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EKD Pressemitteilung 77/2012

Präsentierte die Barmer Theologische Erklärung ein neues Kirchenbild?


1. Aktuelles aus der Barmer Zeitung und den Münchner Medien
„Massenversamlungen in Wuppertal“; so war ein Artikel im Sonderdruck der  Barmer Zeitung von 1934 anlässlich des „kirchengeschichtlichen Ereignisses der Deutschen Bekenntnis-Synode“ überschrieben. Der „Gemeindetag unter dem Wort“; der zum Abschluss der Bekenntnissynode 15.000 – 20.000 Besucher in ganz Wuppertal zusammen brachte, sei eine „Demonstration der Glaubenden“ gewesen, kann man lesen. Stadthallen und Kirchen hätten selten einen solchen Andrang gesehen. Die Konferenz wolle nicht die Zerrissenheit der Kirche durch Neugründungen verschärfen, sie stehe für die historisch gewachsenen Bekenntnisse lutherisch-reformiert-uniert, sagte der reformierte Gemarker Pfarrer Paul Humburg bei einem Gemeindeabend in der Barmer Stadthalle, die wegen Überfüllung vorzeitig geschlossen werden musste. Aber im Schatten dieser Bekenntnisse gebe es viele Kirchen: Satte Kirchen, Kirchen toter Organisation, Kirchen mit falscher Prophetie, Kompromisskirchen, und auch die „Kirche unter dem Kreuz“. Die bekennende Gemeinde habe die Pflicht, darum zu ringen, Kirche des göttlichen Wohlwollens und als Gemeinde das Herz der Welt zu sein. Während dessen sprach in  der Unterbarmer Hauptkirche der Berliner Stadtmissiondirektor Dannenbaum über das Thema „Die Kirche als tote Organisation“ .Er sah in der Krise und Krankheit der Kirche die Chance zu einem Neuaufbruch und sprach sich dagegen aus, etwa Parochialbezirke der Kirche mit der Gemeinde Jesu Christi gleich zu setzen. Nicht der geographische Raum zähle, Erweckungslust und Veränderungsbereitschaft müssten Raum gewinnen.“

Über die Bekenntnissynode vom 29.-31. Mai, zu der etwa 300 Gäste kamen, wird im selben Blatt folgendes berichtet: „ Alles Demonstrative lag der Synode fern, vielmehr wollte sie, dass wirkliche christliche Bruderschaft getätigt würde und in die Erscheinung träte“. In diesem Geist sprach der westfälische Präses Koch „dem gegenwärtigen Kirchenregiment der deutschen evangelischen Kirche Vollmacht und Recht ab, eine Reform der Verfassung vorzunehmen“: Kirchenreform, so die Synode eindeutig, entstehe nicht aus Organisationsmacht, sondern aus der Vollmacht, die sich auf das Wort Gottes gründet.

Wenn man die Originalberichte liest, springt sofort ins Auge, dass es in Barmen um eine starke Demonstration der Einheit in Vielfalt ging. Immer wieder ist von unterschiedlichen Bekenntnistraditionen die Rede, die bestehen bleiben sollten, aber auch von unterschiedlichen Dialekten aus ganz Deutschland, von den 18 Landeskirchen, die hier zusammen gekommen seien, um in geistlicher Einheit zusammen zu stehen. Barmen überschreitet eine Vorstellung von Kirche, die territorialkirchlich-konfessionell bestimmt ist[1], schreibt Rudolf Weth in einem Aufsatz zu Barmen III. Dabei fällt auf, dass in der Presse keinesfalls nur große und bekannte Namen genannt werden wie die von Karl Barth, Hans Asmussen oder der des im Juni 33 gestürzten Reichsbischofs von Bodelschwingh , auch Bischöfe spielen nicht die Rolle der Motoren.  Zwar kommt die repräsentative Funktion von Meiser oder Mahahrens deutlich zum Ausdruck, doch sind es  die Ortspfarrer, die für die Bewegung stehen: von Humburg über Schlingensiepen, von  Klughist –Hesse bis Immer sind viele Namen dabei, die der reformierten Wuppertalerin vertraut noch vertraut sind..“ Kirche als Gemeinde von Brüdern“, das ist auch das Bild einer breiten Bewegung, die sich gegen eine von der Reichsregierung korrumpierte, hierarchische Organisation richtet. Barmen überschreitet eine Vorstellung von Kirche, in der staatskirchliche Verfassung noch nachwirkt.

