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EKD Pressemitteilung 77/2012

Diakonisches Profil – eine  Suche im Alltag.

 

1. „Was muss drin sein, wenn Diakonie drauf steht“ oder:
Das neue
Interesse am Diakonischen Profil.
„Sozialwirtschaft – mehr als Wirtschaft“  hieß der Titel einer Tagung des Deutschen Vereins in diesem Mai. „ Gibt es einen Mehrwert des diakonischen Unternehmens – und was sind die Kriterien“, wurde kürzlich auf einer Podiumsdiskussion in Loccum gefragt. Das Diakonische Werk der EKD hat dazu ein Projekt aufgelegt und ein hilfreiches Heft herausgegeben: die „Charakteristika einer diakonischen Kultur“. Diakonisches Profil hat also  Konjunktur. In Leitbildarbeit und Qualitätsentwicklung, in der Öffentlichkeitsarbeit wie bei der Präzisierung dessen, was die Marke Diakonie ausmacht.

Das ist alles andere als selbstverständlich. Als ich Mitte der 80-er Jahre Diakoniebeauftragte eines Kirchenkreises im Rheinland war, waren solche Fragen tabu. Nicht das spezifisch Evangelische sollte herausgearbeitet werden, nicht das Unterscheidende war das Thema jener Zeit, sondern die Entwicklung sozialer Professionalität und einer Haltung, die jedem Mitarbeitenden Zugang ermöglichte. Denn seit den 70er Jahren war klar, dass die Zeit der Diakonissenhäuser alter Prägung zu Ende ging , dass der Nachwuchs aus den Gemeinden fehlte  und dass Diakonie im Grundsatz keine anderen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen gewinnen konnte, als andere Wohlfahrtsverbände auch. Eine Mitarbeiteruntersuchung in der Kaiserswerther Diakonie, die ich zwischen 1998 und 2004 geleitet habe, hat das noch im Jahr 2001 bestätigt: nur 10 Prozent der Kolleginnen und Kollegen gaben als ein Motiv dafür, in diesem Haus zu arbeiten, eine besondere Verbundenheit mit Kirche und Diakonie an – die meisten waren dort, weil die Fachlichkeit anerkannt, der Arbeitsplatz wohnortnah war oder weil Freunde schon dort waren.

Wie kommt es, dass wir gleichwohl nach dem besonderen Profil diakonischer Unternehmen fragen ? Dafür gibt es zwei Gründe:

Auf der Leitungsebene  wird seit mindestens 20 Jahren gefragt, was es am Ende bedeutet, wenn sich die Organisationen von Diakonie und Caritas nicht mehr wesentlich von denen des Roten Kreuzes oder der AWO, von einem städtischen oder privaten Anbieter unterscheiden. Schon 1989 legte  Prognos eine Studie zum Profil der Freien Wohlfahrtspflege vor und unterlegte mit Zahlen, dass die Milieus in Kirche und Wohlfahrtspflege erodieren. Und seit Anfang der 90er Jahre mit der Pflegeversicherung die Privatisierung begann, haben wir es endgültig mit einem Markt zu tun, auf dem das günstigste und fachlich beste Angbot gewählt wird - unabhängig von konfessionellen Bindungen. Das so genannte Wunsch- und Wahlrecht der Nutzer wird zusätzlich ausgehöhlt, seit Städte ihre Jugend- und Sozialhilfeangebote nach Einzugsbereichen organisieren und das festgelegte Budget dem günstigsten Anbieter zuschlagen , ohne noch auf die Vielfalt der Träger, Tarife und Profile zu achten. Der Wettbewerb im Sozialmarkt geht über Preise und fachliche Standards, und die Sorge wächst, dass mit diesen Marktmechanismen, die eher der economie sociale als der deutschen Tradition des Wohlfahrtsstaats entsprechen, am Ende auch das Gemeinnützigkeitsrecht und die Sonderstellung kirchlicher Träger zur Disposition stehen. Wer diese Besonderheiten retten will, der tut gut daran, noch einmal neu nach der Zusammengehörigkeit von Kirche und Diakonie und nach den Besonderheiten diakonischer Unternehmen zu fragen. Auf diesem Hintergrund sind rechtliche Beschreibungen wie Zugehörigkeits- und Loyalitätsrichtlinie oder die Diskussionen um kirchliches Arbeitsrecht zu verstehen. 

Genauso wichtig ist aber die Perspektive der Mitarbeitenden und die der Kunden, Klienten und Bewohner. Sie spüren ganz sicher genau, wenn die Marke Diakonie ramponiert wird, Sie haben also eine Vorstellung davon, was drin sein muss, wenn Diakonie drauf steht. Wo alte Menschen  nur noch Kostenfaktoren sind, wo Pflegende von ihrem Lohn nicht leben können,  wo  Seelsorge und Bildung zu kurz kommen und der Wettbewerb um Kosten und Kunden alle zerschleißt und am Ende die Ärmsten der Armen ausschließt – da fragen viele zu Recht nach dem diakonischen Charakter unserer Dienste. Denn noch immer genießen unsere Angebote ein besonderes Vertrauen.  Um das zu erhalten, müssen wir uns mit den angesprochenen politischen Themen auseinandersetzen – mit den Grenzen des Sozialmarkts, mit der Frage nach gemeinwohlorientierten Angeboten, mit der Entwicklung sozialer Bildung, mit der Finanzierung von Spiritualität als Qualitätsdimension sozialer Arbeit.

