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EKD Pressemitteilung 77/2012

Spiritualität als Aufgabe diakonischer Bildung

1.    Einleitung: Spiritualität neu entdeckt

„Diakoniker sind Praktiker – über die eigene christliche Haltung laufend zu reden, ist ihnen eher peinlich. Wir möchten unsre Arbeit fachlich gut tun und uns dazu mit Themen auseinandersetzen – und das tun wir als Christen. Nur Kirchens reden laufend darüber..“

„Viele Kollegen erleben ihren Glauben als Privatsache und trennen stark zwischen Glauben und professioneller Arbeit. Die Anfor[1]derungen, die im säkularen Arbeiten an uns gestellt werden, sind hoch. Glaube und Spiritualität fällt da leicht hinten runter oder wird als zusätzliche Anforderung erlebt.“

„Was mag also Diakoniker interessieren? Glauben als Burn out Prophylaxe. Glauben als Lebensmotivation. Widerstand gegen die Lebensausbeutung der Diakonie“.

Das sind drei Antworten aus einer privat initiierten Umfrage eines theologischen Vorstands zu der Frage, wie sich der christliche Gesundheitskongress entwickeln müsste, damit er viele Menschen aus der Diakonie anspricht.

Seine Schlussfolgerung lautet: Mitarbeitende der Diakonie haben ein Bedürfnis nach persönlicher Spiritualität- aber nicht unbedingt nach beruflicher Spiritualität. Von jährlich 400 neuen Mitarbeitenden wollen sich die Hälfte in Segnungsgottesdiensten persönlich segnen lassen. Eventgottesdienste, Seelsorgeauszeiten, Klostertage sind nachgefragt – eine Mischung aus Wellness, biblischen Impulsen und Zeit zur persönlichen Stille. Aber weil sie wissen, dass sie in einem Tendenzbetrieb arbeiten,  bleiben sie kritisch gegenüber allem „ Du sollst“ und „Du musst“:  Dass Glaube und Gesundheit nachweislich einen Zusammenhang haben, scheint für viele ein Tabuthema zu sein. Und unter dem ständigen Kosten- und Leistungsdruck ist auch kaum Zeit, sich auf ein neues Denken einzulassen Der Arbeitgeber bleibt Brötchengeber, er ist nicht Sinnstifter. .[2]

Spiritualität hat Konjunktur. Sie ist eine entscheidende Dimension des diakonischen Profils, die in der Gestaltung von Ritualen, Festen und Feiern, in Seelsorge und Sterbebegleitung erfahrbar wird und in Leitsätzen zum Ausdruck kommt.  Dass diese Neuentdeckung vor allem in Hospizen und in der Palliativpflege weit über den Raum der Kirche hinaus reicht, ja, dass Spiritualität als eine wesentliche Dimension der Palliativpflege auch von den Kassen festgeschrieben wurde, setzt kirchliche Einrichtungen einem ungewohnten Konkurrenzdruck aus: der eigene Mehrwert, das unverwechselbare Profil muss neu beschrieben, in vielen Fällen auch neu entwickelt werden.  Zugleich wird Spiritualität als gesundheitliche Ressource für die Mitarbeitenden entdeckt, die sich in einem Gefühl der Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns zeigt, aber auch in der inneren Verbundenheit mit der Dienstgemeinschaft. In einer Untersuchung des Sozialwissenschaftlichen Instituts zu der Frage, wie sich innere Kraftquellen in der Pflege manifestieren, wurde deutlich: sie helfen Pflegepersonen, leichter mit kritischen Situationen wie Leiden und Sterben der Patienten umzugehen. Die Interviewten sprechen davon, dass sie sich getragen und geschätzt fühlen, dass sie Kraft bekommen, durchzuhalten, auch wo Erfolg nicht zu sehen ist. Dabei sehen die Befragten die religiösen Kraftquellen in einen größeren Kontext von Möglichkeiten wie Gespräche mit Kollegen, Naturspaziergänge, Meditation.

Auch eine Untersuchung der Fachhochschule der Diakonie in Bethel , die derzeit zu diesem Thema stattfindet, [3], zeigt, dass Spiritualität eine wichtige Ressource in der Gratifikationskrise ist, die viele Mitarbeitende aufgrund des wachsenden Zeit- und Kostendrucks erleben – das aber  die entscheidende Kraftquelle der diakonischen Gemeinschaft , der Zusammenhalt im Team, durch Veränderungsdruck und Umstrukturierungen bedroht ist. „DEKV-Thema“, die Zeitschrift des evangelischen Krankenhausverbandes, empfiehlt deshalb, Mitarbeitende aktiv an den Prozessen der Veränderung und des Wahrnehmungswandels zu beteiligen und damit Vertrauen aufzubauen und Offenheit zu stärken. [4]

Denn Arbeit ist für viele Menschen der Ort, an dem sie sich selbst verwirklichen möchten - und zugleich der Ort, an dem die Auswirkungen von Beschleunigung, Rationalisierung und Globalisierung großen Druck ausüben. Die Anpassung an diese Bedingungen fordert von jedem und jeder einzelnen Reflexion und Verantwortung für die eigene Lebensgestaltung. Immer wieder müssen wir die Orientierungskoordinaten für unser Leben überprüfen, und gleichzeitig Aufmerksamkeit für die Gefahr der Erschöpfung entwickeln“, schreiben Unger und Kleinschmidt in ihrem Buch „Bevor der Job krank macht“.[5]  Spiritualität ist  dabei der Mehrwert, den Kirche und Diakonie versprechen. Aber die Koordinaten, auf die wir uns als einzelne Christen beziehen- biblische Texte, diakonische Traditionen- sind eben zugleich die Referenzwerte der Organisationen. Und je größer dabei die Spannung zwischen Ideal und Wirklichkeit, desto größer ist die Herausforderung der persönlichen Deutung- und vielleicht auch die Angst, die eigenen Gefühle und Fragen,  Wut, Kritik und Zweifel zum Ausdruck zu bringen.

Offenheit ist aber eine wesentliche Voraussetzung für gelebte Spiritualität. Spiritualität muss fließen wie lebendiges Wasser, um die Bibel zu zitieren. Sie weht durch Wände und bricht verschlossene Tore auf wie der Heilige Geist. Im diakonischen Unternehmen hat sie eine kollektive und eine individuelle Komponente, eine handlungsorientierte Seite und eine, die auf Empfang gerichtet ist. In der Mutterhausdiakonie waren diese beiden Seiten in Arbeit und Gebet aufeinander bezogen- und für beides waren Räume und Zeiten vorgesehen. Sie blieben aber auch insofern aufeinander bezogen, als die individuelle religiöse Identität sich in die kollektive der Dienstgemeinschaft einfügte. Beides hat sich gravierend verändert.  Was das für die Fragen diakonischer Bildung bedeutet, darüber müssen wir in einer säkularisierten Volkskirche neu nachdenken.

