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Lust und Frust als Mitarbeiter im Garten Gottes
1. Mach Dich auf, lass Dich ein
In diesem Jahr feiert der Wickrather Gemeindeladen sein 25. Jubiläum. 1986 haben wir ihn in meiner damaligen Mönchengladbacher Kirchengemeinde gegründet - einen Stadtteilladen mit Bücherei und Cafe, mit Kleiderkammer und Sozialberatung, der von einem großen ehrenamtlichen Team zusammen mit einer hauptamtlichen Sozialpädagogin und einem Zivi geführt wurde. Begonnen hatte alles mit einer kleinen Arbeitsgruppe aus unserem damaligen Gemeindebeirat mit Engagierten aus Jugendarbeit und Frauenhilfe, dem Kindergarten und der Offenen Altenarbeit. Sie hatten die Vision, in der Fußgängerzone einen Treffpunkt der Gemeinde zu gründen: für Mutter-Kind-Gruppen und arme Familien, für ein Altenkaffee am Sonntag Nachmittag und sozialpolitische Projekte. Sie hörten davon, dass der Eigentümer eines Lebensmittelladens, ein Konfirmandenvater, den Laden, der über Generationen ein Treffpunkt gewesen war, dicht machen wollte, und begeisterten ihn von unserer Vision. Abende lang saßen wir zusammen und überlegten, wie man dieses Geschäft umbauen und geschickt einrichten könnte.
Und dann war es so weit: der Laden wurde eröffnet - und ich werde nicht vergessen, wie viele Menschen sich meldeten, um mitzumachen - Menschen, die bislang keinen Anknüpfungspunkt in der Gemeinde gefunden hatten. Frauen, die gern für andere Kaffee ausschenkten, anderen, die es liebten, in der Kleiderkammer zu verkaufen, sagten zu mir, sie könnten nicht gut reden und diskutieren aber Menschen ganz praktisch versorgen, das könnten sie. Ich denke an die Schuhverkäuferin, die arbeitslos geworden war und nun zu unserer Starverkäuferin in der Kleiderkammer wurde. Sie sah auf den ersten Blick, was anderen passte, was zu ihnen passte. Sie kleidete die Armen wie der Vater im Gleichnis den verlorenen Sohn. Und wir hatten wirklich schöne Kleidung aus den Sammlungen der Johanniterfrauen in Mönchengladbach.
Wenn die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Teamsitzungen von ihren Erfahrungen erzählten, standen mir oft die Werke der Barmherzigkeit vor Augen, die Diakonie ganz elementar beschreiben[1] Hungrige speisen, Kranke besuchen, Nackte kleiden, Durstigen zu trinken geben, Gäste beherbergen. In diesen einfach menschlichen Begegnungen können wir existenzielle, ja, religiöse Erfahrungen machen. Denn die Erschütterung durch die Bedürftigkeit anderer erinnert uns an die Bedürftigkeit unserer eigenen Seele; an das innere Kind, die Armut unseres Herzens, den Bettler in uns. In den Armen, so formuliert es die Bibel, können wir Christus begegnen- dem, der unser Leben erlöst , befreit und wendet. Wer anderen wirklich offen begegnet, der lernt auch, das eigene Leben mit anderen Augen zu sehen, und Belastungen ins Verhältnis zu den eigenen Chancen zu setzen. Wer bereit ist, die eigenen Kräfte einzubringen, der findet auch Zugang zu Kraftquellen, von denen er nichts wusste. Victor Frankl, ein jüdischer Psychotherapeut, hat diese Entdeckung im Konzentrationslager gemacht: Alles hängt davon ab, sagt er, ob wir einen Sinn in unserem Leben finden; ob unser Leben Bedeutung für andere hat und sei es nur für einen Menschen, den wir lieben. Es kommt darauf an, dass wir unseren Beitrag leisten uns sei er noch so klein - damit Güte und Gerechtigkeit sich ausbreiten. Wer darauf schaut, erträgt auch Demütigungen, an denen andere zerbrechen. Wir schöpfen Lebensmut daraus, dass wir nicht nur für uns selber leben.
Das war auch die Erfahrung der ehrenamtlich Engagierten im Gemeindeladen. Die allermeisten haben dort eine Aufgabe gefunden, die sie erfüllte. Drei Ehepaare organisierten im Wechsel das Cafe Efeu- einen Sonntagstreffpunkt für Ältere, für Einsame. Einige junge Frauen betreuten die Mutter-Kind-Gruppen, die damals wie Pilze aus dem Boden schossen. Daraus entstand ein Müttercafe, später ein Schulkindertreff am Mittag. Wieder andere organisierten die Gemeindebücherei, die dort für jedermann zugänglich war. Gemeinsam mit der Gemeindeschwester aus der Diakoniestation entstand ein Haushalts- und Botendienst mit geringfügig Beschäftigte, vorher arbeitslosen Frauen. Es gab die Frauen im Bistrodienst und die, die die Kleiderkammer versorgten. Und alle bildeten ein Team mit Dienstplan und Teambesprechungen, mit Bildungsangeboten und einem richtigen Abteilungsausflug. Da waren Männer und Frauen, die Frührentner oder arbeitslos waren sie drängten darauf, dass das Ehrenamt gut organisiert wurde. Und es gab auch die anderen , die über diese Erfahrung den Wiedereinstieg fanden in ihren Beruf. Da waren diejenigen, die in anderer Gestalt weiter führten, was sie an beruflichen Kompetenzen mitbrachten, die einfach „dran“ bleiben wollten an spannenden Themen und Entwicklungen, und die anderem, die im Gemeindeladen ihr Hobby zum Angebot für viele machten: So entstanden ein Quiltkurs und eine Umweltgruppe, die sich mit Libellen beschäftigten. Es gab Ehrenamtliche, die sich vorher schon in Gemeindegruppen engagiert hatten und die anderen, die so genannten neuen Ehrenamtlichen, die nur für einen Kurs, für einen Vortrag, für eine Waldwanderung einbrachten, was sie konnten. Damals feierten wir unsere Gemeindefeste auf dem Marktplatz oder in der Sporthalle und wenn sie dann ihre Angebote ausstellten, dann wurde die Halle zu einer Ehrenamtsbörse und neue ließen sich ansprechen.