Zugleich aber gilt es, mitten in den Veränderungsprozessen ein diakonisches Profil zu entwickeln, das Arbeit und Leben trägt und über formale Anforderungen von Loyalitätsrichtlinien hinausgeht. Ein Profil, das auch in einem freien Markt Bindungskräfte entwickeln könnte und gleichwohl auch in unserer sozialen Ordnung für alle attraktiv ist.


2.  Auf der Suche nach den Wurzeln
Wenn ich  ein diakonisches Unternehmen besuche,  versuche ich ein wenig über seine Geschichte zu erfahren .Ich mache dabei oft die Entdeckung, dass die Herausforderungen, die an der Wiege standen, nicht erledigt sind. So ging es mir auch mit der Martha-Stiftung: Dass Wilhelmine Mutzenbecher mitten in St. Georg, wo der damalige Hauslehrer Johann Hinrich Wichern sein Buch über „Hamburgs wahres und geheimes Volksleben“ schrieb, die Ausbildung und Stellenvermittlung von Dienstmädchen  zu ihrer Aufgabe machte, das erinnert mich daran, dass soziale Segregation bis heute unsere Städte spaltet und dass Berufsvorbereitung, Ausbildung, Training und Coaching nach wie vor wesentlich sind, um Teilhabe zu ermöglichen. Gerechte Teilhabe scheint mir ein roter Faden in der Entwicklung der Stiftung zu sein – für arbeitende Mütter und ihre Kinder, später auch für Kinder und Erwachsene mit Behinderung und für ältere Menschen im Wohnquartier.

Gerechte Teilhabe hat zwei Perspektiven: sie schaut auf das Quartier und darüber hinaus auf die Gesellschaft und fragt sozialen Lebensbedingungen – und sie schaut auf den Einzelnen, die Einzelne und fragt nach Ressourcen, nach Gesundheit und Bildung, Arbeit und Engagement. Heute spüren wir an allen Ecken und Enden: Hilfe für den Einzelnen und soziale Arbeit in Familien und Schulen, Nachbarschaft und Wohnquartier lassen sich nicht trennen – weder in der Pflege noch bei den Angeboten für behinderte Kinder und Jugendliche.  Soziale Arbeit braucht Netzwerke und Kooperationen zwischen Personen, Berufsgruppen und Einrichtungen – so wie damals zwischen Wilhelmine Mutzenbecher, Johann Hinrich Wichern, Amalie Sieveking und vielen anderen.

Zu den Netzwerken, die sich vor 160 Jahren in der Diakonie bildeten, auch die Kaiserswerther Diakonie in Düsseldorf.. Als Theodor Fliedner dort mit seiner Frau Friederike Münster 1836  das erste Diakonissenmutterhaus gründete, packte er drei große Nöte der damaligen Zeit am: er bot professionelle Hilfen zur Erziehung und Pflege an, er gab unverheirateten und unversorgten jungen Frauen die Chance einer Ausbildung in diesen Arbeitsbereichen und eine sinnvollen Betätigung,  und er schuf eine Gemeinschaft, die für diese Frauen zur Ersatzfamilie werden konnte.. Die Mutterhäuser, die sich von Kaiserswerth aus schnell ausbreiteten, boten wie die Bruderhäuser  in der Tradition des Rauhen Hauses  eine ganzheitliche Perspektive: Lebenshilfe und Begleitung für Kinder und Kranke, Bildung und Gemeinschaft für die Schwestern oder Brüder und in beidem diakonische Kirche.  Eine diakonische Kultur, die vom Glauben getragen war.

Christen wie Theodor Fliedner in Kaiserswerth oder Johann Hinrich Wichern hier in Hamburg, die damals in die Hospitäler und in die Wohnquartiere gingen und hautnah spürten, wie die industrielle Revolution die Gesellschaft auseinander riss und die Einzelnen entwurzelte, lasen das Gleichnis großen Weltgericht, in dem Jesus sich mit den Kranken und Hungrigen identifiziert , sie erinnerten sich daran, dass er ein Kind in die Mitte des Jüngerkreises und sich selbst in ihm sah. Sie waren überzeugt, dass jeder von denen, die damals abgehängt waren, Gottes Kind und Ebenbild war – ein Mensch, der Respekt verdient. Kein Untermensch, kein Unberührbarer, kein Objekt, kein Bürger zweiter Klasse und auch mehr als  ein Klient oder Kunde. Wer Hilfe braucht ist mit der gleichen Würde ausgestattet wie der , der helfen kann. Und sie zweifelten nicht daran, dass ihnen in diesem Menschen Gott selbst begegnete, ein Gott ganz unten. Ein Gott, der mit leidet. Die Schweizer Pflegewissenschaftlerin Silvia Käppeli [1]hat gezeigt, dass das Motiv des mit leidenden Gottes im Christentum und im Judentum, unsere Vorstellung von Diakonie entscheidend geprägt hat


3. Der Markenkern unter Druck – aktuelle Herausforderungen
Ich schaue zurück auf die diakonische Achsenzeit in der Mitte des 19. Jahrhunderts, in der auch die Martha-Stiftung gegründet wurde,  und mache daran fest, was für mich den Markenkern der Diakonie ausmacht: Dazu gehören der Respekt vor dem Einzelnen und seiner voraussetzungslosen Würde, die Wertschätzung unwiederbringlichen Individualität. Das Angebot einer ganzheitlichen Bildung. Ein klarer Blick für gesellschaftliche und ethische Herausforderungen und die Bereitschaft, sich für Teilhabe und lebensdienliche Rahmenbedingungen einzusetzen. Die Solidarität mit den Leidenden und ihren Angehörigen als Ausgangspunkt des Dienstes und die Gemeinschaft , die daraus erwächst.  Und schließlich eine spirituelle Präsenz, die auch in den Widersprüchen und Abgründen Gottes Gegenwart entdeckt..Das sind große Sätze, wie sie sich auch im Leitbild der Martha-Stiftung finden. Wie aber übersetzen wir diese Einsichten in unseren Alltag?

