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EKD Pressemitteilung 77/2012

Die Bedeutung religiöser Bindung für das bürgerschaftliche Engagement


Bürgerschaftliches Engagement hat Konjunktur. Ob es um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, um die Zukunft der Pflege oder um die Entwicklung der sozialen Stadt in Zeiten leerer kommunaler Kassen geht: Subsidiarität muss in Zukunft so gestaltet werden, dass professionelle soziale Dienste mit freiwillig Engagierten zusammen arbeiten. Und beide, Dienstleister und Initiativen müssen darüber hinaus auch Part­ner und Sponsoren in der Wirtschaft finden. Zwar kommen bislang nur 4 % aller Mittel für soziale Dienste von privaten Investoren. Und niemand kann nach der jüngsten Wirtschaftskrise noch ernsthaft glauben, dass die Risse im Wohlfahrtsstaat von der Wirtschaft ge­kittet werden können. Denn in der Krise wurden zum Teil auch die Corporate-Social-Responsibility-Aktivitäten reduziert. Auch wird niemand ernsthaft die Auffassung vertreten, neue bürgerschaftliche Zusammenschlüsse wie die Tafelbewegung könnten soziale Ansprüche und Rechte ersetzen. Aber die Vorstellung, dass vor allem der Staat mit den Verbänden und Einrichtungen der Freien Wohlfahrtspflege, auskömm­lich finanziert, sozialstaatliches Handeln gestaltet, trägt eben auch nicht mehr. Die neuen sozialen Bewegungen von der Frauen- über die Hospizbewegung bis zur Tafelbewegung zeigen: Neue, themen- und zielorientierte Bürgerzusammenschlüsse, die quer zu den alten, konfessionell oder weltanschaulich geprägten Verbändestrukturen verlaufen, überlagern die 100 – 150 –Jahre alte Subsidiaritätsstruktur in Deutschland. Oft auf freiwilliger Basis, zum Teil von Sponsoren aus der Wirtschaft unterstützt wie bei der Tafelbewegung, bringen sie die gemeinschaftlich geprägten diakonischen und caritativen Einrichtungen in Bewegung und fordern das Denken in Richtung einer neuen Subjektorientierung heraus. Damit passen sie zu den politischen Anstößen, die den Sozialstaat in Richtung auf eine aktive Bürgergesellschaft weiter entwickeln wollen. Natürlich löst diese Entwicklung auch berechtigte Sorgen aus – Haupt- und Ehrenamtlich Mitarbeitende fürchten, Ehrenamtliche könnten zum „billigen Jakob“ eines ausblutenden Sozialstaats werden, politisch Aktive sorgen sich, dass Gerechtigkeit durch Barmherzigkeit ersetzt werden und es damit zu einem politischen Rollback kommen könnte.

Und dennoch, ja gerade deswegen gilt: Unsere Gesellschaft braucht neue Bündnisse für das Soziale; wir brauchen eine neu beschriebene Subsidiarität, in der private Investoren und zivilgesellschaftlichen Initiativen eine größere Rolle spielen. Ehrenamt gewinnt an Bedeutung. Ehrenamtliche, Nachbarn, Familienmitglieder und Betroffene bilden die Brücke zwischen Lebenswelt und Dienstleistungen, sie sorgen dafür, dass die Dienste tatsächlich zu den Bedarfen passen und dass Veränderungen wahrgenommen und beschrieben werden können. Ehrenamtliche sind die „Detektoren“ für neue soziale Notlagen und offene gesellschaftliche Fragen. Als Berufstätige fragen sie nach Ver­ein­barkeit von Beruf, Familie und Pflege. Als engagierte Eltern oder pflegende Angehörige sorgen sie für den Zusammenhalt der Institutionen und Menschen im Quartier und helfen dabei, Dienstleistungen weiter zu entwickeln. Was wäre die ambulante Behindertenhilfe oder die Pflege, was wären Tageseinrichtungen und Schulen ohne ehrenamtliches Engagement? Wer würde die Hospizarbeit oder die Integration behinderter Kinder in Regelschulen vorantreiben ? Wer außer den Wissenschaftlichern die Alzheimer-Erkrankung zum geselllschaftlichen Thema machen? Ein aktiver Sozialstaat braucht eine en­gagierte Zivilgesellschaft.

