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EKD Pressemitteilung 77/2012

Montag, 23. April 2012

„Die neue Stadt“ (Apg2, 39)

„Kleine Leute in der großen Stadt“ - so heißt ein wunderbarer Bildband mit Skulpturen des britischen Künstlers Slimkachu. Er baut in London, Manchester oder Liverpool winzige Szenen aus Pappmache auf – mit Figuren so klein wie in Spielzeuglandschaften. Da sieht man ein Rettungsboot in einer Pfütze. Männer, die Erdnussflips abschleppen wie die Ameisen. Eine Frau, der mit einer Sicherheitsnadel ermordet wird. Und einen Winzling, der am Straßenrand versucht, ein Auto herbei zu winken. Vergeblich, denn nur wer genau hinschaut, kann ihn überhaupt sehen. Es sind samt und sonders Augenblicke der Einsamkeit, der Ohnmacht und Verlorenheit in der Stadt. Dabei ziehen die Städte Menschen magisch an. In Frankfurt zum Beispiel, erneuert sich die Bevölkerung statistisch gesehen alle fünf Jahre.

„Suchet der Stadt Bestes“ – Zu dieser Losung hatte sich das Volk Israel durchgerungen, als sie ins Exil nach Babylonien verschleppt wurden, wo sie siebzig Jahre bleiben mussten. Das Bibelwort hat heute wieder Konjunktur in Kirche, Diakonie und Caritas. Es ist eine Aufforderung, die Stadt als Lebensraum gemeinsam zu gestalten. Sie richtet sich nicht an die Mächtigen, sondern an die kleinen Leute. An alle, die sich ohnmächtig fühlen und vergessen - wie die jüdischen Exilanten in Babylon. Kleine Leute in der großen Stadt. Migranten zwischen Angst und Anpassung. Was konnten sie schon ausrichten? Welchen Sinn hatte es, sich für ein fremdes Land einzusetzen? Die Bibel erzählt, dass die jüdische Minderheit tatsächlich Verantwortung übernahm für die fremde Stadt, in der sie lebten, für diesen Moloch von Stadt. In Babylon gewinnt Israel eine neue Identität. Weil Jerusalem weit weg und der Tempel zerstört ist, rücken die Heiligen Schriften in den Mittelpunkt, der Sabbat, die Feste. Und das bleibt so, auch nach der Rückkehr.

Jerusalem, die Stadt auf dem Berge, war immer mit einer großen Hoffnung verbunden. Für Christen wurde ihr Name zum Symbol für die Stadt, die keinen Tempel mehr braucht, weil schließlich Gott selbst in ihr wohnen wird. Für die neue Stadt, in der die Völker zusammen strömen und endlich versöhnt sind. Dieses große Versprechen ist bis heute nicht erfüllt – im Gegenteil: Jerusalem scheint der Ort der größten Spannungen zu sein. Der Ort der Kreuzigung Jesu wie der mittelalterlichen Kreuzzüge. Schauplatz von Enteignungen und Intifada.

In diese alte Stadt gehen meine Gedanken in den Wochen zwischen Ostern und Pfingsten. Ich denke an die Jüngerinnen und Jünger Jesu, die sich dort versammelt hatten, voller Sehnsucht nach der neuen Welt, nach der Stadt Gottes, wo Gerechtigkeit herrscht und wo die Hungernden satt werden. Auch sie fühlten sich klein und unsicher im Stimmengewirr der vielen Sprachen und Lebenswelten. Dann aber wurde es Pfingsten – und es geschahen Wunder über Wunder. Die kleine Gemeinschaft, noch ganz verängstigt von Hass und Gewalt, wagte sich hinaus auf die Plätze der Stadt. Petrus fand den Mut, vom gekreuzigten Jesus zu reden. Und Menschen mit unterschiedlichen Sprachen verstanden ihn – und lernten, einander zu verstehen. Wohlhabende begannen, von ihrem Reichtum zu teilen. Täglich versammelte man sich an einem Tisch. Arme wurden versorgt. Behinderte Menschen blieben nicht länger draußen vor der Tür. Die Grenzen, die Arme von Reichen, Kranke von Gesunden, Einheimische von Fremden trennen, wurden durchlässig. Vor aller Augen entstand mitten in der alten Stadt die neue.

Was damals in Jerusalem geschah, kann überall geschehen. In Frankfurt wie in Moskau, in Oberhausen oder in Cleveland. Anthony Pilla, der dortige Bischof, hat es vor einigen Jahren so gesagt „Das neue Jerusalem ist ein Versprechen, eine Herausforderung und eine Einladung, sich jetzt schon einzulassen auf das Leben in der himmlischen Welt, indem wir Barmherzigkeit leben und der Gerechtigkeit zum Durchbruch verhelfen und damit dafür sorgen, dass unsere irdischen Städte etwas vom Glanz der himmlischen spiegeln. Auch wenn wir noch auf den neuen Himmel und die neue Erde warten - lasst uns anfangen, die neue Stadt zu bauen, die Stadt von Frieden und Gerechtigkeit.“

Cornelia Coenen-Marx

Dienstag, 24. April 2012

„Gemeingüter“ (Apg.2, 44-47)

In der südböhmischen Stadt Tabor steht neben dem Brunnen auf dem Markt ein riesiger Bottich. Hier wurde einst der Luxus der Einwohner und der Neuankömmlinge gesammelt. Silberne Becher, Schmuck und Besteck, Pelze - was man zum Leben nicht brauchte, warf man hinein. Das alles wurde verkauft und der Erlös an die Armen verteilt. Zur Zeit der Reformation war Tabor das Zentrum der protestantischen Bewegung um den Reformator Jan Hus. In ihrem Wappen trug die Stadt den Laienkelch - als Zeichen, dass der Abendmahlswein hier an alle ausgeschenkt wurde. Ob einer Priester war oder Laie, ob einer Bürger war oder Bauer, sollte keine Rolle mehr spielen. Die alten Hierarchien hatten ausgedient. Jeder sollte gleich geachtet sein. Und jeder gleich gut versorgt. In dieser Stadt war Gemeineigentum wichtiger als privater Besitz. Daran erinnert der Bottich auf dem Marktplatz bis heute. Die Bürgerinnen und Bürger von Tabor wollten leben wie die erste Christengemeinde in Jerusalem.

„Denn wer immer ein Grundstück oder Haus besaß“, erzählt die Apostelgeschichte, der „verkaufte es, brachte den Erlös für sein Gut und legte ihn den Aposteln zu Füßen, die davon jedem gaben, was er eben brauchte.“ In der Jerusalemer Gemeinde gab es keine Armen. Die ersten Christen lebten in Gütergemeinschaft. Wir kennen das bis heute aus Klöstern und Diakonissenhäusern. Auch in den diakonischen Lebensgemeinschaften der Arche leben behinderte und nichtbehinderte Menschen zusammen. Wie in einer Familie trägt jeder zum Lebensunterhalt bei, was er kann - die einen mit Erwerbstätigkeit, andere mit Hausarbeit, alle mit dem Dasein für andere. Jeder tut, was er kann und bekommt die Hilfe, die er braucht. Wo einer den anderen kennt, scheint es leichter zu sein, miteinander zu teilen. Und auch da ist es nicht immer einfach - schon die Bibel erzählt, dass Zwang und Heuchelei die Gemeinschaft zerstören.

Aber auch unseren Städten und Gemeinden würde etwas von dem Geist von Jerusalem und Tabor gut tun. Dabei scheint die Bewegung seit Jahren in die andere Richtung zu laufen: Gemeingüter werden privatisiert - von den Wasserwerken bis zu den Verkehrsbetrieben, von der Abfallwirtschaft bis zur Gesundheitsbranche. Dass die Unternehmen Gewinne machen, dass der Wohlstand wächst, scheint erste Priorität zu sein – aber der Wohlstand polarisiert auch. Wachsendem privaten Reichtum stehen prekäre Beschäftigungsverhältnisse gegenüber. Ob jemand aus einer armen oder einer vermögenden Familie kommt, erkennt man schon am Wohnviertel.

Das ist auch in unseren Gemeinden nicht anders. Konfirmanden aus armen Familien haben es in Mittelschichtgemeinden oft schwer - und das nicht nur, weil es ihre Eltern die Konfirmandenfreizeit nicht bezahlen können. Schlimmer ist: sie haben das Gefühl, nicht wirklich dazu zu gehören. Für Menschen, die von Armut betroffen sind, zählen die Kirchen in der Regel zu denen, die eher „oben“ angesiedelt sind“; heißt es in der Armutsdenkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland. Da ist von erheblichen emotionalen, kulturellen und sozialen Distanzen die Rede, die auch unsere Gemeinden spalten. Ein bisschen mehr Tabor und Jerusalem könnte uns also ganz gut tun. Es geht um nicht weniger als um gerechte Teilhabe.

Eine kleine Gemeinde in Wuppertal hat sich auf den Weg gemacht und eine Kindertafel gegründet. Die Initiatoren, alle ehrenamtlich, haben Studenten gewonnen, Praktikanten und Honorarkräfte, denen es am Herzen liegt, den Kindern gesundes Essen zu kochen, aber auch Hausaufgaben mit ihnen zu machen, Musikgruppen und Sport anzubieten – und vor allem die Eltern einzubeziehen. Schon bald platzte das Gemeindehaus aus allen Nähten. Inzwischen wurde ein Verein gegründet, und ein neues Haus gemietet - demnächst wird gebaut. Sponsoren haben sich gefunden und Politiker, die die Sache unterstützen. Die Sehnsucht nach einer Erneuerung unserer Städte ist ja groß. Anthony Pilla, der Bischof von Cleveland sagt es so: „Auch wenn wir noch auf den neuen Himmel und die neue Erde warten - lasst uns anfangen, die neue Stadt zu bauen, die Stadt von Frieden und Gerechtigkeit.“

Cornelia Coenen-Ma

Mittwoch, 25. April 2012

„Hausarbeitsgrenze“ (Apg 6, 1-10)

Wenn in unserer Gesellschaft über Armut gesprochen wird, ist meist von Alleinerziehenden die Rede, von Müttern, die ein oder zwei Kinder ohne Vater großziehen - freiwillig oder unfreiwillig. Frauen, die Job, Erziehung und Hausarbeit unter einen Hut bekommen müssen. Die meisten wollen nicht bemitleidet werden. Sie bewältigen ihren Alltag sehr erfolgreich. Aber viele bleiben trotzdem auf Geld aus dem Jobcenter angewiesen. Kinder zu erziehen, gehört in unserer Gesellschaft zu den größten Armutsrisiken. Zwischen alleinlebenden Erwerbstätigen und Familien, die Kinder oder Pflegebedürftige zu versorgen haben, klafft ein tiefer Graben. Nicht nur im Lebensstil, sondern auch im Einkommen. Migrantenfamilien mit vielen Kindern und prekären Beschäftigungsverhältnissen, bekommen das besonders zu spüren. Was türkische oder arabische Mütter leisten, um ihren Kindern Halt und Zukunft zu geben, wird aber selten erwähnt. Ihre Armut bleibt unsichtbar.