Ich vergesse nie einen Leitbildworkshop zur Geschichte der Kaiserswerther Diakonie,. In Arbeitsgruppen ging es darum, den Bildern und Mythen auf die Spur zu kommen, die das Werk geprägt haben. Da war eine Tafel im Krankenhaus, auf der stand: „ Der Herr ist Dein Arzt“. Da war das Schwesternzimmer im Mutterhaus mit der alten Schwesterordnung – „ Je hinfälliger, desto ehrwürdiger“ stand darin. Und das alte Gebäude des Kinderheims mit der Inschrift: „ Wer ein Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf.“ Die Spannung war mit Händen zu greifen. Pflege im Minutentakt passt nur schwer zu Biografiearbeit und Sterbebegleitung. „Zwischen Verheißung und Verheizung“ – so brachte eine der Arbeitsgruppen die Situation auf den Punkt.

Meine Eingangsfrage“ Was muss drin sein, wenn Diakonie drauf steht“ – lässt sich nicht stellen, ohne nach den Rahmenbedingungen zu fragen, unter denen wir heute leben und arbeiten – und ohne die Widersprüche aufzudecken. Auf einem Podium zum Thema „ Mc-Pflege, das ich letzte Woche moderiert habe, wurde gefragt, ob es für Kirche und Diakonie nicht an der Zeit wäre, aus dem Pflegemarkt auszusteigen. Mir fiel dabei Theodor Fliedner ein, der  damals klare Kriterien hatte, wann er seine Diakonissen aus einem Krankenhaus zurückzog. Dabei ging es um Qualität und Ethik der Pflege –Sauberkeit, Versorgung, medizinische Behandlung, Sterbebegleitung – aber auch um die Gesundheit der Schwestern-  Urlaub, Freizeit, geistliche Begleitung. Solche Kriterien, davon bin ich überzeugt, braucht jeder von uns, um zu wissen, wo die eigene und die institutionelle Grenze ist.  Meine eigenen Kriterien sollen nun dazu dienen, Alltagsdimensionen diakonischer Arbeit zu beleuchten. Es sind Gemeinschaft, die sich vom Hilfebedürftigen her konstitutiert, Zusammenarbeit in der Hilfekette, die Achtsamkeit für die innere Achse und stärkende Traditionen und Rituale. Anders ausgedrückt, in der Sprache des 19. Jahrhunderts: Gemeinschaft mit dem Kranken, Gemeinschaft untereinander und Gemeinschaft mit dem Herrn der Kirche.


4. Ein Stück des Weges mitgehen- Über die Gemeinschaft
„Gemeinsame Dinge helfen uns – lass uns versuchen, füreinander eine Zuflucht zu sein.“ Dieser Satz steht wie ein Leitsatz in: Stella Brahm Buch: „ Ich habe Alzheimer“, das sie in Kooperation mit ihrem demenzkranken Vater geschrieben hat. Das Buch ist in jeder Hinsicht anrührend, weil es die Pflege aus der Perspektive des Vaters betrachtet. „Wenn ich das Sagen hätte, würde ein Staatssekretär für die Emanzipation von Menschen mit Alzheimer eingesetzt und die Politik träfe Vorbereitungen für die Demenz-Explosion. Dann stünden unsere Wünsche im Mittelpunkt und auch der Demenzkranke hätte das Recht auf Privatsphäre und Freiheit. Wenn ich das Sagen hätte, würde Ruhe-Medikation verboten und der Kranke könnte jeden Tag ausgiebig schmausen“. Stella Brahm erzählt, dass sie ihrem Vater den von ihm selbst aufgestellten Forderungskatalog kurz vor Drucklegung vorgelesen habe: „ Du liest es mit solch einer Begeisterung vor“, sagte er strahlend, „dass ich denke: das ist es“. Wir sitzen Arm in Arm, geborgen, unsere Gesichter berühren sich. „So schön warm“, murmelt er zufrieden. gemeinsame Dinge helfen uns. Lass uns versuchen, füreinander eine sichere Zuflucht zu sein“

Die meisten von uns leben in der grandiosen Illusion, wir  wären autonom und autark oder sollten es wenigstens sein – wir müssten lernen, auf uns allein gestellt in der Welt zurechtzukommen. Dabei weiß jeder aus eigener Erfahrung, dass es nicht so  ist, sondern dass wir alle auf andere angewiesen sind. So wichtig  Emanzipation und Eigenständigkeit sind –sie sind von einer anderen Grunderfahrung getragen und umrahmt: Wir sind Beziehungswesen – oder, um es mit Plessner zu sagen: „Wir sind in der Glück der anderen hineingeboren.“ Wir wachsen in Abhängigkeit  auf und sind auch da noch auf andere angewiesen, wo wir als Erwachsene zusammen arbeiten.. Letztlich sind wir in jedem Alter auf Anerkennung und das Wohlwollen anderer angewiesen. Der Wirtschaftstheoretiker Adam Smith hat diesen Gedanken in seiner Theorie der ethischen Gefühle für die moderne Wirtschaft herausgearbeitet.. „In einer zivilisierten Gesellschaft ist der Mensch ständig und in hohem Maße auf die Mitarbeit und Hilfe anderer angewiesen. Doch reicht sein ganzes Leben gerade aus, um die Freundschaft des einen oder anderen zu gewinnen..“ (Theorie der ethischen Gefühle, Hamburg 1977, S. 127)

Wir sind Beziehungswesen, auf Gemeinschaft angelegt Je hilfebedürftiger wir sind, desto bedeutungsvoller wird die Teilhabe am Leben der Gemeinschaft.. Wenn wir lernen müssen, Eigenständigkeit aufzugeben, dann brauchen wir mehr als Pflege und alltagspraktische Hilfen. wir brauchen emotionale Unterstützung, wir brauchen Gemeinschaft.

