebunden ist, glaube ich nämlich, dass uns diese Frage begleiten wird: Wo sind die Menschen und Wo ist Dein Menschsein.
Wie gehst Du im Angesicht des ganz anderen, wie gehst Du unter der Perspektive des Menschensohns mit Leiden, Druck, Konflikten oder offenen Fragen um? Wie gehst Du damit um, dass Du Menschen allein lässt, nicht begleiten kannst, enttäuschen oder entlassen musst, dass Du anderen und oft auch Dir selbst nicht gerecht wirst? Kühl auf Distanz zu gehen, sich hinter der Institution, dem Juristen aus dem Amt, der Ökonomie zu verstecken, ist da keine Lösung. Die Kunst besteht darin, auch in solchen Situationen aufmerksam und präsent zu bleiben, ohne sich darin zu verlieren. Meines Erachtens geht das nur, wenn ich die Menschen, mit denen ich umgehe, auch vor Gott bringe. Meine Kaiserswerther Schwestern hatten Fürbittenlisten. Ich habe immer eine kleine Liste der Menschen, die im Augenblick meine Unterstützung brauchen, denen ich dankbar bin, die krank sind, die feiern. Kleine Zeichen der Aufmerksamkeit zeigen, dass es um mehr als eine Beziehung auf Zeit geht.
Lange schreibt: „ Die Liebe Christi ist das, was bleiben wird, wenn alles andere vergeht. Es wird vergehen die Kirche mit ihren Organisationen, mit ihren Arbeits- und Lebensformen, mit ihrer Lehre und ihrem Dienst, mit ihrer Schwachheit und ihrer Kraft, und die Welt mit all ihrer Macht über den Menschen und über die Dinge, mit ihrer Wissenschaft und ihrer Gläubigkeit, mit ihrer Humanität und Unmenschlichkeit.“2 Diese Sätze sind mir eine große Hilfe, wenn ich an meine Grenzen stoße. Und sie erinnern mich daran, dass ich mit den Menschen, die mir anvertraut sind, vor dem Angesicht Christi stehe im Gericht und in der Gnade.
Referenztexte und Orientierungskoordinaten : Die innere Achse -
„ Die Arbeit ist für viele Menschen der Ort, an dem sie sich selbst verwirklichen möchten- und zugleich der Ort, an dem die Auswirkungen von Beschleunigung, Rationalisierung, Globalisierung großen Druck ausüben. Die Anpassung an diese Bedingungen fordert Reflexion und Verantwortung. Zum einen müssen wir unseren Referenzwert, die Orientierungskoordinaten für unser Leben ständig überprüfen, zum anderen müssen wir Aufmerksamkeit für die Gefahr der Erschöpfung entwickeln“, schreiben Unger und Kleinschmidt in ihrem Buch : „ Bevor der Job krank macht“. Ich denke, das gilt für uns als Theologinnen und Theologen, die zugleich Mitarbeiterverantwortung haben, in besonderer Weise. Denn die Koordinaten, auf die wir uns beziehen, enthalten die Referenzwerte der Gemeinschaft, für die wir verantwortlich sind. Wir werden von anderen daran gemessen das kann Druck erzeugen - und wollen doch selbst darin Kraft und Hilfe finden. Eine paradoxe Situation, die zu Erschöpfung und Entfremdung führen kann, wenn wir nicht selbst die entlastenden Seiten entdecken.
Wer in der Kirche leitet, muss zudem im Blick haben, dass der Herr der Kirche zugleich der Störfall der Institution sein kann. Von ihm heißt es, er habe die Welt überwunden - und damit unsere Vorstellungen über Status, Hierarchie, Macht- und Ressourcenverteilung . Die Unterscheidung von Person und Werk, die Rechtfertigung des Sünders, das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen machen klar: Erfolg und Gelingen bleiben unverfügbar, wo es darum geht, Menschen mitzunehmen auf den Weg des Evangeliums. Es ist von Anfang an klar, dass wir uns mit unseren Zielsetzungen und Leistungen dabei selbst im Weg stehen können.3 Fehlerfreundlichkeit und Offenheit im Umgang mit Konflikten, die Bereitschaft, Kritik anzunehmen und sich selbst zu korrigieren, Neugier und Offenheit ohne Angst vor Verwundbarkeit sind also wesentliche Voraussetzungen für ein vertrauensvolles und produktives Klima, aber auch für die Glaubwürdigkeit geistlicher Leitung.