Die Theologin Luise Schottroff hat einmal von der Hausarbeitsgrenze gesprochen, die die Gesellschaften spaltet. Politik und Wirtschaft werden von denen bestimmt, die Einkommen erarbeiten und Steuern zahlen. Noch immer sind es meistens Männer. Die Arbeit in den Familien dagegen - Hausarbeit, Erziehung und Pflege - bleibt unsichtbar. Noch immer wird sie zu großen Teilen von Frauen übernommen. Und schlecht oder gar nicht bezahlt. Das meint Luise Schottroff mit der Hausarbeitsgrenze. Wie sie sich auswirkt, hat die Theologin an einer Geschichte aus der ersten Christengemeinde gezeigt. Damals war in Jerusalem eine Tafel eingerichtet worden. Die ersten Christen nahmen die Mahlzeiten gemeinsam ein. Auch die, die sich nicht selbst versorgen konnten, waren eingeladen. Hier sollte jeder satt werden.

Aber selbst an diesem Tisch blieben einige Unterschiede schmerzhaft spürbar. Wie so oft gab es Spannungen zwischen Einheimischen und Migranten, zwischen den jüdischen Christen aus Jerusalem und denen, die aus der Fremde gekommen waren. Die einen sprachen hebräisch, die anderen griechisch. Diese Griechinnen und Griechen gehörten zur gleichen Gemeinde, aber so ganz gehörten sie doch nicht dazu. Am schlechtesten geht es damals den griechischen Witwen. Frauen ohne Einkommen. Frauen, die einst eine ganze Familie versorgt haben, sich selbst jetzt aber nicht versorgen können. Sie sitzen ganz unten an der Tafel, sie müssen von dem leben, was dort unten ankommt. Aber kaum einer schaut hin. Die Armut dieser Frauen bleibt unsichtbar. So wie die Armut der Migrantinnen bei uns, die Armut der Alleinerziehenden oder die der alten Frauen mit ihren kleinen Witwenrenten.

Damals aber kommt Bewegung in die Geschichte. Denn die griechischen Männer empfinden die Ungerechtigkeit. Sie beklagen sich und ihr Ärger trifft auf offene Ohren. So wird in der Gemeindeleitung überlegt, was geschehen muss, damit diesen Frauen Gerechtigkeit widerfährt. Die Benachteiligten brauchen Anwälte, die ihre Sache in die Hand nehmen. Und die Gemeinde braucht Diakone, Leute, die sich einfühlen können und für die Armen eintreten. Dass die griechischen Männer die Versorgung der Witwen zu ihrer Sache gemacht haben, war ein entscheidender Schritt. Jetzt werden sieben von ihnen als Diakone berufen. Die Apostelgeschichte erzählt, welche Kräfte frei werden, wenn Menschen bereit sind, für andere einzutreten, wenn Menschen, die am Rande stehen, integriert werden. Die griechischen Diakone sind jetzt Teil der Gemeindeleitung und sie beginnen, das Evangelium in ihrer eigenen Sprache zu predigen. Zugehörigkeit macht stark.

Die Frauen allerdings blieben damals stumm. Nur für einen kurzen Moment war das Licht auf sie gefallen - aber bis zur vollen Teilhabe war und ist es noch ein weiter Weg. Heute aber nehmen Frauen ihre Sache mehr und mehr selbst in die Hand. So wie die Stadtteilmütter in Köln oder Kreuzberg. Türkische und arabische Mütter, die anderen Migrantinnen helfen, sich in Deutschland zurecht zu finden. Im Stadtteil und in der Schule, auf den Ämtern und im Gesundheitswesen. Das tut den Familien gut, und es verändert den Stadtteil. Zugehörigkeit macht stark. Das gilt bis heute.

Cornelia Coenen-Marx

Donnerstag, 26. April 2012

„Inklusion“ (Apg.3, 1-11)

„Ich denke, dass jeder Mensch im Leben seine Aufgabe hat. Vielleicht ist es bei mir, anderen Menschen zu zeigen, dass man auch mit einer sehr starken Behinderung viel erreichen kann“, sagte Thomas Quasthoff in einem Interview. Er war einer der international bekannten Baritonsänger, bis er seine Gesangskarriere nach einer schweren Kehlkopfentzündung beendete. Der weltbekannte Künstler ist behindert, weil seine Mutter während der Schwangerschaft Contergan genommen hat. In dem Interview erzählt er, wie schwer es war, sich seinen Weg an die Spitze zu erkämpfen. Mit seiner Begabung ernst genommen – und nicht auf seine Behinderung reduziert zu werden. Er erzählt, dass er keinen Platz an einer Musikhochschule bekam, aber auch, dass er manchmal das Gefühl hatte, einen Behindertenbonus zu bekommen. Und trotzdem sagt er: „Ich bin kein verbitterter Mensch“: Thomas Quasthoff hat seinen Platz gefunden. Von Anfang an hatte er Menschen um sich, die ihn respektierten - die Eltern, die ihm eine normale Kindheit ermöglichten, Lehrer, die ihm halfen, seine Begabung zu entwickelt, einen Bruder, der stolz auf ihn war.

Thomas Quasthoff will sich nicht über seine Behinderung definieren. Kontakt zu anderen Contergan-Geschädigten hat er nie gesucht. Ich kann das verstehen. Zu den sichtbaren und unsichtbaren Grenzen, die unsere Gesellschaft spalten, gehört auch die zwischen behinderten und nicht behinderten Menschen. Dabei sind die Leistungen für behinderte Menschen in Deutschland sehr gut. Unsere Hilfesysteme funktionieren. Aber wir neigen eben auch dazu, die Menschen, um die es geht, vor allem als Hilfeempfänger zu sehen – und Hilfeleistungen vor allem in Geld zu berechnen. So reden wir viel über Geld für Sozialsysteme – Gesundheitswesen, Reha, Behindertenhilfe - aber wenig über unser Zusammenleben.

Das soll sich nun ändern. Vor vier Jahren hat der Bundestag die UN-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderungen ratifiziert. Dieser Rechtsakt ist Zeichen für eine gesellschaftliche Veränderung, die überall sichtbar, hörbar und greifbar werden soll. In integrativen Schulen und Kindergärten, in der Gestaltung von Städten und Wohnungen, - aber auch in unserer Sprache. „People-first“ heißt es bei den Befürwortern der Konvention. Ob wir behindert oder nicht behindert, krank oder gesund sind, ist zweitrangig - entscheidend ist, dass wir Menschen sind. Thomas Quasthoff zum Beispiel, ist ein Mensch mit einer Behinderung - vor allem aber ist er ein großer Sänger. Die UN-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderungen ist Teil einer Emanzipationsbewegung, die unsere Hilfesysteme vom Kopf auf die Füße stellen kann - weg von der Behindertenhilfe, hin zur Inklusion.

Was das bedeuten kann, davon erzählt eine Geschichte aus der ersten Christengemeinde in Jerusalem. Auf dem Weg in den Tempel begegnen Petrus und Paulus einem lahmen Mann. Er sitzt an der Tempeltür und bittet um Almosen - es ist ein bekannter Platz für Bettler. Die meisten werden im Vorbeigehen etwas in seinen Korb gelegt haben. Petrus aber nimmt Kontakt auf. „Sieh uns an“, sagt er- und der Bettler wartet gespannt, was jetzt geschieht. Silber und Gold habe ich nicht“, sagt Petrus. „Aber was ich habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf.“  Er nimmt seine Hand und richtet ihn auf, und das Wunder geschieht: der Mann kommt auf die Beine, er kann stehen und geht jetzt gemeinsam mit Petrus und Johannes in den Tempel.

Einer, über den man geflissentlich hinwegsah, wird angesehen, er gewinnt Ansehen und richtet sich auf. Der Bettler vor der Tür durchschreitet die Schwelle; er gehört jetzt zur Gemeinschaft der Beter. Die Grenze ist aufgehoben, die Gesunde von Kranken trennt, behinderte von nicht behinderten Menschen. Das irritiert. Aber das ist gemeint, wenn von Inklusion die Rede ist. Darum geht es vom Kindergarten über die Schule bis zu den Kirchengemeinden. Inklusion ist kein Sparpaket – integrative Schulen und Arbeitsplätze kosten Geld. Aber es geht nicht um Geld; es geht um Augenhöhe und um Respekt. So wie in der Geschichte von Petrus und Paulus, die nichts hatten außer Glauben und Hoffnung. Aber die genügen, um alles zu ändern.

Cornelia Coenen-Marx

Freitag, 27. April 2012

„Trost und Leichtigkeit – der Trost der Generationen“

In dieser Stadt gab es keine Kinder und keine Alten - sie wären nur unnütze Esser gewesen. Da fehlte der Trost des gelebten Lebens, genauso wie die Leichtigkeit und Wissbegierde der Kinder. Da gab es keine Lieder und keine Spiele, keine Tränen und keine Geschichten. Von dort berichtet Hilde Sherman in ihrem Buch „Zwischen Tag und Dunkel“. Sie überlebte das Lager von RiGA.

An diese Erfahrung denke ich, wenn ich mir klar machen will was es bedeutet, wenn eine Gesellschaft sich nur noch an Funktionalität ausrichtet. In dem Kontrast (zwischen Tag und Dunkel) wird es ganz klar: Leben braucht das Überschießende, das Eigensinnige, das Miteinander der Generationen. Familien sind die Quelle unseres Wachstums, unserer Kultur, unseres sozialen Lebens. Und Familienleben ist nicht nur auf Nutzen ausgerichtet, sondern auch auf wechselseitiges Lernen und gemeinsame Freude – nicht nur zwischen Eltern und Kindern, sondern auch zwischen Tanten und Nichten, Großeltern und Enkeln und den verschiedenen Generationen in einer Kirchengemeinde.

In dieser Woche geben die beiden großen Kirchen Anstöße für ein besseres Miteinander von Jung und Alt. Vergangenen Samstag wurde in Freising die ökumenische Woche für das Leben eröffnet. Unter dem Motto „Engagiert für das Leben: Mit allen Generationen“ finden zahlreiche Veranstaltungen statt. Ein grundlegendes Thema, denn „ein starkes Band zwischen den Generationen ist die unverzichtbare Basis für gute Lebens- und Arbeitsbedingungen in unserem Land“, so die Bayerische Sozialministerin Christine Harderthauer am Samstag im Mariendom in Freising.

Über Familienpolitik wird zurzeit wieder heftig diskutiert - vom Betreuungsgeld bis zur Rentenpolitik, von Krippenplätzen bis zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Manche spekulieren schon, daran könne die schwarz-gelbe Koalition zerbrechen, andere sprechen von einem Kulturkampf zwischen Eltern, die ihre Kinder zur Krippe geben, und solchen, die das nicht tun. Klar ist: Familienpolitik ist Bildungs- und Sozialpolitik, sie hat Bedeutung für den Arbeitsmarkt wie für den demographischen Wandel. Und deutlich ist auch: trotz ansehnlicher Ausgaben hat Deutschland Nachholbedarf, was schlüssige Konzepte angeht. Seit Jahren stagniert die Geburtenrate auf niedrigem Niveau. Der Erzbischof von München und Freising, Kardinal Marx, begrüßte deshalb die aktuelle Debatte. Maßnahmen zur Stärkung von Familien, meinte er, müssten so vielfältig sein, wie sich Familienleben heute zeige. Denn „ohne Familie gibt es keine Gesellschaft, keine Kultur, kein lebensfähiges Gemeinwesen“, so Marx.