Bruderräte und  Bibelkreise, Presbyterien, die wie das von Barmen –Gemarke ihrer Absetzung durch das Konsistorium widerstanden, Schüler wie der junge Karl Immer, die als Helfer bei der Synode Papiere austeilten, Direktoren und Lehrer, die sie vom Unterricht befreiten, machten den Kern dieser Bekenntnisbewegung aus. Der Schüler Karl Immer, der die Nacht vom 30./31.Mai mit ihren Beratungsstunden zu den schönsten und reichsten seines Lebens zählte, schrieb im Zwei-Finger-System die Barmer Erklärung. „Kein landesherrliches und kein territorialkirchliches Kirchenregiment hat – wie es in früheren Zeiten war– dieses Bekenntnis durchgesetzt“; schreibt Rudolf Weth. „Die Bekenntnissynode von 1934 wandte sich vielmehr mit ihrer Erklärung – sie konnte gar nicht anders!- an die evangelischen Gemeinden und Christen in Deutschland- mit der Bitte um Prüfung aufgrund der Heiligen Schrift“. Barmen ist das Bekenntnis einer bekennenden Gemeinde von Brüdern.-Das impliziert eine bestimmte Sozialgestalt, die diesem Bekenntnis entspricht: Eine urteilsfähige Gemeinde in der überörtlichen Einheit des Leibes Christi. Ob dieses Bild der Gemeinde unsere heutigen Fragestellungen von Institution und Organisationsentwicklung trifft , das muss im Augenblick noch offen bleiben.

In der Krise der Kirche, wo die Organisation in Gefahr ist und die Institution hohl wird,  wie es in den Texten von 34 heißt, spielen die Menschen, die die Bewegung tragen, eine besonders wichtige Rolle. Solche Krisen werden ja oft gerade dann spürbar, wenn die Öffentlichkeit nach Orientierung sucht und klare Worte braucht. Das haben wir in diesen Tagen in München erleben können. Überfüllte Foren und Hallen, wo Hans Küng oder Margot Käßmann auftraten, Begeisterung, als das heilige Brot aus den Mauern konfessioneller Prägung auf die Straße getragen und dort unter das Volk gebracht wurde, und Beifall vor allem, wenn die so genannten Laien zu Wort kamen: Alois Glück und Eckart Nagel verkündeten beim Abschlussgottesdienst die Kernsätze einer Kirche im Aufbruch. In dieser Kirche gewinnt Spiritualität ein neues Gewicht, werden Probleme wie das Missbrauchsthema offen und emotional angesprochen und politisch hohle Sätze wie das Wachstumsmantra deutlich in Frage gestellt. Das Leiden an und mit der Kirche wurde genauso offen angesprochen wie der Wunsch nach einem Wachstum der Mitmenschlichkeit. So sammelt sich die Kirche von Brüdern und Schwestern auch heute; sie solche Zeiten der  Sammlung, wenn die Institution ihre stützende Kraft verliert oder gar in Gefahr steht, zu pervertieren.


2. Botschaft, Ordnung und Dienst
Betrachtet man die Thesen 3 und 4 der Barmer Erklärung als ihre Mitte, so gilt es doch zugleich, sich bewusst zu machen, dass die Erklärung eben nicht mit der Ekklesiologie, sondern mit der Christologie einsetzt. Die Ekklesiologie wird durch die Christologie bestimmt. Denn „ Jesus Christus“, so die erste These, „ ist das eine Wort Gottes,.dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben“ Barmen proklamiert in These III Christus als den alleinigen Herrn der Kirche gegenüber allen „anderen Herren“, von denen in These II die Rede ist,  und allen mit „ Herrschaftsbefugnissen ausgestatteten Führern“, von denen dann These IV  spricht.. Diese Christusherrschaft verwirklicht sich in der Gemeinsamkeit des Dienstes, der der ganzen Gemeinde anvertraut ist. Konsequent  beginnt These III dann auch mit dem Schriftzitat aus Eph. 4, 15-16 ;“Lasset uns aber rechtschaffen sein in der  Liebe und wachsen in allen Stücken an dem, der das Haupt ist, Christus, von welchem aus der ganze Leib zusammen gefügt ist.“

Die Wahl des Bildes vom Leib und den Gliedern für die Kirche greift auf paulinische Aussagen zurück, die die Vielfalt wie die unterschiedslose Bedeutung der Charismen betonen.[2] Wie in Gal. 3, 28 wird die Einheit trotz bestehender Differenzen in den Mittelpunkt gerückt: angesichts der Gliedschaft im Leib Christi gilt eben nicht Sklave noch Freier, aber auch nicht Jude oder Grieche, Mann noch Frau – ich komme darauf gleich noch zurück. Diese Gleichheit vor Christus kann im Blick auf das soziale Miteinander nicht ohne Folgen bleiben. Zugleich aber impliziert das Bild vom Leib Christi in seiner kosmischen Dimension, die gerade bei den Deuteropaulinen betont wird, dass die Gemeinschaft in Christus der kirchlichen Organisation mit ihren Programmen  und Bekenntnissen voraus geht und zugleich in seiner kritischen Differenz zum Maßstab ihrer Ordnung wird. Es ist eben trotz aller Aufbrüche in der Kirche eine für das Neue Testament schmerzliche, aber immer wieder beschriebene Wirklichkeit, dass die Gottesherrschaft Christi sich in seiner Gemeinde noch nicht durchgesetzt ist. Die Gemeinde , die -  wie es im letzten Satz der These heißt – „ allein sein Eigentum ist,“ lebt in der Erwartung seiner Erscheinung mitten in ihrer jeweiligen Zeit, Versuchungen und inneren Gefährdungen ausgesetzt, „allein von seinem Trost und seiner Weisung“.