Mit der Wiederentdeckung der aktiven Bürgergesellschaft und dem neuen Blick auf die sozialen Funktionen im Gemeinwesen werden jetzt auch die Kirchen neu entdeckt. Mit ihrer vielfältigen Verankerung im Stadtteil und ihren diakonischen Angeboten sind sie wichtige Akteure zur Generierung sozialen Kapitals. Mit ihrer Wertevermittlung in Kindergärten, Jugendarbeit, Schulen stehen sie für Personalität und Solidarität, für die sozialen Grundlagen unserer Gesellschaft. Dabei hat die Rückgang der öffentlichen und kirchlichen Finanzmittel, der gerade auf der regionalen Ebene spürbar ist, nicht nur negative Seiten: Kirchen öffnen ihre Gemeindehäuser und werden zu neuen Stadt­teilzentren. Politik ist daran interessiert, in Bündnissen und runden Tischen mit den Kirchen zusammen zu arbeiten – gleich , ob es um Familie, Werteerziehung, Quartiersarbeit oder die generationengerechte Stadt geht. Zugleich kehren die großen diakonischen Unternehmen der Ju­gend-, Alten- und Behindertenhilfe im Rahmen von Regionalisierung und Am­bulantisierung in den Stadtteil zurück. So können neue Netze entstehen - zwischen sozialen Diensten, freiwilligen Initiativen und Kirchengemeinden, zwischen Verbänden und Pfarrgemeinden. „Eine menschennahe Kirche in der lokalen Gesellschaft wird zukünftig vielfältiger und vielgestaltiger sein. Sie braucht das Engagement vieler Menschen unterschiedlichen Hintergrunds“,[1] stellten die Teilnehmer der Ökumenischen Ehrenamtstagung 2009 in Köln fest. „In allen Dimensionen kirchlichen Handelns wollen sich Menschen engagieren. Dafür erwarten sie angemessene und ermutigende Rahmenbedingungen.


Zur Rolle von Kirchen und Christen für die Zivilgesellschaft
Rund 23 Millionen Menschen engagieren sich in Deutschland. Als Trainer im Fußballverein, als Vorleser in der Kita, als Grüne Dame im Krankenhaus – bei der Bahnhofsmission, in der Tafelbewegung, bei der Feuerwehr. Nach der Statistik der EKD bringen sich etwa 1,1 Millio­nen in evangelischen Kirchengemeinden ein.[2] Diese Statistik berücksichtigt allerdings weder das freiwillige Engagement in der Diakonie als Teil der Freien Wohlfahrtspflege, noch das Ehrenamt in Jugend- und Kulturarbeit oder in Entwicklungswerken, die in der Statistik der bun­desweiten Freiwilligensurveys anderen gesellschaftlichen Subsystemen als der Kirche zugerechnet werden. Thomas Rauschenbach, der über viele Perioden im Beirat der Bundesregierung für den Freiwilligensurvey mitarbeitete, ging bei der Pressekonferenz auf dem Kölner Ehrenamtskongress davon aus, dass gut die Hälfte aller in Deutschland freiwillig Engagierten im Um­feld der christlichen Kirchen organisiert sind. Diese starke Bedeutung der christ­lichen Verbände und Organisationen für die Zivilgesellschaft in Deutschland ist eine Frucht der diakonisch-missionarischen Bewegung des 19. Jahrhunderts, die eben nicht auf die tradierten Organisationsformen der Kirchen setzte.[3] Johann Hinrich Wichern, der sich wie Ketteler oder Kolping in der Mitte des 19. Jahrhunderts dafür einsetzte, dass die Kirche seiner Zeit aus einer „obrigkeitlichen Anstalt“ zur geschwisterlichen Gemeinschaft wurde, in der Menschen unterschiedlicher Herkunft und Milieus einander in Liebe verbunden waren, sah die wichtigsten Poten­ziale zur Veränderung von Kirche und Gesellschaft in diesen Vereinen und Stiftungen der engagierten Bürgerinnen und Bürger. Diese „Netzwerke der brüderlichen Liebe“, wie er es nannte, bildeten für ihn den Kern der Kirche im Volk und für das Volk.[4] Versteht man das von der evangelische Kirche hoch gehaltene „Priestertum aller“ in seinem Sinne, dann geht es darum, die eigene Berufung zu finden, die eigenen Gaben zu entdecken und einzusetzen und damit der Gemeinschaft zu dienen – gleich, ob beruflich oder im freiwilligen Engagement.