Wie sehr sich Familien in den letzten Jahren gewandelt haben wird allerdings noch zu selten wahrgenommen. Das betrifft ganz besonders die wachsende Bedeutung von Großeltern - den biologischen und den sozialen. Heinrich Bedford-Strohm, der evangelische Landesbischof von Bayern, hat vor allem auf die Bedeutung der sozialen Großelternschaft hingewiesen. In Mehrgenerationenhäusern und Mentorenprogrammen, in Lesepatenschaften und Leihgroßeltern stecken Lebenschancen, die auch Gemeinden mehr und mehr entdecken können. Diese Erkenntnis könnte ein Motor sein: wir haben im Schnitt zehn gesunde Lebensjahre hinzugewonnen. Für viele verbindet sich das dritte Lebensalter mit neuen Freiheiten - eine Chance, die eigenen Gaben auch in die Gesellschaft einzubringen. Wenn es darum geht, Zeit und Erfahrungen zu teilen, aber auch Neues zu lernen und sich weiter zu entwickeln, sind wir auf den Austausch der Generationen angewiesen. Eine Gesellschaft, die von der Weisheit der Alten und der Offenheit der Kinder abgeschnitten wäre, würde sich selbst um die Zukunft bringen.

Gut, dass uns diese Woche daran erinnert – denn neu ist die Erkenntnis nicht. Als Maria und Josef ihren erstgeborenen Sohn zur Beschneidung in den Tempel brachten, wurden sie dort von zwei alten Menschen empfangen, von Simeon und der Prophetin Hannah. Eine alte Frau, die keine eigenen Kinder hatte, und ein Prophet am Ende seines Lebens. Er nimmt den kleinen Jesus auf den Arm wie ein eigenes, lang erwartetes Kind – ein Zeichen der Hoffnung „Jetzt also kann ich in Frieden gehen“, sagt er, „denn ich habe den Erlöser gesehen – mit meinen eigenen Augen.“

Cornelia Coenen-Marx

Sonnabend, 28. April 2012

„Interkulturalität“ (Apg 10, 1-35)

Vor einigen Jahren habe ich eine Geschichte gelesen, die mich sehr beeindruckt hat. Es ist die Befreiungsgeschichte einer jungen Frau, der „Romanleserin“. Pearl Abrahams Buch erzählt von der Tochter eines orthodoxen Rabbiners an der amerikanischen Ostküste. Eine Szene wird mir immer in Erinnerung bleiben. Am Abend vor der Hochzeit - sie ist schon gebadet und geschoren, gesalbt und eingekleidet worden - verlässt die Braut in Panik ihr Elternhaus. Sie will ihr eigenes Leben gewinnen und mietet sich in einem kleinen Hotel ein. Und der Inbegriff ihrer neuen Freiheit ist ein Frühstück mit Eiern und Speck. Alles, was einer frommen Jüdin verboten ist - jetzt will sie es endlich probieren. Kaffee wird serviert, er duftet nach Leben, und dann kommt auch der Teller mit Ham and Eggs. Aber im gleichen Augenblick, als sie beides auf dem Teller sieht, spürt sie den Brechreiz. Sie läuft hinaus und übergibt sich. Was nicht koscher ist, kann sie nicht essen - noch nicht.

Ich kann die Insekten nicht essen, die in Ostasien wie Schaschlik auf der Straße angeboten werden - geröstet und am Spieß. Und fromme Muslime bei uns können das Schweinefleisch nicht riechen, das wir ganz selbstverständlich essen. Speiseregeln prägen Kulturen und grenzen sie von anderen ab. So werden Schimpfworte geboren-  Kartoffelfresser ist noch eins der harmlosen. Und die jeweilige Religion spielt dabei eine große Rolle. Nicht nur im Islam und im Judentum. Auch die ersten Christen haben darüber gestritten, ob sie das Fleisch essen durften, das auf den römischen Altären den Göttern geopfert worden war. Am Ende setzte sich im Christentum die Freiheit durch – und dabei ging es nicht nur ums Essen.

Davon erzählt die Geschichte von Petrus und Cornelius in der Bibel. Cornelius, der römische Centurio in Cäsarea, war ein gottesfürchtiger Mann. Kein Jude natürlich, und schon gar kein Christ, aber ein Mensch auf der Suche. Eines Tages hat er eine Engelbegegnung. Der Engel gibt ihm den Wink, Simon Petrus zu sich zu rufen, den Jünger Jesu. So schickt der Centurio seine Diener nach Joppe, wo Petrus gerade auf Missionsreise ist. Es ist Mittag und Petrus steigt aufs Dach, um zu beten. Er ist hungrig, die Sonne brennt, Essensdüfte steigen ihm in die Nase, und so hat er während des Gebets eine Vision. Ein großes Leinentuch wird aus dem Himmel herunter gelassen. Darin wimmelt es von Getier: Schweine und Tauben, Hummer, Langusten und Krebse – so ziemlich alles, was ein frommer Jude nicht essen darf. Doch Petrus hört eine Stimme, die ihn auffordert, die Tiere zu schlachten und davon zu essen.Oh nein, Herr“, hört er sich rufen, „das nicht - ich habe noch nie gegessen, was nicht koscher ist.“ Aber die Stimme lässt nicht locker, und es hört sich an wie ein Befehl: „Was Gott gereinigt hat, das nenne Du nicht unrein“.

Genau in diesem Moment klopft es unten an der Tür. Die kleine Gesandtschaft aus Caesarea fragt nach ihm. Petrus, noch ganz in Gedanken bei seiner Vision, hört von dem römischen Hauptmann und dessen Engelgeschichte und so machen sie sich schließlich gemeinsam auf. In Caesarea hat der Römer ihm einen herzlichen Empfang bereitet - aber Gast eines Heiden zu sein, ist einem jüdischen Mann nicht erlaubt. Wer das tut, verunreinigt sich. Petrus aber hat die Angst davor verloren. Längst ist ihm klar, was der Sinn seines Traums war – und er sagt es allen, die sich versammelt haben: dass bei Gott kein Mensch unrein ist - sondern jeder in jedem Volk, der Gott fürchtet und recht tut, der ist ihm Recht.

Kulturen und Sprachen, Kleidungs- und Essensregeln mögen uns unterscheiden - aber vor Gott haben sie keine Bedeutung. Das ist die befreiende Entdeckung der ersten Christen. Gott selbst mutet Petrus zu, mit Menschen unter einem Dach zu sein, die nach den Geboten unrein waren. Als er das Leinentuch sah, wird es Petrus gegangen sein wie der Rabbinertochter im Roman: er wird sich geekelt haben. Aber wer die Freiheit finden will, muss Grenzen überschreiten - innere und äußere. Das gilt für den Einzelnen wie für die Gemeinschaft. Petrus hat seine Widerstände überwunden und dazugelernt. Diesen Geist brauchen wir auch heute - in unserem Land und in Europa.

Cornelia Coenen-Marx

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DLF Morgenandachten vom 14.-19.11.2011


Alter - ein Blick vom Balkon

DLF –Morgenandacht am 14.November 2011
Oberkirchenrätin Cornelia Coenen-Marx, Hannover

„ Ich bekam einen Brief von einer Gleichaltrigen, darin stand, wir wohnen alle in einer Todeszelle, niemand besucht uns, wir dürfen den Raum nicht verlassen, nur warten, bis man uns abholt und das Gerüst wird schon gezimmert, im Hof“, schreibt Marie Luise Kaschnitz . Und sie fährt fort: „Ich begreife die Briefschreiberin nicht. Ich weiß, dass ich sterben werde, aber wie in einer Todeszelle fühle ich mich nicht. Ich höre die wilden Geräusche des Lebens und spüre die Sonne und den Eisregen auf der Haut. Das Alter ist für mich kein Kerker, sondern ein Balkon, von dem man zugleich weiter und genauer sieht.“

Kerker oder Balkon - zwei ganz verschiedene Bilder für den letzten Lebensabschnitt. Keine Frage, welches mir besser gefällt! Ich habe einen schönen alten Gründerzeitbalkon vor Augen,  mit etwas Abstand vom Getriebe des Alltags – aber der Straße zugewandt, so dass man teilnehmen kann am Leben. Hier kann ich sitzen; einen Kaffee trinken und die Sonne genießen, von hier aus kann ich aber auch hinunter rufen, wenn ein Bekannter vorbei kommt. Mit etwas Abstand mit den Vorübergehenden im Gespräch bleiben, das sind gute Aussichten für das Alter. Und ich habe  Menschen vor Augen, denen das gelingt.

Stephane Hessel zum Beispiel, der mit 93 Jahren seinen Essay „Empört Euch“ schrieb. Unzählige junge Menschen haben ihn in den letzten Monaten gelesen. In Frankreich, in Deutschland und auch in Spanien, wo sie die Proteste nach seinem Buch benannt haben. Stephane Hessel schaut weit zurück und ebenso weit nach vorn - er bleibt nicht bei sich stehen, sondern entwickelt eine Perspektive für die kommenden Generationen.  Ist es ein Zufall, dass gerade, wo viele Menschen sich Sorgen um die Zukunft machen, die Alten gefragt sind? Helmut Schmidt, Norbert Blüm, Hildegard Hamm-Brücher: vom Balkon des Lebens aus sieht man weit.

Aber was ist, wenn wir am Ende mit einer Demenzerkrankung leben und von anderen versorgt werden müssen? Viele Menschen sagen, sie wollten ihrem Leben dann lieber selbst ein Ende setzen, als hilflos auf den Tod zu warten. Oder sehen wir möglicherweise weiter, fühlen wir tiefer, wenn wir hinter uns lassen, was heute unseren Alltag bestimmt? Der ungarische Schriftsteller Peter Farkas erzählt in seinem Roman „ Acht Minuten“ von den letzten Tagen eines demenzkranken Paares. Ich kenne diese Krankheit aus der eigenen Familie, und es hat mich ungeheuer angerührt, wie der alte Mann im Roman seine Frau mit Liebe versorgt. Wie er ihr die Äpfel zum Frühstück schält, wie er sie wäscht und eincremt. In jeder Geste spiegeln sich Jahrzehnte des Miteinanders, voller Vertrautheit und Liebe. Auch, wenn die Worte der Frau für Außenstehende keinen Sinn mehr ergeben: ihr Mann versteht sie. Und abends vor dem Schlafengehen ziehen sie ihre Mäntel an, um Luft zu schnappen auf dem Balkon.

Kerker oder Balkon? Offenbar hängt es nicht nur von den äußeren Umständen ab, wie wir das Alter sehen. Entscheidend ist, ob wir unser Leben mit anderen teilen – die guten und auch die schwierigen Erfahrungen, die Unzulänglichkeiten wie die Alltagsfreuden. Wie Kinder freuen sich die beiden Alten in Farkas Roman am Spiel mit dem Wasser beim Waschen und an den Schneeflocken auf dem Balkon. Noch einmal wird das Leben neu- aber die alten Gefühle sind darin verborgen wie ein großer Schatz.

Was wird aus uns, wenn wir nicht mehr weit gehen können? Wer fragt nach unseren Erfahrungen, wenn das Leben an uns vorbei läuft? Ich bin davon überzeugt: die Schätze unseres Lebens gehen nicht verloren, selbst wenn wir alles vergessen. Ich glaube, Gott kennt uns so gut, wie der liebende Mann aus Farkas Roman seine Frau – und er hört nie auf, nach uns zu fragen und uns zu suchen. „ Fürchte dich nicht“, heißt es in einem Prophetenwort: „ denn ich habe Dich erlöst, ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen, Du bist mein“. Es ist nicht immer leicht, sich darauf zu verlassen. Man muss sein Herz über den Horizont werfen - hinter die Linie, wo das eigene Leben versinkt. Dazu ist es gut,  auf dem Balkon zu stehen – denn von da aus sieht man weit hinaus. In die Zukunft, die Gott gehört.