„Mach dich auf, lass Dich ein“, das war und ist das Motto des Gemeindeladens. Das Symbol: ein offenes Fenster, eine offene Tür der Kirchengemeinde. Menschen kamen und gingen wieder, sie trafen sich und begegneten einander, sie vernetzten ihre Arbeit mit der Diakoniestattion und dem Kindergarten, aber auch mit der AWO und dem Caritas-Altenheim, mit dem Gewerbekreis und der Stadtverwaltung. Der Leiter des Sozialamts erschien und half, wenn die Mitarbeiterinnen verstehen wollten, wie Sozialhilfe funktionierte. Die Flüchtlingsberatung kam, als die Flüchtlinge aus Sri1Lanka oft Im Laden Tee tranken. Jeder, der ein Problem mitbrachte, war auch ein Anstoß, um mehr zu erfahren und mehr zu lernen. Und wenn es gut ging, gingen beide verwandelt in ihren Alltag zurück die Suchenden und die Mitarbeiter. Ich bin gespannt, wie das heute aussieht und werde es demnächst beim Jubiläum sehen. Denn der Laden wandelt sich mit den Menschen, die sich einbringen. Er ist ein lebendiger Raum, vielleicht wirklich eher ein Garten als ein Haus.
Ich war schon damals begeistert, wie viele verborgene Talente der Gemeindeladen hervorgezaubert hat, wie Blüten aus Blumenzwiebeln hervorsprießen. Ich glaube, dass in jedem etwas ruht, was ans Licht drängen will wir müssen aber auch eine Atmosphäre schaffen, in der es wachsen kann. Es ist sicherlich kein Zufall, dass bei Matthäus das Gleichnis von den anvertrauten Talenten gleich vor dem anderen vom großen Weltgericht kommt. Wer den eigenen Gaben nicht traut, wer sie also vergräbt und sich aus Angst selbst verschließt, der kann auch anderen nicht in Liebe begegnen. Und umgekehrt: wer anderen hilft, aus Verzweiflung und Not herauszufinden, wer Hungrige speist und Kranke besucht, der entdeckt auch die eigenen Talente. Wenn es ums Ehrenamt ginge, dann gebe es zwei Schlüssel, sagte mir kürzlich ein katholischer Kollege, der heute für die Kolpingarbeit zuständig ist: Zutrauen und Zulassen. Er erzählte von seinem Abschied aus der Gemeinde. Er habe damals ein Quiz machen müssen und eine Frau, die lange Kommunionmutter war, habe ihn gefragt, was seine ersten, ermutigenden Worte an sie waren. „Und“, habe ich gefragt, „haben sie das Quiz bestanden?“ Ja, klar sagte er ich habe immer den gleichen Satz gesagt, wenn jemand sich unsicher war: „Sie sind getauft und gefirmt sie können das“.
2.Bürgerschaftliches Engagement hat Konjunktur
Die soziale Struktur unserer Gesellschaft ist im Umbruch. Dafür gibt es viele Gründe: den demographischen Wandel, den Globalisierungsdruck, die Veränderungen der Erwerbsgesellschaft. Die Vorstellung, dass vor allem der Staat mit den Verbänden und Einrichtungen der Freien Wohlfahrtspflege, auskömmlich finanziert, dafür zuständig ist, sozialstaatliches Handeln professionell zu gestalten, trägt nicht mehr. Wir brauchen einen neuen Mix aus Professionalität und bürgerschaftlichem Engagement, aus bezahlbaren Leistungen und sozialem Einsatz - eine aktive Bürgergesellschaft.
Das Jahr 2011 ist das europäische Jahr der Freiwilligentätigkeit. Bund und Länder, Kirchen und Kommunen beschäftigen sich mit der Zukunft des Ehrenamts. Und überall werden Menschen ausgezeichnet, die sich besonderer Weise sozial engagieren; bei Tafelinitiativen und Mittagstischen für Kinder, in Mehrgenerationenhäusern, Kulturzentren, und Quartiersprojekten, bei den Grünen Damen oder in Jugendverbänden. Meist stehen dabei einzelne im Rampenlicht: die Initiatoren und Gründer eines Projekts oder auch Stifter aus der Industrie. Ich bin öfter bei solchen Preisverleihungen, auch als Mitglied der Jury des Deutschen Engagementpreises „ Geben gibt“, und ich spüre die Kraft und Energie, die von solchen Persönlichkeiten ausgehen kann. Auch wenn wir gewohnt sind, in festen Strukturen zu denken, und es normal finden, bei einer Kirchengemeinde oder einem Diakonischen Werk oder auch bei einem Verband nachzufragen, ob wir mitmachen und uns engagieren könnten- eigentlich fängt immer alles mit den Engagierten selbst an; mit ‘Wichern begann das Rauhe Haus, mit Cicely Saunders beginnt die Hospizbewegung.
Was wären Tageseinrichtungen und Schulen ohne ehrenamtliches Engagement? Was die Palliativstationen und Hospize ohne die Bereitschaft von Menschen, sich ihrer eigenen Sterblichkeit zu stellen, um das Leben neu zu entdecken? Wie sähe die Integration behinderter Kinder aus ohne den wunderbaren Einsatz der Eltern, die sie zur trotz vieler schmerzhafter Erfahrungen zur Welt gebracht und erzogen haben? Wer würde die Alzheimer-Erkrankung zum gesellschaftlichen Thema machen, wenn nicht die Angehörigen? Ob es um die Zukunft der Pflege geht oder um die Inklusion behinderter Menschen, um Armutsbekämpfung oder die Unterstützung junger Familien: Ehrenamtliche sind die “Detektoren” für neue soziale Notlagen und offene gesellschaftliche Fragen, sie bilden die Brücke zwischen Nachbarschaft und professionellen Dienstleistern im Quartier. Ein aktiver Sozialstaat braucht eine engagierte Zivilgesellschaft. In einer Umbruchsituation genügt es nicht, dass wir uns auf feste Strukturen verlassen, an Gegebenem anknüpfen. Immer wieder gilt es auch den Blick zu öffnen, genau hinzusehen, aus den eigenen Erfahrungen zu lernen und Neues zu beginnen. Die neuen sozialen Bewegungen von der Frauen - über die Hospizbewegung bis zur Tafelbewegung zeigen: Längst sind Menschen in diese Richtung unterwegs. Sie schließen sich zusammen - quer zu den alten, konfessionell oder weltanschaulich geprägten Verbändestrukturen.
Aber diese Veränderungen lösen auch berechtigte Sorgen aus. Viele fürchten, Ehrenamtliche könnten zum „billigen Jakob“ eines ausblutenden Sozialstaats werden. Der Streit um die Tafelbewegung spiegelt die Sorge, dass Gerechtigkeit durch Barmherzigkeit ersetzt werden könnte. Freie Wohlfahrtspflege, Jugend- und Frauenverbände fürchten, dass der Staat mit seiner nationalen Engagementstrategie die bestehende Vielfalt und Freiheit kanalisiert, um mehr Effektivität zu erreichen. Und Kirchengemeinden fürchten, dass der neue Wettbewerb ums Ehrenamt ihnen das Wasser abgräbt weil Menschen ihre Einsatzorte über Freiwilligenagenturen oder auch übers Internet finden. Und weil die neuen Bürgerbewegungen sich nicht an Traditionen und strukturelle Grenzen halten. Dabei sind die Kirchen wichtige Partner und Multiplikatoren, wenn es ums Engagement geht. Mit ihrer vielfältigen Verankerung im Stadtteil und ihren diakonischen Angeboten sind sie entscheidende Akteure zur Generierung sozialen Kapitals, wie wir das heute nennen.