„Ehrenamtliches Engagement ist ein zentraler Ausdruck des Glaubens“, heißt es deshalb in der Kundgebung der EKD-Synode 2009. „Gott schenkt Menschen unterschiedliche Gaben, damit sie Aufgaben für andere wahrnehmen können. Es gehört zur „Freiheit eines Christenmenschen“, Verantwortung zu übernehmen. Mit der Wiederentdeckung des „Priestertums aller Getauften“ in der Reformation beginnt sich ein breites Engagement der Bürgerinnen und Bürger in Kirche und Gesellschaft zu entfalten … Ehrenamtliches Engagement ist unersetzlich für den Zusammenhalt einer Gesellschaft. Gerade ein sich immer stärker ausdifferenzierendes und individualisierendes Gemeinwesen ist auf dieses Engagement angewiesen … Soziale Netzwerke geben Menschen Halt und Orientierung. Eine gabenorientierte Kirche weiß um den Schatz des Ehrenamtes und fördert es in vielfältiger Weise.“[5]

Natürlich bedarf es heute nicht mehr der Verbundenheit mit der Kirche, um sich freiwillig zu engagieren, es bedarf nicht einmal mehr einer religiösen Verwurzelung. Dennoch weisen empirische Studien darauf hin, dass Religiosität und soziale Verantwortung auch weiterhin stark miteinander verknüpft sind. Die Ergebnisse des Bertelsmann-Religionsmonitors,[6] für den in Deutschland 334 Evangelische, 304 Katholiken und 315 Konfessionslose befragt wurden, zeigen, dass sich hierzulande religiöse Bindung nicht zuerst in der Teilnahme am Gottesdienst zeigt; vielmehr geht es darum, sich einer christlichen Wertege­mein­schaft zugehörig zu fühlen, deren Traditionskern die Kirchen repräsentieren. Immerhin jeder zweite freiwillig Engagierte in Deutschland ist nach den Angaben des Freiwilligen-Survey der Kirche „stark“ bzw. „mittel“ verbunden.[7] Auch der Freiwilligensurvey von 2004 bestätigt für alle Altersgruppen einen posi­tiven Zusammenhang von freiwilligem Engagement, Bildungsstatus, Haushalts­einkommen, Größe von Familie- und Freundeskreis und kirchlicher Verbun­denheit. Dabei weist die empirische Sozialforschung für alle westlichen Län­der einen Zusammenhang von Zeit- und Geldspenden mit der aktiven Mitgliedschaft in zivilgesellschaftlichen Vereinen, Verbänden und auch Kirchengemeinden auf.[8] Nicht zuletzt Studien aus den Niederlanden zeigen, dass der kirchliche Hin­tergrund und die religiösen Motivationen trotz des Rückgangs der Kirchenbindung ein entscheidender Faktor für zivilgesellschaftliches Engagement bleiben. Während nur noch 29 bzw. 27 % der Befragten meinen, wenn Menschen nicht mehr an Gott glauben, sei die Moral gefährdet oder das Zusammenleben verkomme, meinen 41 bzw. 40 %, ohne Kirchen würden sich weniger Menschen freiwillig für andere einsetzen und schwache Gruppen in der Gesellschaft blieben ihrem Schicksal überlassen.[9]

„Die Kirche nimmt (insofern) eine doppelte Aufgabe für die Zivilgesellschaft wahr“, heißt es dazu in der Kundgebung der EKD-Synode 2009. „Sie ist Motivationsquelle des Ehrenamts, die in die Gesellschaft ausstrahlt; und sie ist Ort konkreten ehrenamtlichen Engagements. Christen und Christinnen tragen aus ihrem Glauben heraus ehrenamtliches Engagement in die Gesellschaft. Sie brin­gen sich ein in Initiativen, Gemeinwesenprojekte und Organisationen in den Bereichen Kultur und Bildung, Sozialdienste und Sport, Politik und Arbeitswelt. Sie öffnen so die Kirche für die Welt und bewahren sie damit vor Selbstgenügsam­keit und Milieuverengung. Um ihres Auftrags willen sucht die Kirche die Zu­sammenarbeit mit Bündnispartnern im Gemeinwesen.“


Motive ehrenamtlichen Engagements in der Kirche
Wer sich in der Kirche engagiert, unterscheidet sich in seinen oder ihren Motiven kaum vom Durchschnitt aller Engagierten. Es geht darum, „die Gesellschaft zumindest im Kleinen mit zu gestalten“ und „mit anderen Menschen zusammen zu kommen“. Die kulturpessimistische These, das „alte Ehrenamt“ mit seiner altruistischen Motivation sei durch das zeitlich begrenzte neue Ehrenamt mit starkem Selbstverwirklichungsinteresse abgelöst worden, trifft so einfach nicht zu. Nach der 4. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD aus dem Jahr 2006[10] nehmen altruistische Motive sogar eine Spitzenstellung ein. Dabei ist zu bedenken, dass das Durchschnittsalter der Freiwilligen in der Kirche mit 49,4 Jahren um vier Jahre höher liegt als in anderen Bereichen. Denn 22 % der ehrenamtlich Engagierten in der Kirche sind über 65 Jahre, im Verhältnis zu 13% im Durchschnitt aller Bereiche. Die Motivstruktur älterer Ehrenamtlicher unterscheidet sich aber grundsätzlich von der der jüngeren. Während nur ein knappes Drittel der unter 45-jährigen im kirchlich-religiösen Bereich ,voll und ganz‘ der Aussage zustimmt: „Mein Engagement ist eine Aufgabe, die gemacht werden muss, und für die sich schwer jemand findet“, bejaht über die Hälfte der über 65-jährigen dieses ,Pflicht‘- Motiv. Insbesondere die Caritasuntersuchung zum Ehrenamt bestätigt die nach wie vor hohe Bedeutung dieser Perspektive bei den Ehrenamtlichen im Raum der Kirche. Aber auch bei den Evangelischen in Ostdeutschland, die für die letzte Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung befragt wurden, zeigt sich deutlicher als im Westen eine Solidarverpflichtung auf lokaler Ebene, z.B. in der Nachbarschaftshilfe. Dort halten drei von vier Befragten das Motiv „anderen Menschen helfen“ für wichtig oder sehr wichtig.