Die Aufhebung des Gegensatzes zwischen Herrschenden und Beherrschten in der Kirche, die das Stichwort von der Gemeinde von Brüdern impliziert, lässt sich deshalb am ehesten als Prozess beschreiben und von Prozessen her verstehen – auch der Bibeltext vom Wachstum als einem Geschehen. Der Dienst, der Augenhöhe mit dem  Suchenden und Hilfebedürftigen sucht , und die Kommunikation, die letztlich nur dann in die Freiheit führt, wenn ein herrschaftsfreier Dialog gelingt,  um mit Habermas zu sprechen –sie zielen jedenfalls für den Augenblick der gemeinsamen Erfahrung auf die Aufhebung des organisationellen Gefälles, auf Befreiung und Autonomie. Gleichwohl wird die Kirchen in Barmen IV durchaus als eine Ordnung mit verschiedenen Ämtern und sicher auch mit Hierarchien gedacht, und auch die Vorstellung des Politischen, die für These VI handlungsleitend war, kennt die Unterscheidung zwischen Regierenden und Regierten. Der  Verwerfungssatz in These IV zeigt deutlich, dass die Erklärung sich situationsbedingt vor allem gegen die totalitären Ansprüche eines Führerstaats und die Kirchenreform der Deutschen Christen richtet, die eine entsprechend ideologisch geprägte Führung in der Kirche etablieren wollte. Der Kampf gegen das Führerprinzip und das Ringen der Kirche in der Zerreißprobe zwischen Bekenntnisgemeinschaft und Institution, zwischen äußerer und innerer Ordnung ist im Text deutlich zu spüren. Die Kirche lebt als der Leib des gekreuzigten und auferstandenen Christus, sein Leben und sein Dienst geben die entscheidende Orientierung.

Mit der Erinnerung an den Dienst im Namen des Gekreuzigten, verbindet sich für mich eine offene Frage im Blick auf die Barmer Erklärung und ihre Rezeption. Die Diakonie als Dasein der Kirche für andere , um mit Bonhoeffer zu sprechen,  als institutionelles Handeln der Gemeinde und Gottesdienst im Alltag der Welt , spielt im ekklesiologischen Teil der Barmer Erklärung eigentlich keine Rolle – und das , obwohl in Barmen II der Anspruch Gottes auf das ganze Leben ausdrücklich betont wird , obgleich auch in Barmen VI vom Dienst seines „Wortes und Werkes“ die Rede ist, und obwohl der Versöhnungsauftrag der Kirche zum Kern der neutestamentlichen Ekklesiologie gehört. Sehr bewusst scheint in den Thesen III und IV jedoch jeder Hinweis auf soziale Aufgaben, an denen die Kirche sich beteiligte, ausgelassen. Tatsächlich ist es auch nur an wenigen Stellen gelungen, die damaligen diakonischen Anstalten, die ja vielfach über die Wohlfahrtspflege mit staatlichem Handeln verflochten waren und für ihre Aufgaben öffentliche Mittel erhielten, in den Bekenntnisprozess der damaligen Zeit einzubeziehen. Denn hier reichte staatliche Herrschaft über die theologischen und kaufmännischen Leitungen, über Gesetzgebung und Finanzierung sehr tief hinein in das kirchliche Handeln. Und die  notwendigen Abgrenzungen im Blick auf behinderte und psychisch kranke Menschen in den Einrichtungen oder auch im Blick auf jüdische Angestellte oder Diakonissen wurden spät oder gar nicht vollzogen. Die von Bodelschwinghschen Anstalten Bethel, die bis in die diakonischen Gemeinschaften hinein versucht haben, als bekennende Kirche zu leben, sind dabei durchaus eine rühmliche Ausnahme; doch hat auch ein Treffen der Leitung mit Vertretern der Bekenntnissynode am Vorabend von Barmen nicht dazu geführt, dass diese kirchliche Wirklichkeit sich sprachlich in der Erklärung niedergeschlagen hätte.

Barmen III nimmt das gesellschaftliche Handeln der Kirche nicht in den Blick: Die „ Kirche der begnadeten Sünder“ erscheint deshalb manchem Rezipienten eher wie eine Insel „ mitten in der Welt der Sünde“. Damit wird mit der Abgrenzung zum Staat tatsächlich auch eine Abgrenzung zur Gesellschaft vorgenommen, die im Blick auf diakonisches Handeln so nicht durchzuhalten war und ist. Bis heute wünsche ich mir, die damaligen Randgespräche zwischen Bethel, Kaiserswerth und Barmen oder die Auseinandersetzungen um die bekennende Kirche in Schwäbisch Hall würden im Blick auf unser Verständnis von Kirche und Diakonie aufgearbeitet. Die Diastase zwischen Kirche und Diakonie zeigte sich statt dessen noch im Ringen um die Gestalt der Grundordnung der EKD von 1948 und ihre Veränderung von 1974, in der sozusagen im zweiten Schritt die diakonischen und missionarischen Dienste in den Artikeln 14 -16 verankert wurden. Gleichwohl lässt auch diese Ordnung den Diensten und Werken wenig Raum zu synodaler Mitsprache. Die Diastase zwischen Kirche und Judentum, die sich im Schweigen von Barmen über den Arierparagraph ausdrückte, wurde inzwischen auch theologisch gründlich aufgearbeitet; in den Grundordnungen der meisten Landeskirchen ist von der bleibenden Bedeutung des Bundes mit Israel die Rede. Im Blick auf die Vernichtung unwerten Lebens in diakonischen Einrichtungen wurde die theologische und historische Aufarbeitung weitgehend den diakonischen Einrichtungen überlasen.