Die biblischen Texte zu Führungsthemen sind samt und sonders dazu angetan, unsere vernünftige Praxis in Frage zu stellen und zu überholen: Man denke nur an die Arbeiter im Weinberg oder den Zusammenhang von Kirche und Diakonie in der Apostelgeschichte. Als Leiterin eines diakonischen Unternehmens war ich oft in der Situation, schier zerrissen zu werden zwischen solchen Texten und meiner Verantwortung, vor allem, wenn es um Land und Immobilien, die Arbeitsplätze der Ärmsten oder die bittende Witwe ging. Und dennoch gilt es diese Texte zu schützen vor dem Flachreden, Beiseiteschieben, vor unserem eigenen Missbrauch. Und so zu predigen, dass darin der Zuspruch und Anspruch des Evangeliums auch uns selbst gegenüber sichtbar wird. Die Gewohnheit, sich für Andachten und Predigten mit biblischen Texten auseinander zu setzen, kann eine große Hilfe sein, sich immer neu zu konfrontieren, offene Fragen zu bearbeiten und dabei die Brüche nicht zu leugnen.
Ganz ähnlich ist es mit der Gestaltung von Ritualen. Dorothea Echter, die ein Buch über Rituale im Management geschrieben hat, sieht darin eine Möglichkeit, „ den Erfolgsfaktor Nummer Eins in Unternehmen, die Menschen, ganz neu und anders in den Mittelpunkt zu stellen.“4 . Rituale können Komplexität reduzieren, Abschiedsprozesse und Übergänge gestalten, Dankbarkeit zum Ausdruck bringen, Wachstum ermöglichen wer wüsste das besser als wir? Sie können darüber hinaus mitten in Brüchen das Gemeinsame sichtbar machen, die Situation in einen neuen Rahmen stellen, das Ganze wieder an den Koordinaten ausrichten. Sie helfen, dran zu bleiben, nähren und geben neue Energie, indem sie kurze Unterbrechungen ermöglichen. Mit Ritualen lassen sich Erfolge feiern, wir können sie nutzen, um Feedback zu geben, ein Team zu bilden und zu steuern. Natürlich fehlt es uns nicht an Ritualen von der Morgenandacht über Geburtstagsfeiern bis zu Einweihungen und Abschieden. In der Gestaltung von Räumen, im Umgang mit der Zeit, in der Begegnung mit den Familien von Mitarbeitenden, in persönlichen und institutionellen Übergängen, beim gemeinsamen Essen und Trinken erkennen wir vielleicht eine spezifisch kirchliche Kultur. Mir hat Dorothee Echter geholfen, kritisch hinzuschauen, wie wir sie nutzen: Wird Dienstgemeinschaft gestärkt, werden Erfolge gefeiert, wer wird persönlich benannt, gibt es Anregungen für den persönlichen Alltag? Echter kennt Dankes- und Vertrauensrituale, Teambuilding und Zuhör-Rituale. Und sie beschreibt Rituale nur für die Management- Ebene. Das Gedicht, das die Sekretärin jeden Morgen in die Mappe legt, die Dankeskarte, die einmal am Tag an jemanden geschrieben wird, die frischen Blumen und Früchte, die Selbstwert und Lebensfreude signalisieren. Wir kennen das auch mit Losungen, Fürbitten, Bildern und Kreuzen aber richten wir uns auch selbst daran aus und auf? Oder wäre es hilfreich, das Ritual neu zu gestalten oder zu wechseln?
Mit Kopf und Herz und Körper auf die innere Stimme achten
Spencer Johnsons „ Ja- oder Nein-„ Strategie für Manager“, will Managern helfen, ganzheitlich zu führen .„ Ein kühler Kopf und ein warmes Herz sind nötig“, wenn Entscheidungen tragen sollen, sagt er. Der Kopf f0r die praktischen Fragen, das Herz für die persönlichen.
Der innere Mentor, wie er es nennt, muss folgende Fragen mit dem Kopf klären :
Was ist notwendig und wie werde ich dem gerecht ?
Ist es etwas, was ich mir nur wünsche oder brauche ich es wirklich ?
Wie informiere ich mich über die Alternativen, welche Informationen brauche ich ?
Und nehme ich mir Zeit, alles gründlich zu durchdenken? Wenn ich x täte, was würde geschehen? Und was dann ?
Das Herz soll helfen, folgende Fragen zu beantworten:
Bin ich ehrlich mit mir selbst? Lasse ich mir die Wahrheit sagen? Fühlt es sich richtig an ?
Vertraue ich auf meine Intuition ?
Habe ich ein gutes Selbstwertgefühl? Wie würde ich entscheiden, wenn ich keine Angst hätte? Was würde ich tun, wenn ich Besseres verdiente ?