3. Bürgerschaftliches Engagement in den Kirchen
Eine Studie für das bürgerschaftliche Engagement der Kirchen in Glasgow unter dem sprechenden Titel „The Salt oft he Earth“ ergab für das Jahr 2006, dass 315 Kirchengemeinden fast 2.400 Aktivitäten organisierten- in Bildung und Beratung, in sozialen Projekten und Kunstausstellungen wie auch in der Gesundheitsfürsorge. Dabei fand sich eine überproportional hohe Beteiligung der Kirchen in den Armutsquartieren. Auch andere Glaubensgemeinschaften leisteten einen überdurchschnittlich hohen Beitrag für den Zusammenhalt. Entscheidend ist, dass sie in der Lage sind, mit anderen zusammen Ziele zu setzen und zu akzeptieren, dass ihre Mitglieder sich nicht nur in der eigenen Organisation engagieren. Ich weiß, das ist nicht so einfach. Damals im Wickrather Gemeindeladen ist es zwar gelungen, aber wir hatten viel Arbeit damit, die „Gemeindehaus-Gemeinde“ und die „ Laden-Gemeinde“ zusammen zu halten. Manchen „treuen Seelen“ waren die Laden-Mitarbeiter nämlich ein bisschen suspekt: Die meisten waren vorher nicht in Gottesdiensten oder Gruppen aufgetaucht. Manche waren noch nicht einmal evangelisch. Und jetzt sollten sie plötzlich dazu gehören? Es hat gedauert und viel gemeinsame Planungsgruppen und Feste gebraucht, bis die allermeisten spürten: der Gemeindeladen war nicht der Vorgarten des Gemeindehauses , sondern eher eine bunte Blumenwiese mitten im Stadtpark. Mit ein paar Bänken, auf die sich auch Fremde setzen konnten. Wo die Zäune fehlen, da wachsen neue Chancen zur Begegnung.
Der Garten Gottes ist grösser als unsere Gemeinden. Er hat keine Mauern wie unsere Kirchen. Er erinnert an Eden. Wo Schuld vergeben werden kann und Versöhnung möglich ist. Wo Löwe und Lamm friedlich beieinander liegen. Gottes neue Welt, das Reich Gottes das ist die große Vision, die uns tröstet, wenn wir hinter Mauern gefangen sind, an der wir gemeinsam arbeiten. Jeder mit seinen Gaben und Talenten. Der eine pflanzt, der andere gießt aber wir machen es nicht dass die Blüten im Garten wachsen und gedeihen. So schreibt Paulus (1.Kor.3,6) an die Gemeinde in Korinth, als dort die einen meinen, sie wären eher Gemeinde als andere. Zu viel Angst und Enge können den Blick verstellen auf die, die sich auch aus ihrem Glauben heraus engagieren.
Von den etwa acht Millionen Freiwilligen in Deutschland sind nach Einschätzung von Prof. Thomas Rauschenbach, dem Direktor des Deutschen Jugendinstituts, der an den Freiwilligenuntersuchungen der Bundesregierung beteiligt war, ungefähr die Hälfte im Umfeld der großen Kirchen aktiv. In Kirchengemeinden und Diakonischen Einrichtungen, in Jugendverbänden und Frauengruppen. Im Hospiz und in der Tafel, in Kindergartenräten oder bei Freizeiteinsätzen. Nahezu jeder zweite arbeitet im kirchlichen Kontext. Leider beruhen solche Zahlen auf Schätzungen, da im Freiwilligensurvey weder die Konfessionszugehörigkeit der vielen zivilgesellschaftlich Engagierten in den Bereichen Jugend, Kultur und Soziales, noch die Trägerstrukturen in der Wohlfahrtspflege oder in Jugendverbänden differenziert erfragt werden. Wenn sich also Freiwillige aus den Kirchen in Jugend- oder Frauenarbeit oder in sozialen Einrichtungen engagieren, werden sie in diesen Untersuchungen nicht als kirchlich Engagierte gezählt. Soviel aber lässt sich sagen: die Zahl der ehrenamtlich Engagierten in den Kirchen ist stabil. Trotz aller Diskussionen um die Erosion der Institutionen beim Engagement punkten die großen Institutionen und Organisationen seit Jahren: Schule, Kirche und Kinder- und Jugendarbeit legen zu. Trotz aller Debatten um das so genannte „neue Ehrenamt“ ist klar: Engagement passiert nicht im luftleeren Raum. Ehrenamt braucht haltende Strukturen, einen Rahmen für Anregungen und Begleitung, Orte und Rituale, die Kristallisationskerne bilden. Die meisten Menschen brauchen einen Raum, in dem sie sich entfalten können- einen Ort wie den Gemeindeladen. Nicht jeder ist eben Wichern oder Cicely Sounders. Die meisten warten darauf, angesprochen zu werden.
Das freiwillige Engagement im Bereich „Kirche und Religion“ ist immer noch der drittgrößte Bereich nach „Sport“ und „Bildung“. Und wer sich im kirchlichen Kontext engagiert, hat in der Regel eine starke Kirchenbindung. 70% der engagierten Protestanten bezeichneten ihre Kirchenbindung als „stark“, 23 % als „mittel“.[i] Das mag auf den ersten Blick nicht verwundern - bemerkenswert ist aber, dass 51% der freiwilligen Aktivitäten in der gesamten Gesellschaft - also auch außerhalb der Kirchen und der kirchlichen Wohlfahrtspflege - von Menschen geleistet werden, die sich entweder „stark“ (20%) oder „mittel“ (31%) mit einer Kirche verbunden fühlen.[ii] Dabei unterscheiden sich Engagierte im Bereich der Kirche in ihren Motiven nur in geringem Maße vom Durchschnitt aller Engagierten. Sie alle wollen „die Gesellschaft zumindest im Kleinen mitgestalten“ (69% Protestanten gegenüber 66%) und „mit anderen Menschen zusammenkommen“. Ein Ergebnis des letzten Freiwilligensurveys allerdings sollte uns aufwecken: Die Zahl der Engagierten, die in der Kirche ihre „Haupttätigkeit“ haben, ist von 15% auf 12% gesunken, die, die ihre Zweittätigkeit in der Kirchen ausüben von 10% auf 25% massiv gestiegen. Auch das ist ein Hinweis darauf, dass es sich lohnt, mit anderen zu kooperieren. Die evangelischen Eltern im Kindergartenrat oder im Elternrat der Schule, der evangelische Vorsitzende der Feuerwehr, die Engagierten in der Tafelbewegung sind engagierte Christen- genauso wie die ‚Vorsitzende der Frauenhilfe und die Jugendmitarbeiter. Was können wir tun, um sie in ihrem Engagement zu stärken ? Und was, um neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu gewinnen ?
