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Bürgerschaftliches Engagement in Kirche und Wohlfahrt
Symposion der Bruderhilfe/ Familienfürsorge in Berlin, 22.-24.4.08
OKR Cornelia Coenen-Marx, EKD
1. Glaube und Liebe gehören zusammen eine Erinnerung
„ Glaube und Liebe“ steht auf dem Postwertzeichen, das in diesen Tagen aus Anlass des
200.Geburtstags von Johann Hinrich Wichern herausgegeben wurde eine Erinnerung an sein berühmtes Zitat beim Kirchentag in Wittenberg 1848, als er den verschiedenen Landeskirchen zurief: „ Die Liebe gehört mir wie der Glaube“. Ich stelle ihn sozusagen als geistigen Paten an den Anfang dieses Vortrags, weil es ihm zugleich um eine soziale Bewegung wie um Kirchenreform ging. Mit scharfen Attacken kritisierte er die Kirche seiner Zeit, die die Menschen bevormunde und entmündige: aus dieser obrigkeitlichen Anstalt, die zudem wenig von dem Elend in den Vorstädten wahrnahm, sollte eine geschwisterliche Gemeinschaft werden, in der Menschen unterschiedlicher Herkunft und Milieus einander in Liebe verbunden waren. Eine Kirche mitten im Volk und für das Volk, gerade auch für die Armen und Entrechteten. Der Aufbruch in diese Richtung kam aus den Vereinen und Stiftungen , die damals von sozial engagierten Bürgern gegründet wurden. Vereine zur Wahrheit befreiter Menschen, nannte er sie in der Tradition Schleiermachers. An anderer Stelle spricht er von Netzwerken der brüderlichen Liebe.
Die Eigentümlichkeit des Menschen, meint Wichern, beruhe auf seiner Freiheit. Veränderung gelinge deshalb nur, wo die Begabungen des anderen wie seine Grenzen geachtet werden, wo Vertrauen und Respekt ein Gegenüber auf Augenhöhe konstituieren. Und das gelte auch für Helfer und Hilfsbedürftige. Zwang, schrieb Wichern einmal, verwandle die Wohltat in ein Übel. Es waren zunächst die informellen Netzwerke, die Vereine und Verbände, die für Wichern den Kern diakonischer Arbeit bildeten, die sogenannte freie Diakonie. Die bürgerliche von Staat und Kommunen und die kirchliche verstand er von Anfang an als subsidiär. Die freie Diakonie, schrieb er, verdanke ihren Ursprung und ihre Erhaltung „weder den amtlichen Organen der Kirche als solchen noch den Organen der bürgerlichen Gemeinde als solchen, sondern einzelnen, freiwillig sich dafür bestimmenden Gliedern des christlichen Gemeinwesens. “ Genau darin sieht er „ den vollsten Ausdruck des in Christo gemeinsamen Lebens, das zugleich gottesdienstlich und gesellschaftlich ist.“ Glaube und Liebe also, Religion und soziales Engagement der Bürger gehören für Wichern zusammen . Und dabei leben Kirche und Gesellschaft von der Verantwortung jedes Einzelnen. Wichern würde sagen: von der Verantwortung aller getauften Christen. Denn zum allgemeinen Priestertum gehört für ihn auch der allgemeine Diakonat.
Vieles hat sich entwickelt aus den Anstößen von Johann Hinrich Wichern, Theodor Flieder, Adolf Kolping und Wilhelm Emanuel Ketteler und vieles hat sich seitdem auch verändert: Die Freie und die Öffentliche Wohlfahrtspflege in Deutschland haben einen Sozialstaat pluraler und subsidiärer Prägung gestaltet. Und die kirchlichen Wohlfahrtsverbände, Diakonie und Caritas, haben entscheidend dazu beigetragen. dass die Kirchen Volkskirchen blieben und sich bis heute auf breite Zustimmung stützen können. Mit der Erosion konfessioneller Milieus und unter dem Druck des europäischen Wettbewerbs hat sich allerdings in den letzten 20 Jahren ein neuer Typus der Wohlfahrtspflege entwickelt: Sozialunternehmen, die ihre Dienstleistungen möglichst effizient herstellen und am Markt behaupten müssen, tragen zur einer neuen Auseinandersetzung um das Verhältnis von Geld und Liebe, von Freiheit und Bevormundung, von Organisation und Bewegung, Laienengagement und Professionalität bei. Zugleich ist klar: nicht nur Diakonie und Caritas müssen sich auf dem Sozialmarkt behaupten, sondern die Kirchen selbst sind nur noch einer der religiösen Akteure auf dem Sinnmarkt. Dass und wie Glaube und Liebe zusammen gehören, ist auch für Christen nicht mehr unbedingt transparent dabei ist jedem klar: um sich im Sinne Wicherns freiwillig zu engagieren, bedarf es der Verbundenheit mit der Kirche nicht. Ja, es bedarf nicht einmal einer religiösen Verwurzelung. Die christliche Begründung des Helfens hat ihren Monopolanspruch endgültig verloren. Selbst „ Nächstenliebe“ gilt vielen inzwischen nicht mehr als allgemein- sozialer, sondern als christlich- kirchlicher Begriff als Gestaltungsbegriff von Trägervertretern und Lobbyisten in einer religiös und weltanschaulich pluralen Gesellschaft.