Epochenwechsel- dem Reich Gottes auf der Spur

DLF-Morgenandacht am 15.November 2011
Oberkirchenrätin Cornelia Coenen-Marx, Hannover

„Alles, was entsteht, vergeht auch wieder“, heißt ein römisches Sprichwort. Von einst großartigen Tempeln blieben nur Ruinen und Weltreiche zerfielen - das römische Reich selbst ist das beste Beispiel dafür. Ob es wirklich unterging, oder ob es sich nach Völkerwanderung und Christianisierung nur verwandelt hat, darüber könnte man streiten. Die römischen Päpste haben sich ja lange als Nachfolger des antiken römischen Reichs verstanden. Alles, was entsteht, vergeht auch wieder – viele von uns haben das beim Untergang der DDR selbst erlebt. Wer hätte sich vorstellen können, dass die politische Teilung in Ost und West je ein Ende haben würde?

Heute, zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer, fragen sich viele, ob die Krisen der Finanzwirtschaft, die wir jetzt erleben, die Vorboten eines neuen Epochenwechsels sind. Hat der Kapitalismus sich zu Tode gesiegt? Öffentliche und private Schulden, aber auch Umweltschäden wachsen, während wir alles daran setzen, die Konjunktur anzukurbeln, unseren Wohlstand zu verteidigen. „Was heute als Wohlstandsgewinne ausgegeben wird, sind in Wirklichkeit Hypotheken auf die Zukunft“, schreibt Meinhard Miegel in seinem Buch „ Exit“, in dem er für einen Wohlstand ohne Wachstum plädiert. Miegel zeigt: Glück und Wohlbefinden haben sich mit dem Wohlstand nicht vervielfacht, ja, der materielle Zugewinn ist mit einem Verlust an Lebensqualität erkauft. Aber können wir uns eine Wirtschaft ohne Wachstum überhaupt vorstellen? Um kaum eine Frage wird gegenwärtig so  gerungen wie um diese. Die einen argumentieren, Wachstum sei der einzig mögliche Weg aus der Krise, schließlich beruhten auch die Sozialsysteme auf Wachstum. Andere meinen, es gehe nicht darum, ob die Wirtschaft wachse, sondern wie – das grüne Wachstum sei die Lösung.

Es ist jetzt fast 40 Jahre her, dass der Club of Rome seine Studie über die Grenzen des Wachstums veröffentlichte. Und erst allmählich sickert die Erkenntnis in unser Bewusstsein: die natürlichen Ressourcen unserer Erde sind tatsächlich endlich. Erdöl und Kohle, Wasser und Wälder mit ihrem Sauerstoff, Fische und Pflanzen sind nicht unbegrenzt vorhanden. Noch weiß niemand, wie es nach dem Ölzeitalter weitergeht.  Nur so viel ist klar: es geht nicht weiter, wie bisher. Wir leben schon jetzt von der Substanz. Vielleicht zum ersten Mal nach einer langen Phase des materiellen Fortschrittglaubens müssen wir lernen, mit unserer Endlichkeit zu leben. Nicht nur persönlich, sondern auch politisch. Vielleicht zum ersten Mal begreifen wir, wir sind Teil eines größeren Netzwerks, in dem eins vom anderen abhängt. Die Krise in Griechenland betrifft uns genauso wie die Atomkatastrophe in Japan, die Spekulation auf Nahrungsmittel an unseren Börsen löst Hunger in Afrika aus. Seit der letzten Woche leben 7 Milliarden Menschen auf dieser Erde; eine Milliarde davon hungert und zwei Milliarden Menschen leben von weniger als zwei Dollar am Tag. Das „Immer- noch  - mehr“ unseres Fortschritts hat an diesem Elend nichts geändert.

Alles, was entstanden ist, kann auch wieder vergehen, hieß es bei den Römern. Das gilt auch für die Wirtschaftsformen, die wir heute kennen. Vielleicht liegt ja sogar eine Chance darin, wenn die Welt sich wandelt. Eines meiner Lieblingslieder aus dem Gesangbuch nimmt diesen Gedanken auf. Es ist das Lied: „ Der Tag ist um, die Nacht kehrt wieder“, und es erzählt davon, wie das Lob Gottes mit der Sonne um die Erde wandert. In der letzten Strophe heißt es „ So mögen Erdenreiche fallen, dein Reich, Herr steht in Ewigkeit – und wächst und wächst bis endlich allen das Herz zu Deinem Dienst bereit.“ Das hilft mir in allem Wandel, und es hat schon vielen geholfen: dass Gott unwandelbar zu uns steht. Bei Gott wachsen uns Kräfte zu, die mit materiellem Wachstum nichts zu tun haben: Respekt vor dem Leben, Liebe zueinander und die Kraft zum Verzicht. Den Himmel auf Erden werden wir nicht schaffen. Aber wir können dafür sorgen, dass es gerechter zugeht und dass Gottes Schöpfung bewahrt wird – auch für die, die nach uns kommen. Wenn Frieden und Gerechtigkeit sich ausbreiten, dann wächst Gottes Reich – mitten in dieser sich wandelnden Welt.



„ So wird dich Christus erleuchten“ - Burnout als Chance zum Leben -

DLF Morgenandacht am Buß- und Bettag, 16. November 2011
Oberkirchenrätin Cornelia Coenen-Marx, Hannover

Rund 2 Millionen Menschen in Deutschland haben schon einmal Stimmungsaufheller oder Beruhigungsmittel genommen. Sonst wären sie mit dem Stress im Job nicht zu Recht gekommen. Das sind zwar nicht mehr als 5 Prozent aller Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer – aber es sind vor allem die an der Spitze und die am unteren Ende der Skala, Menschen mit hoher Belastung. Psychische Erkrankungen stehen inzwischen an vierter Stelle der häufigsten Erkrankungen. Die erfolgreiche Medienwissenschaftlerin Miriam Meckel gehört zu den Betroffenen. Sie hat im letzten Jahr ein Buch über ihren Burnout geschrieben.

„Ich habe bislang versucht, meine Leistung, meine Erfolge, meinen Input, meine Schnelligkeit zu steigern, irgendwie immer auf der Suche nach dem nächsten Kick, der genug Adrenalin ausschüttet, damit ich mich gut fühle“, schreibt sie in dem Buch „ Brief an mein Leben“ . Das geht lange gut. Bei mir ist es fünfzehn Jahre gut gegangen. Dann war Schluss. Denn der Mensch ist in seinem Leistungsvermögen nicht unendlich steigerungsfähig.“ Meckel hat ihr Buch in einer Klinik geschrieben; vielleicht zum ersten Mal im Leben hat sie sich Zeit genommen, still zu sitzen und ihr eigenes Leben wahrzunehmen. Ohne Bücher, ohne Musik und ohne Zeitung, ohne Handy und ohne Laptop. Diese Zeit der Stille wird zu einem Rahmen, in dem sie ihr Leben neu sehen lernt.

Egal, wie viele Bücher ich schreibe, überlegt die Autorin, sie haben keinerlei Einfluss darauf, ob ich geliebt werde. Und egal davon, wie viele Flugkilometer ich absolviere, um eine Beziehung aufrecht zu erhalten, sie haben keinen Einfluss darauf, ob die Beziehung glücklich ist. Mit quantitativen Kategorien lässt sich die Frage der Lebensqualität nicht beantworten. Mit Leistung lässt sich das Leben nicht gewinnen. Leben ist mehr als das Programm, das wir in Outlook planen, die Worte, die wir simsen, das Handy, das ohne Unterlass blinkt und brummt und klingelt.

Aber stillwerden und innehalten kann ganz schön mühsam sein. Plötzlich überfallen uns Erinnerungen, die wir gut versteckt hatten. Verdrängte Gefühle bahnen sich den Weg ins Bewusstsein. Traurigkeiten überfallen uns mit Tränen schon beim Wachwerden. Der Burnout zwingt Miriam Meckel, sich dem zu stellen. So trauert sie noch einmal um den Tod ihrer Mutter, das Sterben einer Freundin. Vor allem aber um sich selbst und ihr ungelebtes Leben. Und dabei spürt sie:  Tränen sind auch ein Lebenszeichen. In der Trauer kommt sie sich selbst auf die Spur.

„Wach auf, der du schläfst, wach auf von den Toten, so wird Dich Christus erleuchten“, heißt es in einem alten christlichen Hymnus. Die Bibel geht davon aus: auch lebend können wir tot sein. Ist es nicht so? Wenn unser Leben zu einer Kette aus durchgetakteten Tagen mutiert; wenn wir uns selbst nicht mehr spüren, weil wir hinter Aufgaben verschwinden und nur noch funktionieren? Die mobile Gesellschaft verlangt uns ein gehöriges Maß an Entfremdung ab. Eine Krise, eine Krankheit, ja, auch ein Burnout kann uns wachrütteln und zu uns selber führen.

Heute ist Buß- und Bettag. Nicht gerade der beliebteste christliche Feiertag. Er fällt ja auch in eine Zeit der Dunkelheit – und er fordert uns auf, innezuhalten. „ Wach auf, der du schläfst und steh auf von den Toten, so wird Dich Christus erleuchten“. Wir müssen uns nicht selbst in Szene setzen und beleuchten, um wirklich zu leben. Wir leben davon: auch wir sind mit unseren Dunkelheiten geliebt. Der Apostel Paulus hat offenbar eine ganz ähnliche Erfahrung gemacht wie Miriam Meckel. Die Tage, die er nach seinem Sturz in Damaskus in völliger Lähmung und Dunkelheit verbrachte, sind ihm zum Wendepunkt geworden. Er schreibt: „ Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen reden könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz und eine klingende Schelle. Und wenn ich all mein Gut den Armen gäbe und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts.“ Wir leben nicht von unserer Leistung, sondern von der Liebe Gottes. Wer das begriffen hat, wird anders leben – weil er weiß: trotz aller Betriebsamkeit können wir uns leer und tot fühlen. Aber das Umgekehrte gilt auch: wo wir am Ende sind und in Leere versinken, da kann ein neues Leben beginnen.




Grenzen der Liebe

DLF-Morgenandacht für Donnerstag, 17. November 2011
Oberkirchenrätin Cornelia Coenen-Marx, Hannover

„ Als sie einander acht Jahre kannten (und man darf sagen, sie kannten sich gut), kam ihre Liebe plötzlich abhanden wie anderen Leuten ein Stock oder Hut“. So beginnt ein Gedicht von Erich Kästner. Es erzählt vom Sterben der Liebe. Wir haben uns inzwischen daran gewöhnt:  Paare bleiben zusammen und gehen wieder auseinander, wenn sie nichts mehr füreinander fühlen. Vor drei Generationen aber war das alles andere als selbstverständlich. Ehen hielten ein Leben lang –  wie lange die Liebe währte, spielte dabei kaum eine Rolle. Bei den beiden, von denen Erich Kästner erzählt, ist das anders: „ Sie waren traurig, betrugen sich heiter, versuchten Küsse, als ob nichts sei- und sahen sich an und wussten nicht weiter. Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei“. Es tut sehr weh, wenn die Liebe stirbt. Es ist, als fiele man aus allen Wolken. Und Paare, die sich trennen, durchlaufen einen Trauerprozess, wie man ihn nach dem Tod eines geliebten Menschen durchlebt.