Dass Barmen III Botschaft und Ordnung der Kirche zusammen gesehen und damit dem Kirchenrecht bekennenden Charakter gegeben hat, ist tatsächlich eine Herausforderung im Blick auf die Bestimmung diakonischen Handelns als Lebens- und Wesensäußerung der Kirche .Zwar haben wir in den letzten Jahren noch einmal neu versucht, diakonische Unternehmungen im Arbeitsrecht, in Zugehörigkeitsrichtlinien oder im Blick auf den Dritten Weg an die verfasste Kirche mit ihrer Ordnung zurück zu binden, doch stehen die Grenzen jedem vor Augen: die Grenzen diakonischen Handelns in einer pluralistischen Gesellschaft wie die des Mitgliedschaftsrechts in einer sich säkularisierenden Volkskirche. Oft hat man den Eindruck, dass es leichter gelingen könnte, diakonische Leitlinien verpflichtend zu beschreiben als ein solches Unternehmen in die Ordnung der Kirche einzupassen. Aber auch innerhalb der verfassten Kirche wird gerade begonnen, die aus der Diakonie bekannten Instrumente der Organisatonsentwicklung, Führungskräfteentwicklung und Qualitätskontrolle, die eben nicht mehr wie das Kirchenrecht vom Staat , sondern aus der Wirtschaft entlehnt sind, an diese Bekenntnisgrundlage zurück zu binden. Nicht mehr das Führerprinzip in den Bischofskirchen, nicht mehr die Herrschaft der Behördenkirche ist das Problem, wohl aber die Gefahr einer neuen Erfolgs- und Gewinnorientierung im Sinne eines ökonomisierten Zeitgeistes, Dazu gehört auch die Beschreibung so genannter Kernkompetenzen kirchlicher Organisationen in einer funktionalisierten Gesellschaft, die die gesellschaftliche Verantwortung aus dem Glauben für eine irritierende Einmischung der religiösen Organisation hält. Dienst und Dienstleistung neu zusammen zu denken, ist eine wesentliche Zukunftsaufgabe für die Kirche, die sie gerade in der Auseinandersetzung mit ihrer Diakonie lernen kann. Das kann allerdings nur dann gelingen, wenn die Kirche ihre verschiedenen Dienste tatsächlih, wie in Barmen IV gefordert, in gleicher Weise ernst nimmt.

Das schließt die theologische Kritik an anscheinend selbstverständlichen Strukturen und Instrumenten der diakonischen Unternehmungen im übrigen nicht aus.  Natürlich zeigt sich im konkreten Handeln auch unserer Tage die Beeinflussung von Kirche und Diakonie durch die normativen Meinungsbildungsprozesse in der Gesellschaft. Der Verwerfungssatz zur III: These, der davor warnt, die Ordnung der Kirche den jeweils herrschenden Überzeugungen anzupassen, zwingt zu einer bewussten Auseinandersetzung bei der Adaption gängiger Methoden. Ein kritischer und  selbstbewusster Umgang mit der neuen Ökonomisierung von Organisationen ist heute ebenso notwendig wie es die gewohnte Auseinandersetzung mit dem vom staatlichen Recht mitgeprägten Kirchenrecht ist. Ich zitiere an dieser Stelle Karl Barth: „ Es möchte sein, dass.. der Beitrag der Gemeinde zur Besserung auch des weltlichen Rechts einfach darin besteht, dass sie ihrer Umgebung das Faktum einer solchen Ordnung vor Augen führt, die als reine Dienstordnung die Dialektik von Leitung und Anspruch, Würde und Bürde, Nehmen und Geben grundsätzlich hinter sich hat.“[3]


3. Die Gemeinde von Schwestern und Brüdern
So wird Barmen heute in der Regel zitiert, obwohl der Originaltext zeitgemäß nur von den Brüdern spricht. Der Band „ Frauen in dunkler Zeit“ der Sozietät „Frauen im Kirchenkampf“ druckt [4]unter der Überschrift „Eine Gemeinde von Brüdern“ ein Interview mit Marianne Prause, einer Presbyterfrau aus der Gemeinde Barmen-Gemarke ab. Sie erinnert sich vor allem an die Unmündigkeit der Frauen in dieser Zeit. Sie habe nie erlebt, dass Frauen in größeren Versammlungen mitgeredet hätten, sagt sie. Und tatsächlich war ja auch unter den 139 Abgeordneten in der Gemarker Kirche nur eine einzige Frau. Allerdings, so Louise Thilo, eine andere Zeitzeugin, habe auch die Realität unter den Brüdern nicht immer dem Ideal entsprochen. Einige ältere Herren, sagt sie und zitiert auch den eben genannten Paul Humburg, hätten tatsächlich über allem geschwebt und erhebliche Probleme mit den „jungen Brüdern“ gehabt, die damals ihre Examina illegal bei der Bekennenden Kirche ablegten. Von den jungen Schwestern ganz zu schweigen.