Gleichwohl: mit der Erosion der Wohlfahrtsstaaten und der Ökonomisierung des Sozialen in Europa kann der Rückgriff auf wieder Wichern interessant werden; denn anders als die amerikanischen Theoretiker des Kommunitarismus und der Zivilgesellschaft , von denen wir die Konzepte der Freiwilligenarbeit, der Bürgergesellschaft, des Engagements, eben des Volunteering , übernommen haben, setzt er mit seinen Ideen für eine freie Diakonie auf den deutschen Traditionen von Staat und Kirche auf. Schließlich haben Kirchen und kirchliche Wohlfahrtsverbände in Deutschland auf dem Hintergrund des 19.Jahrhunderts noch immer eine andere Position als Kirchen und soziale Einrichtungen in anderen europäischen Staaten. Die Economie Sociale, die durch eine deutliche Unterscheidung von bürgerschaftlichem Engagement und Sozialmarkt gekennzeichnet ist und sich auch bei uns mit Privatisierung und Wettbewerb immer mehr durchsetzt, kennt die Sonderstellung der Freien Wohlfahrtspflege nicht.
Hierzulande haben die Einrichtungen von Diakonie und Caritas nach wie vor eine hohe Zustimmung, und auch Religiösität und politische Verantwortung sind stark miteinander verknüpft. Die Ergebnisse des Bertelsmann-Religionsmonitor, für den in Deutschland 334 Evangelische, 304 Katholiken und 315 Konfessionslose befragt wurden, zeigen, dass in Mitteleuropa anders als in anderen Kontinenten- religiöse Verortung vor allem bedeutet, sich einer Wertegemeinschaft zugehörig zu fühlen, die für viele von den Kirchen repräsentiert und verkörpert wird. Vor allem in Krisenzeiten und bei biographischen Umbruchsituationen wird diese , zumeist distanzierte Zugehörigkeit, aktiviert. Im Umgang mit der dann aufbrechenden Sinnfrage kann Religion ihr Potential entfalten. Kann helfen, Erfahrungen zu deuten, sich mit den eigenen Werten auseinander zu setzen und die eigene Identität neu zu gründen. Dazu braucht es eine Kirche, die in den gesellschaftlichen Umbrüchen lebendig ist, und ein Hilfesystem, das die religiösen Fragen nicht ausklammert. Ich werde später darauf zurückkommen.
2. Der Motivmix der Moderne
Nach dem Ausbau professioneller Dienste und der Ausdifferenzierung der Fachlichkeit in den 60-er und 70-er Jahren des vorigen Jahrhunderts steht nun also bei rückläufigen Kirchensteuern und staatlichen Mitteln - in Landeskirchen und Diözesen der Stellenabbau auf der Tagesordnung. Die kirchlichen Fachhochschulen spüren es genauso wie die Bildungshäuser oder die gemeindliche Jugendarbeit - wo nicht fusioniert oder geschlossen wird lautet die Frage: „ Welche notwendigen , unverzichtbaren Aufgaben können Freiwillige übernehmen?“ Im EKD-Reformpapier „ Kirche der Freiheit“ wurden den so genannten Laien - auch das übrigens ein strittiger Begriff - ein eigenes Leuchtfeuer gewidmet, und auch die Landeskirchen setzen auf die Gewinnung Ehrenamtlicher. So geht zum Beispiel die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau in ihrer Perspektive 2025 davon aus, dass die Kirche kleiner, älter, ärmer an Geld und ärmer an hauptamtlichem, pastoralem Personal sein wird. Sie wird zudem individueller und differenzierter sein. Offen ist , ob sie auch ärmer an Ehrenamtlichen sein wird, weil der Rückgang der Mitglieder in mittleren Jahre, die zudem in der Rushhour des Lebens stehen und am wenigsten Zeit für freiwillige Aufgaben haben, zu Buche schlägt. Weil die Kirchenbindung im Zuge gesellschaftlicher Veränderungsprozesse zurückgegangen ist und die Ortsgemeinden zudem unter einer gewissen Milieuverengung leiden. Die EKHN mahnt deshalb einen Paradigmenwechsel im Verständnis des ehrenamtlichen Engagements an, der auf Individualisierung und Mobilität Rücksicht nimmt , die Möglichkeiten der Mitgestaltung und Mitentscheidung stärkt und die Anforderungen an Hauptamtliche deutlich prononciert. „ Mehr Professionalität im Umgang mit Ehrenamtlichen“ heißt die Devise das bedeutet auch: Verbesserung der Informationsangebote und Stärkung der Weiterbildungsangebote. Eine Ehrenamtsakademie wurde gegründet, und auch auf der regionalen Ebene werden Haupt- und Ehrenamtliche werden im Freiwilligenmanagement weitergebildet.
