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EKD Pressemitteilung 77/2012

Horst Symanowski –
eine prägende Gestalt des Protestantismus im 20. Jahrhundert

„Neues schaffen heißt, Widerstand leisten. Widerstand leisten, heißt Neues schaffen. So endet Stephane Hessels Aufruf „ Empört Euch“, den in den letzten Wochen unzählige junge Menschen gelesen haben. Nicht nur in Frankreich, wo die Jugendarbeitslosigkeit bei 25.Prozent liegt, sondern auch in Spanien, wo jeder zweite junge Mensch keine berufliche Perspektive für sich sieht. Bei denen, die in den Zeltstädten Widerstand leisten, aber auch bei denen, die als Steuerzahlerinnen und Steuerzahler mit Recht dagegen aufbegehren, dass sie die Rettungsschirme für die Spekulationen des Finanzkapitals aus ihrer Arbeit finanzieren. „Das im Westen herrschende materialistische Maximierungsdenken hat die Welt in eine Krise gestürzt, aus der wir uns befreien müssen“, schreibt Hessel.“ Wir müssen radikal mit dem Rausch des „Immer noch mehr“ brechen, in dem die Finanzwelt, aber auch Wissenschaft und Technik den Sprung nach vorn angetreten haben. Es ist höchste Zeit, dass Ethik, Gerechtigkeit und nachhaltiges Gleichgewicht unser Anliegen werden.“[1]

Sehr geehrte Damen und Herren, es ist kein Zufall, dass in diesen Tagen die Jahrhundertmenschen gefragt sind. Stephan Hessel mit seinen 93 Jahren ist nur wenig später geboren als Horst Symanowski, der 2003 mit knapp 92 Jahren zusammen mit seiner Frau Ilse von Yad Vashem als „ Gerechter der Völker“ ausgezeichnet wurde. Was Stephan Hessel zur materialistischen Krise sagt, das hätte auch von ihm kommen können. Und wie Symanowski hat Hessel sich national wie international, sozial-  wie wirtschaftspolitisch und gegen jede Ausgrenzung engagiert. „ Wenn man sich über etwas empört, wie mich der Naziwahn empört hat, wird man aktiv, stark und engagiert“, schreibt Hessel. „ Man verbindet sich mit dem Strom der Geschichte, und der große Strom der Geschichte nimmt seinen Lauf aus dem Engagement der Vielen- zu mehr  Gerechtigkeit und Freiheit, wenn auch nicht zur schrankenlosen Freiheit des Fuchse im Höhnerstall.“

Das sind Worte, die ähnlich auch von Symanowski stammen könnten: 1996 beim Rückblick auf die EKD-Synode von Espelkamp 1955 zitiert er das Darmstädter Wort von 1947, in dessen 5. These es heißt: „ Wir haben es unterlassen, die Sache der Armen und Entrechteten gemäß dem Evangelium von Gottes kommendem Reich zur Sache der Christenheit zu machen.“ Und er bedauert, dass dieses „ sehr konkrete Bekenntnis weder in den Gemeinden noch in der Öffentlichkeit zur Kenntnis genommen und wenig oder gar nicht diskutiert wurde.“ [2]Immer wieder klagt er über das Fehlen einer demokratischen Mitbestimmung, wenn es um volkswirtschaftliche Fragen geht, es geht ihm darum, die Würde des Menschen am Arbeitsplatz zu stärken, ihn sprachfähig zu machen, den aufrechten Gang zu lehren. Es geht ihm um die Einsicht; „dass strukturelle Veränderungen nur dann durchgesetzt und realisiert werden können, wenn die Menschen aktiv mitmachen und diese auch selbständig gestalten.“[3] Es geht darum, dass Menschen befähigt werden, als „vollgültige Bürger in dieser Gesellschaft zu agieren“.