Denn die  Vikarinnen der Bekennenden Kirche wie Ilse Härter oder Hannelotte Reifen,  standen in der Regel hinter den Bekenntnisaussagen von Dahlem, die über Barmen hinausgingen. Auch politisch unterstützte Reiffen z.B. den republikanischen Block im Bonner ASTA, während die Mehrheit der Kommilitonen national-konservativ dachte. Im Übrigen hatten die Prüfungsausschüsse der Bekennenden Kirche die bisherigen Regelungen für die theologische Prüfung wie natürlich für die Ordination bzw. die Einsegnung zum Dienst als Vikarin übernommen, die einen Unterschied zwischen den Geschlechtern vorsahen, so dass es auch in der Bekennenden Kirche selbst erhebliche Auseinandersetzungen um die Fragen der Geschlechtergerechtigkeit gab. Die männlich geprägte Sprache jedoch, das Reden von  Bruderschaften und Bruderräten, gab den Frauen der damaligen Zeit keinen Anlass zur Kritik, wenn sie auch selbst immer und konsequent von den Männern und Frauen der bekennenden Kirche sprachen.

Auch wenn diese Kämpfe hinter uns liegen, so blieb mir jedenfalls über lange Zeit eine gewisse Irritation bei der Rede von den Brüdern, die in Rheinland und Westfalen bis in die heutige Zeit zur Konvention wurde. Die Form, Pfarramtskollegen wie Kirchenälteste mit Bruder und dem Nachnamen anzureden, verweist zurück auf die Wurzeln einer bruderschaftlichen Kirche und die selbstverständliche Egalität von Pfarrern und so genannten Laien in der Kirchenleitung, hat aber andererseits etwas Exkludierendes nicht nur gegenüber Frauen. Zwar wurde und wird seit längerem auch der Begriff Schwester in entsprechender Weise genutzt, doch gab es daneben noch immer die Schwester mit Vornamen, die im diakonischen Dienst der Kirche stand und gerade nicht mit gemeint war.

Der so genannte Sheffield-Report, der Bericht über die Konsultation des ökumenischen Rates zur „  Gemeinschaft von Frauen und Männern in der Kirche“ von 1985 nimmt diese Fragen auf, wenn er sich – wie Barmen III und IV-  mit Macht, Autorität und Strukturen beschäftigt. Der Brief aus Sheffield kritisiert solche Strukturen, die die Ermächtigung und volle Teilhabe von Männern und Frauen erschweren und will den Diakonat in der Kirche stärken. Die neue Gemeinschaft von Männern und Frauen versteht er, wie Barmen III, unter Bezugnahme auf Epheser 4 als Symbol der neuen Menschheit in Christus, die ein bewusstes Überwinden von Ungerechtigkeiten einschließt.

Tatsächlich ist die Aussage, die Kirche sei eine Gemeinde von Brüdern , biblisch im Zusammenhang der Aussagen über die Kirche als Volk Gottes zu sehen. Schon die Söhne Israels sind ein Volk von Brüdern, und in seiner Rede gegen die Pharisäer  in Matth. 23 gibt Jesus seinen Jüngern die Anrede Bruder als Regel mit auf den Weg. In Röm 8.28 bezeichnet Paulus dann auch den auferstandenen Christus als den Erstgeborenen unter vielen Brüdern. Damit ist der Begriff in einer eschatologischen Aussage verankert – das macht es vielleicht leichter, die Differenz zwischen der noch immer gebrauchten Anrede und der gelegentlich mangelnden Geschwisterlichkeit in der Kirche zu ertragen.


4. Kirche an der Schnittstelle von Vertikale und Horizontale
Damit ist deutlich; die Rede von der Kirche als Gemeinde der Schwestern und Brüder ist zunächst eine Glaubensaussage, die dann im zweiten Schritt auf die Fragen von Gestalt und Ordnung zielt,.“Würden wir von der Kirche nicht glauben“, so Asmussen in seinem Synodalvortrag von 34, „ dass sie etwas anderes ist als menschliche Gesellschaftsform, so würden wir den ganzen, von uns geführten Kirchenkampf, als unberechtigt, ja, als verbrecherisch halten.“ [5] Die geglaubte Kirche ist die Kirche Jesu Christi, in der er selbst „in Wort und Sakrament durch den Heiligen Geist als der Herr gegenwärtig handelt“, wie Barmen III durchaus in Einklang mit CA VII formuliert. Zwar wird hier bewusst darauf verzichtet wird, die notae ecclesiae als solche zu benennen, doch scheint umgekehrt in CA VII die „congregatio sanctorum“  nur der Ort und Raum zu sein , in dem Kirche in Wort und Sakrament sich vollzieht.