Unter dem Druck von Einsparungen wird nun umgesetzt, was die Freiwilligenuntersuchungen in Kirchen, Diakonie und Caritas ans Licht gebracht haben. Jedenfalls bei denen , die in Leitungsverantwortung stehen, ist der Strukturwandel des Ehrenamts ,wie ihn Thomas Rauschenbach oder Theresa Bock beschrieben haben, angekommen. Wir wissen um zeitliche Differenzierung und die Notwendigkeit der biographischen Passung, wir wissen, dass das freiwillige Engagement sich von der Fremdbestimmung und vom Konkurrenzverhalten der Arbeitswelt abheben soll, aber gleichwohl transparente und überschaubare Strukturen und Gestaltungsprozesse braucht.. Zugleich aber haben gerade die Untersuchungen im Raum der Kirchen gezeigt, das die kulturpessimistische These, das „ alte Ehrenamt“ mit seiner altruistischen Motivation sei durch das zeitlich begrenzte neue Ehrenamt mit starkem Selbstverwirklichungsinteresse abgelöst wurden, so nicht zutrifft. Vielmehr weisen neuere Untersuchungen auf einen Motivmix hin: freiwillig Engagierte verbinden selbstbezogene und altruistische Motive. Die Norm der Wohltätigkeit verliert ihre Monopolstellung- ihr zur Seite tritt die Norm der Reziprozität, das Gleichgewicht von Geben und Nehmen.
Ich habe bis jetzt die Begriffe freiwillige Engagement und kirchliches Ehrenamt synonym verwendet. Dabei schließe ich mich Heinrich Grosse vom Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD in seiner Darstellung der Sonderauswertung der Freiwilligensurveys für den kirchlich-religiösen Bereich an. Grosse bezieht sich dabei auf die Definition von Ralph Fischer, die auch das kirchliche Ehrenamt einschließt: „ Freiwilliges Engagement .. ist die freiwillige Übernahme einer Verantwortungsrolle in einer besonderen Aufgabe, Arbeit oder Funktion, die mehr ist als nur bloßes Mittun und die außerhalb beruflicher Tätigkeit sowie des rein privaten, familiären Bereichs liegt. Freiwilliges Engagement ist frei vereinbarte Tätigkeit .., beinhaltet ein hohes Maß an Selbstbestimmung..., ist nicht an Tarife und Ausbildungsgänge gebunden.., kurz- oder mittelfristig veränderbar.., und ohne Bezahlung“. Ich komme später auf die Aspekte zurück unter denen das gemeindliche Ehrenamt und das in der Wohlfahrtspflege dennoch einer je besonderen Betrachtung bedürfen.
Die eben zitierte Sonderauswertung der Freiwilligensurveys macht zunächst einmal deutlich, dass das Freiwillige Engagement im Bereich „Kirche und Religion“ immer noch der drittgrößte Bereich nach „ Sport“ und „ Bildung“ ist und darüber hinaus wie in den meisten anderen Bereich auch zwischen der 1. und 2. Untersuchung 1999 ( 5.5 % ) und 2004 ( 6% ) zugenommen hat. In diesem Bereich sind 7 Prozent der Protestanten, 10 Prozent der Katholiken und immerhin 0,6 Prozent der Konfessionslosen engagiert. Bei den kirchlich Ehrenamtlichen ist die Kirchenbindung sehr ausgeprägt: 70 Prozent der engagierten Protestanten bezeichneten ihre Kirchenbindung als „stark“, 23 Prozent als „mittel“. Ähnliche Ergebnisse zeigt die Allensbach-Untersuchung von 2006 bei der Caritas: dort erklären darüberhinaus 55 Prozent, dass sie bei ihrer Arbeit Kraft aus dem Glauben schöpfen. Allerdings werden immerhin 51 Prozent der freiwilligen Aktivitäten in der gesamten Gesellschaft also auch außerhalb der Kirchen und der kirchlichen Wohlfahrtspflege - von Menschen geleistet, die sich entweder „stark“ ( 20 Prozent ) oder „mittel“ ( 31 Prozent ) mit einer Kirche verbunden fühlen. Dies gilt , auch wenn die Caritas-Analyse andererseits deutlich macht, dass der kirchliche oder religiöse Hintergrund für das ehrenamtliche Engagement tendenziell als Einflussfaktor an Bedeutung verliert. Und tatsächlich unterscheiden sich Engagierte im Bereich der Kirche in ihren Motiven nur in geringem Maße vom Durchschnitt: „ die Gesellschaft zumindest im Kleinen mitzugestalten ( 69 Prozent Protestanten gegenüber 66 Prozent in der Gesamtunersuchung ) und „mit anderen Menschen zusammenkommen“ das zählt auch für die, die sich an anderen Stellen engagieren. Allerdings ist die Altersgruppe der 31-45 jährigen in der Kirche unterrepräsentiert nämlich mit nur 24 Prozent gegenüber 32 Prozent in der Gesamtuntersuchung. Der Anteil der 14-30-jährigen ist dann zwar wieder wachsend, aber die Mehrzahl der Aufgaben wird von über 65-jährigen übernommen ( immerhin 22 Prozent gegenüber 13 Prozent ) und hier finden sich denn auch noch immer die, die dem Pflichtmotiv für ihr Engagement zustimmen. Die Ehrenamtsbefragung der Caritas, zeigt auch hier ein ähnliches Bild: Motive wie Mitleid oder moralische Verpflichtungen spielen bei den älteren Jahrgängen noch eine wichtige Rolle, treten aber bei den unter-50-jährigen zurück . Derzeit sind allerdings 70 Prozent der Ehrenamtlichen Frauen und 56 Prozent davon 60 Jahre oder älter. Entsprechend gering ist mit 31 Prozent der Anteil der Berufstätigen. Kurz: die Potentiale zur Ausweitung in andere Zielgruppen sind erheblich .