Diakonie ist von Anfang an. auf Gemeinschaft ausgerichtet. Das steht in Spannung zur Angebotsorientierung der sozialen Unternehmen, zu geplantem Hilfehandeln und standardisierten  Einsätzen. Im diakonischen Handeln geht die Hilfekette immer von dem aus, der Hilfe braucht – er oder sie ist das Subjekt der Hilfe. Die alte Ordenstradition der Malteser und Johanniter spricht in diesem Zusammenhang sogar vom „ Herren Kranken“ – in ihm, davon waren sie überzeugt, begegnet uns der lebendige Christus. Der Herr Kranke ist noch einmal etwas anderes als „ König Kunde“.

Was kann es heute heißen, ein Stück Weg mit dem anderen zu gehen, Hilfeketten zu bilden und Räume zum Leben zu Verfügung zu stellen wie Samariter und Wirt im Gleichnis ?  Was kann es heute bedeuten, einem verlassenen oder verletzten Menschen einen Raum der Geborgenheit zu eröffnen. In Hospizen und Palliativen Netzen sammeln wir Erfahrungen . Um den Patienten, die Patientin herum organisiert sich das Team, die Behandlungskette. Um den Sterbenden herum müssen die Professionen orchestriert werden. „Was willst Du, das ich Dir tun soll?“, fragt Jesus einmal den Hilfebedürftigen. Nicht nach der Logik von Hierarchien und Gehorsam, sondern gemeinsam mit dem mündigen Gegenüber soll Hilfe organisiert werden, interdisziplinäre Diskurse überwinden für tiefgehende Augenblicke die Statusschranken zwischen Ärzten und Pflegenden. Vielleicht sogar die Grenzen zwischen den Systemen wie Krankenhaus und Altenhilfe, ambulant und stationär mit ihrer je eigenen Logik.

Als letzte Woche eine Kollegin aus Bielefeld von ihrem Quartierspflege-Projekt berichtete, da habe ich sie gefragt, ob ihre Arbeit nicht sehr verwandt ist mit der der alten Gemeindeschwester mit Tracht und Häubchen. Eine Mischung aus Pflege, und Angehörigenarbeit, aus Gemeinwesenarbeit und Begleitung Freiwilliger, eine Brücke zwischen Diakonie und Gemeinde. Ja, meinte sie, aber: mit professioneller Distanz, einem ordentlichen Gehalt, aber auch mit dem Bewusstsein, dass ich Teil eines größeren Netzwerks bin. Wenn jemand dieses Bewusstsein nicht hat – wenn er meint, das Ganze steuern zu müssen, gelingt es nicht. Offenbar passiert das gelegentlich in den Kirchengemeinden, die früher Träger der Sozialstationen waren. Da war es gut, von einem Berliner Pfarrer ein anderes gutes Beispiel zu hören: dort ist es ein Sozialunternehmer, Träger von Sozialstationen, der in der Gemeinde ein Tanzcafe für Demente eingerichtet hat. Mit Musik, die zurück in die goldenen 20er und 30er führt. Dort, im geistlichen Zentrum für Demenzkranke und ihre Angehörige gibt es auch einen neuen Typ Gottesdienst: einfach, sinnlich und sehr lebendig. Ich kann mir vorstellen, dass Stella Brahms Vater sich wohl gefühlt hätte. Menschen, oft sind es Ehrenamtliche, geben Zeit und setzen Phantasie ein, um einem anderen äußere und innere Reisen zu ermöglichen.


5. Kommunikation und Kommunion – Über die Zusammenarbeit
Die Palliativ-Care und Ethikarbeit im Florence-Nightingale-Krankenhaus in Kaiserswerth begann vor vielen Jahren mit den Tränen einer Schwester in einem Gespräch über Sterbebegleitung. „Nach vier Jahren in der Lungenklinik kann ich meine Traurigkeit nicht mehr herunterschlucken“, sagte sie.. Sie konnte es nicht mehr ertragen, dass die Toten möglichst abends und mit einem Bettuch bedeckt aus den Zimmern gefahren wurden, damit die Lebenden nicht mit dem Tod konfrontiert wurden .Mit  diesen Tränen begann etwas Neues: Es fing an mit einer ehrenamtlichen Hospitzgruppe von Schwestern im Ruhestand, die sich endlich Zeit nehmen konnten, am Bett zu sitzen und ganz da zu sein. Ich habe die Schwierigkeiten, diese Gruppe zu implantieren, nicht vergessen - soviel Zuwendung schien den Betrieb zu stören. Aber dann kam der Aufbruch. Die Atemtherapeutin, die Stationsschwester, ein junger Arzt arbeiteten mit und aus der kleinen Gruppe wurde eine Bewegung, die mehr als 200 Leute in Krankenhaus und Altenhilfe erfasste. Die Schreinerei entwickelte die Lade, eine kleine Schub-Lade mit Kerze, Spruchkarte, Kreuz und einem  weißen Deckchen für den Nachtisch – für jede Station, für jede Pflegekraft, die einen Abschied gestalten will. Und in das weiße  Tuch stickten Ehrenamtliche aus der Paramentik einen Schmetterling , ein altes Auferstehungszeichen. Es hat mich  begeistert, zu sehen, wie diese Arbeit immer neue Früchte trug: vom Moseskörbchen in der Geburtsstation bis zur Ethikberatung in der Altenhilfe – das Schönste  war, dass Mitarbeitende sich beflügelt fühlten, weil sie endlich wieder die eigene Berufung spürten. Wer in diesem Sinne bei sich selbst ist, kann auch bei anderen bleiben.