Mit seiner theologischen Bestimmung als Gemeinde der begnadigten Sünder setzt sich Barmen III sehr bewusst von der  Vorstellung einer Kirche als societas perfecta ab. Die Kirche ist nicht die  „spürbare und lebensvolle Gemeinschaft für das zerrissene und zerspaltene deutsche Volk“, wie der  damalige rheinischen Präses Walter Wolff sie  1930 beim Deutschen Evangelischen Kirchentag in Nürnberg nannte. Sie war eben nicht der beste Teil der deutschen Volksgemeinschaft ; im Gegenteil, es war vielleicht gerade die Selbstzufriedenheit dieser Volkskirche, die ihre innere Gefährdung ausmachte. So jedenfalls äußerte sich Karl Barth in einem heftigen Briefwechsel mit dem Berliner Bischof Otto Dibelius, der  „ Das Jahrhundert der Kirche“ schrieb.. Karl Barth dagegen sprach lieber  in dieser Zeit von der „Not der evangelischen Kirche“ .Mit  ihrer Kritik an der vorfindlichen Kirche als Institution betonte die dialektische Theologie den Ereignischarakter der Kirche, die im Hören auf das Wort zum Bekennen findet. Im Hören auf das Wort erkennt die Gemeinde, dass sie als Kirche nicht anderes ist als die Gemeinschaft sündiger Menschen , die im Gehorsam gegen das Wort Gottes lebt. Diese Gedanken, in denen Barmen III unmittelbar anklingt, finden sich bereits in Karl Barths Text „Zwischen den Zeiten“ von 1926. In der Auseinandersetzung zwischen Wort Gottes und Gegenwartserfahrung, in der offenen, kritischen, geschwisterlichen Auseinandersetzung, die nichts beschönigt und doch nach vorn orientiert ist, am Schnittpunkt von Vertikale und Horizontale, entsteht Gemeinde.

Neben der dialektischen Theologie standen auch die Kommunitäten, die in den 20er und 30er Jahren entstanden und schließlich Bonhoeffers Habilitationsschrift „Sanctorum Communio“ von 1927 im Hintergrund Pate , wenn Barmen III der Gemeinde von Brüdern spricht. Auch wenn Bonhoeffer selbst nie auf den Fürbittenlisten der Bekennenden Kirche erschien: in seiner Schrift „ Gemeinsames Leben“ , die während der Arbeit im Predigerseminar in Finkenwalde entstand, ist eindrucksvoll nachzulesen, wie die geglaubte und gelebte Seite der Kirche gerade in den Zerreißproben der Gemeinschaft zusammen gehören.

In den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts haben Jürgen Moltmann und Helmut Gollwitzer den Gedanken der geschwisterlichen Gruppe in ihrem Verständnis der Kirche als Avantgarde des Reiches Gottes aufgenommen. Das war die Zeit, die meine Generation am Beginn ihres Pfarramts geprägt hat, die Zeit , als nach dem ersten Wiederaufbau der Volkskirche die Erinnerungen an das Erbe der Bekennenden Kirche eine neue Bedeutung gewann. Gollwitzer sah die Zukunft der Kirche in  einer Personengemeinschaft auf lokaler und regionaler Ebene,  wir würden heute vielleicht sagen, in sozialen Netzwerken, die über die Parochie hinaus gehen,  in der gemeinsamen Begegnung mit Christus und dem Bekanntmachen des neuen Lebens, nicht nur in Worten, sondern auch in einem neuen Lebensstil … „gegen den Widerstand der alten Welt und ihrer Todesverhältnisse“. „Die Horizontale“, so Gollwitzer, „ist das Kriterium für die Echtheit des Lebens in der Vertikalen.“ In der  Volkskirche als hierarchischem Apparat mit ihrem Vorrang des kirchlichen Amtes vor den Charismen und ihren Parochien als Organisationsstruktur sah er Elemente der falschen Kirche. Gleichwohl blieb sie für ihn der Ort, an dem die wahre Kirche Ereignis werden kann- nicht zuletzt in der Begegnung mit Gruppen und Kommunitäten, mit den Hausgemeinden und ökumenischen Gemeinschaften,  die neue Herausforderungen angehen.

Denn die Kirche ist nicht dazu da, die eigene Gemeinschaft zu pflegen oder ein  unverbindliches Christentum als Gesellschaftsreligion zu stützen. Barmen III erinnert daran, dass sie von Christus her Botschaft und Auftrag hat und mit ihm aktiv werden muss. Sie bezeugt die Herrschaft Christi, heißt es in der Erklärung,  der in ihr handelt, sie richtet die Botschaft von der freien Gnade Gottes aus an alles Volk.. Auch ihr Glaube, ihr Gehorsam gegenüber dem Wort Gottes und ihre Ordnung sind deshalb nicht beliebig, sondern, wie Rudolf Weth schreibt, „unerlässliche Momente und Merkmale der bruderschaftlichen Gemeinde in ihrem praktischen Lebensvollzug“:[6] In diesem Sinne hat Kirchenordnung eine klärende und auch abgrenzende Funktion: sie soll dafür sorgen, dass die Kirche den Einflüssen deren widerstehen kann, die sie aus gesellschaftlichen oder politischen Motiven in Dienst nehmen wollen, und sie soll zugleich deutlich machen, dass die Gemeinschaft der Kirche sich von Christus als ihrem Auftraggeber her gestaltet. „ Angesichts der Nöte der Welt selbst zufrieden zu sein“, heißt es in einer Erklärung der Ökumenischen Versammlung von Uppsala 1968, das würde bedeuten, „ sich der Häresie schuldig zu machen“.