Mit dem Buch sollen Manager lernen, ganzheitlich zu entscheiden. Es geht es um etwas sehr Einfaches : sich einerseits klare Ziele zu setzen, andererseits aber aus Fehlern und Sackgassen zu lernen. und sich so allmählich selbst auf die Spur zu kommen. Aber das einfachste ist wohl oft das Schwerste. Und die Beraterszene hat offenbar Probleme damit, dass es nur sehr bedingt gelingt, unser Leben wie ein Unternehmen zu managen. Mit General- und Etappenzielen, mit Wochen- und Tagsplänen, mit verschiedenen Lebensrollen und Lebenssegmenten . Arbeitsziele, familiäre Ziele, Gesundheitsziele usw. Wie im Management gelte es dann, Schlüsselaufgaben zu definieren, die Ziele zu konkretisieren und in Wochen- und Tagesprioritäten umzusetzen, die Antreiber und die Stolpersteine zu analysieren... Ich nutze solche Systeme, um zu verstehen, wo und wie ich gerade unterwegs bin. Viel weiter helfen sie mir nicht. Vielleicht auch deshalb, weil wir in gewisser Weise einen vormodernen Beruf haben.
In der Ordinationszusage und Ordinationsverpflichtung bündeln sich innere und äußere Lebensbereiche. Die Ordination berührt die Quelle meiner Lebensenergie, den Sinn meines Lebens, den es immer neu zu entdecken, vor Gott zu meditieren und vor den Menschen zu gestalten gilt. Die Verpflichtung, die damit einhergeht, beschreibt aber zugleich auch ein Bündel von Zielen und Aufgaben, auf die ich mich „ committet „ habe ganz persönlich, egal in welchem Arbeitsverhältnis. Das Arbeitsverhältnis allerdings ist auch gemeint und zwar als Loyalitätsverpflichtung im Pfarramt mit all den Rahmenbedingungen, die dazu gehören. Erwerbsarbeit also, die mit hohem gesellschaftlichen Ansehen, aber auch mit hohen Erwartungen verknüpft ist. Die aber auch Beziehungen kreist, Bindungen aufbauen soll es bedarf einer besonderen Kunst, das so zu differenzieren, dass der pastorale Dienst in der modernen Dienstleistungsgesellschaft professionell gelebt wird und zugleich ganz persönlich meditiert wird. Da gibt es Irrwege und Umwege, Sackgassen und Verhärtungen ungelöste Konflikte. Mit der Institution, mit dem eigenen Anspruch, mit den Menschen, die sich Beziehung und Dienstleistung zugleich wünschen mit unseren Grenzen.
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Der Körper konfrontiert uns oft am deutlichsten mit den eigenen Grenzen, der Erschöpfungsspirale. Unger und Kleinschmidt, die damit beschäftigt haben, was gute Arbeit ausmacht, nennen als Kontrollfragen: „Achte ich gerade genug auf mich selbst, meine Rhythmen und Körpersignale? Wie verantwortlich und wertschätzend bin ich mir selbst und mir wichtigen anderen Menschen gegenüber? Und: Entspricht meine Arbeit noch meinen persönlichen Wertvorstellungen und Lebenszielen.“
Um solche Fragen wirklich beantworten zu können, brauchen wir Auszeiten, die uns helfen, aufnahmebereit zu bleiben und unsere innere Stimme wahrzunehmen, Erfahrungen und Entwicklungen zu bewerten. Dorothea Echter rät dringend, sich zu lösen von der Vorstellung der perfekten Managerin. Sie macht Mut, nicht alle Verpflichtungen einzuhalten, nicht stetig verfügbar zu sein für die Anliegen anderer, sich die eigene Zeitautonomie zurückzuerobern. Zeitknappheit, sagt sie, sei das Ergebnis eines tödlichen Perfektionismus. Kleinschmidt und Unger raten, gerade in Führungsaufgaben nicht künstlich zu trennen zwischen Arbeit und Leben, sondern vielmehr auf die eigene Energie zu achten, ein Jobjournal oder Tagebuch zu schreiben, arbeitsfreie Zeiten einzuhalten und innere Verträge zu schließen, in denen wir festhalten, worauf es jetzt ankommt. Ich denke an die Zeitautonomie, die sich Jesus genommen hat, wenn er sich zurückzog von der Menge, wenn er am Sabbat heilte, aber eben nur Einzelne gesund machte. Einer, der Illusionen zerstörte und der sich nicht in falsche Abhängigkeit begab. Es braucht freilich emotionale Souveränität, um so zu handeln denn das heißt eben auch, andere zu enttäuschen. Ich versuche für mich, diese Freiheit an Jesus festzumachen und entdecke ihn als Referenz für mein eigenes Handeln .Katholische Bischöfe tun so etwas sichtbar, indem sie ein Leitwort als Reminder wählen und es in ihrem Ring eingravieren lassen. Vielleicht haben Sie auch ein solches Wort, einen Spruch, ein Kreuz oder Zeichen, eine Liedstrophe? Es lohnt, sie sichtbar zu machen.