Die gegenwärtigen Umbruchprozesse  in der Diakonie machen das Bleiben schwer. Fusionsprozesse und Neuaufstellungen wirbeln ganze  Teams durcheinander, viele verlieren die Geborgenheit in einem angestammten Team. Manche steigen aus, fühlen sich „abgehängt“. Hoffnungslos? Nicht unbedingt.  Der Theologe Ernst Lange hat einmal geschrieben, der Geist Gottes „wirke in den Fugen“[2] von Veränderungsprozessen und Umbrüchen. Der Geist von Pfingsten schenkt also neue Perspektiven gerade da, wo wir eben noch Mauern gesehen und Enge gespürt haben. Wir spüren ihn allerdings nur, wenn wir ihm Raum geben, die Widersprüche auszusprechen, statt die Augen davor zu verschließen. Die Tränen fließen lassen, statt sie herunter zu schlucken. Uns aufzuregen, statt auszubrennen. Lachen über das, was absurd ist.

Es muss ja nicht das Team sein, in dem das geschieht – es kann auch ein Mitarbeitertag oder eine Zukunftswerkstatt sein. Entscheidend ist, dass die Informationen fließen und Rückmeldungen gefragt sind, dass Mitarbeitende in Prozesse einbezogen werden, dass Besprechungen mehr sind als das Abhaken von to-do-Listen, dass Führungskräfte wahrnehmen, wo das Fass überläuft  und dass Erfolge gefeiert werden. Ich denke an ein Team in einer Jugend- und Drogenberatungsstelle. Dort standen. auf einem Wandkalender  Wegmarken und Meilensteine. Die anvisierten Ziele wurden wie Leitsätze auf ein Plakat geschrieben und mit unterschiedlichen Daumenabdrücken „gesiegelt“. Und im Büro der Leitung stand ein Gefäß für die Erfolgserlebnisse, die auf Papierstreifen aufgeschrieben und eingerollt wurden. Wenn diese Zettel einmal im Monat beim Gruppenfrühstück vorgelesen wurden, war die Identifikation für jeden spürbar. Eigentlich war sie schon spürbar, wenn man das Haus betrat – an der Art, wie einen die Sekretärin begrüßte.

Die Mitarbeiterorientierung der Diakonie wird heute oft in Frage gestellt wird . Das  beginnt bei der Tarifpolitik und der Dienstgemeinschaft und endet nicht mit den Problemen von Arbeitsverdichtung und Outsourcing. Die Dienstgemeinschaft ist in einer Zerreissprobe..Die Managementberaterin Gertrud Höhler hat auch im Blick auf Wirtschaftsunternehmen dargestellt, dass Leitungskräfte ein „Hirtenamt“ innehaben. In der Alphaposition, schreibt sie, käme es entscheidend darauf an, immer auch die Schwächsten, die „kleinen Leute“ in der Omegaposition, im Blick zu behalten,[3] Die behinderten Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in Gärtnerei und Schreinerei, die schlecht bezahlten Kolleginnen und Kollegen in der Küche und im Reinigungsdienst die Ein-Euro-Jobber – sie spielen eine wesentliche Rolle für den Zusammenhalt und das Selbstgefühl der Gemeinschaft. Mir ist das bei der Beerdigung von Blätter-Paul in Kaiserswerth deutlich geworden, einem alt gewordenen behinderten Mitarbeiter, der mit viel Liebe die Wege fegte. Als er eines Tages tot umfiel, war die Mutterhauskirche, die 600 Plätze fasste, voll. Voller als bei der Verabschiedung eines früheren Vorstands.

Bei solchen Gelegenheiten zeigen sich die unsichtbaren Netze im Unternehmen. Da entsteht ein Resonanzraum, der über den Augenblick hinausführt, unsere Rollen überschreitet und unsere Gefühle einbezieht. In solchen Augenblicken spüren alle, warum sie miteinander arbeiten, was sie leitet und trägt. Da geschieht Kommunion – und das ist eben mehr als Kommunikation. Darum ist es so wichtig, dass wir in der Diakonie die Schwellenzeiten im Leben der Einzelnen wahrnehmen – Geburten und Todesfälle, Geburtstage. Und daß wir  auch die Zerreißproben des Alltags im Blick behalten: Pflege und Erziehungszeiten, persönliche Krisen, Scheidungen. Wo Mitarbeitende sich in solchen Zeiten getragen fühlen, werden sie andere tragen können. Wo sie sich selbst abgehängt und verlassen fühlen,  wird ihnen das schwer fallen. Wie können wir anderen Perspektiven geben, wenn wir selbst keine haben?, stand auf einer Karteikarte, die ich beim Bremer Kirchentag als Anwältin des Publikums bekam.