Der Zeugnisauftrag der Kirche lässt sich auch so zusammenfassen, dass es darum gehen muss, die Gemeinschaft der geschwisterlichen Gemeinde, die koinonia, so zu verwirklichen, dass die Welt glauben kann. Das geschieht in Wort und Sakrament wie auch im diakonischen Dienst, also in den verschiedenen Ämtern, die gerade in ihrer Vielfalt das eine Zeugnis stark machen. Dabei ist die Kirche, wie These IV noch in ihrem Widerspruch zeigt, eine soziale Organisation, die mitten in der Welt lebt und damit immer in der Gefahr steht, Macht zu missbrauchen.“ Die Verselbständigung des menschlichen Tuns gegenüber Grund und Bestimmung der Kirche“, so Wolfgang Huber in einem Aufsatz über die Barmen III und die „wirkliche Kirche“[7], „die Instrumentalisierung der Kirche zu Zwecken menschlicher Selbstbestätigung und menschlichen Selbstvollzugs hat den Übergang von der wirklichen Kirche zur Scheinkirche zur Folge. Die wirkliche Kirche ist deshalb der Ort, an dem der Kampf zwischen wahrer Kirche und Scheinkirche, um Entsprechung und Verfehlung der Kirche ausgetragen wird.“  In diesem Sinne weisen Barmen III und IV die Richtung des Kampfes: von der Herrschaft zum Dienst,  von oben nach unten, von der einsamen Spitze zur Anerkennung der Vielfalt, von der Verschlossenheit zur Teilhabe. In diesem Sinne ist die Gemeinde von Schwestern und Brüdern eine offene Gemeinschaft, die über die Grenzen von Geschlechtern und Altersgruppen, von Herkunft und Milieus hinaus geht und gerade auch die Leidenden und Benachteiligen mit einschließt, in denen wir Christus als dem Bruder und Herrn begegnen. Mit Recht wurde in den diakonischen Gemeinschaften von den drei entscheidenden Dimensionen gesprochen; der Gemeinschaft mit Christus, der untereinander und der mit dem Leidenden. Dass dies nach der Barmer Erklärung auch in der Diakonie des Dritten Reiches vergessen werden konnte, hat die Glaubwürdigkeit des kirchlichen Dienstes nachhaltig erschüttert.


5. Zur Kritik an Barmen
Wie jedes Bekenntnis, dessen Schubkraft  aus der Krise entstanden ist, nimmt hat die Barmer Theologische Erklärung eine ganz bestimmte Frontstellung – in diesem Fall  gegen die Irrlehre der deutschen Christen – ein und nimmt damit andere Fragestellungen nicht auf. Manche wurden schon früh schmerzhaft vermisst wie die Frage nach dem Judentum oder die ökumenischen Bezüge, andere spielten erst in späteren Auseinandersetzungen eine Rolle, als die gesuchten Kompromissformeln aufbrachen. Kongregationalistische Missverständnisse gerade der These III sind angesichts der Betonung der versammelten Gemeinde ebenso wenig verwunderlich wie konfessionelle Auseinandersetzungen um das Verhältnis von Amt, Ämtern und Gemeinde in These IV oder die notae ecclesiae. Dabei wurde die ergänzende Bestimmung in CA VII, dass nämlich zur wahren Einheit der Kirche keine Gemeinsamkeit in den Zeremonien gehören müsse, auf lutherischer Seite gelegentlich zur Forderung nach einer wesensgemäßen Trennung von Kirchenbegriff und Kirchenordnung, die die Barmer Erklärung im Dienst des Zeugnisses zusammen gedacht wissen will.

Tatsächlich aber lässt sich auch umgekehrt feststellen, dass CA VII im Unterschied zu Barmen III keine christologische Bestimmung der Kirche enthält , obwohl das in der Theologie Luthers selbstverständlich mit gedacht ist, wenn er Christus gegen den Papst als das Haupt der Gemeinde proklamiert. Schwieriger ist es möglicherweise mit dem in Barmen IV festgelegten Begriff des „ der ganzen Gemeinde anvertrauten und befohlenen Dienstes, der sich in verschiedenen Ämtern zeigt“ Hier wird zum einen festgehalten, dass das ius vocandi et ordinandi der ganzen Kirche von der Gemeinde und nicht von der Hierarchie getragen wird , zum anderen aber geht diese These von einer Pluralität des einen Amtes der Verkündigung in seinen verschiedenen Funktionen , also von einem gegliederten und nicht von einem hierarchischen Amtsverständnis aus. In den verschiedenen Diskussionen um Ordinationsrecht, Prädikanten oder den Diakonat der Kirche hat sich bis in die letzten Jahre gezeigt, dass dazu bislang keine Übereinstimmung zwischen den evangelischen Konfessionen erzielt werden konnte.