4. Ehrenamtliches Engagement heute Begriffe und Zahlen
Ich habe bislang die Begriffe Ehrenamt, Freiwilliges Engagement und zivilgesellschaftliches oder bürgerschaftliches Engagement nahezu parallel benutzt und tatsächlich werden sie alle im Kontext von Kirche und Diakonie verwandt. Der Streit darum löst sich aber aus meiner Sicht schnell auf, wenn wir nach der Perspektive und den Interessen fragen, mit denen die Begriffe besetzt sind oder werden. So wird im Kontext der freien Wohlfahrtspflege und also auch der Diakonie, die inzwischen in hohem Maße durch berufliche Mitarbeit bestimmt ist, lieber von Freiwilligem Engagement gesprochen, um die Aspekte von Selbstbestimmung, Freiwilligkeit und Gemeinwohlorientierung in den Vordergrund zu rücken. Im politischen Kontext wird im Zusammenhang mit einem neuen Verständnis eines aktiven Sozialstaats lieber von zivilgesellschaftlichem oder bürgerschaftlichem Engagement gesprochen. Und in den Landeskirchen aber dominiert zu neunzig Prozent der Begriff Ehrenamt. Damit werden, neben den anderen Aspekten, die Fragen von Verbindlichkeit, Verantwortlichkeit und Zusammenarbeit besonders betont.
Drei Faktoren bestimmen das Ehrenamt:
- Das Engagement ist der Ausdruck der eigenen, aktiven Gestaltung des Lebens entscheidend ist hier das Prinzip der Selbsttätigkeit,
- Das Engagement erfolgt freiwillig, also aus intrinsischen Motivation, ohne Zwang aber auch ohne monetäre Gratifikation und schließlich:
- Gleichwohl ist das Engagement in Strukturen verankert und darin verbindlich und verantwortlich sei es formal im Sinne eines Wahlamtes, sei es in persönlichen Absprachen in Gruppen und Netzwerken.
Wer die Forschung über ehrenamtliches Engagement in der Kirche nach Alter, Geschlecht, Bildung und sozialem Status analysiert, der wird feststellen: Die Potenziale zur Ausweitung in andere Zielgruppen sind erheblich. Wie groß das ungenutzte Engagementpotenzial allgemein ist, zeigt auch der 3. Freiwilligensurvey eindrücklich: Bei allen Nichtengagierten sind es 32%, bei nichtengagierten Jugendlichen 43%, bei nichtengagierten Arbeitslosen 48%, die bereit wären, sich zukünftig zu engagieren.[iii] Berücksichtigt man neben diesem „externen“ noch das „interne“ Engagementpotenzial, also die Bereitschaft der schon Engagierten ihr Engagement zu erhöhen, dann wird klar, wie sinnvoll jede Anstrengung ist, das mögliche in ein wirksames und wirkliches Engagement zu verwandeln.
Auf folgende Aspekte möchte ich besonders hinweisen:
- a) Das freiwillige Engagement in Kirche, Diakonie und Caritas ist noch immer Frauensache oft auch Hausfrauensache: 70 Prozent der Ehrenamtlichen der Caritas sind Frauen, 56 Prozent davon 60 Jahre oder älter.[iv] Entsprechend gering ist mit 31 Prozent der Anteil der Berufstätigen.[v] Und im evangelischen Bereich sieht es nicht anders aus. Während im Durchschnitt aller Bereiche 55% Männer engagiert sind, sind es bei uns nur 35%[vi]; und viele Männer haben den Eindruck, dass ihr berufliches Wissen aus anderen Lebensbereichen in der Kirche nicht wirklich gefragt sei. Wo sie allerdings ein kirchliches Ehrenamt haben oft in Leitungsgremien da haben sie auch den Eindruck, ausreichend mitgestalten zu können.
- b) Frauen dagegen finden die Mitbestimmungsmöglichkeiten in der Kirche nicht wirklich zufriedenstellend. Auf die Frage, ob sie ausreichende Mitgestaltungsmöglichkeiten hätten, antworten 74% aller Befragten mit Ja - aber nur 61% der katholischen und 65% der evangelischen Frauen.[vii] Die Caritas-Studie weist auf ein wichtiges organisationsdynamisches Problem der Ehrenamtsarbeit hin: Die Freiwilligen sind zwar sehr zufrieden mit der Zusammenarbeit zwischen ihnen und den Hauptamtlichen. Vor allem schätzen sie deren Hilfe und Ansprechbarkeit. „Allerdings haben nur 30 Prozent der Freiwilligen das Gefühl, dass sie für die Hauptamtlichen auch gleichberechtigte Partner sind. Nach ihrem Eindruck werden sie vor allem als Helfer(innen) gesehen, die die Hauptamtlichen entlasten, beziehungsweise deren Tätigkeit ergänzen. Diese Einschätzungen decken sich weitgehend mit den Ergebnissen einer ergänzenden Befragung von Hauptamtlichen: Nur jeder Zweite sieht die Ehrenamtlichen als gleichberechtigte Partner.“[viii]
- c) Die Altersgruppe der über 65jährigen ist im kirchlichen Ehrenamt deutlich überrepräsentiert (22%; alle Bereiche: 13%)“.[ix] Übrigens ist auch bei den 14 - 30-jährigen eine deutliche Zunahme (nämlich um 2,5%) zu verzeichnen. Die wichtige Altersgruppe der 31 - 45jährigen aber ist unterrepräsentiert nämlich mit nur 24% gegenüber 32% in allen Bereichen freiwilligen Engagements. Hier finden wir die Eltern, die sich eher im Kontext Schule und Sport engagieren, aber auch die Generation derer, die schon als junge Leute aus der Kirche ausgetreten sind. Es ist deshalb richtig, dass auch die Kirchen den Blick auf Chancen der dritten Lebensphase richten, wie es jetzt viele tun - denn auch Ältere schauen heute sehr wohl darauf, ob ihre Kompetenzen und Erfahrungen im Ehrenamt zum Zuge kommen. Zugleich aber müssen wir eben auch auf die Anknüpfungspunkte in der Konfirmandenarbeit achten ,die Zusammenarbeit mit Schulen im Blick haben, Freiwilligendienst fördern und für den beruflichen Einstieg fruchtbar machen und in unseren Fortbildungsprogrammen auf die Kompetenzen achten, die auch in anderen Bereichen weiter helfen