 

2.    Diakonie als Bildungsbewegung: :

Sechs Jahre meines Berufslebens habe ich in der Kaiserswerther Diakonie verbracht. Die Feierabendschwestern konnten noch sehr lebendig vom großen und kleinen Kursus erzählen, und in meinem Bücherregal stehen noch immer ein altes Diakonissengesangbuch und -Lesebuch neben der Schwesternordnung. Die Schulen und Bildungsstätten in Kaiserswerth mit mehr als 1000 Schülern prägen das Werk bis heute ; allerdings gehören diese Bildungseinrichtungen längst nicht mehr in den Kontext der Schwesternschaft – und der Religions- und Ethikunterricht hat ein völlig andere Gestalt als vor Jahrzehnten noch vorstellbar gewesen wäre. Und auch die Verzahnung von Pflegefachlichkeit und diakonisch-theologischen Perspektiven  an der Fachhochschule, mit der bis vor kurzem ein Kooperationsabkommen bestand, ist längst nicht so entwickelt wie die in Sozial-oder Gemeindepädagogik.

Das  Diakonissenbuch des Kaiserswerther Verbandes , das 1935 von Graf  Lüttichau herausgegeben wurde[6], entfaltet zunächst eine biblische Diakonik , erzählt dann in einem kirchengeschichtlichen Teil von Franz von Assisi, Elisabeth von Thüringen, Thomas von Kempen, blickt zurück auf die Entstehung der mittelalterlichen Spitäler und die Umbrüche der Reformation mit iher Arbeits- und Berufsethik, erzählt von Pietismus und Erweckungsbewegung und kommt dann zu Wichern, Elisabeth Fry, Amalie Sieveking und endlich zu Theodor, Friederike und Karoline Fliedner , zu Wilhelm Löhe. und dann zu den Gründungsgeschichten der verschiedenen Mutterhäuser. Das Buch ist zur Hälfte durchgeblättert, wenn über Vater Bodelschwingh erzählt wird- da fällt mir das Lesezeichen aus rosa Seide in der Hand, das dort in der Mitte des Buches eine besonders wichtige Seite markiert.: „ Auf Adlers Flügeln getragen“ steht darauf, vielleicht ein Lebensmotto, ganz sicher ein Halt in schwierigen Zeiten. Das Lesezeichen liegt bei  dem Foto von Eva von Thiele –Winkler findet sich zentral, auf einer eigenen Seite, ihr Gedicht „ Ancilla Domini“:Nach diesem Teil, in dem es im wesentlichen um die Identität der Diakonie geht, wird das Buch praktischer und erläutert die biblischen Perspektiven auf Pflege und Erziehung, Sterbebegleitung und Nachtwachen, Behindertenhilfe und Gemeindepflege – bis heute lesenswert.

Das Diakonissenbuch stellt aber Diakonie als eine biblisch begründete, ethisch getragene Haltung evangelischen Christseins im Alltag dar: Ja, es finden sich Gebete für Sterbebett und Nachtwache, aber „ wie wir die Krankenpflege betreiben, daran wird unser Christenstand offenbar: „ Was macht es doch für einen Unterschied aus, ob jemand im Kranken einen „ –Fall“ sieht oder von „Krankenmaterial“ redet, oder ob er im Kranken einen Stellvertreter Christi sieht“, liest man unter Hinweis auf Matth. 25. Vielleicht deshalb sind es vor allem die Lebensbilder der Frauen sind, die die ehemalige Besitzerin, fasziniert haben. Sie haben Vorbildfunktion und zeigen zugleich etwas von dem inneren Ringen um Glauben in den Herausforderungen. “Schaffe ein anderes Herz in mir, ein sanftmütiges Herz für das boshafte, auffahrende Herz“, ist im Text überFriederike Fliedner rot unterstrichen und „ Herr, gib mir Liebe. Wer einen Funken deiner Liebe hat, hat alles.“ Das sind Funken christlicher Mystik in einem ansonsten durchaus dem Alltag zugewandten Leben. Hier zeigt sich die Suche nach Reinheit und Leere, die notwendig ist, um Zugang zu finden zu den schöpferischen Heilkräften, nach denen Menschen sich sehnen. Solche Sätze, Gedichte, Liederzeilen sind es, die spirituell getragen haben, während all das bibelkundliche und geschichtliche Wissen, dass das Buch repräsentiert, eher ungenutzt erscheint. Spirituelle Bildung in der Diakonie- das war eben nicht nur der große und kleine Kurs, es war auch die Gestalt und Atmosphäre des Mutterhauses, die die Frömmigkeit der Schwestern geprägt haben- die Verbindung von Arbeit und Lernen, die Gestaltung der Häuser, auf denen die Bibelsprüche aus dem Diakonissenbuch zu lesen waren, die Mentorinnen, die die Tradition weitergaben:„Frömmigkeit als Gestaltwerdung christlichen Glaubens inmitten von Raumzeitlichkeit.: [7] 

Diakonische Bildung hatte von Anfang an einen ganzheitlichen Charakter – als Berufsbildung wie als Persönlichkeitsbildung. Und die neuzeitliche Diakonie  ist  eine Bildungsbewegung und knüpft damit an die Impulse der Reformation an: . Noch als die große Zeit der Diakonissen in den 60er-Jahren zu Ende ging, prägten Bildungseinrichtungen die Anstalten und Werke. Aus der Berufung der Gemeindeschwester, die bis Ende der 60-er Jahre Kirche und Diakonie im Quartier verknüpfte, waren viele Berufe geworden: Erzieherinnen und Gemeindepädagoginnen, Krankenschwestern und Altenpflegerinnen mit unterschiedlichen Ausbildungsgängen und Eingruppierungen. Dieser Prozess geht weiter. Er wurde zuletzt angefeuert durch die Differenzierung der sozialen Dienste, die Veränderung der Bildungslandschaft, gesellschaftliche Pluralisierung und eine zunehmende Entfernung von Kirche und Diakonie, zunächst im Wachstum des Wohlfahrtsstaats, dann im Kontext der Ökonomisierung. Dabei ist die Verknüpfung der diakonischen Beruflichkeit mit theologischen Perspektiven und spirituellen Erfahrungen allerdings weitgehend verloren gegangen.