„Sachliche Romanze“ heißt das Gedicht. Und tatsächlich erzählt Erich Kästner ganz nüchtern von einer alltäglichen Erfahrung: die romantische Liebe hat ihre Zeit. Unsere Gefühle füreinander verändern sich. Nach acht Jahren, nach zehn oder fünfzehn Jahren kann so ein Lebensabschnitt zu Ende gehen – und viele ziehen daraus die Konsequenz und trennen sich. Ob das Paar im Gedicht auch so denkt, erfahren wir nicht - wir verlassen die beiden, als sie im Kaffee sitzen und in ihren Tassen rühren. Schweigend und ratlos.

Für uns Heutige gibt es Ratgeberliteratur en masse. Was man tun kann, um die Liebe zu erneuern: Tanzen, Reisen, gemeinsame Zeiten einplanen.  Manche raten uns aber auch, der Vorstellung von der romantischen Liebe den Abschied zu geben und lieber auf eine nüchterne Lebensbeziehung zu setzen. Die Vernunftehe steht wieder hoch im Kurs. Gefühle allein genügen auf Dauer nicht. Wichtiger ist, einander kennen zu lernen, das Leben miteinander zu teilen, Verantwortung zu übernehmen. Und vor allem: miteinander zu sprechen. Glückliche Paare reden miteinander – nicht nur über Alltagsfragen, sondern auch über ihre Lebensgeschichten, über Politik und die Zukunft.

Aber was ist mit der Liebe? Woher kommt sie und wohin geht sie? „ Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht und treibt nicht Mutwillen. Sie verträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles. Die Liebe hört niemals auf“;  schreibt Paulus im 1. Brief an die Korinther. Das Hohe Lied der Liebe ist eine beliebte Lesung bei Trauungen. Jedes Paar, das in der Kirche heiratet, wünscht sich solche Liebe. Liebe, die sich nicht erbittern lässt, die die Kraft hat, immer neu anzufangen. Liebe, die mehr ist als ein Gefühl.

Ob wir an den Grenzen unserer Liebe in diese göttliche Liebe eintauchen können? Manchmal gelingt das - wenn wir miteinander reden, streiten, uns versöhnen und uns unendlich umeinander bemühen. Manchmal aber gelingt es nicht. Menschen geraten an Grenzen, Hoffnungen zerschellen. Und auch der Glaube gerät in schweres Wasser. Paulus kennt offenbar dieses Gefühl. „ Wir sehen jetzt durch einen  Spiegel ein dunkles Bild, dann aber von Angesicht zu Angesicht“, schreibt er. Wir erkennen nur stückweise; wir verstehen nicht wirklich, wer wir sind. Und es gibt Augenblicke, in denen wir uns selbst nicht mehr verstehen, so wie die beiden in Kästners Gedicht. Es tröstet mich, dass Paulus diese Erfahrung kennt - die Erfahrung, dass unser Leben in Puzzleteile zerfällt. Wie kommen wir damit zu Recht? Paulus birgt sich in der göttlichen Liebe und setzt seine ganze Hoffnung darauf.

Wir können das auch tun, gerade dann, wenn wir mit uns selbst und miteinander nicht mehr klar kommen. Das eine können wir tun, auch wenn wir einander nicht mehr lieben können:  wir können einander der Liebe Gottes empfehlen. Wir können füreinander hoffen und einander Zukunft wünschen. Die Traurigkeit, von der Kästner erzählt, ist dafür nicht die schlechteste Voraussetzung. Manchmal beginnt das neue Leben mit Traurigkeit im Herzen. Aber was auch immer daraus wird:  Gottes Liebe ist größer als unser Herz.



Ein Brief an die nächste Generation

Aktuelle Morgenandacht am 18.11.2011
Oberkirchenrätin Cornelia Coenen-Marx

Hannover Hauptbahnhof vor wenigen Tagen. Jemand drückt mir einen Zettel in die Hand. „ Wir sind normale Menschen“, lese ich. „ Wir sind wie Du: Menschen, die jeden Morgen aufstehen, um studieren zu gehen, zur Arbeit zu gehen oder einen Job zu finden, Menschen mit Familien und Freunden. Menschen, die jeden Tag hart arbeiten… Die Korruption unter Politikern, Geschäftsleuten und Bankern macht uns hilf- und auch sprachlos.“ Der Zettel war eine Einladung zur Demonstration der „Occupy-Bewegung“. Der Text war aus dem Netz herunter geladen: „ Das spanische Manifest“ vom 15.5.2011

Nicht nur in Spanien und Griechenland gehen Menschen in diesen Tagen auf die Straße. Angesichts der Krisen an den Finanzmärkten haben auch bei uns viele das Gefühl, ihre Zukunft wird verspielt. „Wir sind alle besorgt und wütend angesichts der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Perspektive, die sich um uns herum präsentiert“, steht auf meinem Zettel. Am vergangenen Samstag, als Silvio Berlusconi zurücktrat, war diese Mischung aus Wut und Besorgnis auch in Italien mit Händen zu greifen. Eine deutsche Journalistin fühlte sich an die Stimmung auf dem Tahir –Platz in Kairo erinnert. Ein Moment der Reinigung. Die Menschen auf der Straße feierten das Ende einer unwahrhaftigen und korrupten Politik. Einige haben Händels Halleluja gesungen, andere „Mafioso“ gebrüllt.

Manche meinen, mit Politikern dieses Typs habe gleich die Politik abgewirtschaftet. Nun sei die Stunde der Experten und Übergangsregierungen. Aber nicht das Volk hat darüber entschieden, sondern die Märkte, der Druck der Krise, die Sorge um den Euro. Was bedeutet das für die Demokratie? Hat es damit zu tun, dass wir uns gern haben Sand in die Augen streuen lassen? Wer wollte sich schon bewusst machen, dass wir auf Kosten der nächsten Generation leben?

April 1989. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Ökumenischen Versammlung in Dresden schrieben einen Brief an die Kinder. Darin heißt es: „Liebe Kinder, die Erde auf der wir leben, ist bedroht. Schuld daran sind wir, die Erwachsenen. Aber einige haben es doch gemerkt. Wir haben nachgedacht und gebetet und wieder nachgedacht, was zu tun ist.“ 200 Delegierte aus verschiedenen Kirchen, waren zusammen gekommen- „ Mütter und Väter, Großväter und Großmütter, Geschwister und Paten- kurz: Leute, die auch in Eurem Haus wohnen könnten“, wie sie schreiben. Es ging ihnen um Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung.-Sie wussten: die Aufgaben, die vor uns liegen, lassen sich in einer Generation nicht bewältigen. „ Wenn wir müde geworden sind, sollt Ihr an unsere Stelle treten“; heißt es am Ende des Briefes.“Das ist eine schwere Aufgabe, auf die man vorbereitet sein muss. Deswegen haben wir Euch von der Versammlung erzählt. Glaubt nicht dass wir alles wissen, aber glaubt, dass wir alles tun wollen.“

„Glaubt nicht, dass wir alles wissen, aber dass wir alles tun wollen“. Die das geschrieben haben, waren keine Politiker und Politikerinnen. Aber sie haben Verantwortung übernommen. Ihre Bescheidenheit und ihre Ehrlichkeit würde man so manchem wünschen, der in Wirtschaft und Politik das Sagen hat. Es ist die Haltung mancher Mächtigen, die Menschen so wütend macht. So mancher kann sich nicht mehr vorstellen, in einem Haus mit den Menschen auf der Straße zu wohnen. Abgeschottete Gipfel, abgehobene Strategien, unvorstellbare Zahlenspiele geben uns das Gefühl, nicht mehr gefragt zu sein. Und Bunga-Bunga-Parties machen den Eindruck, den Mächtigen geht es nur um das eigene Ego. Mancher vergisst offenbar etwas ganz Wesentliches: seine Macht ist endlich.

„ Wer unter Euch der erste sein will, der sei Euer aller Diener“, hat Jesus gesagt. Und Luther schreibt: „ Was nicht im Dienst steht, steht im Raub“. Wer politische und wirtschaftliche Verantwortung übernimmt, muss bereit sein, den Menschen zu dienen- über die eigene Zeit hinaus. Das ist eine schwere Aufgabe. Und wer sich ihr ehrlich stellt, braucht unsere Unterstützung.


Ganz loslassen – und Ewigkeit erfahren

DLF –Morgenandacht am Samstag 19. November 2011
Oberkirchenrätin Cornelia Coenen-Marx, Hannover

Wieder ist eine Woche um, es ist Totensonntag und mit nächstem Sonntag fängt das neue Kirchenjahr an. Mir geht es ein klein wenig novemberlich. Es ist so dunkel in der Zelle, dass man den ganzen Tag bei der nicht gerade herrlichen elektrischen Beleuchtung sitzen muss. Aber es ist nun einmal der schlimmste Monat im Jahr, und mit dem 1. Advent geht es dann wieder aufwärts, auch wenn die Sonne sich das noch weitere 18 Tage überlegt...“  Das schreibt Helmut James von Moltke am 26. November 1944 aus dem Strafgefängnis in Berlin-Tegel an seine Frau Freya. In der Zelle in Tegel wartete der damals 37 Jahre Moltke auf seinen Prozess vor dem Volksgerichtshof. In Kreisau, auf seinem Landgut, hatte er sich mit Politikern, Theologen, Wirtschaftsleuten getroffen, um den Widerstand gegen Hitler zu organisieren. Vier Monate lang saß er in Tegel ein, und vier Monate wechselte er täglich Briefe mit seiner Frau. Briefe, die ein Kreisauer Freund, der Gefängnispfarrer Harald Poelchau unter Einsatz seines Lebens hinausschmuggelte.„Ja, heute ist Totensonntag gewesen“, antwortet Freya am 26. abends. Und „denke Dir, ich habe nicht mehr als an anderen Tagen an Deinen Tod gedacht. Im Gegenteil habe ich Dich mit viel Glück noch unter den Lebenden gefeiert.“

Die Briefe der Moltkes, die in diesem Frühjahr posthum veröffentlicht wurden, sind ein großes Vermächtnis der deutschen Widerstandsgeschichte, aber auch eine Schatztruhe des Glaubens, die  Kraft geben kann, auch die dunkelsten Tage zu bestehen. Freya Molke selbst schrieb später: „Diese Briefe statteten mich für mein weiteres Leben aus, und die Gemeinsamkeit, die sie darstellen, dauert noch an. Wir hatten fast vier Monate, um Abschied voneinander zu nehmen, ein Mann und eine Frau. Der Höhepunkt unseres gemeinsamen Lebens - die schwerste Zeit“.