Die innere Achse im Management und das innere Rückrat meines Lebens gehören zusammen, wenn sich Arbeit und Leben so verbinden wie bei uns. Wer andere geistlich leiten will, muss bereit sein, sich selbst führen zu lassen. Marjory Thompson 5 schlägt in ihrem Buch „ Christliche Spiritualität entdecken“ vor, das ganz bewusst einzuüben. Dabei bezieht sie sich auf die geistlichen Übungen von Ignatius von Loyola. Eine Reihe von Selbsterforschungsfragen . wie wir sie von den Anonymen Alkoholikern kennen, eine furchtlose Inventur am Ende des Tages könnte helfen, sich nichts vorzumachen über das eigen Leben. Thompson druckt geistliche Regeln von einzelnen Personen wie Martin Luther Kind ab. Auch das eigene Tagebuch könnte ein Weg sein, dem eigenen Leben ganz bewusst zuzuhören oder einfach eine Zeit am Tage, in der wir einfach in der Stille sitzen und die Stille auf uns wirken lassen. Wir können dabei wie beim Herzensgebet - ein Gebetswort meditieren, ein Bibelwort wirken lassen, einen Liedvers wiederholen. Wichtig ist, dass wir uns Zeit nehmen, den Alltag im Licht Christi zu reflektieren und auf unsere innere Stimme zu hören.
Natürlich kann man die innere Stimme auch überhören, so wie man die Träume am Morgen wegschieben kann. Wer das tut, riskiert, am Leben vorbei zu leben. Lothar Kuschnik, der viele Krebskranke durch spirituelle Krisen begleitet hat, nennt es Sünde, wenn wir wider besseres Wissen gegen all das handeln, was wir als innere Stimme in uns hören. Wenn wir versuchen, Gott beiseite zu schieben. Um die Abwehrmauer zu durchbrechen, muss man allerdings bereit sein, auch einmal die Maske fallen zu lassen, Konventionen zu sprengen, um Hilfe zu bitten in bestimmten Phasen braucht man dazu eben auch einen Seelsorger oder Coach, eine Freundin oder spirituelle Begleiterin, mit der oder dem man offen über die eigenen Widerstände sprechen kann.
Neben dem Tagebuch zur Selbstreflexion und dem spirituellen Coaching verstehe ich auch die evangelischen Räte - Gehorsam, Armut und Keuschheit - als eine Hilfe. In meiner Zeit als Mutterhaus-Vorsteherin, zwischen dem Amt der Oberin von Diakonissen und der Mitarbeiterführung habe ich viel darüber nachgedacht, was Armut, Keuschheit, Gehorsam mir heute bedeuten können.
Gegen das Machen und die Machtgier heißt für mich Gehorsam, hellhörig zu bleiben für die Wirklichkeit Gottes, die uns anspricht. Gebet, Meditation, Bibellesen sind in diesem Sinne Schulen des inneren Hörens. Gegen die Welt des Habens heißt Armut, bereit sein zum Abgeben und Loslassen. Von Geld, Besitz, Status und Positionen. Gegen die Verobjektivierung des anderen, gegen Übergriffe heißt Keuschheit Achtung der Grenzen und Ehrfurcht vor dem Leben. Dabei geht es auch darum, die Grenzen der eigenen Gesundheit wahrzunehmen und zu achten.
Keuschheit, Gehorsam und Armut bei uns nicht hoch im Kurs. Wir verbinden damit eine Missbrauchsgeschichte ; zuviel Normierung, zuviel Gesetz zuwenig Freiheit. Dennoch: es gehört zur Entwicklung der Spiritualität, daß wir uns mit Macht und Status, Sexualität und Bindung und mit Finanzfragen auseinandersetzen. Denn gerade hier entstehen die Wertkonflikte, die Dienstgemeinschaften und Teams zerreißen.
Von anderen lernen das eigene nicht vergessen
1. Im Blick auf diese Fragen habe ich von Juristen gelernt, mit Status- und Finanzfragen nüchtern umzugehen, gerade weil sie soviel emotionalen Sprengstoff enthalten.