Im Blick auf CA VII scheint mir jedoch wichtig festzuhalten, dass der Artikel lediglich Minimalanforderungen für die Einheit der Kirche aufstellt und auch seinerseits keine erschöpfende ekklesiologische Aussage enthält. Die besondere  Betonung von Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung als notae ecclesiae hat allerdings zu einer besonderen Bedeutung des Pfarramts geführt, die den Dienst der gesamten Gemeinde und damit das Priestertum aller in den Hintergrund treten ließ. Es bedurfte einer Herausforderung, wie sie 1933 / 34 gegeben war, um sich die Bedeutung der versammelten Gemeinde neu bewusst zu werden.


6. Uneingelöste Aufgaben
Heinz Eduard Tödt hat die Barmer Theologische Erklärung die „Magna Charta“ der Bekennenden Kirche genannt. Er stellt damit heraus, dass es bei diesem Text nicht nur um einen Konsens in der Lehre, sondern auch um eine gemeinsame Vorstellung von der Rechtsgestalt der Kirche geht. Dies möchte ich mit Blick auf Barmen III und IV abschließend herausstellen.

  • Mit dem Bild von der Gemeinde von Brüdern nimmt der Text der Barmer Erklärung die biblische Tradition der Gleichheit und Geschwisterlichkeit wieder auf, die sich in den frühchristlichen Gemeinden in der Beteiligung von Männern und Frauen, Sklaven und Freien, Juden und Griechen zeigt. Auch wenn der Text  selbst die Juden vergisst und die Frauen ausspart leuchtet in der Verwendung der biblischen Begrifflichkeiten diese Vision als Herkunftsbestimmung der Gemeinde auf : über alle sozialen Unterschiede hinweg , auch über Unterschiede des Alters und der Gesundheit hinweg ist Gemeinde Leib Christi. Das Papier des ÖRK „ Kirche aller“ hat 1. Korinther 12 mit –Blick auf die Inklusion behinderter Menschen genauso ausgelegt. Und die EKD-Denkschrift „ Gerechte Teilhabe“ von 2006 bemängelt, dass auch ärmere Menschen in vielen Kirchengemeinden nicht sichtbar sind, weil sie die Mittelschichtgemeinde immer noch als „ die da oben“ erleben.

  • Die christliche Gemeinde als Gemeinde von Brüdern wird darin Wirklichkeit, dass die unterschiedlichen Gaben und Dienste Raum haben- die hauptamtlichen genauso wie die ehrenamtlichen, die pfarramtlichen ebenso wie die diakonischen, ja , dass sie alle als Entfaltung des einen Dienstes begriffen werden. Von dieser Wirklichkeit sind wir nach wie vor weit entfernt – und zwar nicht nur wegen theologisch unterschiedlicher Auffassung, sondern sehr häufig wegen weltlicher Attitüden. So empfindet sich ein großer Teil der Ehrenamtlichen in der Kirche nach wie vor als Helfer und Helferin der alles entscheidenden Hauptamtlichen und auch außerhalb haben viele den Eindruck, dass es der Kirche bei der Werbung ehrenamtlicher eher um die Attraktivität der Institution als um gesellschaftliche Aufgaben oder die Entwicklung von Spiritualität gehe.

  • Die christliche Gemeinde als Gemeinde von Brüdern formuliert nicht nur Pflichten zur Lebensführung für ihre Mitglieder, sondern zuerst und vor allem Grundrechte. Wolfgang Huber hat in dem genannten Aufsatz folgende Rechte aufgezählt: Das Recht auf Zugang zum Glauben, das Recht auf Gewissens- und Meinungsfreiheit, das Recht auf Integrität der Person, das Recht auf Gleichheit und das auf Teilhabe an kirchlichen Entscheidungen. Diesen Rechten entspricht eine offene und demokratische Struktur kirchlicher Ordnungen.

  • Die gegenwärtige Diskussion um die institutionellen Hintergründe der Missbrauchsskandale auch in der katholischen Kirche zeigt, dass die Gestalt der Ordnung im Blick auf Gewissensfreiheit, Teilhabe und Integrität der Personen keinesfalls beliebig ist. Ein geschlossenes System, in dem hierarchische Abhängigkeiten Raum greifen, ist hoch gefährdet, diese Grundrechte zu missachten. Genau deswegen reden jetzt die Betroffenen und die so genannten Laien. Insofern zeigt sich in Barmen III und IV eben doch eine kritische Utopie, die die Institution jederzeit an unserem protestantischen Glaubensanspruch misst. Das biblische Wort über der IV These aus Matth. 20 verweist auf die erlebte Wirklichkeit und verneint sie zugleich:“ Die Herrscher der Welt halten ihre Völker nieder…So soll es unter Euch nicht sein“: So nicht – wie dann, das ist, auch nach Barmen, immer neu in den zugrunde liegenden biblischen Texten zu entdecken.


Cornelia Coenen-Marx, Loccu , 20.5.10


[2] Vgl. z.B. 1.Kor. 12, 27

[3] KD IV, 2, 820

[4] Verein für Rheinische Kirchengeschichte