Wer die Briefe liest, kann verfolgen, wie die beiden in den verbleibenden Monaten um die Zukunft kämpfen, Alltagsfragen regeln, Liebeszeichen austauschen, gemeinsam Bibel lesen, einander auf den Tod und auch auf das Leben vorbereiten. „Mein Liebster, müde bin ich, aber meiner Seele geht es gut“, schreibt Freya am 17. Januar 1945. Wenige Tage vorher, am 11. Januar, war das Todesurteil gefällt worden.  „Es war alles heute gar nicht sonderlich ermutigend“, schreibt Freya nun wenige Tage später. “aber meine Gedanken fanden Dich friedlich und so, wie Du mir gestern gegenüber gesessen hast. Mein Herz, es war gestern besonders schön bei Dir. Schön, vertraut, zärtlich, nah, selbstverständlich und gar nicht traurig“. Und Helmut antwortet: „Dein schöner, friedlicher Brief, den ich gerade gelesen habe, hat mich richtig beschämt. Hier sitze ich und zittere, und derweil gehst Du straks vor Dich hin, als wäre das alles nichts… Ja, mein Herz, es ist die Gnade Gottes, die es Dir ermöglicht, das alles zu tun“. Und dann spricht er über die eigenen Zweifel, die ihn immer wieder überfallen.

„ Die Frage, was und wie man glauben und was, wie und um was man beten soll, ist ungeheuer schwer, und ich vermag sie nicht zu beantworten. Um den Glauben muss ich alle Tage neu ringen. Plötzlich überfällt mich an irgendeiner hässlichen Falte die Überzeugung, dass „das alles Mist ist“. Und Freya tröstet ihn in ihrem nächsten Brief: „ Gott verlangt von Dir Glauben, ja, an ihn, an seine Allmacht, seine Liebe, seine Kraft, seine Lebendigkeit und seine Wirklichkeit - warum er Glauben an etwas so Menschliches wie die Erhaltung Deines Lebens verlangen soll, das kann ich nicht verstehen. Mach keinen Kampf in Dir, lass Dich ihm los und quäl Dich nicht.“ Es ist einer ihrer letzten Briefe, und längst kommt es nicht mehr darauf an, einander in einem irdischen Sinne zu behalten, greifbar zu spüren. Beide wissen, dass sie einander auf immer verbunden bleiben – das hilft ihnen, loszulassen und sich ganz Gott zu überlassen.

Als Helmut von Moltke 23. Januar 1945  hingerichtet wurde, kehrte Freya nach Kreisau zurück. Sie sorgte dafür, dass dort ein Ort der Versöhnung entstand. In diesem Sommer war ich dort – es ist ein europäischer Zukunftsort voll junger Leute, voller Lieder und Leben. Heute, einen Tag vor Totensonntag, hilft mir Freyas Vermächtnis, auf die Zukunft zu setzen.










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Freiheit zu mir selbst ; Morgenandacht am Montag, 16.8.10

OKR Cornelia Coenen-Marx, Hannover

„ Wünsche mir Glück. Jetzt bin ich frey und will es für immer bleiben. Keine Arbeit mehr, die mir ein anderer auferlegt und die einen anderen Ursprung hat als ( meine ) Neigung. Ich werde acht oder zehn Tage schlechterdings nichts tun – völlige Ruhe des Kopfes, freie Luft und Bewegung werden ( alles) ändern.“ Nein, das ist keine Urlaubspostkarte- das schrieb der Dichter Friedrich Schiller vor mehr als 200 Jahren an seinen Freund Körner.[1] Damals zog er sich für ein paar Tage in das Haus von Freunden zurück, um tief durchzuatmen, zu wandern und eigene Texte zu schreiben. Ich habe diese wunderbaren Sätze auf meinem Weg in den Urlaub entdeckt -im Schillermuseum in Marbach. Ich fand sie so passend, dass ich sie mir notiert habe, als wär‘s eine Überschrift über die eigene freie Zeit. Völlige Ruhe des Kopfes, freie Luft und Bewegung – wer wünscht sich das nicht? Vor allem aber: keine Arbeit mehr, die mir ein anderer auferlegt.

Vor mir liegt eine Urlaubspostkarte, die diese kleine, große Freiheit sinnfällig zeichnet: links am Bildrand steht ein großes Männchen im Regen – leicht gebeugt und mit Aktenkoffer, wie einer , der sich unter dem Wolkenbruch weg duckt und nichts von der Welt sieht. Rechts steht derselbe Mann mit einem Eishörnchen in der Sonne. Lachend und aufrecht schaut er sich um, er trägt nur Badehose und Badelatschen – ein freier Mann. Dazwischen sehen wir von links nach rechts die Verwandlung: derselbe Mann mit Kordhose und buntem Hemd, den Regenschirm schon halb geschlossen. Dann mit Jeans und Sommerhut. Und schließlich mit kurzen Hosen , Turnschuhen und Rollköfferchen unterwegs zu sich selbst.[2] Denn das ist es doch, was wir uns vom Urlaub wünschen – dass wir zu uns selbst befreit werden. Und ich hoffe und wünsche Ihnen, dass Ihnen das in diesem Jahr wenigstens für kurze Zeit gelungen ist oder noch gelingt.

Als ich mich in diesem Jahr an meinem Urlaubsort umgeschaut habe, dachte ich manchmal an diese Postkarte. Ich habe mir vorgestellt, wie sich all die fröhlichen Leute wieder zurückverwandeln würden in graue Männer und Frauen– sich ducken und anpassen, die Freude vergessen, die Freiheit zu den Akten legen. Und ich habe mich selbst gefragt, wie das wohl bei mir sein würde. Wird es mir gelingen, ein wenig in den Alltag zu Hause hinüber zu retten von der neuen Offenheit und Gelassenheit ? Ein wenig mehr Sport zu treiben, öfter mal ins Theater zu gehen, einen Abend mit Freunden zu verbringen.„ Wünsche mir Glück“, schreibt Schiller. „Jetzt bin ich frei und will es für immer bleiben“.

Die Frage, wie wir unsere Freiheit gewinnen und verteidigen, ist offensichtlich nicht neu. Sie hat auch nicht allein mit der Urlaubszeit zu tun. Nein, diese Frage reicht tiefer, sie betrifft unser ganzes Leben.. Schon der Apostel Paulus hat sich intensiv damit beschäftigt: „Zur Freiheit hat Euch Christus befreit“, schreibt er einmal an die Gemeinden in Galatien: „ So seht nun zu, dass ihr nicht wieder fallet“.[3] Auch er meinte damit die Freiheit von falschem Druck, von einem überzogenen Status- und Leistungsdenken, von dem Gefühl, perfekt sein zu müssen. Gegen all das steht die Liebe Jesu, der uns auch dann liebt, wenn wir schwach und hilflos sind. Wer das wirklich versteht, der wird die Welt mit anderen Augen sehen und dem Anpassungsdruck widerstehen. Der wird sich nicht einfach zurück verwandeln in den Menschen, der er mal war.

Ausbrechen also, oder aussteigen? Nein, keineswegs. Paulus hat seine Gemeindeglieder sogar ermutigt, da zu bleiben, wo sie gerade lebten – in ihrer Ehe, an ihrem Arbeitsplatz, trotz aller Unzufriedenheit und Ungerechtigkeit. Wohl aber war es ihm wichtig, die innere Freiheit zu wahren – und das hieß eben auch, regelmäßig Distanz vom Alltag zu suchen. Im Gottesdienst, in der Begegnung mit anderen Menschen, im Hören auf die Worte Jesu. An Plätzen, wo wir innerlich und äußerlich für einen Augenblick in der Sonne stehen. Wo wir uns aufrichten und ganz wir selbst sein können und dem Leben fröhlich begegnen. Wer einen solchen Platz hat, kann sich dem Alltag stellen.



[1] Brief von Schiller an Körner vom 21.9.1792, zitiert in „Unterm Parnass“; marbacher Katalo des Schiller-Nationalmuseums

[2] Die Postkarte gibt es bei www. andere zeiten.de ( „ Karten nach Anderland)

[3] Galater 5,1





„Ich muss nicht immer stark sein“ ,Morgenandacht , Dienstag, 17.8.10

OKR Cornelia Coenen-Marx, Hannover

„ Die zehn großen Freiheit“, so hat der Theologe Ernst Lange seine Übersetzung der zehn Gebote genannt. Das Gebot : „ Du sollst den Feiertag heiligen“ übersetzt er zum Beispiel mit: „ Du musst nicht ununterbrochen arbeiten“.Und weiter heißt es bei ich: „ Du musst nicht stehlen“ und „ Du brauchst nicht eifersüchtig zu sein“. Wer Ernst Langes Text liest, der hat das Bild eines Menschen vor Augen, der in sich selbst ruht und nicht mehr scheinen muss als er ist. „Zehn große Freiheiten“

Die Schriftstellerin Luise Habel hätte noch eine elfte hinzugefügt: „ Ich muss nicht immer stark sein“. Sie war mit einem Jahr an Kinderlähmung erkrankt und seitdem behindert. „ Ich muss nicht immer stark sein“; so nannte sie ihr Tagebuch, das 1985 erschien.[1] Es war schon ihr drittes Buch, das erste hieß: „ Herrgott, schaff die Treppen ab“. Luise Habel kämpft mit dem Wunsch und dem Anspruch, trotz Gehbehinderung und höllischen Rückenschmerzen „mithalten“ zu können- beruflich und gesellschaftlich, in der Freizeit und auf Reisen. Sie legt den Finger auf die Wunde, wo Treppen und Ausgrenzungen die Integration behinderter Menschen verhindern. Und kämpft zugleich gegen eine „Normalität“, in der jeder jung, dynamisch und leistungsstark sein muss.

Nicht nur behinderte Menschen überfordern sich und werden krank, wenn sie diesem Ideal gerecht werden wollen. Auch so genannte Gesunde suchen immer häufiger Auswege aus dem krankmachenden Stress. Deshalb ist es für jeden von uns hilfreich, wenn Menschen wie Luise Habel die gängigen Vorstellungen von einem gelungenen Leben kritisch befragen – im Blick auf gesellschaftliche Normen, aber auch im Blick auf die eigenen Ansprüche. Mir jedenfalls hat Luise Habels Buch geholfen, zu prüfen, ob das, was ich für notwendig halte, auch lebensdienlich ist.

„ Ich fühle mich sehr erschöpft“, schreibt sie in ihr Tagebuch.“ Vieles in meinem kleinen Haushalt bleibt liegen. Das macht mir Angst. Aber ich will diese Schwäche zulassen, will nicht ankämpfen dagegen. In meinem Leben habe ich vieles mit letzter Energie erreicht. Meist habe ich sehr über meine geringen Kräfte gelebt. Jetzt denke ich: Ich erlaube mir meine Schwäche. Ich muss nicht immer stark sein. Ich versuche, mein Selbstwertgefühl nicht aus meinen Leistungen zu beziehen. Langsam fange ich an ,zu begreifen, was mit dem „Mut zum Sein“ gemeint ist. Nur zu sein, das kommt mich hart an, aber ich will es üben.“ [2]

Luise Habels Tagebuch nimmt die Leserinnen und Leser mit auf diesen Übungsweg: Es geht darum, die eigene Würde zu akzeptieren – zu glauben, dass wir unseren Wert von Gott haben, dass wir wichtig sind, egal ,was andere denken. Es geht darum, die eigene Freiheit zu leben, sich von inneren und äußeren Zwängen nicht überwältigen zu lassen. Für Luise Habel wird dabei ein alkoholkranker Freund zum Vorbild. Nein, süchtig ist sie nicht, aber es fällt ihr schwer, jeden Tag gegen die Schmerzen anzukämpfen. Sie hat Angst, dass ihre Kraft irgendwann nicht mehr reichen könnte, sich selbst zu versorgen und für sich einzustehen. Da hilft das „ nur für heute“ der Anonymen Alkoliker: Nur für heute das erste Glas stehen lassen, machen sie einander Mut. Nur für heute die Grübeleien bei Seite schieben, nimmt sich Luise Habel vor. Nur für heute ganz aus Gottes Güte leben und Nein sagen zu dem, was nicht lebensdienlich ist – das ist für uns alle wichtig.