Die Gründe dafür und die Herausforderungen, die damit verbunden sind, hat Fulbert Steffensky in einem Vortrag im Rauhen Haus [8] beschrieben, in dem er einen Diakon der Gründerjahre mit einer Diakonin von heute vergleicht: „ Mein Diakon kannte Sitten, eingeschliffene und feste Abläufe… Er hatte ein fragloses und festes Wissen und Alternativen waren nicht denkbar.. Mein Diakon war fest eingebunden in ein soziales System. .Was wichtig und was zu tun war, wusste er nicht für sich allein. Er hat es auch anderen von den Lippen gelesen. ..“ „ Meine Diakonin kennt Brüche. Sie ist eine Durchreisende und nicht eine Nesthockerin. Sie kennt andere Lebenslandschaften als die hiesige. Sie war vielleicht einmal Marxistin, dann hat sie der Esoterik angehangen, und jetzt ist sie im Rauhen Haus. Sie war vielleicht verheiratet und ist geschieden oder wieder verheiratet.. Sie lebt in der Zeit der Grenzöffnungen und der Grenzübertritte , wie man sie vor 100 Jahren nicht hat denken können. Sie kann und muss anders mit ihrem Leben und Glauben experimentieren!

.Religionswandel ist eine der wesentlichen Bildungsherausforderungen der Zukunft , heißt es in der Orientierungshilfe des Rates der EKD vom November 2009[9]  Angesichts von Individualisierungs- und Differenzierungsprozessen , angesichts der Subjektivierung der Religion mit ihrer Anhängigkeit vom Lebenslauf steht religiöse  Bildung in einem Spannungsfeld zwischen Identität und Relevanz. Die Pluralisierung gesellschaftlicher und religiöser Strömungen macht die Suche nach Identität und Profil in  Kirche und Diakonie wichtiger – aber die Frage, wie diese Profilierung Relevanz für den Einzelnen gewinnt, ist damit keineswegs beantwortet. Denn von außen festgelegte Bildungsgänge und Standards können gerade in den Feldern, die mit Religion zu tun haben, als fremd und kalt erfahren werden. Zwar kann Spiritualität für die Berufsträger in Pflege und sozialer Arbeit zu einem wichtigen Halt und Movens werden – zugleich aber lassen sich die unterschiedlich gelebten und nicht immer theologisch reflektierten Formen spiritueller Erfahrung nur schwer in Organisationsstrukturen einbringen. Zum einen, weil Mitarbeitende die organisationelle Verwertung ihrer religiösen Erfahrung im Sinne eines diakonischen Mehrwerts fürchten. Zum anderen aber, weil offene und gelingende Beteiligungsprozesse der Mitarbeiterschaft sofort die religiösen und kulturelle Vielfalt deutlich machen, die heute auch diakonische Unternehmen prägen.

Dieser Umbruch, der oft genug als Traditionsverlust bezeichnet wird, birgt auch enorme Chancen. Das Kaiserswerther Oral history- Projekt, das unter der Leitung von Ute Gause im Jahr 2001 begann, zeigt in den persönlichen Biographie-Erzählungen eine starke Orientierung an „mustergültigen“ Lebensläufen und stilisierten Rollen.[10] Persönliches wie Liebesgeschichten oder Sinnkrisen bleibt dabei eher eine Leerstelle, so wie auch die Schwester namenlos bleiben sollte. Die religiöse Deutung des eigenen Lebens entspricht der, die ihren Niederschlag im Diakonissenbuch fand – eine eigene, individuelle, Deutung  kommt darin so gut wie nicht zum Ausdruck. Genau darin steckt aber eine ungeheure Chance.

Christoph Müller hat vor kurzem in einem Artikel über „ Laientheologie“  deutlich gemacht, dass Theologie davon lebt, sich dadurch erneuert, dass sie eben nicht nur Theologentheologie ist. Sie bleibt angewiesen auf die Einsichten derjenigen Menschen, die als Christen aus ihrer Glaubens- und Welterfahrung schöpfen, ohne akademisch Theologie studiert zu haben. Er schreibt: durch die Wahrnehmung von Ambivalenzen wie .. Unabhängigkeit und Abhängigkeit, Trauer und Hoffnung, Wissen und Nicht-wissen werden eingespielte ( auch christliche) Weltbilder, (schein-)eindeutige Überzeugungen, Machtverhältnisse und Beziehungsmuster in Frage gestellt. DAs kann tief verunsichern. Ambivalenzen werden deshalb oft ignoriert, verdeckt oder abgewertet“ – wie es eben in mustergültigen Lebensläufen geschieht. Müller betont, dass der offene Umgang mit Ambivalenzen lebensfördernde Suchbewegungen in Gang setzt. Dabei, so schreibt er, spiele die Atmosphäre, der Zusammenhang von Denken und Fühlen eine wesentliche Rolle. In den Fachtheologien sei die Einsicht noch sehr am Rande, dass es ein Denken ohne Gefühl gibt, „ kein Erkennen ohne Gefühl, keine Handlung ohne Gefühl, keine Wahrnehmung ohne Gefühl“ ( Agnes Heller). Noch zu selten, so Müller, würde diese emotionale Dimension mit reflektiert.

Erfahrungsorientierung ist auch eine wesentliche Dimension für die neue und persönliche Suche nach Spiritualität. Schon dass wir von Spiritualität und nicht von Frömmigkeit oder Geistlichem Leben sprechen zeigt: der Begriff ist offen für unterschiedliche Traditionen, Praktiken und Rituale, für heilige Orte und Pilgerwege verschiedener Religionen und Konfessionen. Ähnlich wie in den mystischen Erfahrungen einer Mechthild von Magdeburg oder Hildegard von Bingen oder auch eines Meister Eckhardt geht es um eine Wahrnehmung von Einheit, die die Grenzen zwischen Leib und Seele, Gott und Mensch, Geist und Natur, zwischen Religionen und Konfessionen überschreitet. Solche mystischen Erfahrungen sind in den letzten Jahrzehnten in besonderer Weise in der Frauenbewegung aufgegriffen worden. die sich in der Unmittelbarkeit religiösen Erlebens zugleich von patriarchalen und institutionellen Normen zu befreien suchte.. Die traditionelle Überordnung des Wortes über das Handeln, die Unterordnung der Schwestern mit ihrem „ stillen Dienst “ unter die geistliche Leitung der Häuser hat  aber die Pflege im wahrsten Sinne des Wortes mundtot gemacht. Diakonische und spirituelle Bildung muss daran arbeiten, dass sich die alten Hierarchien  in Partnerschaft wandeln: Geist und Leib , Seelsorge und Leibarbeit, Spiritualität und Fachlichkeit, Kirche und Diakonie, Theologie und Glaubenserfahrung müssen in einen neuen Dialog treten.