Gemeinwohlorientierung und Selbstverwirklichung sind also keine Gegensätze.[11] Gerade in der Kirche sind die Motive deutlich ausgeprägt, die auf Kommunikation und einen Sinnzusammenhang ausgerichtet sind. Wichtig ist, mit der Vielfalt der Motivationslagen und Engagementlogiken zu rechnen. Während die einen klare Vorgaben und verlässliche Terminierungen erwarten, sehen andere ihr Engagement als Selbstaneignung ihres Glaubens in eigener Gestaltung. Gerade die Jüngeren suchen Alternativen zu den hocheffizienten Großorganisationen. Sie engagieren sich, um das soziale Miteinander in ihrem Nahraum zu gestalten. Dabei wollen sie sich professionell und effektiv einbringen – sie verstehen sich aber nicht mehr als Zuarbeiter von wohlfahrtsstaatlichen Organisationen oder als ehrenamtliche „Helfer“ von beruflich Tätigen, sondern als kritische Alternative, als Mahner und Wächter, wo neue Problemlagen auftauchen, bürokratische Hemmnisse die Hilfe erschweren oder die fortschreitende Ökonomisierung die Schwächsten allein lässt. Insbesondere Frauen im kirchlichen Engagement lassen zwar eine hohe Zufriedenheit mit Strukturen und Ressourcen erkennen, beklagen aber die immer noch vorhandene Hierarchie zwischen Haupt- und Ehrenamt, die sie zu Helfern degradiert. Diese Menschen engagieren sich oft lieber in einer der neuen Bewegungen; die Zahl der Engagierten bei den Tafeln wächst stetig, ca. 80.000 Bürgerinnen und Bürger sind in der Hospizbewegung tätig. Die Kirche wird diese neue, selbstorganisierte und selbstbestimmte zivilgesellschaftliche Interaktion von Bürgern in Zukunft berücksichtigen müssen, wenn sie Menschen für neue Aufgaben gewinnen will. Dabei tun Gemeinden gut daran, mit Caritas und Diakonie zusammen zu arbeiten, deren Professionalität im Blick auf Freiwilligenmanagement und Weiterbildungsangebote zu nutzen und sich nicht nur als Wettbewerber anderer sozialer Organisationen, sondern als Brückenbauer zu verstehen. Ortsgemeinden und diakonische bzw. caritative Projekte im Gemeinwesen bieten hervorragende Anknüpfungspunkte für Engagement, wenn sie akzeptieren, dass der Wunsch nach Mitarbeit nicht unbedingt bedeutet, dass Menschen sich voll mit der Institution Kirche identifizieren.

Angesichts anderer Freizeit- und Gestaltungsmöglichkeiten ( gewachsener Optionskosten also ), achten Engagierte heute genau darauf, ob ihre Gaben und die Herausforderungen wirklich zusammen passen. ob ihre Persönlichkeit und biographische Prägung berücksichtigt werden und ob sie sich mit den Herausforderungen identifizieren können. Anders als im beruflichen Kontext, wo Macht und Hierarchie immer eine Rolle spielen, anders als auf dem Markt, wo alle Leistung einen finanziellen Gegenwert hat und jeder Einsatz unter Tauschgesichtspunkten geschieht, geht es in sozialen Initiativen darum, sich persönlich einzubringen und sich mit dem eigenen Tun zu identifizieren. Menschen schenken Zeit für eine Aufgabe, die ihnen am Herzen liegt. Staatliche oder auch kirchliche Versuche, dieses Engagement zu stark einzuhegen und zu kanalisieren, um es effektiver zu gestalten, stoßen deshalb notwendig an Grenzen. In den Gemeinden ist das da zu spüren, wo ehrenamtliches Engagement den Rückgang an hauptamtlich Mitarbeitenden auffangen soll und damit in Überforderungssituationen gerät.