Glaubens- Lebens- und Dienstgemeinschaft – das war einmal die Vision der Diakonie. Diese Ganzheit ist in vieler Hinsicht zerbrochen, Aber wie bei einer Sonnenfinsternis wird ihr Glanz noch im Schatten erkennbar : diakonische Kultur lebt davon, dass wir einander auch als Kolleginnen und Kollegen auf Augenhöhe begegnen, einander wertschätzen und Mut machen - über alle Ebenen hin. Wo das gelingt, werden Kräfte frei, die uns und andere tragen. Dass es gelingt, hat allerdings auch mit den Rahmenbedingungen zu tun- mit Gerechtigkeit und angemessener Vergütung, mit Verlässlichkeit und Transparenz.


6. Umgang mit Zeit und Raum – Über die Lebendigkeit der Tradition
Martina Höber, mit der ich viel in Führungskräfteseminaren zusammen gearbeitet habe, geht von sieben gestaltbaren Wesenselementen einer Organisation aus – jeweils mit einer Außen- und einer Innnenseite. Neben der kulturellen Prägung, Identität und Strategien einer Organisation und der sozialen Prägung mit Gruppen und Klima gehören. auch die physische Ausstattung und die Arbeitsprozesse dazu. Meine diakonische Spurensuche führt mich  deshalb als nächstes zum Umgang mit Raum und Zeit. Es war ja schon die Rede von der Gestaltung des Nachttischs in der Sterbebegleitung und von der Zeit, um am Krankenbett zu sitzen, von Festen und Ritualen.  Zeit und Raum sind wesentliche Kategorien der diakonischen Arbeit – sie haben mit Körper und  Rhythmen, mit Sinnlichkeit und lebendiger Wahrnehmung zu tun. Das gerät leicht in Vergessenheit, weil die Zeitvorgaben diakonischer Arbeit heute eher von Kassen und Budgets und nicht zuletzt von Tarifvereinbarungen diktiert werden, und weil auch die Räume per Refinanzierungsstandards vorgegeben sind. Die Ökonomisierung der sozialen Arbeit verführt dazu, dass wir Zeit eben nicht mehr in Rhythmen von Werden und Vergehen, sondern nach Planung und Wirkung berechnen und dass wir Räume funktionalisieren. Wo so vieles funktionalisiert wird, das selbst Geborenwerden und Sterben kaum noch natürlichen Rhythmen folgen, wo der wirtschaftliche Druck dazu zwingt, OPs möglichst viele Stunden auszunutzen, wo Heilungsprozesse modularisiert und pauschal berechnet werden, da  suchen viele neu nach dem, Zusammenhang von Heil und Heilung., nach der Heilkraft der Begegnung.

Vor einigen Jahren habe ich eine spannende gerontologische Untersuchung über das Schrittmaß in der Altenpflege gelesen. Die Wissenschaftlerin zeigte , was es bedeutet, , dass alle Mitarbeitenden aufgrund der Zeitvorgaben gezwungen sind, weit schneller über die Stationen zu gehen als die alten Menschen, für die sie arbeiten. Sie müssen an ihnen vorbei laufen, ohne wirklich Kontakt aufnehmen zu können. Und auch, wenn sie ein Zimmer betreten und wieder verlassen, ist es schwer, in kurzer Zeit auf Augenhöhe, auf Hörweite zu kommen und dem langsameren Rhythmus, der Unbeweglichkeit Rechnung zu tragen. Entschleunigung wäre nötig, um wirklich in die Welt des anderen einzutreten. Beschleunigung und Arbeitsverdichtung aber prägen den Alltag. Gemeinsame Zeiten und Räume schwinden, Zeiten der Begegnung, heilige Zeiten.

Dabei können wir in der Diakonie auf eine reiche Tradition zurückgreifen. Denken Sie nur an Wicherns Erfindung des Adventskranzes. Eigentlich brauchen wir keine künstliche Beduftung, um wahrnehmbar zu machen, in welcher Jahreszeit und – in welcher Kirchenjahreszeit wir leben. Diese anderen  Zeiten sind ja nicht nur etwas für Kopf und Herz – dazu gehören auch bestimmte Speisen und Düfte, Lieder und Karten. Die Frage, wie wir es mit den Speiseplänen halten, wenn die Küche outgesourct ist, ist deswegen nicht unwichtig. Das gilt in besonderer Weise für Muslime. Was wir heute brauchen, ist  auch eine interkulturelle Sensibilität, die die Traditionen anderer achtet ,  ja, auf  sie zugeht – den Ramadan der türkischen Mitarbeitenden genauso wahrnimmt wie das orthodoxe Osterfest mit seinem Fasten und den besonderen Speisen.

Hans Bartosch, der Krankengale-Krankenhauses, hat kürzlich  ein Westentaschenbuch  mit Segensritualen, Segensworten und Liedern zur Segnung Sterbender, zur Aufbahrung Verstorbener, zu Trauer und Gedenken und zum Umgang mit totgeborenen und früh verstorbenen Kindern veröffentlicht – die „ Lebenswege“.. Neben den christlichen enthält es auch Rituale anderer Weltreligionen – muslimische, jüdische, buddhistische.  Wer das Heft liest, spürt: Religion hat es mit ganz elementaren und leiblichen Vollzügen  zu tun – hier gehat es um Zeiten und Räume, um Waschungen und Kleidung. Die Begegnung mit  anderen Religionen und Kulturkreisen kann helfen, sich das bewusst zu machen.  Am Ende wird es darauf ankommen, dass wir  eine Haltung beziehen, die in den eigenen Traditionen geerdet und  über Unterschiede hinweg beziehungsfähig ist.