Hier liegt eine besondere Herausforderung für diakonische Bildungsgänge. Denn anders als in der Pfarrerausbildung, bei der es Kirchen wie theologische Fakultäten mit einer besonderen Bindung an die Institution zu tun haben, haben wir es in den diakonischen Diensten mit der Differenzierung und Pluralisierung zu tun, die unserer Gesellschaft entspricht. Die Berufsträger sind offen für unterschiedlichen Arbeitgebern- auch außerhalb von Kirche und Diakonie. Die Hochschulen und Einrichtungen sind offen für Studierende aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten und für unterschiedliche religiöse Deutung.

 

3.    Wissen, Fertigkeiten, Kompetenzen- Spiritualität als Bildungsaufgabe

Am 3. März vergangenen Jahres fand in Kassel ein Symposion zur Zukunft diakonischer Ausbildungsgänge unter dem Gesichtspunkt von Modularisierung und Zertifizierung statt. Eingeladen waren missionarische und Diakonen-Ausbildungsstätten, die kirchlichen Fachhochschulen und die in jüngster Zeit neu entstandenen Hochschulen auf dem Boden diakonischer Unternehmen. Hintergrund war zum einen der Bologna-Prozess, zum anderen der Deutsche Qualifikationsrahmen für Lebenslanges Lernen ( DQR): Der Bologna-Prozess hat zu einer beschleunigten Differenzierung der Angebote, einer neuen Autonomie der Träger und zum wachsenden Wettbewerb unter den Bildungsanbietern geführt, der trotz vieler attraktiver Angebot die Kooperation zwischen Kirchen und Bildungseinrichtungen wie den Wechsel der Studierenden erschwert. Manche befürchten, dass der Rückzug von Landeskirchen aus diesem Feld angesichts der Finanzkrise und der Suche nach Profilbildung zunimmt. Nach wie vor haben die Landeskirchen aber eine Schlüsselfunktion: sie regulieren den Zugang zu kirchlichen Stellen – sei es über einen Stellenplan für Diakoninnen und Diakone, sei es über die Anerkennung von Abschlüssen in all unseren Bereichen. Die Arbeitsgruppe, die dieses Hearing vorbereitet hat, beschäftigt die Frage, ob es denkbar wäre, dass sich die Kirchenkonferenz auf bestimmte Stufen bei der Anerkennung von Abschlusszertifikaten einigen könnte. Es geht darum,  in Zukunft Bildung so gestalten, dass Kompetenzen für die neuen sozialen Herausforderungen gestärkt, zugleich aber die religiöse Identität und Handlungskompetenz der Berufsträger weiterentwickelt wird.

Spiritualität, so sagt Hermann-Josef Silberberg ; ist die Fähigkeit, zu riechen, zu schmecken, zu hören, was von Gott kommt. [11] Welche Fähigkeiten und Fertigkeiten müssen Absolventen von Ausbildungsgängen besitzen, um die notwendigen Kompetenzen für die beruflichen Anforderungen im Blick auf die Spiritualität diakonischer Dienste und Prozesse zu haben ? Ohne eine grundlegende Kenntnis biblischer Texte wird es kaum möglich sein, religiöse Erfahrungen zu verstehen und zu unterscheiden. Schon im Blick auf fachliche Standards sind aber Kompetenzverständnis, Kompetenzprofile und Kompetenzniveaus zwischen den Ausbildungsgängen unterschiedlich- sie bleiben an den Rahmenbedingungen,  Schwerpunktsetzungen und Anforderungsprofilen in Landeskirchen und Bundesländern, in den Praxisfeldern wie bei den Anstellungsträger ausgerichtet.  Und auch der Kompetenzbegriff selbst durchaus strittig. Wieviel mehr gilt das im Blick auf die Fragen der spirituellen Bildung.

Der breitete Kompetenzbegriff der geisteswissenschaftlichen Tradition in Deutschland ist am Ideal einer umfassenden Handlungsfähigkeit und Mündigkeit orientiert und bezieht auch affektive und motivationale Komponenten ein. In diesem Sinne ist Kompetenz die  „Fähigkeit zur erfolgreichen Bewältigung komplexer Anforderungen in spezifischen Situationen. Kompetentes Handeln schließt den Einsatz von Wissen, von kognitiven und praktischen Fähigkeiten genauso ein wie soziale und Verhaltenskomponenten (Haltungen, Gefühle, Werte und Motivationen)“ (OECD 2003, Übersetzung Gnahs 2007, zit. nach ebd, 21f.).

Durchgesetzt hat sich aber der eher pragmatisch-funktionale Kompetenzbegriff in der empirischen Bildungsforschung. Hier wird „Kompetenz als Befähigung (Disposition) zur Bewältigung unterschiedlicher Anforderungssituationen“ verstanden und überwiegend auf kognitive Leistungsdimensionen ausgerichtet. Dieses Kompetenzverständnis liegt auch den internationalen Schulleistungsvergleichsstudien wie PISA  Kompetenzen werden nach diesem Verständnis durch Erfahrung und Lernen erworben und können durch äußere Interventionen beeinflusst werden (vgl. http://www.kompetenzdiagnostik.de; aktuell:  http://kompetenzmodelle.dipf.de/). 

Auch der erste Diskussionsvorschlag  für den Deutschen Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen (DQR) vom Februar 2009  ist eher funktional. Er orientiert sich an Handlungskompetenzen und hat zum Ziel, „Gleichwertigkeiten und Unterschiede von Qualifikationen für Bildungseinrichtungen, Unternehmen und Beschäftigte transparenter zu machen und auf diese Weise Durchlässigkeit zu unterstützen. ..“  Die Kasseler Erklärung vom 3.3. setzt an dieser Stelle an und schlägt vor, Module und Zertifikate für die diakonischen Ausbildungsgänge zu definieren, die – durchaus mit unterschiedlichen Stufen- von den verschiedenen Landeskirchen anerkannt werden können.