Auch die EKD-Synode stellt fest: „Viele Menschen nehmen heute das freiwillige Engagement auch als Chance für die eigene Persönlichkeitsentwicklung wahr. Tätigkeitsbereiche wie die Telefonseelsorge, die Jugendleiterausbildung oder die Bürgerstiftungen machen deutlich, dass ehrenamtlich Engagierte ihre Interessen einbringen, sich fortbilden, Kompetenzen entwickeln und Erfahrungen machen wollen, die ihnen auch in anderen Lebensbereichen zugute kommen. Es ist kirchliche Aufgabe, sich noch stärker für diese „neuen“ Ehrenamtlichen zu öffnen und Gelegenheiten für die Entfaltung von deren Gaben und Interessen zu schaffen. Ein wichtiges Instrument dafür sind Vereinbarungen zum freiwilligen Engagement, in denen das Bedarfs- und Aufgabenspektrum der Gemeinde oder Organisation mit den Bedürfnissen und Wünschen der Ehrenamtlichen abgestimmt wird. Das Ziel ist die Klärung der Einsatzfelder, der Kompetenzen und des Zeitrahmens übertragener Tätigkeit … Hauptamtliche brauchen die Fähigkeit, Motivationen und Interessen der Freiwilligen wahrzunehmen, wertzuschätzen und professionell zu begleiten.“ Und in den Kriterien zum Aufbau von Gemeinwesendiakonie-Projekten, die zur Zukunftswerkstatt der EKD im September 2009 in Kassel herausgegeben wurden, heißt es: „Selbstorganisation, Beteiligung, Empowerment, Ver­netzung und Nachhaltigkeit müssen gewollt und gefördert werden. Das ehrenamtliche Engagement schlägt eine Brücke in die Gesellschaft, die beruflich Mitarbeitenden sorgen für Kontinuität und Professionalität. Alle Beteiligten im Team lernen voneinander und brauchen kontinuierliche Förderung.“[12]


Neue Zielgruppen und Anknüpfungspunkte im Gemeinwesen
Um in Zukunft auch die zu erreichen, die eher kirchendistanziert, aber auf der Suche sind, braucht es neue Wege wie Läden und Kirchencafés, aber auch eine Öffnung für die Kooperation mit Freiwilligenagenturen, Seniorenbüros und Unternehmen. Bürgerschaftliches Engagement ist heute Institutionen- und Einrichtungsübergreifend. Auch die Kirche ist darauf angewiesen, mit anderen zu kooperieren, wenn es darum geht, sich für das Gemeinwohl einzusetzen und auch die zu erreichen, die oft übersehen werden und nur geringe Teilhabechancen haben. Dieser neue Mix ist ganz besonders in Familienzentren, Mehrgenerationenhäusern und Stadtteilkaffees spürbar. Hier haben die kirchliche Einrichtungen und Verbände gemeinsam mit anderen die Chance, Demenzerkrankte und ihre pflegenden Angehörige zu erreichen oder Hartz-IV-Empfänger und junge Migranten zur gesellschaftlichen Teilhabe zu motivieren. Ihnen Beteiligung zu ermöglichen und so das Gemeinwesen zu stärken, bleibt auch 150 Jahre nach Wichern und Kolping eine wesentliche Aufgabe der Kirche. Dazu gilt es, deren Kompetenzen wahr­zunehmen, zeitlich befristetes Engagement zu würdigen, Vorurteile und Mi­lieuverengung zu überwinden und auch in Krisen Chancen zur Veränderung zu entdecken.

„Zugang zum Ehrenamt finden vor allem diejenigen, die finanziell abgesichert, gebildet und familiär gebunden sind“, stellt auch die EKD-Synode fest. „Das gilt auch und gerade für das Ehrenamt der evangelischen Kirche … Die Kirche … sieht die Aufgabe, die Bereitschaft zum Ehrenamt in allen gesellschaftlichen Gruppen zu stärken. Dazu gilt es, Hindernisse zu beseitigen, die zum Beispiel Geringverdienenden, Arbeitslosen oder Migranten den Zugang zum Ehrenamt erschweren. Bildungsangebote ebenso wie die Gewährung von Aufwandsentschädigungen helfen, Barrieren abzubauen. Die Zusammenarbeit von Kirche und Diakonie mit anderen Bündnispartnern im Gemeinwesen kann Bürgerinnen und Bürger aus allen gesellschaftlichen Milieus zum Ehrenamt motivieren und gerechte Teilhabe ermöglichen.“ Damit das gelingt, müssen wir der der Versuchung widerstehen, uns in bin­nen­kirchlichen Milieus einzurichten. Das bedeutet aber nicht, die eigenen religiösen Werte und Überzeugungen zu vergraben. Im Gegenteil: Gerade da, wo sich Menschen mit unterschiedlichen Überzeugungen, und verschiedenem re­ligiösen und kulturellen Hindergrund begegnen, gilt es, sich den Zusammenhang zwischen Glauben und Alltag neu bewusst zu machen. Gerade da, wo der soziale Zusammenhalt auf dem Spiel steht, ist unser Glaube gefragt.