- d) Und schließlich ist bürgerschaftliches Engagement in Deutschland ist grundsätzlich stark an einen hohen Sozial- und Bildungsstatus gekoppelt. Formal besser Gebildete sind deutlich überrepräsentiert. 50 % aller Tätigkeiten werden von Menschen mit hohem Bildungsstandards ausgeführt in der evangelischen Kirche aber sind es sogar 57% und immerhin 52% der protestantischen Engagierten (gegenüber 44% im Durchschnitt) stuften ihre finanzielle Situation im Jahr 2004 als sehr gut oder gut ein.[x] „Zugang zum Ehrenamt finden vor allem diejenigen, die finanziell abgesichert, gebildet und familiär gebunden sind“, stellt auch die EKD-Synode fest. „Das gilt auch und gerade für das Ehrenamt der evangelischen Kirche. Die Kirche sieht die Aufgabe, die Bereitschaft zum Ehrenamt in allen gesellschaftlichen Gruppen zu stärken. Dazu gilt es, Hindernisse zu beseitigen, die zum Beispiel Geringverdienenden, Arbeitslosen oder Migranten den Zugang zum Ehrenamt erschweren.“
- e) Und schließlich: der Zugang zum Ehrenamt muss für alle offen sein. Dabei ist zu bedenken: 54 Prozent aller, die ein Engagement übernehmen, waren schon früher einmal engagiert. Ehrenamtliches Engagement wird gelernt und trainiert auch für andere Aufgabenbereiche: Von denen, die sich ehrenamtlich engagieren, geben 88% gegenüber 69% an, sie hätten schon einmal eine größere Aufgabe im Team bearbeitet, 77% gegenüber 53% sagen, sie hätten andere schon einmal ausgebildet oder trainiert, und 56% haben gegenüber 27% haben schon einmal eine Rede vor mehr als 30 Personen gehalten. Im Ehrenamt lernen wir, in Gremien zu arbeiten (41% gegenüber 12%) und größere Veranstaltungen zu organisieren. Nun ist es jedoch nicht so, dass sich diese Effekte im learning bei doing von selbst einstellen. Vielmehr setzt die erfolgreiche Arbeit zum Beispiel persönliche und fachliche Kompetenzen voraus. Ehrenamtliche, die darüber nicht in ausreichendem Maße verfügen, geben schnell frustriert auf. Die Qualifizierung, Ausbildung und Begleitung spielt deshalb eine wichtige Rolle. Das unterscheidet die Kirche nicht vom Roten Kreuz oder von der Feuerwehr.
5. Ehrenamtlich in die Zukunft ?
Wie in der politischen Debatte die Bürgergesellschaft neu entdeckt wird, weil der Sozialstaat nicht mehr alle Erwartungen erfüllen kann, so wird nun in der Kirche das Ehrenamt neu entdeckt. DAs zeigen Reform- und Zukunftspapiere von EKD und Landeskirchen. In Hessen-Nassau, Sachsen und Mecklenburg wurden Ehrenamtsakademien gegründet, in mehreren Kirchen wurden Ehrenamtsgesetze verabschiedet, in Rheinland und Westfalen landesweite Ehrenamtspreise ausgelobt und in Hannover oder der Pfalz Haupt- und Ehrenamtliche systematisch, Kirchenkreis für Kirchkreis im Freiwilligenmanagement weitergebildet. Das Zukunftspapier „Kirche der Freiheit“, das die Evangelische Kirche in Deutschland im Sommer 2006 herausgab, formuliert: „Die Gewinnung, Begleitung und Qualifizierung von Ehrenamtlichen gehört für die evangelische Kirche zu den wichtigsten Zukunftsaufgaben. Die Zahl der ehrenamtlich Engagierten im Verhältnis zu der Gesamtzahl der Kirchenmitglieder sollte deutlich erhöht werden.“[2]
Dahinter steht die Erwartung, dass die Kirche der Zukunft, wie es die Perspektive 2030 der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau formuliert, „kleiner, älter, ärmer an Geld und an hauptamtlichem Personal sein wird“. Nach dem Ausbau professioneller und funktionaler Dienste, nach der Ausdifferenzierung der Fachlichkeit in den 60-er und 70-er Jahren des vorigen Jahrhunderts steht nun bei rückläufigen Kirchensteuern und staatlichen Mitteln der Stellenabbau auf der Tagesordnung. Darin unterscheiden sich die steuerfinanzierten Kirchen nicht von anderen Teilen des öffentlichen Dienstes, der ebenfalls seine Aufgaben zugunsten von Sozialmarkt und Zivilgesellschaft abgebaut hat. Die kirchlichen Fachhochschulen spüren es genauso wie die Frauenverbände oder die gemeindliche Jugendarbeit wo nicht fusioniert oder geschlossen wird, lautet die Frage: „Welche notwendigen, unverzichtbaren Aufgaben können Freiwillige übernehmen?“ Werden also die Ehrenamtlichen nun auch noch zum billigen Jakob der ausblutenden Volkskirche?
In den letzen Jahrzehnten waren Kirche und kirchliche Verbände sehr stark von Hauptamtlichen bestimmt. Gute Steuereinnahmen, ein stark ausgeprägter Sozialstaat, die Refinanzierung von Jugendmitarbeiter- und Sozialarbeiterstellen ließen eben auch die Zahl der Hauptamtlichen in der Kirche wachsen. Im Verhältnis zu anderen Ehrenamtsbereichen wie Sport oder Kultur haben Ehrenamtliche in der Kirche besonders viele hauptamtliche Ansprechpartner. Es wäre aber ein Trugschluss zu glauben, man könne bei rückläufiger Finanzierung einfach Hauptamt durch Ehrenamt ersetzen. Denn es ist eben etwas anderes, irgendwo mit zu machen oder etwas selbständig zu tragen. Wenn die Zahl der Hauptamtlichen zurück geht, werden sich die Strukturen verändern und auch das Denken wird sich verändern. Das muss aber nicht negativ sein. Denn auch die Ehrenamtlichen selbst verändern sich, wie wir aus allen Untersuchungen wissen. Die so genannten „neuen Ehrenamtlichen“ brauchen Freiräume für eigene Gestaltungsmöglichkeiten und für ein zugleich sinnvolles wie selbstbewusstes Tun, das sie in der Erwerbsarbeit oft vermissen. Sie erwarten Wertschätzung, Zertifikate und Auslagenersatz, klare Vereinbarungen und geklärte Kompetenzen, Fortbildungsangebote und Mitsprachemöglichkeiten.