In immer mehr Krankenhäusern und Altenhilfeeinrichtungen entstehen inzwischen Abschiedsräume, die nach dem Muster der Hospize den Angehörigen und Mitbewohnern Raum für Trauer und Dankbarkeit geben. Mit einer Kerzenbank vielleicht, einem Stein mit Namen für jeden Verstorbenen. Einer Rose.  In diesen Tagen erzählte mir eine Kollegin vom Sterben ihrer Mutter und sagte, der Abschied in der kleinen Runde des Altenheims mit den Lesungen und Gebeten der Stationsleiterin sei für sie viel dichter und persönlicher gewesen als die spätere Beerdigung. In einer Zeit, in der viele Beerdigungen nur noch anonym und oft schon ohne Sarg stattfinden sind diese diakonischen Rituale nicht nur seelsorglich wichtig, sie sind auch ein Stück christlicher Tradition, das ansonsten verloren ginge.

Solche Andachtsräume, aber auch Gärten , Brunnen und Labyrinthe, Cafes, Begegnungsräume und Mittagstische werden in den letzten Jahren wieder zu einem Herzstück diakonischer Kultur. Nach der Zeit der Zweckbauten und Kantinen kehrt damit etwas von dem zurück, was die Mutter- und Bruderhäuser jahrzehntelang geprägt hat: die Gastfreundschaft.  Ob Haus der Stille , Familienzentrum oder Obdachlosencafe- es geht um einen Platz,- an denen man sich fallen lassen und zu sich kommen kann, wo du auftanken kannst und ein Pflaster für die Wunden bekommt , wo du deine schmutzige Wäsche waschen kannst und eine Wanderkarte findest, um nicht vom Weg abkommst. Da macht dir jemand mit Liebe das Bett, deckt dir den Tisch, auch wenn du fremd bist. . Als ich selbst vor einem Jahr 10 Tage im Appartement meiner sterbenden Mutter verbracht habe, wurde mir klar, dass Gastfreundschaft einen Raum zum Heiligen Raum macht. Selten habe  ich mich so über einen kleinen Strauß mit Gartenblumen gefreut wie in diesem Pflegezimmer. Zeichen des Lebens mitten im Vergehen. ‚Schönheit, die Mut macht.


7. Werte , Ziele, Konflikte  – Über die innere Achse
„Die Arbeit ist für viele Menschen der Ort, an dem sie sich selbst verwirklichen möchten - und zugleich der Ort, an dem die Auswirkungen von Beschleunigung, Rationalisierung und Globalisierung großen Druck ausüben. Die Anpassung an diese Bedingungen fordert Reflexion und Verantwortung. Zum einen müssen wir unseren Referenzwert, die Orientierungskoordinaten für unser Leben ständig überprüfen, zum anderen müssen wir Aufmerksamkeit für die Gefahr der Erschöpfung entwickeln“, schreiben Unger und Kleinschmidt in ihrem Buch „Bevor der Job krank macht“.[4]

Auch die Diakonie ist davon nicht verschont- im Gegenteil. Denn die Koordinaten, auf die wir uns als Christinnen und Christen beziehen, die biblischen Texte, die diakonische Tradition, sind zugleich die Referenzwerte des Unternehmens, sie begründen unsere Arbeit. Das schönste Bild für die Gastfreundschaft, das ich kenne, sind die Tischgemeinschaften Jesu, bei denen keiner ausgeschlossen war. Die schönste Geschichte von Menschenwürde und Mitleiden ist die vom Barmherzigen Samariter. Wir schöpfen daraus Kraft, aber wir werden aber auch daran gemessen. Ich  erinnere mich auch an die Wut der Patienten und Mitarbeiter, als zeitweilig in unserem Krankenhaus das kostenlose Wasser abgeschafft wurde, das auf den Nachtischen stand. Weil das Herbeischaffen und Wegräumen der Flaschen zu viele Personalkosten band, wurde der Service outgesourct. Man musste das Wasser also kaufen. Und eines Tages hatte ich einen wütenden Ehemann am Telefon. „Und das in einer Kirche, die vom barmherzigen Samariter redet“, schrie er. „Nicht mal Wasser haben Sie für den, der im Dreck liegt.“

Es sind ja oft die anderen, die so genannten Kunden, die An gehörigen, die Ehrenamtlichen, die uns daran erinnern, dass unsere Quellen versiegt sind. Dass unsere innere Flamme erloschen ist.. Das ist nicht leicht zu ertragen, wenn einen jemand damit konfrontiert, aber es tut letztlich gut . Es macht uns nämlich bewusst, dass wir entscheiden müssen, was wir  mit unserer Arbeit erreichen, für was wir leben wollen.

Wenn die Spannung zwischen Verheißung und Verheizung zur Erschöpfung und Entfremdung führt-  im schlimmsten Fall zum Zynismus,- ist Diakonie am Ende nur noch ein Geschäft wie jedes andere – ein schlecht bezahltes obendrein. Die Bremer Ökonomin Maren Jochimsen hat  den Kern der Pflege- und Erziehungsarbeit mit einem Geschenk verglichen, das  Einfühlungsvermögen und ehrliche Zuwendung braucht. Die Sorge für andere ist mehr als ein bloßes Tauschgeschäft. Alle Anstrengungen derer, die für Politik und Leitung verantwortlich sind, aber auch der Mitarbeitenden selbst,, muss darauf zielen, diese Motivation zu erhalten und zu schützen.