Wenn sie genutzt werden sollen, geht es offenbar nicht nur darum, neue, zeitlich befristete, Aufgabenfelder zu erschließen und eine neue Kultur der Wertschätzung zu entwickeln. Wichtig ist auch, die bisherigen Milieus zu überschreiten und neue Alters- und Zielgruppen zu erschließen. Das drückt sich in folgenden Daten aus der Sonderauswertung des SI der EKD aus: 50% der Tätigkeiten im kirchlichen Ehrenamt werden von Menschen mit hohem Bildungsstatus ausgeübt möglicherweise entspricht das den Erwartungen an Gruppenleitung und Durchführung von Veranstaltungen, wie sie in der Kirche häufig vorkommen. Jedenfalls sind formal besser Gebildete deutlich überrepräsentiert bei den Protestanten sind es sogar 57 Prozent ( gegenüber 43 bei den Katholiken . Immerhin 52 Prozent der Engagierten ( gegenüber 44 Prozent im Durchschnitt ) stuften ihre finanzielle Situation im Jahr 2004 als sehr gut oder gut ein. Dazu passt, dass das freiwillige Engagement in Kirche, Diakonie und Caritas noch immer Frauensache ist oft auch Hausfrauensache ; während im Durchschnitt aller Bereiche 55 Prozent Männer engagiert sind , sind es hier nur 35 Prozent.; und viele Männer haben den Eindruck, dass ihr berufliches Wissen aus anderen Lebensbereichen in der Kirche nicht wirklich gefragt sei. Wo sie allerdings ein kirchliches Ehrenamt haben oft in Leitungsgremien da haben sie auch den Eindruck, ausreichend mitgestalten zu können. Das ist in besonderer Weise in den Aufsichtsgremien der Sozialunternehmen der Fall. Der Verband diakonischer Dienstgeber hat kürzlich eine Untersuchung vorlegt, nach der die Zahl der Frauen in den Aufsichtsgremien, die ohnehin nur bei 20 Prozent liegt, weiter abnimmt, je größer und kapitalkräftiger die Unternehmen werden. Wirtschaftliche Verantwortung und Aufsicht ist nach wie vor mit männlich besetzt, während Religion und Soziales eher weiblich konnotiert ist. Michael Ebertz hat herausgearbeitet, dass das Ehrenamt in der Kirche, ja Kirchlichkeit überhaupt von einer gewissen „ Feminisierung“ erfasst wurde, die sich historisch und theologisch nicht von selbst versteht. Umso mehr muss es zu denken geben, dass gerade die Frauen die Mitbestimmungsmöglichkeiten in der Kirche nicht wirklich zufrieden stellend finden . Auf die Frage, ob sie ausreichende Mitgestaltungsmöglichkeiten hätten, antworten 74 Prozent aller Befragten, übrigens auch der Männer in den Kirchen, aber nur 61 Prozent der katholischen und 65 Prozent der evangelischen Frauen mit Ja. Auch die Caritasuntersuchung zeigt: Ehrenamtliche haben nur eingeschränkt das Gefühl, für die Hauptamtlichen gleichberechtigte Partner zu sein. Die finanzielle Ausstattung der Arbeitsbereiche, die fachliche Unterstützung, die Bereitstellung von Räumen usw. wird nach dieser Untersuchung allerdings in den Kirchen deutlich besser beurteilt als in anderen Tätigkeitsbereichen.
Klar ist: Ehrenamt braucht Geld, professionelle Unterstützung, aber eben auch Macht. Gerade in der derzeitigen Umbruchsituation dürfen die Fragen nach Geld und Macht wie die nach dem Verhältnis zu Hauptamtlichen nicht unterschätzt werden.