Die acht Niveaustufen des DQR-Entwurfs beschreiben jeweils die Kompetenzen, die für die Erlangung (und Sicherung bzw. Ausbau) von Qualifikationen erforderlich sind. Gemeint sind „die Fähigkeit und Bereitschaft, Kenntnisse, Fertigkeiten sowie persönliche, soziale und methodische Fähigkeiten in Arbeits- oder Lernsituationen in Aus- Fort- und Weiterbildung und für die berufliche und persönliche Entwicklung zu nutzen. Kompetenz wird in diesem Sinne als Handlungskompetenz verstanden.“ „Individuelle Eigenschaften wie Zuverlässigkeit  und Aufmerksamkeit, aber auch normative und ethische Aspekte der Persönlichkeitsbildung, Persönlichkeitsmerkmale wie interkulturelle Kompetenz, gelebte Toleranz und demokratische Verhaltensweisen haben aus diesem Grund – trotz der großen Bedeutung, die ihnen zukommt – keine Aufnahme in die DQR-Matrix gefunden.“ (BMBF/KMK 2009, 3)[12]

Wenn wir über Spiritualität in der diakonischen Bildung reden, geht es offensichtlich um beides: : Zum einen um die Gestaltung von Angeboten und Prozessen, für die Wissen und Fertigkeiten nötig sind, für die berufliche Kompetenzen zu beschreiben sind – wie bei der Gestaltung von Palliativpflege, Sterbe- und Trauerbegleitung, der Vorbereitung von Andachten und der Gestaltung von Abschiedsräumen, der Kenntnis des Kirchenjahrs und der Gestaltung der Festzeiten. Zum anderen geht es aber auch um motivationale Aspekte der beruflichen Bildung und persönliche Haltungen. Legt man das Raster des DQR an, so ergeben sich sofort eine Reihe von Fragen: Passen die Kriterien unterschiedlicher Kompetenzniveaus für die Gestaltung einer Andacht oder einer Seelsorgesituation? Hier geht es vielleicht nur darum, bislang implizite Kriterien im Sinne einer Qualitätsentwicklung explizit werden zu lassen. Schwieriger noch scheint mir aber, dass sich ganze Bereiche der personalen Erfahrung gelebter Spiritualität überhaupt dem Kompetenzbegriff entziehen.

Denn Spiritualität hat es vor allem Handeln mit dem Empfangen zu tun. „Die gewöhnliche Frage, was sollen wir tun, muss hier beantwortet werden mit der ungewöhnlichen Frage: Von wo empfangen wir etwas?“, so Paul Tillich. „Wir müssen wieder verstehen lernen, dass man nicht geben kann, wenn man vorher nicht empfangen hat. Wir sind das, was wir empfangen. Ohne Frage werden wir es deshalb auch in Zukunft im Blick auf die spirituelle Bildung mit einem Nebeneinander von formalen und nonformalen, biographischen Lernerfahrungen zu tun haben.

 

4.    Erfahrungen, an die anzuknüpfen lohnt:

Andreas Feldtkeller, praktischer Theologe und ehemaliger Vikar im Libanon, hat ein inspirierendes Buch mit dem Titel „ Warum denn Religion?“ geschrieben. Darin zeigt er an vielen Beispielen, Texten und Geschichten aus den Weltreligionen, dass Religion es immer auch mit Leiblichkeit, Gemeinschaft und Eingebunden-Sein in das Ganze zu tun. Also : mit Herzschlag und Atem, mit Essen und Trinken, mit Pilgern und Bewegtwerden, mit Sexualität und Geschlechterrollen, mit Fürsorge und Pflege, mit Beheimatung an bestimmten Orten und mit den Rhythmen des Jahres und des Lebens. Mit Ordnungen also, die wir dem Ganzen geben. In unserer modernen, mobilen, säkularen westlichen Welt, meint er, seien diese Ordnungen verloren gegangen, sie seien vernachlässigt und missachtet worden. Sie kämen aber nun auf dem Umweg über andere Religionen wieder zu uns zurück.

Hans Bartosch, der Krankenhausseelsorger des Florence- Nightingale-Krankenhauses, hat ein Westentaschenbuch mit Segensritualen, Segensworten und Liedern zur Segnung Sterbender, zur Aufbahrung Verstorbener, zu Trauer und Gedenken und zum Umgang mit totgeborenen und früh verstorbenen Kindern veröffentlicht – die „ Lebenswege“. Neben den christlichen enthält es auch Rituale anderer Weltreligionen – muslimische, jüdische, buddhistische.  Wer das Heft liest , spürt :.„Geistliches Leben“, um einen früher häufiger verwandten Begriff zu nutzen, betrifft also nicht nur eine Dimension unserer Existenz, es will wie Sauerteig den ganzen Laib durchdringen .Alle Sinne sind beteiligt - Geschmack und Geruch, Hören, Tasten, Raumwahrnehmung- , die Begegnung mit anderen Menschen, besondere Zeiten, Rhythmen und Räume gehören dazu, wenn wir die Grenzen des Alltäglichen überschreiten und wahrnehmen wollen, was uns unbedingt angeht. Dabei können wir in der Diakonie auf eine reiche Tradition zurückgreifen. Denken Sie nur an Wicherns Erfindung des Adventskranzes.

  • Ich erinnere an die Tischgemeinschaften und die Gestaltung von Räumen für Gäste in Mutter- wie in Krankenhäusern, die Zeichen der Gastfreundschaft
  • an Oblatenbäckereien und die Gerüche von Weihnachtsplätzchen und Ostersträußen,
  • an die Glocken zu den Gebetszeiten und die alten Liturgien, die Klänge aus einer anderen Welt
  • an Berührungen, das Segnen und Handauflegen,
  • an Bilder und Farben wie sie in den Paramentenwerkstätten gestaltet werden und an das immer wieder benannte Gefühl, in einen durchbeteten Raum einzutreten.

In all dem ist eine besondere, diakonische Kultur spürbar, die mit ihren Zeichen und Symbolen den unmittelbaren Alltag überschreitet. Vieles davon lässt sich handlungsorientiert lernen und mit Phantasie neu gestalten. Das letzte Heft der Neuendettelsauer Diakonie zum Thema Spiritualität zeigt ein ganzes Füllhorn von Möglichkeiten.. Mich persönlich berühren deshalb die Gestaltungsformen besonders, in denen wir uns in einen Dialog mit anderen Religionen oder auch mit der säkular erlebten Situation begeben: Was wir heute brauchen, ist  eine interkulturelle Sensibilität, die die Traditionen anderer achtet ,  ja, auf  sie zugeht – den Ramadan der türkischen Mitarbeitenden genauso wahrnimmt wie das orthodoxe Osterfest .Aber auch der Osterstrauß , der schon in der Karwoche auf einer Palliativstation steht, kann – gerade in seiner Brechung- eine neue Bedeutung bekommen.

Die Ökonomisierung der sozialen Arbeit führt allerding dazu, dass wir Zeit eben nicht mehr in Rhythmen von Werden und Vergehen, sondern nach Planung und Wirkung berechnen und dass wir Räume funktionalisieren. Fast alle Traditionsschätze, die ich eben aufgezählt habe, sind im Kontext der Ökonomisierung Zusatzgeschäfte: Oblatenbäckereien und  Werkstätten rentieren sich kaum ; Tischgemeinschaften fielen der Kantine zum Opfer, Kirchen lassen sich nur über Denkmalmittel und Spenden erhalten. Und auch die Zeit, die für Sterbe- und Trauerbegleitung nötig ist, wird häufig vor allem von Ehrenamtlichen erbracht.