Religiöse Aspekte der Motivation: spirituelle Begleitung von Engagierten
Wenn man Ehrenamtliche fragt, was ihr Engagement ihnen gibt, fallen die Ant­worten unterschiedlich aus: Das gute Gefühl, gebraucht zu werden, gibt Selbstbewusstsein und Zufriedenheit. Wer sich um andere kümmert, lernt, das eigene Leben mit anderen Augen zu sehen, und Belastungen ins Verhältnis zu den eige­nen Chancen und Kräften zu setzen. Eigene Gaben einbringen und Gutes weitergeben zu können, stellt Menschen hinein in den Kraftstrom des Lebens – und das macht glücklich. Victor Frankl, ein, der Begründer der Logotherapie, hat im Konzentrationslager die Entdeckung seines Lebens gemacht. Alles hängt davon ab, sagt er, ob wir einen Sinn in unserem Leben und auch in unserem Leiden finden. Am Ende kommt es nicht darauf an, wie reich und angesehen wir wa­ren, wir gut wir aussehen, ob wir fit und gesund sind. Es kommt darauf an, ob unser Leben Bedeutung für andere hat – und sei es nur für einen Menschen, den wir lieben. Es kommt darauf an, dass wir unseren Beitrag leisten – und sei er noch so klein – damit Güte und Gerechtigkeit sich ausbreiten. Wer darauf schaut, erträgt auch Demütigungen, an denen andere zerbrechen. Wir schöpfen Lebensmut daraus, dass wir nicht nur für uns selber leben.

Das entspricht biblischer Einsicht. „Keiner von uns lebt für sich selbst“, sagt der Apostel Paulus einmal über die christliche Gemeinde. „Und keiner stirbt für sich selbst“ (Röm 14,7), fährt er fort. Man könnte meinen, er würde jetzt davon sprechen, dass die Gemeinschaft in der Kirche trägt. Paulus aber weist auf Jesus hin, der sein Leben für andere gelebt hat. Bis an die Grenze, bis zur Selbstaufopferung. Er spricht davon, dass dieses Leben einen Sinn hatte – trotz aller Ent­täuschungen. Und dass unser Leben Sinn hat, wenn wir uns auf Jesus und auf seinen Weg einlassen. Wenn wir aufhören, zu vergleichen, zu rechnen und zu bilanzieren und stattdessen lernen, unseren Beitrag einzubringen. „Gebt, so wird Euch gegeben“, sagt Jesus selbst. „Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in Euren Schoß geben“ (Lk 6,38). Interessanterweise war es nicht die Kirche, die diesen Gedanken aufgegriffen hat: Der deutsche Engagementpreis wird unter dem Clain „Geben gibt“ verliehen.

Dabei gibt es viele biblische Impulse, die vom Glück des Gebens erzählen. In Matthäus 26 zum Beispiel wird von der Salbung in Bethanien erzählt: Kurz vor dem Pessachfest, Jesus ist schon von Feinden umstellt und spürt die nahende Hinrichtung, bahnt sich eine Frau den Weg zu Jesus, der in Simons Haus mit seinen Jüngern zu Abend ist, und salbt ihn mit kostbarem Öl. „ Vergeudung“, nennen das die Jünger, und berechnen sofort, wie viel Gutes man hätte tun können, wäre dieses Geld in die Armenkasse gegangen. Jesus aber sieht in ihrem Tun einen Akt der Großzügigkeit und Liebe, der Sympathie, die empfänglich ist für das Leiden anderer, den Tod vorweg nimmt und das Leben feiert. Und damit tut, was sie tun muss – jenseits dessen, was grundsätzlich sinnvoll und gut wäre wie z.B. die Armenfürsorge. „ Arme habt Ihr allezeit bei Euch, mich aber habt Ihr nicht allezeit“; sagt Jesus [13]. Glück im Geben finden wir dann, wenn wir den Augenblick wahrnehmen und würdigen und unsere eigenen Gaben mit Hingabe einbringen.