3. Geld und Macht im Ehrenamt
An dieser Stelle möchte ich ein Blitzlicht auf die Ehrenamtssituation in der evangelischen Kirche und ihrer Diakonie werfen, so wie ich sie im Augenblick wahrnehme eine subjektive Momentaufnahme also, mitten im Umbruch. Im vergangenen November tagten zweitägig - die Ehrenamtsbeauftragten aller Landeskirchen und Landesverbände , zunächst getrennt, dann gemeinsam. Es waren unterschiedliche Themen, immer aber heiße Eisen, die beide beschäftigten: In den Kirchen wird das neue Interesse am Ehrenamt offenbar sehr stark durch die Notwendigkeit innerer Umstrukturierungen ausgelöst. Einsparungen auf der einen Seite- „Wachsen gegen den Trend“ auf der anderen führen dazu, dass immer mehr Aufgaben an Ehrenamtliche abgegeben werden. Ehrenamtspreise werden ausgelobt, Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen verbessert, Ehrenamtsakademien gegründet . Jetzt aber gilt es, das Selbstverständnis der Organisation und ihrer professionellen Mitarbeiter zu verändern. Während wir schon in Umrissen sehen, was es für die Hauptamtlichen bedeuten könnte, sich im Wesentlichen als Initiator, Assistenz und Gewährleister ehrenamtlicher Arbeit zu verstehen, ist noch nicht so deutlich, was das für die Organisationsentwicklung bedeutet. Ist Freiwilligenarbeit ein Bereich unter anderen oder durchzieht er alle Dimensionen, auch die Verkündigung ? Muss die Personalentwicklung für Ehrenamtliche nach dem gleichen Muster wie die für berufliche Mitarbeitende verlaufen vom Kontrakt über die Zielvereinbarung bis zum Jahresgespräch ? In welchem Verhältnis stehen Fundraising und Zeitspenden ? Wie kann sich die ehrenamtliche Arbeit der Verbände, die längst eigene Standards entwickelt haben, mit der der Kirchengemeinden verbinden ? Letztlich: wie weit kann es gelingen, aus einer Ämter- und Betreuungskirche zur Beteiligungskirche zu werden ? Wie viel Hierarchie ist nötig, wie viel Geschwisterlichkeit möglich ? Welche Rolle spielt dabei das Amtsverständnis der Kirchen- und führt die Rückbindung des Ehrenamts an das Hauptamt nicht unvermeidlich zu der Gefahr, freiwillige Dienste als Hilfsdienste zu verstehen ? Sie merken, wir kommen zurück zu den Fragen von Johann Hinrich Wichern und sie haben nichts an Brisanz verloren. Übrigens wurde das Ehrenamt in der evangelischen Diakonie erst in der Generation nach Wichern vom Amt her theologisch legitimiert. Seitdem, meint Ralf Hoburg von der EFHS Hannover, bestünde die Gefahr, dass das kirchliche Ehrenamt an die Ortsgemeinde gefesselt seiner schöpferischen Energien beraubt wird es werde institutionalisiert, pädagogisiert und kanalisiert. Da ist es ein wichtiger Schritt, dass das kirchliche Ehrenamt in den landeskirchlichen Leitlinien, die seit den 90er Jahren entstanden, nicht aus der Ämterlehre, sondern aus den Charismen, der Vielfalt der Gaben, abgeleitet wurde.
Während sich also die kirchlichen Beauftragten mit dem Verhältnis von Amt und Priestertum aller beschäftigten, diskutierten die Beauftragten aus den Diakonischen Verbänden ganz andere Themen darunter auch das unbezahlten Tun in der professionellen Nächstenliebe. Die Gruppe stellte fest, dass die Umstruktuierungen der alten Trägervereine zu Sozialunternehmen auch das Ehrenamt in den Aufsichtsräten verändern. Kaufleute übernehmen zunehmend die Leitung, neu gegründete GmbHs lösen Haftungsfragen aus und allen ist klar, dass Nächstenliebe nicht genügt, um das wirtschaftliche Risiko abzuschätzen. Juristen und Ökonomen bringen immer stärker ihr Expertenwissen ein. Organisationen werden verschlankt, Abläufe rationalisiert. Das Ethos fürsorglicher Pflege droht zu schwinden .Je mehr sich aber dieser Prozess beschleunigt, um so wichtiger wird die gesellschaftliche Gegenbewegung: die Öffnung für Angehörige und Ehrenamtliche in den Einrichtungen, die Zusammenarbeit mit den Institutionen im Stadtteil. Die Kompetenzverteilung zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen ändert sich; neue Konkurrenzen entstehen, die die gewünschte Zusammenarbeit auf genug erschweren. Auch hier geht es also darum, Rollen und Foren der Zusammenarbeit in der Organisation zu klären. Es geht zum Beispiel um die Frage, bei wem die Aufgabe des Mentoring für Freiwillige angesiedelt ist, welche Orte diese Gruppe für die Mitgestaltung hat usw. Hinzu kommt aber die heiß diskutierte Frage nach finanziellen Anreizen, die den Übergang zwischen Ehrenamt und beruflicher Tätigkeit fließend machen. Kurz in der Sorge vieler wird der Ehrenamtliche zum billigen Jakob des ausblutenden Sozialstaats.
Ob das in der Kirche wirklich anders ist, wenn die Kirchengemeinden Küster oder Sekretärinnen entlassen und solche Aufgaben auf Freiwillige verlagern, kann man sehr wohl fragen. Dazu allerdings braucht es einer gesellschaftlichen Betrachtung der Kirche als Organisation- das Machtgefälle zwischen den Mitarbeitergruppen, der Umgang mit Ressourcen muss im Blick sein. Und gelegentlich werden solche Fragen in Gemeinden verdrängt ganz ähnlich wie in der Wohlfahrtspflege die Frage nach den inneren Motiven, den sozialen und religiösen Motiven der Mitarbeitenden. Ökonomisierung auf der einen Seite, Privatisierung auf der anderen, Wirtschaft hier, Wertegemeinschaft dort wo sich solche Parallelwelten zwischen Kirchen und Wohlfahrtspflege entwickeln, kommt die öffentliche Verantwortung zu kurz. Und ich fürchte, am Ende auch die Selbstbestimmung, Gestaltungskraft und Initiative der Freiwilligen. Denn nur ein Teil der Freiwilligen will ja unter dem Dach einer Institution arbeiten in Kirche oder Wohlfahrt. Andere wollen das Politische und Soziale in ihrem Nahraum mitgestalten und neu gestalten. Ich denke, gerade diese Leute bringen die Organisationen voran aber sie werden auch oft genug zum Störfall.