In diesen Erwartungen wird sichtbar, dass mehr und mehr Brücken, auch biographische Brücken zwischen Ehrenamt und Beruflichkeit gebaut werden. Ehrenamtliche Frauen nach der Kinderphase suchen über Ehrenamt den Wiedereinstieg, Frührentner im Senior Service bringen ihre Kompetenzen ein. Die alte Trennung, in der man den Hauptamtlichen die Professionalität und den Ehrenamtlichen einen Helferstatus zuwies, funktioniert nicht mehr. Ehrenamtlichkeit: das ist eben auch Leitung von Organisationen, Entwicklung von Kompetenzen im lebenslangen Lernen, Bildung und Teamentwicklung, die früher oder später wieder beruflich genutzt werden kann. Die evangelische Kirche in Württemberg hat deshalb ein Projekt zum Ehrenamt in ihrer Personalabteilung angebunden und macht damit deutlich: eine Kirche, in der die Zahl der Ehrenamtlichen wächst und der Hauptamtlichen abnimmt, braucht neue Strukturen auch in ihren Ämtern und Verwaltungen. Kostenlos ist das alles nicht zu haben: schon jetzt wird sichtbar, dass die Versicherungsleistungen für Ehrenamtliche exponentiell steigen, während die für Hauptamtliche abnehmen.
Ohne Ehrenamtliche kann die Kirche ihren Auftrag nicht erfüllen ohne Hauptamtliche aber lassen sich Strukturen und Angebote nicht nachhaltig aufrecht erhalten. Engagement braucht Andockpunkte, anregende und begleitende Strukturen, fachliche Impulse und Unterstützung sowie einen fördernden Rahmen also Räume, Finanzen, gesetzliche Grundlagen und Dienststellen. Die absehbaren Einschnitte bei hauptberuflichen Fachkräften gefährden deshalb auch die Gewinnung, Begleitung und Qualifizierung von Ehrenamtlichen. Deswegen betonen zur Zeit alle kirchlichen Stellungnahmen, dass Ehrenamtliche keine Lückenbüßer-Funktion haben dürfen. Wir müssen vielmehr darüber nachdenken, wie unsere Strukturen von morgen aussehen können.
Das Balancebrett
Einmal im Jahr findet in der EKD die so genannte Ehrenamtsreferenten-Konferenz statt - ein gemeinsames Treffen der Verantwortlichen in Landeskirchen, Ämtern und Werken, zu dem Haupt- und Ehrenamtliche aus Kirchen, Verbänden und den diakonischen Werken kommen. Vor einem Jahr haben wir uns in Hannover mit der Frage beschäftigt, wie sich die Balance zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen entwickelt. Wir haben dazu einen kleinen Kurzfilm gesehen, der kleine Männchen auf einem Wackelbrett zeigte .Einige standen locker in der Mitte, einige am Rand. Sobald sich aber einer bewegte, veränderte sich die Statik des Bretts wie einem Boot auf den Wellen oder bei einer Wippe auf dem Spielplatz. Lehnt sich einer rechts raus, muss der andere auf die andere Seite wechseln, wenn er nicht herunterfallen will. Ein schönes Spiel, solange die Wellen nicht zu hoch werden. Es machte Spaß, bis dass jemand einen Schatz auf das Wackelbrett stellte den Schatz, um den nun alle zu rangeln begannen. Sportlich zunächst, und dann erbittert. Da ging es darum, die eigene Position geschickt so stark zu machen, dass andere hinten runter fielen. Sie können sich vorstellen, wie das aussah. Übrigens hat am Ende des Kurzfilms der einzige Überlebende auch den Schatz verloren - mit den anderen war er in den Wellen verschwunden.
Manche erleben die Situation in der Kirche gerade so. Vieles dreht sich um die Frage, wohin die knapper werdenden Ressourcen umgeschichtet werden. Wenn wir es ernst meinen mit der Gewinnung, Fortbildung und Begleitung Ehrenamtlicher, mit Freiwilligenmanagement, Mitsprache, Kontrakten und Versicherungen, mit Preisen und Modellen, dann kostet das weit mehr, als im Augenblick für die Ehrenamtsstellen in Landeskirchen und Verbänden ausgegeben wird. Bis auf wenige Kirchen mit ausgebauten Ämtern oder Akademien handelt es sich dabei zumeist nur um Stellenanteile. Das bedeutet notwendig Umbau und Einsparungen anderswo. Und was im Blick auf die landeskirchliche Ebene noch sehr abstrakt klingt, das zeigt sich in den Gemeinden in schmerzhaften Veränderungsprozessen. Küsterstellen, Gemeindesekretärinnen, Jugendmitarbeiterstellen werden zusammengelegt oder gestrichen; Dequalifizierungsprozesse sind im Gang, während wir Qualitätsdebatten führen. Und Pfarrerinnen und Pfarrer fragen sich, ob ihr Berufsbild sich nun in Richtung Ehrenamtsmanagement verändern muss, weil sie die einzigen verbleibenden Hauptamtlichen sind.
Auf der Ehrenamtsreferenten-Konferenz, von der ich berichte, haben wir uns bildlich vor Augen geführt, mit welchen Haupt- und Ehrenamtlichen wir es in den Gemeinden zu tun haben: da sind die Ehrenamtlichen im sozialen oder kulturellen Ehrenamt Frauen- und Jugendarbeit, bei Tafeln und Hausaufgabenhilfe oder im Kindergarten. Aber auch die, die als Gemeindeglieder ihre geistlichen Gaben einbringen- im Chor und Kindergottesdienst oder auch im Besuchsdienst und auch die Gemeindeglieder, die sich aus ihrem Glauben heraus an anderen Stellen engagieren: in Diakonie oder AWO, beim Fußballverein oder in der Schule. Wir haben sie oft zu wenig im Blick, dabei sind sie die Brücken in die Zivilgesellschaft. Und da sind die Ehrenamtlichen im Kirchenvorstand, die gemeinsam mit dem Pfarrer/der Pfarrerin über Gemeindekonzepte, also auch über Haupt- und Ehrenamt entscheiden.
Und dann ist da der hauptamtliche Pfarrer/die Pfarrerin, der oder die angesichts des Abbaus anderer beruflicher Mitarbeiter mehr und mehr nach den eigenen Kernkompetenzen fragt. Und schließlich die verbleibenden Sozialpädagogen und Diakone, die ein neues Selbstverständnis entwickeln sollen: Sie sollen Ehrenamtlichkeit stärken, Dienstleister sein, auf Augenhöhe kooperieren. Das Problem ist nur: sie haben selbst erhebliche Existenzängste. Und sie fragen: haben Pfarrer und Ehrenamtliche in der Leitung das im Blick? Könnten die Ehrenamtlichen in den Kirchenvorständen sich selbst auch als Fördernde für Ehrenamtsentwicklung verstehen z.B. so, dass einer die Familienarbeit im Blick hat und einer die Pflege oder die Jugendarbeit, je nach Interesse und Herkommen? Brauchen wir nicht ein ganz neues Verständnis von Kirchenvorstandsarbeit ?