Dabei spielen Rituale eine besondere Rolle in der Diakonie. Sie sind verdichtete Zeit, gesammelte Beziehung, aufmerksames Hinsehen. Sie können Komplexität reduzieren, Abschiedsprozesse und Übergänge gestalten, Dankbarkeit zum Ausdruck bringen, Wachstum ermöglichen. Sie können darüber hinaus mitten in Brüchen das Gemeinsame sichtbar machen, die Situation in einen neuen Rahmen stellen, das Ganze wieder an den Koordinaten ausrichten. Sie nähren und geben neue Energie, indem sie kurze Unterbrechungen ermöglichen und die Menschen mit ihren Gefühlen in den Mittelpunkt stellen.

Charlotte Renner, die Kaiserswerther Oberin schrieb in der Umbruchzeit von 1967, der Kern dieses Dienstes sei „ ungeteilte Aufmerksamkeit“ – in „ Gebetsstille und Meditation“- aber auch im Alltag der Arbeit. Wer  Heilungsgeschichten der Bibel liest, der merkt, da gibt es eine Stunde, in der das Wort wirklich heilsam werden kann – man muss sie wahrnehmen,  es kommt darauf an, den Kairos zu spüren und stehen zu bleiben, wenn wir gerufen sind. Die östliche religiöse Tradition spricht in diesem Zusammenhang von „einfühlsamer Präsenz“: Dazu gehören, wie der Psychologe David Richo schreibt, fünf Qualitäten: Aufmerksamkeit, Annahme, Wertschätzung, Zuneigung und Zulassen. Diese Qualitäten sind notwendig, um andere zu unterstützen und mit zu fühlen. „Sammlung“, schreibt Emanuel Jungclaussen, „ist nicht nur der Gegensatz zur Zerstreuung, sie ist die Antithese zu allem Aufgeben an der Peripherie und zum Sich-Gehen-Lassen. Sammlung ist das Einheitlich-Werden der ganzen Person, das Erwachen zum eigentlichen Selbst.. Nur der Gesammelte ist wirklich wach. Nur der Wache lebt wirklich“.

5.    Die spirituelle Dimension diakonischer Arbeit / Berufung und Beruflicheit

Die Sorge für andere ist kein bloßes Tauschgeschäft. Die Bremer Ökonomin Maren Jochimsen hat  den Kern der Pflege- und Erziehungsarbeit mit einem Geschenk verglichen, das  Einfühlungsvermögen und ehrliche Zuwendung braucht. Die Sorge für andere ist mehr als ein bloßes Tauschgeschäft.. In den 80er Jahren haben wir in einer Mönchengladbacher Kirchengemeinde einen so genannten „ Gemeindeladen“ gegründet- einen Stadtteilladen mit Bücherei und Cafe, mit Kleiderkammer und Sozialberatung, der von einem großen ehrenamtlichen Team zusammen mit einer hauptamtlichen Sozialpädagogin geführt wurde. Ich werde nicht vergessen, wie viele Menschen sich dort meldeten, um mitzumachen- Frauen, die gern für andere Kaffee ausschenkten, anderen, die es liebten, jemandem in der Kleiderkammer herauszusuchen, was ihm wirklich stand. Tatsächlich hatte ich bei den Teamsitzungen im „ Gemeindeladen“ oft die Werke der Barmherzigkeit vor Augen, die Diakonie ganz elementar beschreiben.: [13] Hungrige speisen, Kranke besuchen, Nackte kleiden, Durstigen zu trinken geben, Gäste beherbergen –.in diesen menschlichen Begegnungen  können wir existenzielle, ja, religiöse Erfahrungen machen. Denn Erschütterungen durch die Bedürftigen erinnern uns an die eigene Bedürftigkeit ; an das innere Kind, die eigene Armut, den Bettler in uns.

Wer anderen wirklich begegnet, findet aber auch Zugang zu den eigenen Kraftquellen und lernt, eigene Gaben einzubringen. Nicht umsonst folgt im Neuen Testament das Gleichnis vom Weltgericht auf das von den Talenten. Selbst größte äußere Belastungen ändern nichts an dieser Grunderfahrung. Victor Frankl, ein jüdischer Psychotherapeut, hat im Konzentrationslager die Entdeckung seines Lebens gemacht. Alles hängt davon ab, sagt er, ob unser Leben Bedeutung für andere hat – und sei es nur für einen Menschen, den wir lieben. Es kommt darauf an, dass wir unseren Beitrag leisten – uns sei er noch so klein - damit Güte und Gerechtigkeit sich ausbreiten. Wer darauf schaut, so Frankls Erfahrung, erträgt auch Demütigungen, an denen andere zerbrechen. Wir schöpfen Lebensmut daraus, dass wir nicht nur für uns selber leben. Ich bin davon überzeugt, dass nicht nur die Freiwilligen in unserem Gemeindeladen-Projekt, sondern auch alle, die sich diakonischen Berufen zuwenden, aus dieser Grundmotivation heraus arbeiten.

. Indem wir die eigenen Gaben einbringen, ermutigen wir andere, das gleiche zu tun. Darum hat der Sozialgeschichtler Arnd Bauerkämper recht, wenn er eine Herausforderung für die Kirche darin sieht, die „religiösen Wurzeln der Gabenbeziehungen, der Vorstellung von Geben und Nehmen kulturhistorisch zu rekonstruieren.“[14]  Spirituelle Bildung in der Diakonie zielt darauf, den Zusammenhang zwischen der beruflichen Motivation und den eigenen , religiösen Kraftquellen aufzudecken.. Hier haben die diakonischen Gemeinschaften ihren Ort. Gerade in der Pflege können sie helfen, im Spannungsfeld zwischen Person, Funktionalisierung und Dienstleistung die innere Motivation aufrecht zu halten..Es wird darauf ankommen, dass sie Räume jenseits der beruflichen Hierarchien und der Regeln einer Organisation anbieten, dass sie Freiheit gewähren – auch Freiheit von Effektivität. Nur so lässt sich die Angst besiegen, dass am Ende noch die Spiritualität der Effektivität dient. Diese Sorge war übrigens der Grund dafür, dass verschiedene Mitarbeitervertretungen in der Hannoverschen Landeskirche es abgelehnt haben, sich an der Untersuchung des SI zu beteiligen.