Heute, bei zunehmender Arbeitsverdichtung, scheint es mir wichtig, dass wir unsere eigene Erschöpfung nicht verdrängen und uns nicht zudröhnen – weder mit Arbeit, noch mit Alkohol oder  mit Fernsehen. Dass wir uns auch einmal zurückziehen und abschalten, uns zugestehen, nicht vollkommen zu sein. Wer ständig mehr will, im Job, vom Partner, von sich selbst, wird eines Tages augebrannt und leer sein. Der Psychotherapeut Reinhold Ruthe  empfiehlt deshalb, sich öfter mal einen einfachen Satz zu sagen: „ Ich bin gut genug“.

„ Ich muss nicht immer stark sein“ und „Ich bin gut genug.“ Unsere Würde hängt nicht von Erfolg und Ansehen ab. Unsere Freiheit nicht davon, was wir leisten. Vor Gott sind wir genug so wie wir sind. Das macht frei.



[1] Luise Habel, Ich mus nicht immer stark sein, München 1985

[2] Luise Habel, a.a. O. S. 43






Erwachsene Freiheit, Morgenandacht am Mittwoch, 18.8.2010

OKR Cornelia Coenen-Marx, Hannover

 „ Die Freiheit nehm ich mir “, wirbt eine bekannte Kreditkarte und suggeriert, wir könnten uns die Freiheit kaufen. Mit Geld verbinden wir Unabhängigkeit und Mobilität, materielle Sicherheit und Freiheit. Aber Geld ist eben nicht alles.„ Wenn man gewohnt ist, Probleme zu lösen, indem man einen Haufen Geld hin wirft, und plötzlich feststellen muss, dass ein Problem finanziell nicht zu lösen ist, ist das fatal“, sagt Stefan, ein früherer Investmentbanker.

Diese Erfahrung hat er gemacht, als er entdeckte, dass seine Mutter dement wurde. Ihre zunehmende Verwirrung, ihre Depressionen brachten ihn dazu, sein Leben zu verändern. Das war vor zwei Jahren. Da hatte er sich, wie mancher in seiner Branche, gerade heftig verspekuliert. Aber das war nicht der Grund dafür, dass er sein Leben umkrempelte. Er liebte den Stress, das Risiko, die Abende an den Hotelbars. Er liebte seine Freiheit. Aber was war diese Freiheit wert, wenn seine Eltern dabei auf der Strecke blieben-  die Menschen, denen er Leben und Ausbildung verdankte? Was wäre unsere Unabhängigkeit wert, wenn uns niemand vermisst, wenn keiner sich auf uns freut? Stefan krempelte sein Leben um, er verzichtete auf riskante Börsenabenteuer und aufregende Reisen. Stattdessen zog er in die Stadt seiner Kindheit, kaufte dort ein altes Fachwerkhaus und gründete eine Stiftung für Demenzkranke, das Haus „Vergißmeinicht“ „Ich habe alles gesehen und gemacht“, sagt er. „Ich bin bereit, erwachsen zu werden“.[1] Erwachsenwerden , so wie Stefan es versteht, das heißt offenbar, Freiheit und Bindung , Liebe und Unabhängigkeit in eine gute Balance zu bringen.

„Die Stimme der Demenzkranken erinnert uns daran, dass unsere Gesellschaft zu sehr von  Konkurrenz, Vereinzelung und Egoismus geprägt ist“, meint der Soziologe Reimer Gronemeyer. In einer solchen Gemeinschaft sei es schlecht bestellt um den Schutz der Schwachen, der Kinder, der Kranken.[2]

Vielleicht hat das damit zu tun, dass wir Freiheit falsch verstehen. Martin Luther, der sehr tiefgehend darüber nachgedacht hat, spricht von der doppelten Natur des Menschen: Von unserer Freiheit und Größe, aber auch von unserer Verletzlichkeit und Gebundenheit. Wer glaubt , er wäre ganz und gar unabhängig, der merkt vielleicht gar nicht, dass er dem eigenen Ehrgeiz oder der eigenen Gier aufsitzt, vergisst, dass er sein Leben nicht selbst geschaffen hat. „ Ein Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge und niemandem untertan“, schreibt Luther in einer seiner wichtigsten Thesen. Aber dann fährt er fort: „ Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan“. [3]Die erwachsene Freiheit , von der auch Stefan spricht, rechnet damit , dass wir einander brauchen und für einander da sein müssen, um ganz zu uns selbst zu kommen.

Der Fotograf Michael Hagedorn hat Familien besucht, in denen Demenzkranke gepflegt werden. Seine Bilder sind in der Ausstellung „ Kunst trotzt Demenz“ zu sehen, die das Diakonische Werk in Darmstadt initiiert hat.[4] Viele berühmte Künstler haben, genauso wie Hagedorn, freiwillig und ohne Honorar daran teilgenommen. Er habe dabei viele wunderbare Menschen kennengelernt, sagt Hagedorn. Und tatsächlich zeigen die anrührenden Fotos eine Schönheit jenseits der Normalität. Vielleicht brauchte es die Freiheit und Kreativität eines Künstlers, das zu entdecken. Denn die Angehörigen, meint Hagedorn, opferten sich auf und akzeptierten zu wenig Entlastungsangebote. So verlören sie nach und nach die Freiheit, die Kranken in ihrer Besonderheit wahrzunehmen.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Hagedorn Recht hat. Wer mit Demenzkranken lebt, braucht Unterstützung, um sich nicht selbst zu verlieren - Freunde, Nachbarn, Krankenschwestern, die einen anderen Blick mitbringen. Und unsere Gesellschaft braucht Menschen wie Stefan, die begreifen, dass Freiheit ohne Verantwortung ins Leere läuft – freiwillig Engagierte, Stifter, die ihr Vermögen einsetzen, Politiker, die sich um das Gemeinwohl kümmern, Menschen, die für andere da sind.

Wir alle brauchen die richtige Balance aus Unabhängigkeit und Verantwortung. Diese erwachsene Freiheit, wächst im Miteinander –im Nehmen und Geben.

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[1] Stefans Geschichte wird erzählt im „ Stern“-Sonderheft Gesundheit zum Thema „ Raus aus dem Stress“, 4/2010

[2] Prof. Dr. Reimer Gronemeyer, Gießen, in der Einleitung zu „ Kunst trotzt Demenz“, Edition Chrismon, Hansesches Verlagshaus 2009

[3] Martin Luther, „Von der Freiheit eines Christenmenschen“, Kirchen- und Theologiegeschichte in Quellen. Ein Arbeitsbuch. Bd. III. Hg. Von Heike A. Obermann, Neukirchen 1981

[4] Kunst trotzt Demenz, Edition Chrismon, Hansesches Druck- und Verlagshaus 2009






Für Freiheit eintreten ; Morgenandacht am Donnerstag, 19.8.10

OKR Cornelia Coenen-Marx, Hannover

An den Namen Rosa Parcks wird sich hierzulande kaum jemand erinnern. Und doch hat die schwarze Näherin Anfang der 60er Jahre eine Revolution ausgelöst. Ungeplant, mit einer kleinen Geste. Damals verlangten die Rassengesetze in den amerikanischen Südstaaten, dass schwarze und weiße Passagiere in Bussen getrennt saßen. Die Weißen vorn, die Schwarzen hinten – und in der Mitte gab es einen Bereich, in dem Schwarze so lange sitzen durften, bis ein weißer Passagier den Platz beanspruchte. Da saß Rosa Parcks. Sie war auf dem Rückweg von der Arbeit , als jemand anderes ihren Sitz beanspruchte. Aber Rosa war zu müde, um aufzustehen – und so nahm sie sich die Freiheit sitzen zu bleiben. Diese kleine Geste war ein Akt der Rebellion- und sie löste die ersten Unruhen aus, noch vor den großen Reden von Martin Luther King. Was uns heute so selbstverständlich erscheint – dass ein Mensch für seine Rechte eintritt, dass Menschen für soziale Gesetze kämpfen- das ist alles andere als selbstverständlich. Rosa Parcks ging dafür drei Tage ins Gefängnis. Ich weiß nicht, woher sie diese Kraft und die innere Freiheit hatte – aber ich weiß: die meisten hätten nie gewagt, sitzen zu bleiben.

Freiheit und Würde gehören zusammen, sagt auch Schwester Lea Ackermann aus Boppard, die vor vielen Jahren Solwodi gegründet hat - eine Initiative für Frauen aus aller Herren Länder, die Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution wurden. „ Nur wenn einem Menschen die Freiheit zugestanden wird, eigene Entscheidungen zu treffen, wird seine Würde respektiert“, sagt sie mit Blick auf all die Frauen, die ihrer Pässe, ihrer Freiheit und ihrer Selbstachtung beraubt wurden. Und umgekehrt gilt: nur, wer sich seiner Würde bewusst ist, hat auch die Freiheit, für die eigenen Rechte einzutreten. Die Frage ist deshalb : „ Wie verhelfen wir unseren Mitmenschen dazu, von ihrer Würde überzeugt zu sein?“ [1]Durch unsere Art, wie wir mit ihnen umgehen, durch unsere Augen müssen sich selbst neu sehen.

Ich denke daran, wie Menschen auf Jesus zugekommen sind, um Heilung zu erbitten. Die Frau, die seit vielen Jahren Blutungen hatte und darum als unrein galt. Sie geht tatsächlich zu Jesus hin- durch die Menschenmenge hindurch – und rührt ihn an, um heil zu werden. Oder die Leprakranken, die aus der Gemeinschaft der Gesunden ausgeschlossen waren. Woher nahmen sie überhaupt den Mut und die Freiheit, auf Jesus zu zugehen ? Es muss daran gelegen haben, wie er andere ansah. Dass er jedem Menschen Wert und Würde zugestand- dass für ihn keiner außerhalb der Gemeinschaft stand.  So hat er Menschen dazu befreit, ihre Freiheit wahrzunehmen.

Lea Ackermann ist auf seiner Spur. Aber auch Johanna Hofmeier, die in München das Projekt Lichtblick gestartet hat. Am Hasenbergl, in einer benachteiligten Wohngegend, hilft sie Kindern und Jugendlichen, ihren eigenen Weg zu finden. Und sie begeistert viele andere. Wirtschaftsunternehmen helfen mit, wenn es um die Kosten für Mittagstisch, Nachhilfe und Spielmöglichkeiten geht. Die Unternehmen ermöglichen Praktika in den Betrieben, damit die Jungen und Mädchen ihre Talente noch während der Schulzeit entdecken und spüren, dass Anstrengung lohnt. So geben sie ihnen das Gefühl, etwas wert zu sein und eine Zukunft zu haben. Keine Selbstverständlichkeit in einem Land, in dem viele glauben, schon abgeschrieben zu sein, ehe sie überhaupt mit der Schule fertig sind.[2]

„ Wie verhelfen wir unseren Mitmenschen, von ihrer Würde überzeugt zu sein? Wie helfen wir anderen, ihre Freiheit wahrzunehmen?“ Das sind entscheidende Fragen für die Arbeit von Pädagogen und Sozialarbeitern, aber auch für die von Politikern und Politikerinnen. Es geht darum, Chancen zu eröffnen- auch für die, die schon abgeschrieben sind. „ Aller Dienst ist Dienst an der Freiheit“, hat der italienische Theologe Paolo Ricca einmal gesagt: Kinder und Jugendliche, Familien in Armut, demenzkranke Ältere, Sterbende in unseren Einrichtungen brauchen Hilfe. Vor allem aber sind sie-darauf angewiesen, dass andere für ihre Freiheit und Würde eintreten. Eine Freiheitsbewegung wie die von Rosa Parcks und Martin Luther King kann auch unsere Gesellschaft gut brauchen



[1] Lea Ackermann, Hoffnung treibt in die Fremde, in: Ihr sollt ein Segen sein, Denk-Anstöße von Persönlichkeiten aus Gesellschaft, Kirchen und Politik zum Ökumenischen Kirchentag 2003, Herder , Gütersloh 2003

[2] Das Projekt „ Lichtblicke“ in München-Hasenbergl wird u.a. von der Firma Dallmeyer unterstützt.