Ich denke an ein Schaubild, dass Studentinnen der Pflegewissenschaft in einem Ethikseminar der Fachhochschule Bochum entwickelt hatten, an der ich eine Zeit lang unterrichtet habe. Es ging um die Werte der Organisation und die Werte der Personen. Auf dem Plakat sah man oben die  Leitung  mit ihren Erwartungen an die Mitarbeitenden – Leistung, Einsatz, Qualitätsmanagement, Loayalitätserwartungen. Untern die Kunden mit ihren Erwartungen an gute Pflege, Akzeptanz ihrer jeweiligen Biografie und ihrer persönlichen Werte. Und dazwischen die Mitarbeitenden –, zwischen Kassen und Kunden. Ich erinnere mich an die junge Frau, die das Gefühl hatte, auf der Intensivstation Handlangerin ethischer Entscheidungen zu sein, die sie selbst so nicht getroffen hätte. An die Ohnmacht einer anderen, bei der der zuständige Hausarzt in der ambulanten Pflege den Missbraucht nicht anzeigen wollte, den sie  zur Sprache gebracht hatte.

Meine Ruhrgebietsstudentinnen kamen vielfach aus Migrantenfamilien, einige waren Musliminnen. Ihre Werte waren ihnen wichtig für die eigene Arbeit – im Blick auf  Altern, Sterben und  Geschlechterrollen. Dabei spielte ihre religiöse Prägung eine wichtige Rolle.. Aber sie hatten bis dahin wenig Gelegenheit gehabt, aus dieses eigenen Haltung heraus auf ihre Arbeit zu schauen und das auch zu formulieren. Wer sprach schon über Religion? Die Energie, die darin steckt, ist  eine starke Kraft – sie kann lebendig machen, und die eigene Motivation erneuern – aber sie kann auch Konflikte auslösen und Widerstand wecken. Aber ohne diese Energie wird man auf  Dauer weder pflegen noch erziehen, weder beraten und leiten können. Darum ist es so wichtig, dass Einrichtungen Raum geben für Fortbildung , Supervision und Ethikberatung. Auch das gehört ganz wesentlich zum diakonischen Profil.

„Entspricht meine Arbeit meinen persönlichen Werten und Zielen ? Achte ich gerade genug auf mich selbst, meine Rhythmen und Körpersignale? Wie verantwortlich und wertschätzend bin ich mir selbst und mir wichtigen anderen Menschen gegenüber? Unger und Kleinschmidt, die sich damit beschäftigt haben, was gute Arbeit ausmacht schlagen vor, sich regelmäßig Auszeiten zu nehmen, um sich solche Fragen zu stellen. Und nicht nur mit dem Arbeitgeber, sondern auch mit sich selbst Verträge und Zielvereinbarungen zu schließen, in denen wir festhalten, worauf es jetzt ankommt. Dazu hilft eine furchtlose Inventur, wie wir sie aus der Suchtkrankenhilfe kennen, ein Coaching oder eine Supervision. Vielleicht auch  einfach eine Zeit am Tage, in der wir die Stille auf uns wirken lassen. Ohne Selbstsorge jedenfalls wird die Sorge für andere auf Dauer nicht gelingen. Wir erfahren Diakonie , bevor wir diakonisch handeln – an uns selbst lernen wir, was drin sein muss, wenn Diakonie drauf steht. Als Patientin im Krankenhaus, als Angehörige im Sterbezimmer.

Wenn wir uns  Herausforderungen  stellen, statt die Augen zu verschließen, wenn wir  uns mit Wertefragen auseinandersetzen, auch durch schmerzhafte Konflikte hindurch,  wenn wir bereit sind, uns selbst verändern zu lassen, dann geschieht etwas an uns: Wir werden offener für andere.. Wir werden geerdet. Wir entdecken unsere Spiritualität. Mir helfen dabei biblische Texte, weil sie  realistisch sind und zugleich einen offenen Horizont haben – so wie das Gleichnis vom vierfachen Ackerfeld, das davon erzählt, wie viel daneben gehen kann. Zum Beispiel, weil der Boden steinig ist. Und das am Ende doch die Freude stark macht an dem, was gelingt. Diese überraschende Entdeckung ist es, die die Diakonie über die Zeiten trägt. Denken Sie nur an den steinigen Boden des 19.,Jahrhunderts – und an die Kraft der Einzelnen, die sich damals vernetzten. An Wichern und Fliedner und auch an Wilhelmine Mutzenbecher. Es bleibt ein Wunder, welche Erfolge aus diesen Anfängen erwachsen sind. Die großen Organisationen, die heute für Diakonie stehen begannen mit der Initiative  Einzelner. Wer also über diakonisches Profil nachdenkt, tut gut daran, wieder bei sich selbst anzufangen – und bei denen, die heute auf Hilfe und Gemeinschaft angewiesen sind. Dieser Blick ist es, der auch heute die Organisationen in Bewegung bringt – in die Bewegung der Diakonie.


Cornelia Coenen-Marx , Hamburg, 28.5.09

 



[1] Silvia Käppeli

[2] Predigt am 12.3.1967 in der Ladenkirche, zitiert nach: Pastoraltheologie, 76. Jahrgang 1987, S.481.

[3] Höhler, Gertrud: „ Die Sinn-Macher“, Wer siegen will, muss führen, München 2002, S. 339ff.

[4] Unger, Hans-Peter/ Kleinschmidt, Carola: Bevor der Job krank macht, München 2006,

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