2. Von Organisationsentwicklern habe ich gelernt, dabei auf die Aufstellung der Gruppe zu achten, auf die innere Ordnung der Gemeinschaft, den heimlichen Status in der Gruppe, die Alpha und die Omegaperson, die ihren Gewinn vielleicht gerade darin hat.
3. Von Personalentwicklern habe ich gelernt: Ziele zu vereinbaren hilft in Zeiten des Wandels und der Unsicherheit, die je unterschiedlichen Fragen und Richtungen zu klären und sich möglichst offen abzustimmen auf Zeit. Delegieren lebt davon, dass ich ganz bewusst die Kompetenzen anderer anerkenne und bereit bin, Strategien und Aufgaben zu teilen.
4. Von Beraterinnen und Beratern habe ich mitgenommen, wie wichtig es ist, Netze für Zusammenarbeit, Entlastung und Vertretung zu organisieren Niemand ist „ immer im Dienst“ und es ist hilfreich, sich klar zu machen, dass die eigenen Ressourcen begrenzt sind. Erfolg hat das nur, wenn wir bereit sind, die eigene Arbeit transparent zu machen und das eigene Engagement dem Feed-back auszusetzen das reicht vom einsehbaren oder gemeinsamen Kalender über verlässliche Teamgespräche bis zu gemeinsamen Reflexionszeiten.
5.Mit Künstlerinnen tausche ich mich aus, wenn es darum geht, auf eine andere Ebene unterhalb der Managementebene zu kommen, einen anderen als den Budgetrahmen zu finden, eine Agenda, die uns mit den Menschen verbindet, an die wir gewiesen sind. Es braucht Zeit, um sich das bewusst zu machen und auf dieser Ebene zu arbeiten .
6.Den Blick „ durch den Horizont“ zu behalten, regelmäßig „ andere Zeiten“, einzuplanen - Auszeiten, Urlaube, persönliche Festtage und Erinnerungstage-, um sich zu erden, aber auch für den Himmel offen zu halten, kann man von Kommunitäten lernen.
7. Aber auch andere haben und brauchen Geschwister, Freunde und Familien. Von Management-Trainern kann man lernen: mittelfristig hat nur Erfolg, wer die liebsten Menschen auch in Krisen einbezieht sie leiden mit, können destabilisieren oder auch hindurch helfen.
8..Genauso wichtig ist es, die eigene Gesundheit, Lebensfreude und Genussfähigkeit, die eigene Energie zu erhalten. Und dazu gehört vor allem die Freude am Beruf. Wer geistlich und sozial arbeitet, arbeitet mit spannenden Lebensgeschichten, großer Vielfalt und Tiefe, vielleicht mit interessanten Projekten und Kontakten. Dafür aufmerksam zu bleiben und sich daran zu freuen, sich immer wieder inspirieren zu lassen und die Chancen wirklich zu schätzen, also dankbar zu sein ist wichtig, um die eigene Energie zu bewahren.
Bei Dag Hammerskjöld6 liest sich das so
„Sag ja zu deinem Platz und zu dir selbst.
Anderer Weg hat Rastplätze in der Sonne, sich zu begegnen.
Aber dieser Platz ist der eine, und es gilt jetzt,
jetzt darfst Du nicht versagen.
Weine, wenn du kannst, weine, doch klage nicht.
Dich wählte der Weg und du sollst danken.“
Cornelia Coenen-Marx
Literaturhinweise:
Dorothee Echter: Rituale im Management, München 2003
Robert J.Wicks, Handbook of Spirituality for Ministers, Paulist Press, NY, 1995
Guy W. Rammenzweig: Coram Ein Handbuch für die Arbeit von Pfarrern und Pfarrerinnen, Düsseldorf 2001
Marjorie Thompson: Christliche Spiritualität entdecken, Freiburg 2004
1. Predigt an 12,3,1967 in der Ladenkirche, zitiert nach: Pastoraltheologie 76. Jahrgang 1987, S. 481
2. Das Neue Testament für Menschen unserer Zeit, hrg. von Jörg Zink, zitiert nach Werner Simpfendörfer, a.a. O S. 67
3. Daran macht z.B. Dörte Gebhard ihre wesentliche Kritik an der Ökonomisierung fest : DG : Menschenfreundliche Diakonie, Neukirchen 2000
4. Dorothee Echter, Riuale im Management, Strategisches Stimmungsmanagement für die Businuesselite
5. „Christliche Spiritualität entdecken“
6. in: Odilo Lechner: Weite Dein Herz
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