Sicherheit vor Freiheit . DLF-Gedanken zur Woche , Freitag, 20.8.10

OKR Cornelia Coenen-Marx, Hannover

Wehe, wenn sie losgelassen – das denken manche in diesen Tagen.Seit einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs ist klar: 80 Schwerverbrecher, die jetzt noch in Sicherheitsverwahrung sitzen, müssen anders untergebracht oder freigelassen werden. Die Justizministerin hat eine elektronische Fußfessel vorgeschlagen, andere wollen eine Rund-um-die Uhr-Bewachung durch die Polizei. Und der Chef einer Polizeigewerkschaft schlägt vor, die Namen der Entlassenen bekannt zu machen. Am besten wäre eine Veröffentlichung im Internet wie in den USA, meinen viele. Das sei Aufruf zur Menschenjagd, sagt der Strafrechtler Prof. Veltes. „In unserer Rechtsordnung muss jeder Gefangene die Möglichkeit haben, wieder in die Gesellschaft integriert zu werden. Das entspricht unserem christlichen Menschenbild“. Dagegen sagt Günter Beckstein, der frühere bayerische Ministerpräsident, selbst engagierter Christ: „Natürlich müssen wir alles tun, um Menschen zu therapieren. Aber letztlich muss die Sicherheit der Bevölkerung Vorrang haben vor den Freiheitsrechten von Schwerkriminellen“:

Plötzlich wird sichtbar: Freiheit birgt Risiken. Besonders, wenn es um Schwerverbrecher geht, bei denen ein Rückfall nicht auszuschließen ist. Freiheit braucht Grenzen , damit sie nicht missbraucht wird . Das Austesten und Überschreiten von Grenzen gehört allerdings von Anfang an zu unserem Leben. Seit Adam und Eva. Die lebten in paradiesischer Freiheit, erzählt die Bibel, sie konnten sich alles nehmen, was sie brauchten – fast alles. Nur vom Baum der Erkenntnis sollten sie nicht essen – nur diese Früchte waren verboten. Aber die süßesten Früchte wachsen eben hinterm Zaun. Und so kommt es  zu der Geschichte mit dem Apfel. Eva pflückt die Frucht und Adam nimmt sie gern. Und als alles auffliegt, zeigt einer mit dem Finger auf den anderen. Am Ende macht der Mensch Gott den schwersten Vorwurf: Warum gibst du mir Freiheit, wenn ich so verführbar bin ? Warum hast Du uns so geschaffen- mit diesem Webfehler in unseren Genen ?

Seitdem wissen wir: das Böse ist in der Welt – mitten unter uns, ja, in jedem von uns. Die Bibel erzählt vom verlorenen Paradies, von Mord und Totschlag, von Inzest und Bruderkrieg. Neid vergiftet die Bruderliebe zwischen Kain und Abel. Es geht um Glück und Erfolg - und plötzlich zieht Hass auf – wie eine dunkle Wolke. Wir lesen, wie Kain von seinem Hass übermannt wird, wie sein Blick sich verfinstert, die Fäuste sich ballen. Wie er Abel aufs Feld lockt und ihn erschlägt. Als hätte das Böse von ihm Besitz ergriffen – eine Macht, die stärker scheint als er. „ Die Sünde lauert vor der Tür, und sie hat Verlangen nach Dir“, heißt es in dem alten biblischen Text – „ Du aber herrsche über sie“.

 Ach was, sagt Kain, als es schon längst zu spät ist – „ soll ich meines Bruder Hüter sein? Ja, darum geht es – und Kain weiß das nur zu genau. Es geht darum, dass wir einander achten und schützen, unseren Hass beherrschen und unseren Trieben Grenzen setzen. Aber die Bibel ist nicht naiv: Sie zeigt, was passiert, wenn das nicht gelingt. Kain verliert den Boden unter den Füßen und muss fliehen. Er wird bestraft. Und trotzdem steht auch dieser Mann unter Gottes Schutz. Am Ende dieser furchtbaren Geschichte steht ein Satz, der einem fast den Atem nimmt: „Gott machte ein Zeichen an Kain, dass niemand ihn erschlüge, der ihn fände.“

Wir wissen nicht, wie das Kainsmal aussah. War es ein Zeichen auf der Stirn – schon von weitem erkennbar? Wer so gezeichnet ist, hat doch gar keine Chance, ein neues Leben anzufangen, denkt man. Oder kann es doch eine Hilfe sein, wenn andere wissen, mit wem sie zu tun haben ? Im Zweifel müssen zuerst die potentiellen Opfer geschützt werden, vor jenen, die ihren Hass und ihre Triebe nicht beherrschen können.-Aber auch die Täter müssen vor  geschützt werden – vor allem vor sich selbst. Denn nach christlicher Überzeugung gilt :Gott schützt auch die, die ihre Freiheit missbrauchen. Adam und Eva und Kain. Das entspricht dem christlichen Menschenbild und unserer Rechtsordnung. Wenn Sie mit mir darüber sprechen wollen, wo die Grenzen der Freiheit sind, dann erreichen Sie mich in den nächsten zwei Stunden  unter 05131/ 462761 . Ich wiederhole: 05131/462761.






Frei wie ein Vogel -  Morgenandacht am Samstag, 21.8.10

OKR Cornelia Coenen-Marx; Hannover

„ In der Seele, in ihrer Mitte, steht ein Vogel auf einem Bein. Der Seelenvogel. Und er fühlt alles, was wir fühlen“: So beginnt ein wunderschönes Kinderbuch, das ich kürzlich für meine kleine Nichte gekauft habe.[1] Wenn uns jemand verletzt, tobt der Seelenvogel, er schlägt um sich und alles tut ihm weh. Da sieht man ihn mit eingezogenem Kopf ganz traurig auf beiden Beinen stehen. Aber wenn uns jemand lieb hat, macht er fröhliche Sprünge, hebt den Kopf und schwingt die Flügel. Und wenn uns jemand in den Arm nimmt, wird der Seelenvogel größer und größer, bis er uns fast ganz ausfüllt. Der Seelenvogel gehört zu uns wie unser Atem, obwohl ihn noch nie einer gesehen hat. Manche Menschen wissen gar nicht, dass er tief in ihnen lebt. Andere merken es nur ein oder zweimal im Leben und lernen erst spät, für ihn zu sorgen.

Das Kinderbuch erzählt, der Seelenvogel verberge Schubladen in seinem Gefieder- Schubladen für all die unterschiedlichen Gefühle, die Menschen haben können. Eine für Freude und eine für Trauer, eine für Wut und eine für Versöhnung. Er trägt einen Schlüssel um den Hals und öffnet die Schubladen mit seinem Fuß – der Seelenvogel steht ja meist nur auf einem Bein. Es gibt Menschen, bei denen der Vogel jeden Morgen die Freudenschublade öffnet- und wir lieben diese Menschen. Aber es gibt auch die anderen, die jeden Tag Trauer spüren oder Wut – ja, wir können in unseren Gefühlen gefangen sein, vor allem, wenn wir den Seelenvogel gar nicht kennen.

Mich hat dieses Kinderbuch sehr angerührt. Es ist eine alte und schöne Vorstellung, dass die Seele ein Vogel ist. Auf Bildern aus dem Mittelalter kann man sie sehen, wie sie hoch in den Himmel steigt, wenn ein Mensch stirbt. Frei wie ein Vogel. Endlich befreit von Sorgen, Ängsten, Wut und Trauer. Von allen Zwängen. Auch auf dem alten Diakonissenfriedhof in Kaiserswerth, wo ich einige Jahre gearbeitet habe, ist auf jedem Grabstein ein Vogel zu sehen, der zum Himmel fliegt - hunderte eingemeißelte Tauben im grauen Basalt fliegen den Sternen entgehen.

Theodor Fliedner, der Gründer der Kaiserswerther Diakonissenanstalt, der auch auf diesem Friedhof begraben liegt, nannte die Krankenschwestern und Erzieherinnen in der Diakonie gern „ Tauben Christi“. Er dachte dabei an die Geschichte von der Taube in der Arche Noah. Als das Wasser der Sintflut zurückwich, erzählt die Bibel, da ließ Noah einen Raben aus dem Fenster fliegen, der ausfindig machen sollte, ob schon etwas Grünes zu entdecken war. Aber er flog nur hin und her über das Wasser und kam zurück. Daraufhin schickte Noah eine Taube aus , aber auch sie kam unverrichteter Dinge zurück. Sieben Tage später aber, als er das Fenster der Arche noch einmal öffnete und wieder eine Taube fliegen ließ, da trug sie bei der Rückkehr einen Ölzweig im Schnabel. Ein Zeichen, dass die Sintflut vorüber war. Ein Hoffnungszeichen. So wie die Taube mit dem Ölzweig sollten Theodor Fliedners Krankenschwestern anderen Hoffnung machen, dass das Dunkel vorübergeht und wieder Licht in ihr Leben kommt.

Auch wenn sich alles um uns untergeht damals bei der Sintflut: Wir müssen nicht über unser Leben verzweifeln; wir sind nicht auf Gedeih und Verderb unseren eigenen Gefühlen ausgeliefert. Tief innen  sind wir frei – frei wie ein Vogel. Weil Gott uns liebt. Ich weiß, das ist leicht gesagt. Manchmal ist es unendlich schwer, sich aufzurichten und Hoffnung zu schöpfen. In körperlichen und seelischen Krankheiten, in aussichtslosen Lebenssituationen haben wir das Gefühl, dass die Wasser über uns zusammenschlagen. Dann brauchen wir andere, die uns Mut machen, die uns spüren lassen, dass wir geliebt sind – Krankenschwestern , Ärztinnen und Ärzte, Lehrer und Erzieherinnen . Menschen die uns den Ölzweig bringen, der von einem neuen Leben erzählt.

Das Bilderbuch hat Recht: der Seelenvogel wächst, wenn jemand uns umarmt. Liebe macht uns groß, Zuwendung lässt uns vor Freude springen. Wir können einander lösen aus Belastungen und schmerzhaften Erinnerungen. Einander Fenster und Türen öffnen, damit unser Seelenvogel zu den Sternen fliegt. Mitten im Leben - der Freiheit entgegen.


[1] Michael Snunit und Na´ama Golomb : Der Seelenvogel, Carlsen, Hamburg 1991

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