Vielleicht können uns die Auslandsgemeinden dabei Anregungen geben. Denn die deutschsprachigen evangelischen Gemeinden im Ausland sind zumeist Vereine, die von Ehrenamtlichen getragen werden und ihre Hauptamtlichen zu großen Teilen selbst finanzieren müssen. Oft sind sie darauf angewiesen, in den Wohnzimmern der Gemeindeglieder oder auch in Kirchen anderer Konfessionen Gottesdienst zu feiern, von Industrie- und Handelskammern Büroräume anzumieten, die Schulen als Zentren zu nutzen. Da werden die Netze gebraucht, die die Ehrenamtlichen mitbringen, ihre Kompetenzen aus der Wirtschaft sind der Schlüssel für stabile Haushalte, und natürlich braucht es Menschen, die in der Lage sind, die Gottesdienste aufrecht zu erhalten, wenn der Pfarrer fehlt. Davon sind wir noch weit entfernt- und mancher wird sich fragen, ob wir uns eine solche Situation wünschen wollen. Aber eins ist klar: in gut funktionierenden Auslandsgemeinden werden alle Kontakte der Gemeindeglieder genutzt. Und Mitgliederwerbung ist eigentlich selbstverständlich denn automatisch gehört keiner mehr dazu.
Hierzulande haben viele Ehrenamtlich den Eindruck, dass die Strukturveränderungen in den Kirchen vor allem die Veränderung der hauptberuflichen getragenen Organisation im Blick haben. Gerade die jüngeren Ehrenamtlichen verstehen sich aber nicht mehr als Zuarbeiter von wohlfahrtsstaatlichen Organisationen oder als ehrenamtliche „Helfer“ der Kirchen. Anders als im beruflichen Kontext, wo Macht und Hierarchie immer eine Rolle spielen oder auf dem Markt, wo alle Leistung einen finanziellen Gegenwert hat, geht es aber im Ehrenamt darum, sich persönlich einzubringen und sich mit dem eigenen Tun zu identifizieren. Nicht nur die staatlichen, auch die kirchlichen Versuche, Engagement zu kanalisieren, um es angesichts knapper Ressourcen effektiver zu gestalten, müssen deshalb an Grenzen stoßen. Auf diesem Hintergrund haben sich die Teilnehmer der Ökumenischen Ehrenamtstagung in Köln im Januar 2009 mit den Reformprozessen in den Kirchen auseinander gesetzt. Sie forderten eine stärkere Beteiligung der Engagierten an Entscheidungsverfahren über die Zusammenlegung von Seelsorgebezirken und Kirchenkreisen. Da war viel Ohnmacht und Frust im Raum auf evangelischer wie auf katholischer Seite: Dabei gilt für beide Kirchen: das Engagement in überschaubaren, lebensweltlichen Kontexten macht ihre Stärke als zivilgesellschaftlicher Akteur aus.
6. Eine Vision
Zu der Ehrenamtsreferenten-Konferenz, von der ich erzähle, hatten wir je einen Repräsentanten/eine Repräsentantin aus dem Pfarramt und aus anderen kirchlichen Berufsgruppen, aus dem sozialen Ehrenamt sowie aus dem Leitungsamt gebeten, ihre Vision 2030 darzustellen. Dr. Viva Volkmann, Mitglied des Leitungsgremiums der EKD-Synode und noch ganz inspiriert von der letzten Synode sagte dazu: „Im Jahr 2030 bin ich zwei Jahre im Ruhestand und werde in drei Jahren mein 40jähriges Dienstjubiläum als Ehrenamtliche in der Domgemeinde in Verden begehen und dazu einladen. Die neue Generation von Pastoren, die seit fünf Jahren die vakanten Stellen in Verden eingenommen haben, wird von den Ehrenamtlichen mit ständig neuen Ideen und Projekten gefordert. Es ist inzwischen gelungen, die dritte Diakonenstelle mit Drittmitteln zu finanzieren. Die Mehrheit der Kirchenvorsteher hat sich für Diakone statt Pastoren entschieden. Diakone sind deutlich teamfähiger und verhalten sich damit kooperativer im weiteren Wandlungs- und Reformprozess.
Die einzelnen Pfarrämter sind aufgelöst und zu einem Gottesdienstteam aus Pastoren, Diakonen, Prädikanten, Lektoren und Kirchenmusikern zusammengelegt. In den Teams sind alle gleichberechtigt für Verkündigung und Sakrament zuständig und verantwortlich. Die Mitarbeitervertretung ist inzwischen eingeteilt in eine Kammer für Hauptamtliche und eine Kammer für Ehrenamtliche. Beide Kammern streiten mit dem Pastorenausschuss über die Ordination, welche Qualität diese in den Fragen des Dienstrechts überhaupt noch haben soll. Die zunehmende Abnahme Hauptamtlicher (- 60% seit 2010) lässt die Frage an Schärfe gewinnen.
Die Strukturen der so reformierten Kirche bieten einen wichtigen Impuls zum Abbau obrigkeitlicher Strukturen. Der neue leitende Präses i.E. unserer Landeskirche hatte zu dem Motto aufgerufen: „Das Ehrenamt und die Kirchengemeinden dürfen endlich mündig werden.“ Gelingen konnte dieser Wandel nur durch die Einsicht, einen missionarischen Aufbruch in der ganzen Stadt in Gang zu setzen.