4. Öl und Sand, Kitt und Störfall vom Bürgerschaftlichen Engagement zur neuen Sozialkultur
Die Chancen und Grenzen ehrenamtlichen Engagements in der Wohlfahrtspflege sind für mich im Gesundheitssystem besonders deutlich geworden. Hier haben die Diagnose bezogenen Fallpauschalen die Budgets so verändert, dass die Kunst, Patienten zu versorgen inzwischen Hand in Hand gehen muss mit der Kunst, ihre Haupt- und Nebendiagnosen richtig zu verschlüsseln und das möglichst von der Aufnahme über die Zuweisung an eine bestimmte Station bis hin zur weiteren Überweisung in angrenzende Systeme. Qualitätsmanagement, Medizin- und Pflegekontrolling wurden eingeführt, die Liegezeiten entsprechend verkürzt. Für Zuwendung und Gespräche haben Hauptamtliche in den neuen Sozialunternehmen oft zu wenig Zeit, ihre Arbeit ist zerlegt und zugeteilt. Pflege ist ökonomisiert den Liebesdienst für Gotteslohn der Diakonissen und Nonnen gibt es nicht mehr . Und doch: für die einen reicht der Lohn nicht aus, und die anderen bekommen zu wenig Liebe.
Das Gesundheitssystem der Zukunft setzt auf den eigenverantwortlichen Patienten, der in der Lage ist, die geringer werdenden Ressourcen bestmöglich zu nutzen. Zugleich aber erleben wir den demographischen Wandel und eine wachsende Spaltung der Gesellschaft in arm und reich, Bildungsgewinner und Bildungsverlierer. Wer mit der zugeschriebenen Eigenverantwortung und Selbstsorge überfordert ist, wird mehr denn je Menschen an seiner Seite brauchen, die ihm Anwalt und Stütze sind. Ohne Angehörige, Nachbarn und Freunde, ohne ehrenamtliche Besuchs- und Betreuungsdienste werden viele Menschen nicht in der Lage sein, die Hilfeangebote anzunehmen, die ihnen zustehen. Das zeigt sich schon jetzt in der Hospizarbeit und der ambulanten Behindertenhilfe, aber auch in der Hilfe für demenzkranke ältere Menschen. Alle diese Bereiche sind auf die Zusammenarbeit mit Freiwilligen angewiesen. Bürgerschaftliches Engagement leistet einen bedeutsamen Beitrag für die Lebensqualität der Bewohnerinnen und Bewohner; es trägt dazu bei, dass sie nicht völlig von der Institution bzw. von den professionellen Dienstleistungen abhängig werden.
Aber die Zusammenarbeit ist alles andere als reibungslos. Das liegt nicht nur an der Angst der Profis um ihre Arbeitsplätze , nicht nur daran, dass es weh tut, genau die Tätigkeiten an Freiwillige abzugeben, um derentwillen man den Beruf gewählt hat. Also: Verschlüsseln, statt am Sterbebett sitzen. Pflege dokumentieren, statt einen alten Menschen zum Garten zu begleiten. Nein, es liegt auch daran, das die Einrichtungen und Dienste auf höchste Funktionalität, nicht aber auf die individuellen Bedürfnisse, auf Begegnung und Zuwendung eingerichtet sind. Wo die Räume für gemeinsames Essen im Heim nicht mehr finanziert werden oder die Küche gleich ganz abgeschafft wird, da wird eben auch Gemeinschaft erschwert. Und Angehörige, die das Recht auf Selbstbestimmung einklagen, Ehrenamtliche, die über die Organisation eines Hauses nachdenken, können zum Störfall im Getriebe werden. Das kann selbst den altehrwürdigen „ Grünen Damen“ passieren. Ich erinnere mich an eine selbstbewusste und sensible Frau, die die Versorgung auf den Stationen revolutionierte, als klar war, dass die Sterbenden nicht einmal mehr eine Hafersuppe bekommen konnten. Leitlinien für den Umgang mit Ehrenamtlichen allein tun es da nicht hier muss das bürgerschaftliche Engagement am Ende auch ökonomisch bewusst und politisch werden. Wo das geschieht, da trägt es dazu bei, dass sich neue Pflegearrangements bilden und Organisationen sich wandeln. Dazu müssen nicht nur moderne Konzepte von Freiwilligenarbeit in den Einrichtungen verankert werden, die vor allem an den Schnittstellen greifen, es bedarf auch einer systematischen Information und Kommunikation mit den Freiwilligen, die Gewinne aus der Arbeit der Freiwilligen müssen auch für eine verbesserte Motivations- und Beteiligungsstruktur aller genutzt werden vor allem aber müssen die Leitbilder der Betreuung und Vereinnahmung durch solche der Selbstverantwortung und Beziehung ersetzt werden. Es geht also um nicht weniger als eine neue Kultur des Sozialen. Um einen Aufbruch, der mit dem aus Wicherns Zeit durchaus verwandt ist. : Entgeltliche Dienstleistungsangebote müssen in eine Gemeinwesenorientierung eingebetet sein nicht umgekehrt . Tatsächlich muss der dritte Sozialraum entwickelt werden, von dem Klaus Dörner spricht - und Wohngemeinschaften und Mehrgenerationenhäuser sind der Anfang dieser Entwicklung, die am Ende die Hilfe soweit wie möglich vor Ort bringen muss dahin, wo die Gemeinde zu Hause ist.