Es sind die großen Umbrüche in der Zwischenkriegszeit, die Erfahrungen des Faschismus und die des Wiederaufbaus, die beide Männer geprägt haben, und die nun ganz offensichtlich eine wichtige Ressource für heutige Fragen und Entscheidungen bilden. Wer die Texte von Symanowski und Hessel nebeneinander liest, stößt auf die gleichen, europäischen Grundthemen dieser Generation: Die Verfolgung und Vernichtung des europäischen Judentums und der Einsatz für die Würde jedes einzelnen Menschen. Die Erfahrung des Widerstands und der organisierten Untergrundarbeit in Zivilgesellschaft, Politik und Kirche. Die politische Gefahr, die von einer Konzentration von Wirtschaftsmacht und Finanzkapital in den Händen weniger ausgeht. Und der Sprengstoff der sozialen Ungerechtigkeit und Ungleichgewichte, die damit verbunden sind. So wie Synamowski das Darmstädter Wort von 1947 und das Ahlener Programm zitiert, das eine grundlegende Umgestaltung der Wirtschaft, fordert, so zitiert Hessel die politischen Programme der Resistance und des „ Freien Frankreich“. Anlässlich des 60. Jahrestages der Verkündung des Programms des Nationalen Widerstands hat der Widerstandsrat am 8. März 2004 erklärt: „ Der Nazismus ist besiegt. Doch die Bedrohung ist nicht vollständig gebannt, und unser Zorn über die Ungerechtigkeit ist nicht gewichen.“

Die derzeitigen Debatten über die Zukunft Europas angesichts der Krise an den Finanzmärkten, die Bedrohung, die von internationalen wie nationalen wirtschaftlichen Ungleichgewichten ausgeht, die Proteste in Madrid wie in London und Manchester, der Rassismus in polnischen oder ungarischen Fußballstadien, die zunehmende Fremdenfeindlichkeit, der wieder wachsende Antisemitismus und die Abgrenzung gegenüber Moslems in unserem Land haben uns aufgeweckt und zeigen deutlich, dass eine wache Wahrnehmung der Krise, bürgerschaftliches Engagement und ein aufrechter Gang gerade jetzt mehr als nötig sind. In Horst Symanowskis Biographie sind diese Aspekte untrennbar verbunden. Sein Engagement in der Bekennenden Kirche, sein Einsatz für jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger, sein ökumenischer Auftrag in der Gossner Mission, der Aufbau der kirchlichen Industriearbeit als Kirche in der Arbeitswelt und sein Einsatz für Mitbestimmung im umfassenden Sinne gehören für ihn untrennbar zusammen. Was wir heute als verschiedene Fassetten begreifen, was in unserer Kirche in ganz getrennten Ämtern und Arbeitsbereichen organisiert ist, floss für ihn ganz selbstverständlich aus der gleichen Quelle des Evangeliums wie seiner politischen Erfahrungen im Faschismus. Das Darmstädter Wort, das er immer wieder zitiert, zeigt diese Verbindungen ebenfalls auf.

Und damit komme ich zu der Frage, wie diese heiße Quelle von politischem Engagement und Leidenschaft  unsere Kirche geprägt hat und was daraus geworden ist. Als eine, die selbst sowohl einmal in der ökumenischen Arbeit, vor allem für den Nahen Osten, als auch in Diakonie und Sozialethischer Arbeit tätig war und ist, fällt mir zuallererst auf, wie wenig wir noch in der Lage sind, diese Handlungsfelder zusammen zu denken und zu verbinden. Die aktuellen Debatten in Umwelt- und Gewerkschaftsbewegung über die anstehende „ Transformation“ zeigen, wie nötig das ist: die nationale Sorge um den eigenen Wohlstand und die Abgrenzung der Schengen-Staaten nach außen verstärken nicht nur die sozialen Ungleichgewichte, sondern auch die Fremdenfeindlichkeit. Gerechtigkeit lässt sich nur international deklinieren, die Menschenrechte sind unteilbar. Aber unsere Kammern und Kommissionen, unsere Ämter und Dienste sind nach wie vor geteilt – während die einen sich mit ökumenischen Fragen beschäftigen, schauen die anderen auf soziale Themen. Und auch in unserem Land selbst kommt es zu Verwerfungen, die zu diskutieren wir nur schwer im Stande sind: während der kirchliche Dienst in der Arbeitswelt und die Gewerkschaftsbewegung die stetige Ökonomisierung der sozialen Dienste und die zum Teil prekären Beschäftigungsverhältnisse im Gesundheitswesen kritisch debattieren, fürchten Kirche und Diakonie um ihre prägende Kraft und ihr Selbstbestimmungsrecht in diesem Bereich. Aber selten kommen beide, so wie auf dieser Tagung, miteinander in die Diskussion. Nicht willentlich, sondern ganz sicher getrieben von gesellschaftlichen Veränderungsprozessen, wirken wir aber in unseren Organisationen mit an der Armutsentwicklung, die wir politisch beklagen. Es wird also höchste Zeit, dass wir die verschiedenen Perspektiven in diesem Spannungsfeld auch in unserer Kirche zusammenführen und die damit verbundenen Konflikte, aber auch neue Allianzen mit Gewerkschafts- und Umweltbewegung wagen. Das wird heute so wenig wie 1955 von allen in unserer Kirche so gesehen werden. Aber beim Lesen von Symanowskis Texten hatte ich gelegentlich den Eindruck, als sei die heiße Vulkanasche des Engagements längst erstarrt. Horst Symanowski selbst hatte 1996 den Eindruck, dass die Gemeinde der „ Anderen, der Betroffenen“ auf der Strecke geblieben sei. Er meinte die Industriearbeiter, die Arbeitslosen, die Armen, wir könnten heute aber auch von den Jugendlichen ohne Perspektive, von den Altenpflegerinnen mit geringem Gehalt, von den Zeitarbeitern sprechen. Stattdessen, so Symanowski, seien institutionell abgesicherte Ämter und Institutionen entstanden, „ Amtsstuben“, in denen kein „Arbeiterblut“ mehr fließe. Nach wie vor aber seien die Gemeinden unberührt von diesen sozialen Alltagsfragen. Vielleicht, so Symanowski am Schluss seines Referats, sei ein neuer Anfang notwendig.