Ehrenamtliche kämpfen allerdings noch immer für eine Anerkennung von Ehrenamtszeiten in der Rentenversicherung (vergleichbar den Familien-, Erziehungs- und Pflegezeiten). Dies ist besonders schwierig vor dem Hintergrund der virtuellen Ehrenamtlichen, die im web 5.0 ohne Anwesenheit Leistungen erbringen, ohne in den Gemeinden sichtbar zu sein. Dies hat in der jüngsten Vergangenheit reichlich Konfliktstoff mit den Älteren gegeben, die das web 5.0 aus der Kirche verbannen wollen. Ehrenamt sei immer mit Präsenz verbunden und könne nicht virtuell geleistet werden.“
7. Die WIR-AG
Diakonie und Kirche in Bayern haben vor zwei Jahren ein Projekt unter dem Thema die „ Wir AG“ gestaltet. Ein Bus fuhr durch Städte und Dörfer und regte gemeinsame Projekte an. Und auch der dritte Freiwilliensurvey zeigt einen deutlichen Wertewandel von der Spaßgesellschaft zur Wir-Orientierung. Menschen engagieren sich ganz bewusst für das Gemeinwohl. Nicht im Sinne eines selbst vergessenen Altruismus, sondern in dem Bewusstsein, dass es uns selbst etwas bringt, wenn wir etwas Sinnvolles tun nämlich Freude, Lebenssinn, aber auch Kompetenzen und Qualifikation. Dabei ist die Frage, welche Qualifikation das Ehrenamt bringt und ob es auch einen beruflichen Nutzen hat, natürlich für Jüngere wichtiger als für Ältere. Wer in der dritten Lebensphase ist, dem macht es vielleicht Freude, seine erworbenen Qualifikationen an Jüngere weiter zu geben, sich in einem Senior-Service zu engagieren oder auch Kinder und Jugendliche mit einer Lesepatenschaft oder einer Ausbildungsbegleitung zu unterstützen. Sie haben große Freude an solchen Projekten, die alle Generationen zusammen bringen.
Die Lektüre des 3. Freiwilligensurveys zeigt:. Der öffentliche Raum, die Nachbarschaft, der Stadtteil, das Dorf wird wieder wichtiger. Die gestiegene Mobilität dünnt die familiären Netze aus. Die Unterstützungsleistung im engeren Umfeld sind in den letzten 10 Jahren von 74% auf 64% gesunken. Freundeskreise vor Ort werden schwächer. Das ist ein wichtiger Grund dafür, dass eben auch Neuzugezogene sich in der Nachbarschaft engagieren, in Elterninitiativen mitmachen oder sogar neue Vereine gründen. Wer kleine Kinder hat, sucht nach Menschen, die unkompliziert bereit sind, gemeinsame Interessen wahrzunehmen. Wer älter ist, sucht einen Platz, an dem er nicht vereinsamt. Letztlich sucht jeder von uns einen Ort, wo die eigenen Fähigkeiten und Begabungen zum Tragen kommen können. Wo man uns wiedererkennt, wo wir Menschen treffen, mit denen wir uns verständigen können, ohne immer wieder von vorn anzufangen. Wir wünschen uns eine Nachbarschaft, in der man einander hilft.. Und dabei spielt die Kirche eine wichtige Rolle genauso wie die Vereine oder auch die Kneipen und Cafes.
„Gehen Sie an einem festen Tag, zu einer festen Uhrzeit in ein Cafe und lesen dort ein Buch oder eine Zeitung. Wiederholen Sie dies jede Woche oder öfter, aber immer zu selben Zeit am selben Ort, schaffen Sie sich Ihr Ritual. Sie werden feststellen, dass sich etwas verändert. Das Wahrnehmen unserer Umgebung ist von ihrer Veränderung abhängig. Wenn wir also zur selben Zeit am selben Ort sind, stellen wir fest, dass doch nicht alles immer gleich und trostlos ist, wir nehmen es nur zu selten wahr. Außerdem hat das Ritual einen sozialen und kommunikativen Effekt. Man wird Sie schnell als Stammgast erkennen, vielleicht lernen Sie andere Menschen kennen. Sie entwickeln ein Gefühl des Heimischen, das nichts mit Ihrer Wohnung zu tun hat. Dadurch entsteht ein anderer Blick auf Sie selbst, das Umfeld, die eigene Bedeutung und die Mitmenschen und die Stadt, in der man lebt“. Diese Idee ist eine von vielen aus dem wunderbaren Bändchen „Von wegen nix zu machen“ von Franz Meurer, Jürgen Becker und Martin Stankowski. Ein Vademecum ehrenamtlichen Engagements. Franz Meurer ist übrigens katholischer Pfarrer in Köln Höhenberg-Vingst.
Genau das habe ich in meinem Gemeindeladen gelernt und geübt. Ich saß dort jeden Mittwoch Nachmittag im Kaffee und wartete, was geschah und wer mit mir sprechen wollte. Da kamen Arbeitslose und Witwen, pflegende Angehörige und Bauarbeiter. Ich hörte Geschichten, die ich im Pfarrhaus selten hörte. Und lernte Menschen kennen, die in die Gemeinde nicht kamen. Aber viele davon gehörten eben auch zur Gemeinde. Sie kamen mit ihren Problemen und mit ihren Gaben, viele gingen wieder. Manche blieben und engagierten sich. Gerade die, die ihren Platz verloren haben, wollen sich verwurzeln, und sei es nur auf Zeit. Der Freiwilligensurvey zeigt: Wer einmal gelernt hat, sich einzubringen, der nimmt dieses Wissen mit. Der zieht gestärkt weiter.
Deshalb glaube ich: das wichtigste ist, dass wir uns darin üben, das scheinbar Bekannte mit neuen Augen zu sehen- die Not der anderen und ihre Gaben. In Kirchengemeinden werden Probleme an uns herangetragen, die noch keiner beschrieben hat, geschweige denn, dass es schon Hilfsangebote gibt. Wir können aber auch Kräfte entdecken, die noch keiner beschrieben hat. Aus solchen ehrlichen Begegnungen erwachsen neue Ideen und kreative Projekte. Manche sind erfolgreich, andere verlaufen im Sande. Aber das schadet nicht. Du muss den Menschen nur etwas zutrauen, Du musst zulassen, dass manches gelingt und anderes eben verblüht. Wie in einem Garten. Auch Gemeinden haben Jahreszeiten. Genau darin erneuern sie sich. Vielleicht darum feiert mein alter Gemeindeladen jetzt sein 25-jähriges. Und ich bin gespannt, was daraus geworden ist.
Cornelia Coenen-Marx, 12.2.11, Schöppenstedt
Cornelia Coenen-Marx, OKR
[2] Kirche der Freiheit, Perspektiven für die evangelische Kirche im 21.Jahrhundert, Ein Impulspapier des Rates der EKD, Hannover 2006
[i] Grosse Studie des Sozialwissenschaftlichen Instituts zur Auswertung des 2. Freiwilligensurveys., S. 9 und S. 36
[ii] Grosse a.a.O., S. 10
[iii] Freiwilliges Engagement in Deutschland 19992004. Ergebnisse der repräsentativen Trenderhebung zu Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und bürgerschaftlichem Engagement. Durchgeführt im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. München 2005, S. 15f und S. 213ff
[iv] Süßlin nennt gar eine Frauenquote von 79% bei den ehrenamtlich Aktiven der Caritas. (Siehe: Werner Süßlin: Wer engagiert sich warum bei der Caritas? In: neue caritas 9/2007)
[vi] Grosse: a.a.O., S. 10
[vii] Grosse: a.a.O., S. 13
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