5. Herausforderungen und Chancen für die Kirchen
33 Prozent der Bürger engagieren sich sozial. Das ist Grund zum Optimismus. In der Altenhilfe ist eine neue Angehörigenbewegung entstanden ganz ähnlich , wie einst die Hospizarbeit. Das ist Grund zur Hoffnung. Und immerhin 30 Prozent derer, die sich noch nicht freiwillig engagieren, sind bereit dazu. Wohlfahrtsverbände und Unternehmen entdecken darin einen neuen Markt. Auf diesem Markt ist die Kirche ein Wettbewerber. Anders als andere Institutionen ist sie sehr dicht dran an den biographischen Wendepunkten der Menschen, in denen es um Sinnfragen geht: wenn Kinder geboren werden, Menschen sterben. Und hoffentlich auch, wenn Ehen zerbrechen, Arbeitsplätze verloren gehen. Die Nähe, die in Krisen wachsen kann, kann Potentiale der Hilfe erschließen.
Das gilt ganz unabhängig von Altersgruppen und Schichten. Deswegen ist es eine ernste Anfrage an die Ehrenamtstauglichkeit kirchlicher Einrichtungen und Initiativen, wenn die 31- 45 jährigen, die mitten im Berufs- und Familienleben stehen, hier unterrepräsentiert sind. Offenbar gelingt es noch nicht, Tageseinrichtungen oder Konfirmandenarbeit so zu gestalten, dass daraus Netzwerke für Familien und Nachbarschaften entstehen. Andererseits stellt die hohe Zahl älterer Menschen, vor allem der jungen Alten, die sich in der Kirche engagieren, eine besondere Chance dar. Hier liegt für die Zukunft ein ganz besonderes gesellschaftliches Potential und deshalb auch ein umkämpfter Markt. Gerade die Kirche kann viel dazu beitragen, die gesellschaftliche Reserviertheit gegenüber dem Alter aufzulösen, wenn sie das ehrenamtliche Engagement Älterer in den eigenen Gemeinden angemessen würdigt und nicht für selbstverständlich nimmt. Und wenn sie Menschen am Ende der Erwerbsphase so begleitet, dass die ungelebten Seiten der eigenen Biographie, die manchmal wie glühende Kohlen unter der Asche schlummern, zum Leuchten gebracht werden. Der Gerontologe Andreas Kruse hat deutlich gemacht, dass es dazu eines erweiterten Produktivitätsbegriffes bedarf: zur Produktivität gehört dann auch die Auseinandersetzung mit Verlusten, mit Scheitern und Endlichkeit. Von einer ehrlichen Auseinandersetzung mit Grenzsituationen profitieren nicht nur die Betroffenen selbst, sondern auch ihre Angehörigen und Freunde - wo sie gelingt, wächst die Fähigkeit zur Selbstverantwortung und die Bereitschaft zur Mitverantwortung. Wer die Wirklichkeit mit den Augen solcher existentieller Erfahrungen sieht, der wird lernen, in eine andere Tiefe zu sehen mit dem scharfen Auge der Liebe, wie Wichern es formuliert hat. Ältere Menschen, die sich mit diesem existentiellen Wissen für andere einsetzen können, sind ein unverzichtbarer Schatz nicht zuletzt für die Kirche.
Angesichts des Wandels der Geschlechterrollen, der zunehmenden Erwerbstätigkeit von Frauen und der Notwendigkeit, Beruf und Familie zu vereinbaren, wird sich auch die Geschlechterstruktur der Freiwilligenarbeit in Kirche und Wohlfahrtsverbänden ändern.. Schon klagen Kirchenleitungen darüber, dass es trotz aller Quoten nicht gelingt, hinreichend Frauen für leitende Ämter auf der mittleren Ebene zu finden, weil die Mehrfachbelastung zu groß geworden ist. Gleichwohl müssten die Kirchen nicht Verlierer dieses Prozesses sein sie könnten vielmehr Schrittmacher sein zu einer neuen Öffnung , einer neuen Gestalt des Sozialen, wie sie sich in Familienzentren und Wohngemeinschaft zeigt, in denen das Private , Erziehung und Pflege, Beratung und Hilfe, wieder öffentlich wird , ohne sofort professionalisiert zu werden. Wo das geschieht, kommt es zu einer neuen gesellschaftlichen Wertschätzung der bisher weiblichen Beziehungsarbeit, die es Männern und Frauen ermöglicht, sie neu mit Beruf und Öffentlichkeit zu verbinden.