Nun sind wir tatsächlich nicht in einer Phase, in der neue Ämter und Dienste aufgebaut werden, im Gegenteil: In den letzten Jahren die Gefahr, dass die große Geschichte des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt zu Ende ging. Zwar gab es angesichts der gesellschaftlichen Veränderungen , die ja auch in Kirche und Diakonie spürbar werden, ein neues Interesse an der Wirtschaft ,einen neuen Dialog mit Unternehmen, doch blieb lange unklar, in welchem Verhältnis das zu der eher gewerkschaftlich geprägten Tradition des KDA oder auch zum Arbeitsfeld „Handwerk und Kirche“ stehen könnte. Spätestens seit der Finanzkrise hat sich das geändert. Inzwischen ist deutlich: ein kritischer Dialog mit der Wirtschaft kann sich gerade aus den jahrzehntelangen Erfahrungen in der Industrie- und Sozialarbeit speisen. Und die Frage, was „ gute Arbeit“ ist, geht auch Kirche und Diakonie in ihrem Selbstverständnis an. Nach der Neuaufstellung des Verbandes „ Kirche-Wirtschaft-Arbeitswelt“ in der EKD und nach mehreren gut besuchten Forumstagungen zu aktuellen Fragen kann ich sagen; das Feld Kirche-Wirtschaft-Arbeitswelt in der EKD geht gestärkt aus der Krise hervor. Das wird auch daran sichtbar, dass der Verband demnächst mit dem Sozialwissenschaftlichen Institut gemeinsam ein neues Zentrum für Soziale Fragen bildet.

Die Fragen allerdings sind keinesfalls erledigt und bearbeitet. So dankbar wir sein können, dass Horst Symanowski zusammen mit Engagierten wie Klaus von Bismarck, Adolf Wischmann, Eberhard Müller und dem ehemaligen Synodalpräses Gustav Heinemann in Espelkamp eine Struktur für die Industrie- und Sozialarbeit der Kirche – bis hin zum Berufsbild des Sozialsekretärs auf den Weg gebracht haben- so sehr müssen wir uns darüber klar bleiben, dass es ihnen eben nicht um Ämter und Positionen, sondern um ein neues Verständnis von Kirche und um politische Einflussnahme ging. Diese und die folgende Generation mit Ernst Lange oder Werner Simpfendörfer, mit Johannes Rau und den Orbishöher Kreis standen für eine Kirche der „ Laien“, die ihre Berufserfahrungen und ihr Gespür für Politik in die Gemeinden einbrachten und ihr Christsein in den gesellschaftlichen Kontexten öffentlich lebten. Eine Gemeindekirche, die Bibel und Politik trennte und zur Freizeitkirche mutierte, war ihre Sache nicht. Es ging also nicht darum, dass die Gemeinden und Kirchenkreise sich zusätzlich funktionale Dienste und Ämter für unterschiedliche Spezialgebiete leisteten – es ging in einem viel tieferen Sinne um Kirchenreform, eben darum, dass die Kirche Gemeinde in der Welt wurde. Nicht die Kirche und die Welt der Arbeit sollte also das Thema sein, es sollte nicht darum gehen, Brücken in eine andere Welt zu schlagen, sondern die Kirche sollte Kirche in dieser Welt der Arbeit sein. Die Gefangenschaft in überkommenen Strukturen, die Milieubindung der bürgerlichen Mittelschichtgemeinde sollte überwunden werden. Denn die christliche Freiheit macht solchen Wandel möglich, „wo das Zusammenleben der Menschen Wandlung erfordert“, wie es im Darmstädter Wort heißt.