Dass solche Hingabe nicht ohne Risiko ist, erzählt Jesus im Gleichnis von den anvertrauten Talenten[14], das gleichwohl dazu auffordert, mit den eigenen Gaben zu „wuchern“. Das Gleichnis verschweigt nicht, dass Menschen unterschiedlich begabt sind, ja, dass einige das Gefühl haben, zu kurz gekommen zu sein, und Bert Brecht sieht darin ein Bild für die Ungerechtigkeit des Lebens, das selbst dem Armen abverlangt, das Wenige, das er hat, zu Markte zu tragen. Und tatsächlich: gerade die, die wenig haben, ziehen sich zurück und vergaben ihre Talente. Das gilt, wie wir wissen, auch für das freiwillige Engagement. Ganz anders als Brecht sieht der Amerikaner John Updike in dem Gleichnis die Aufforderung, seine Berufung zu finden: „ Lebe Dein Leben. Lebe es so, als läge ein Segen auf ihm. Versuche Dein Glück, damit Du Dein Talent nicht in der Erde vermodern lässt.“ Es wäre, so meine ich, eine unzulässige Einengung, darin eine Aufforderung für den Umgang mit materiellen Gütern oder einen Hinweis für die berufliche Karriere zu sehen. Tatsächlich geht es auch hier darum, zu entdecken, was wir beitragen können, um mit unseren Gaben Gutes zu tun. Mir fallen dabei Engagierte mit ganz unterschiedlichen Fähigkeiten ein: von Jamie Oliver mit seiner Kinderspeisung bis zu Monika Hauser, die sich für vergewaltigte Frauen einsetzt. Ob Koch oder Gynäkologin, ob Migrantin oder Gärtner: jeder, der sein Talent wichtig nimmt, kann damit sich selbst finden. Was tun wir in den Gemeinden, um gerade denen, die sich benachteiligt fühlen, zu helfen, ihre Talente zu entdecken und einzubringen?

In den 80er Jahren haben wir in einer Mönchengladbacher Kirchengemeinde einen so genannten „ Gemeindeladen“ gegründet- einen Stadtteilladen mit Bücherei und Cafe, mit Kleiderkammer und Sozialberatung, der von einem großen ehrenamtlichen Team zusammen mit einer hauptamtlichen Sozialpädagogin geführt wurde. Ich werde nicht vergessen, wie viele Menschen sich dort meldeten, um mitzumachen- Menschen, die bislang keinen Anknüpfungspunkt in der Gemeinde gefunden hatten. Frauen, die gern für andere Kaffee ausschenkten, anderen, die es liebten, in der Kleiderkammer zu verkaufen, sagten zu mir, sie könnten nicht gut reden und diskutieren – aber Menschen schön kleiden und versorgen, das liebten sie. Tatsächlich hatte ich bei den Teamsitzungen im „ Gemeindeladen“ oft die Werke der Barmherzigkeit vor Augen, die Diakonie ganz elementar beschreiben- und es ist wohl kein Zufall, dass dieses Gleichnis unmittelbar auf das von den anvertrauten Talenten folgt. Beide beschreiben, worauf es letztlich ankommt: [15] Hungrige speisen, Kranke besuchen, Nackte kleiden, Durstigen zu trinken geben, Gäste beherbergen – in all dem, so verspricht, Jesus, begegnen wir ihm selbst. In diesen menschlichen Begegnungen begegnen wir Gott, machen existenzielle, ja, religiöse Erfahrungen.