Das könnte schließlich auch helfen, die Tendenz zur Milieuverengung der Gemeinden zu überwinden und sich zu öffnen für die Menschen im Quartier, die eine geringere Kirchenbindung oder weniger formale Bildung oder Einkommen haben. Für Erwerbslose, Migranten, Hartz IV-Empfänger. Für alle die gesellschaftlich nicht gut integriert sind und anderswo noch immer weniger Zugang zum öffentlichen Engagement haben. Wo das gelingt, wäre die Brücke zu den Reformen Johann Hinrich Wicherns wieder geschlagen. Dazu müsste allerdings die starke Institutionalisierung und Pädagogisierung des Ehrenamts in der Kirche, von der oben schon die Rede war, überwunden werden. Denn solange sich daran nichts ändert, sehen wohl eher Menschen aus einem traditionsorientierten und kleinbürgerlichen Milieu im kirchlichen Ehrenamt eine Chance, sich einzubringen. Dabei kann die Freiwilligenarbeit von Diakonie und Caritas ein Vorbild sein. Denn zumindest in Selbsthilfegruppen oder bei den Tafeln , in Sozialkaufhäusern oder Umweltprojekten gelingt es immer wieder, dass aus Betroffenen Engagierte werden, die anderen auf ihrem Weg helfen. Ich erinnere mich gut an eine ehrenamtliche Mitarbeiterin in Cafe und Kleiderkammer eines Gemeindeladens. Sie war Schuhverkäuferin gewesen, und sie wusste, als sie kam, genau, was sie nicht konnte und wollte: „ immer reden , wie sonst in der Kirche“, das war nicht ihr Ding.
Damit es gelingt, neue Menschen zu erreichen, braucht es neue Wege. Läden und Kirchencafes können dazu gehören. Persönliche Ansprache ist nach wie vor wichtig, Darüber hinaus braucht es aber auch eine Öffnung und Vernetzung mit Freiwilligenagenturen, Seniorenbüros, Angeboten im Netz, Ehrenamtsmessen und Ehrenamtstage, Kontakt zu Betrieben. Bürgerschaftliches Engagement ist Institutionen- und Einrichtungs- übergreifend. Wer eine Freiwilligenagentur gründet, um das Wasser nur auf die eigenen Mühlen zu leiten, wird das schon bald spüren. Wer kommt, stellt die Angebote in Frage und schaut, was zu ihm passt- und er ist frei, zu gehen, wenn die Begegnung nicht stimmt. Freiheit , sie erinnern sich, gehört zur Eigentümlichkeit des Menschen und begründet alles Engagement. Darin steckt die immer neue Herausforderung für jede Institution.
Für die Kirche bedeutet das , so meine ich, vor allem, Menschen in ihren Glücksmomenten, aber auch in Krisen und Umbrüchen und in Grenzsituationen so aufmerksam zu begleiten, dass sie sich selbst und Gott neu begegnen und damit aufmerksame , wache und engagierte Mitmenschen werden können. Dazu müssen Gemeinden die binnenkirchlichen Milieus verlassen und sich mit Wohlfahrtsverbänden vernetzen zugleich aber können sie andere einladen, die Orte zu nutzen, die das Soziale mit dem Religiösen verbinden. Es gibt übrigens gerade im Osten Deutschlands - gute Beispiele dafür, dass sich in einem neuen Mix der Anbieter und Angebote rund um die Kirchen und Gemeindehäuser neue Zentren bilden. Das Geheimnis scheint mit die Offenheit, auf andere Lebenswelten , Kulturen und auf andere Menschen zuzugehen auch auf die, die nicht oder noch nicht mit der Kirche verbunden sind. Die werden sich dann allerdings nicht in Kirche und Wohlfahrt, sondern mit Kirche und Wohlfahrt engagieren. Ich finde, das birgt viele Hoffnungen in sich.
Cornelia Coenen-Marx, Berlin, 22.4.08
1. Über Armenpflege. Der Anteil der freiwilligen oder Privatwohltätigkeit an der christlichen Armenpflege , 1856, in Wichern, Sämtliche Werke III/1, 61-7ß
2. Gutachten über den Diakonat, , S. 142, in Wichern, III/1, S. 134
3. 4. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD ( Kirche in der Vielfalt der Lebensbezüge). S.66 und 469
4. Peter Schüll, Motive Ehrenamtlicher, Berlin 2004, S. 57
5. Ralph Fischer, Ehrenamtliche Arbeit, Zivilgesellschaft und Kirche. Bedeutung und Nutzen unbezahlten Engagements für Gesellschaft und Staat, Stuttgart 2004, S. 34f.
6. vgl. Eugen Baldas, Christopher Bangert ( Hg ) Ehrenamt in der Caritas, Freiburg 2008
7. Michael Ebertz: Kirche lebt. Mit uns. Düsseldorf 2004
8. vgl. Harald Kaiser, Martin Neuman ( Hg): Ehrenamt und Diakonie, 2007
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