6.    Funktionalisierung  und Offenheit

Die Ärztin  Mavi Mohr, die kürzlich im Kreuzverlag ein Buch über ihre eigene Leukämieerkrankung und ihre Berufsmotivation geschrieben hat („(Stationswechsel“), sagt in einem Interview: „ Als Leukämiepatientin hatte ich mit in der Klinik mit anderen Kindern angefreundet, die später starben. Sie wurden niemals wieder erwähnt. Der Tod spielte keine Rolle. Als Ärztin versuche ich, offen mit diesem Thema umzugehen und ich glaube, dass meine eigenen Erfahrungen dabei hilfreich sind. Ich kann Patienten dadurch nicht heilen, aber ich kann ihnen helfen, weniger Schmerzen und Ängste zu haben.“ Dieses Spannungsfeld von Routine und Unmittelbarkeit, von Nächstenliebe und Professionalität wahrzunehmen und fruchtbar zu machen, kostet Kraft. Denn das Gesundheitswesen organisiert, reglementiert, professionalisiert und rationalisiert die Hilfe und letztlich auch die Helfenden. Sich gleichwohl persönlich zu öffnen, birgt deshalb immer auch ein Risiko.

Ohne die eigene Person einzubringen, wird man auf  Dauer aber weder pflegen noch erziehen, weder beraten und leiten können.. Kirchliche Beruflichkeit ist ohne affektive und motivationale Komponenten nahezu undenkbar. Und auch diakonische Bildung ist eben nicht nur eine Frage von Wissen und Fertigkeiten..Persönliche Eigenschaften und Motivationen spielen im Blick auf Glaube, Spiritualität und religiös motivierten Haltungen eine zentrale Rolle und werden deshalb in den Konzepten auch entsprechend thematisiert  Sie alle sind nicht nur schwer zu operationalisieren, sondern auch kaum empirisch zu erfassen. Motivationale Orientierungen zeigen sich eher normativ in Leitideen und Zieldimensionen und Glaube als Gabe des Heiligen Geistes entzieht sich vollends der Messbarkeit.

Genau deshalb kommt es darauf an, Freiräume und Orte zu schaffen, in denen das möglich ist. Um den Blick „ durch den Horizont“ zu behalten, braucht es regelmäßig „ andere Zeiten“, die bewusst eingeplant werden müssen. Auszeiten, Urlaube, persönliche Festtage und Erinnerungstage sind nötig, um sich zu erden, aber auch für den Himmel offen zu halten. Marjorie Thompson[15] schlägt in ihrem Buch „Christliche Spiritualität entdecken“ vor, das ganz bewusst einzuüben.. Eine furchtlose Inventur am Ende des Tages im Sinne der Selbsterforschungsfragen könnte dabei helfen. Entspricht meine Arbeit noch meinen persönlichen Wertvorstellungen und Lebenszielen?“[16]Achte ich gerade genug auf mich selbst, meine Rhythmen und Körpersignale? Wie verantwortlich und wertschätzend bin ich mir selbst und mir wichtigen anderen Menschen gegenüber? Das eigene Tagebuch könnte ein Weg sein, dem eigenen Leben ganz bewusst zuzuhören – oder einfach eine Zeit am Tage, in der wir einfach in der Stille sitzen und die Stille auf uns wirken lassen, wahrnehmen, ob wir bei uns selbst sind oder auch vom Weg abkommen.

Gedenke, dass Du leben sollst“ nennt Heinz Zahrnt in Aufnahme von Peter Vischer das Geleitwort des christlichen Glaubens und zitiert dann das Evangelium: „ Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele.“Sie merke es an ihrer Wut, wenn die diakonische Ausrichtung ihrer Station nicht mehr stimme, sagte kürzlich eine Zuhörerin bei einem Vortrag über christliche Krankenhäuser. Und ich erinnerte mich an die Tränen einer Schwester, die in Kaiserswerth unser Palliativ-Care-Projekt in Gang gesetzt hatten. Gefühle wahrzunehmen und ausdrücken zu können, hat eine enorme spirituelle Kraft. In solchen Situationen spüren wir,  was uns wirklich wichtig ist: Die Sehnsucht nach Freiheit, die Hoffnung auf Gerechtigkeit, die Solidarität mit den Schwachen , die Liebe zur Wahrheit, die Verbundenheit mit Kollegen – den Glauben an Gott. Diese innere Überzeugung wird spürbar, sichtbar, strahlend, wo Menschen mit ihrem Verhalten deutlich machen, was die Hauptsache in ihrem Leben ist. Wo sie Widerstand leisten und gegen den Strom zu schwimmen. Und das kann bekanntlich auch in der Kirche nötig sein. „

Wo normative Fragen ins Spiel kommen, sind auch im religiösen Kontext Spannungen und Konflikte unvermeidlich, ja, notwendig um Pränataldiagnostik und Spätabtreibungen, um Forschungsvorhaben und Sterbehilfe. In ethischen Konflikten treten Unterschiede im Gottes- und Menschenbild, in den Werthaltungen zutage. In solchen Situationen wird deutlich: diakonische Träger  und Teams brauchen mehr als Spiritualität, sie brauchen ein Wertegerüst, das die Freiheit unterschiedlicher Zugänge und Lebenswege achtet und gleichwohl gemeinsames Handeln ermöglicht. Dabei muss der christliche Glaube mit der säkularisierten Wissenschaft, mit dem herrschenden Zeitgeist einer liberalen Ökonomie mit anderen Religionen ins Gespräch gebracht werden. Was angesichts der religiösen Sehnsüchte christliche Spiritualität und diakonische Ethik bedeuten kann, muss theologisch reflektiert werden. Diakonische Spiritualität , für die die Leib-Seele-Arbeit im Vordergrund steht, darf sich die „ Kopfarbeit“ theologischen Nachdenkens nicht ersparen. Wissen und Aufklärung schaffen auch neue Freiheit und eröffnen damit neue Zugänge zur eigenen Biographie und zur Spiritualität.

7.    Zur Organisation spiritueller Bildung

Spiritualität in der diakonischen Bildung lebt also aus dem Zusammenhang von formalen und nonformalen Elementen, von Wissens- und Kompetenzerwerb auf der einen Seite und Persönlichkeitsentwicklung auf der anderen. Beides braucht ein Konzept für lebenslanges Lernen, für Aus-Fort- und Weiterbildung- gerade weil die Reflexion beruflicher Erfahrungen dabei wesentlich ist.  Alle Erfahrungen, die mit Persönlichkeitsentwicklung zu tun haben, brauchen zugleich einen geschützten Rahmen jenseits der Organisationsinteressen, Freiheit jenseits von Funktionalisierung. Vorstellen lässt sich das als ein Mit-und Ineinander von Hochschule, Fort- und Weiterbildung, Gemeinschaften und spirituellen Orten für Rückzug und Retraiten.