Gabenbeziehungen, auf denen zivilgesellschaftliches Engagement im Wesentlichen beruht, sind immer schon religiös geprägt und durchtränkt – auch wenn sich ihr religiöse Gehalt inzwischen säkularisiert und verflüchtigt hat. Gleichwohl beruhen der Vorbildcharakter und die Anziehungskraft von Mutter Theresa wie von Diana genau auf diesem Zusammenhang von Religion, Hingabe und Engagement. Darum hat der Sozialgeschichtler Arnd Bauerkämper recht, wenn er eine Herausforderung für die Kirche darin sieht, die „religiösen Wurzeln der Vorstellungen von Geben und Nehmen kulturhistorisch zu rekonstruieren.“[16] Es gilt, die Geschichten und Gleichnisse in Erinnerung zu halten, die unsere Kultur diakonisch geprägt haben – angefangen von den Gaben der Magier aus dem Osten für das nackte Jesuskind im Stall von Bethlehem bis hin zum barmherzigen Samariter, der als ein Fremder den jüdischen Glauben in die Tat umsetzte. Kirchliche Arroganz ist allerdings fehl am Platz, wenn wir den biblischen Gehalt des Engagements neu zur Sprache bringen; manches, was bei uns verloren zu gehen droht, wird uns von anderen wieder gebracht – aus Zivilgesellschaft und Medien, aus der Wissenschaft, ja auch aus anderen Religionen.  Eine neue religiöse Sprache, die zugleich sozial sensibel ist, muss deshalb im Dialog gefunden werden. Hier liegt die wichtigste Aufgabe der theo­logisch und pädagogisch Mitarbeitenden in der Arbeit mit Freiwilligen. Die Diakoninnen und Diakone in Gemeindeläden und Mehrgenerationenhäusern, die Pfarrerinnen und Pfarrer; Gemeindepädagoginnen und Gemeindepädagogen in Stadtteilkirchen und Familienzentren können die freiwillig Engagierten nicht nur im Blick auf soziale Fragen unterstützen. Wichtig ist, dass sie sie auch theologisch und spirituell begleiten und ihnen helfen, ihre eigenen Motivationsquellen zu entdecken und in Zeiten von Zweifel und Müdigkeit zu stärken- ihr Leben und Engagement in den Kraftstrom des Glaubens  zu setzen, von dem Victor Frankl spricht. Hier bleibt für die Kirche noch viel zu tun; nicht nur für ihre „ eigenen“ Ehrenamtlichen, sondern auch für die, die aus ihrem Glauben heraus bei anderen Organisationen engagiert sind. So wie vor Jahren Curricula für die Hospizbewegung entwickelt wurden, so wie die kirchlichen Ehrenamtsakademien zur Zeit Organisations- und Leitungswissen weitergeben oder Freiwilligenmanagement unterrichten, so wünsche ich mir, dass theologische und spirituelle Angebote entwickelt werden, damit Menschen ihre Begabungen entdecken und einbringen, existentielle und religiöse Erfahrungen bei ihrem Engagement verstehen und schätzen lernen , Mentorinnen und Mentoren finden und sich auch vor Erschöpfung hüten. Wer Ehrenamtliche begleitet, sollte nicht nur Vereinbarungen für bestimmte Aufgaben im Blick haben, sondern Menschen, die mit ihrem Engagement den Sinn im eigenen Leben suchen oder aus Dankbarkeit weiter geben, was sie selbst entdeckt haben. Dankbarkeit ist nach dem Heidelberger Katechismus der reformierten Kirche aus dem 16. Jahrhundert der Urgrund für alles, was wir an Gutem tun und versuchen, sie ist, wie Psychologen gerade neu entdecken, eine Lebenskraft, die uns selbst glücklich macht und zugleich anderen gut tut. Was ließe sich Schöneres über das Engagement sagen?

 

Cornelia Coenen-Marx

 



[1] Epd-Dokumentation Um Gottes willlen – wir engagieren uns, Dokumentation der ökumenischen Tagung zum ehrenamtlichen Engagement in Kirche und Gesellschaft, 30.-31. Januar 2009 in Köln.

[2] Andreas Brummer/Annegret Freund, Freiwilliges Engagement. Motive, Bereiche, klassische und neue Typen, in: Jan Hermelink/Thorsten Latzel ( Hg), Kirche empirisch. Ein Werkbuch, Gütersloh 2008,

[3] Arnd Bauerkämper/Jürgen Nautz, Zwischen Fürsorge und Seelsorge, Christliche Kirchen in den europäischen Zivilgesellschaften seit dem 18. Jahrhundert, 57

[4] Johann Hinrich Wichern, Über Armenpflege Der Anteil der freiwilligen oder Privatwohltätigkeit an der christlichen Armenpflege (1856), in: Ders., Sämtliche Werke III/1, Berlin/ Ham­burg 1968.

[5] Evangelisch.Ehrenamtlich.Engagiert. Kundgebung der Synode der EKD 2009 in Ulm.

[6] Bertelsmann-Religionsmonitor 2007, Gütersloh 2008.

[7] Heinrich W. Grosse , Freiwilliges Engagement in der Evangelischen Kirche hat Zukunft – Ergebnisse einer neuen empirischen Studie, Hannover ²2006.

[8]   Bauerkämper, Nautz, a.a.O, 36.

[9]   Joop de Hart/Paul Dekker, Von der Lebensgrundlage zur Dienstleistung, in: Bauerkämper, Nautz, a.a.O., 304.

[10]   KMU; Bibl. Angabe.

[11]   Claudia Schulz, Wie Lebensstile die kirchliche Mitgliedschaft bestimmen, in: Wolfgang Hu­ber/Johannes Friedrich/Peter Steinacker ( Hg), Kirche in der Vielfalt der Lebensbezüge. 4. EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft#, Gütersloh 20.

[12]   „Kiez, Quartier und Viertel – Kirche mittendrin“.

[13] Matth. 26,11

[14] Matth. 25, 14-30

[15] Matth. 25, 31ff.

[16]   A.a. O., 40

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