Dabei kann die Diakonie durchaus auf ihre Tradition zurück greifen. Sie verfügt über Orte voller Geschichte und Schönheit, ein Pilgerorte, die  eine besondere Faszination ausstrahlen. Mit Kirchen und Gartenanlagen, mit ihren  Ursprungsgeschichten und Legenden: Orte, die über sich selbst hinausweisen und Wurzeln haben in einer anderen Zeit. Sie verfügt über Rituale, Liturgien und Gesänge, die Menschen und Sinne sammeln können.

Und sie  hat Erfahrung in der Bildung von Gemeinschaften. Wo es möglich wird, dass wir hinter all dem Fragmentarischen, manchmal Schmerzhaften und jedenfalls Fehlerhaften menschlicher Gemeinschaft die Gemeinschaft der Heiligen erkennen und auch für Augenblicke erfahren: in der plötzlichen Übereinkunft nach langer Suche, im gemeinsamen Gesang der verschiedenen Stimmen, in der Stille des Gebets, in einer gemeinsamen Aufgabe. Und sie kennt Mentorinnen und Mentoren, die andere auf ihrem Weg begleiten.

Diese Schätze gilt es zu heben. Die Entwicklung der Moderne, in der die Träger und Organisationsgestalten von Ausbildung, Unternehmen und Gemeinschaften deutlicher  auseinander getreten sind, sind dabei nicht nur von Nachteil. Diese Entwicklung schafft den Freiraum, den die Einzelnen brauchen, um in den Lebensbrüchen ihre eigenen Wege zu finden. Sie brauchen geschützte Räume für Stille, aber auch für Trauer und Wut, für die Suche und die Auseinandersetzung. Gemeinschaften können Ausbildungsgruppen und Einzelnen solche Räume zur Verfügung stellen - wenn sie in neuer Weise Anschluss finden an die Aus- und Fortbildungslandschaft. Klar ist: die alten Worte und Begriffe, die in den Gemeinschaften bewahrt wurden, müssen neu bezogen werden auf eine veränderte Sprache, ein neues Denken, eine andere Praxis und Ausbildungslandschaft.

Ich stelle mir deshalb ein Angebot von Modulen vor, dass den Bildungsgang an Schule oder Hochschule mit Praxisphasen und Zeiten des Rückzugs in den Gemeinschaftshäusern mischt. Da wäre die Chance, Freiwilligen aus Hospiz- oder Tafelarbeit zu begegnen, die über ihre Motivation und Erfahrungen sprechen, oder Menschen aus anderen religiösen Traditionen einzuladen, da könnte es Workshops mit Künstlern zu Farben oder Gedichten geben, da wäre aber auch die Möglichkeit, Methoden der spirituellen Vertiefung kennen zu lernen und experimentell zu erfahren: Gärtnern und schreiben, Pilgern und Sitzen in der Stille, das Herzensgebet. Da könnte auch ein Mentoratssystem angeboten werden, ein Netz von geistlichen Begleitern ausgebildet werden, die Menschen helfen, den eigenen Weg auch durch Brüche hindurch zu finden. Am Ende zeigt sich: die Idee der Koppelung von Bildung, Arbeit und Gemeinschaft bleibt tragend, wenn es um Spiritualität geht. Es ist an uns, sie unter modernen Bedingungen neu zu denken und zu gestalten.

Ich möchte enden mit einem Gedankenanstoß aus dem Schlusskapitel des Buches „ Spirituelle Inseln“ von Hermann-Josef Silberberg: „ Heiliges kann man nicht produzieren. Wir geraten in die Sphäre Gottes wie, wo und wann er es will. Trotzdem ist Praxis gefragt. Vorbereitung, Umkehr, Glaube. Glaube ist ja nicht nur ein Deutemuster, das wir vom Kopf her über bestimmte Bereiche unseres Lebens stülpen, um sie so religiös zu identifizieren. Glaube ist primär eine Fähigkeit, zu sehen, zu hören und zu schmecken, was von Gott kommt.  Ein Schüler fragte den Meister: „Kann ich etwas tun, um erleuchtet zu werden ?““ Genauso wenig, wie du dazu beitragen kannst, dass die Sonne morgens aufgeht.“ „ Was nützen dann die geistlichen Übungen, die ihr verschreibt?“ „Um sicher zu gehen, dass du nicht schläfst, wenn die Sonne aufgeht“:  

Cornelia Coenen-Marx, 12.1.12, Neuendettelsau

 

 



[1]

[2] Aus einem unveröffentlichten Papier des Leiters der Zieglerschen Anstalten

[3] Prof. Dr. Tim Hagenah, Lehrstuhl für Arbeits-, Organisations- und Gesundheitspsychologie an der Fachhochschule der Diakonie

[4] DEKV-thema; Ausgabe 02; Dezember 2010; „Mehrwert für alle, Dienstgemeinschaft im evangleischen Krankenhaus“, S. 4: „ Ressource Spiritualität- diakonische Gemeinschaft leben.“

[5] Unger, Hans-Peter/ Kleinschmidt, Carola: Bevor der Job krank macht, München 2006,

[6] „Diakonissenbuch“, herausgegeben vom Kaiserswerther Verband Deutscher Diakonissen-Mutterhäuser, Düsseldorf-Kaiserswerth 1934

[7] Carl-Heinz Ratschow

[8] „Fulbert STeffensky,“ Wenn Hoffnung in die Welt tritt- Diakonie im Spannungsfeld zwischen christlicher Hoffnung und säkularer Gesellschaft“; Vortrag auf dem Brüder- und Schwesterntag des Rauhen Haues am 11.9.2010

[9] Kirche und Bildung, Herausforderungen, Grundsätze und Perspektiven evangelischer Bildungsverantwortung und kirchlichen Bildungshandelns – Eine Orientierungshilfe des Rates der EKD, Hannover, November 2009

[10] Cordula Lissner: „ Alles konnten wir ihnen natürlich nicht erzählen“ in Jochen Christoph Kaiser, Rajah Scheepers ( Hrsg). „ Dienerinnen des Herrn“; Beiträge zur weiblichen Diakonie im 19. Und 20. Jahrhundert, Leipzig 2010

[11] Hermann-Josef Silberberg; Spirituelle Inseln, Gott im Alltag begegnen, München 1990

[12] Der DQR und die Konsequenzen für die diakonische und gemeindepädagogische Beruflichkeit“; Unveröffentlichter Vortrag Matthias Spenn, Comenius-Institut beim Hearing der EKD am 3.3. in Kassel

[13] Matth. 25, 31ff.

[14]   A.a. O., 40

[15] Thompson, Marjorie: Christliche Spiritualität entdecken, Freiburg 2004.

[16] Unger/Kleinschmidt, a.a.O. S.

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