„Kirche in der Arbeitswelt“- In seinem Referat in Espelkamp hat Symanowski das so beschrieben: „ Um Gemeinschaft geht es tatsächlich, um Leiblichkeit, um den Leib Christi, nicht aber um die religiöse Form dieses Leibes, sondern um seine säkulare Gestalt. Nicht auf das Kennwort „christlich“ kommt es an, sondern darauf, ob die versöhnende Tat Gottes sich in der Welt … ereignet. Das Zeugnis von dieser Tat Gottes ist nicht ein religiöses, sondern ein säkular gesellschaftliches Ereignis“. Symanowski stellt sich ganz bewusst in die Tradition Dietrich Bonhoeffers und seines Verständnisses vom „mündigen Christsein“ und vom „religionslosen Christentum- und er tut das auf dem Hintergrund einer scharfen Analyse vom Versagen der Kirche gegenüber Arbeiterschaft und Gewerkschaftsbewegung in der sozialen Frage wie gegenüber dem Judentum angesichts eines Antisemitismus, der aus dem Antijudaismus gewachsen war.

Aussagen wie seine würden wir heute möglicherweise unter dem Stichwort „ Selbstsäkularisierung“ noch einmal kritisch befragen: Kommt es wirklich nicht darauf an, dass unser gesellschaftliches Handeln als christliches erkennbar ist? Braucht nicht unsere ökonomisierte und säkularsierte Gesellschaft mit ihren religiösen Konflikten und Spannungen gerade ein neues, aufgeklärtes Verständnis von Religion? Ich würde das bejahen. Allerdings darf uns das als Kirche nicht davon abhalten, weite Bündnisse und politische Allianzen einzugehen, wenn es um die Fragen von Versöhnung und Gerechtigkeit geht. Das Beispiel der Gerechten unter den Völkern zeigt, dass es in der Nagelprobe die versöhnende Tat ist, die alles wendet. Die immer missverständliche, nie exklusive Tat der Versöhnung.

Das gilt es mitzunehmen in die Auseinandersetzungen, vor denen wir stehen- in die Visionen von Kirchenreform wie in die politischen Debatten. Vielleicht tun wir gut daran, einige der Lebensideen von Symanowski dabei wieder aufzugreifen. Die Bauwagen der Gossner-Mission in den zerstörten Dörfern des Oderbruchs ermutigten die Menschen vor Ort, in den Bauernhöfen wie in der Arbeiterschaft, sich selbst für den Wiederaufbau ihrer Kirchen einzusetzen. Genauso wie die Präsenz der Industriepfarrer am Band die Kollegen ermutigte, für ihre Sache einzustehen. Dabei ging es um dieselbe Bewegung: um Mündigkeit und um Öffentlichkeit, um gesellschaftlichen Wandel. Symanowski hat sich engagiert mit Fragen auseinandergesetzt, die uns heute wieder beschäftigen: mit der Bedeutung der Einheitsgewerkschaft, der Kritik an einer spezifisch christlichen Gewerkschaftsbewegung, der Ambivalenz einer stärkeren Selbstbestimmung der Mitarbeitenden bei gleichzeitiger Effektivierung der Arbeitswelt.

Wer die Texte der 100-jährigen liest, der spürt, dass gesellschaftliche Veränderungsprozesse sich eben doch in langen Bögen vollziehen und dass wir in unserem Handeln und Entscheiden gut daran tun, auf die Erfahrungen der vorigen Generationen zu schauen. Die Generation, die Gruppe um Horst Symanowski hat unsere und gerade Ihre Kirche sehr geprägt. Daraus schöpfen wir, darauf können wir stolz sein, davon können wir lernen, den aufrechten Gang einzuüben. Mit bleibt dabei wichtig, die beiden Seiten von Kirchenreform und gesellschaftlichem Engagement, von ökumenischem Denken und sozialethischen Stellungnahmen zusammenzuhalten. Und dabei keine Scheu zu haben, wenn das mit Konflikten einhergeht. Noch immer und immer wieder geht es darum, sich aus erstarrten Strukturen zu lösen, wie Symanowski sagt. Oder mit Stephane Hessel: „Neues schaffen, heißt Widerstand leisten. Und Widerstand leisten, heißt Neues schaffen.“

Cornelia Coenen-Marx, Mainz, 3.9.11 



[1] Stephane Hessel, Empört Euch, Berlin 2011

[2] „Kirche und Arbeitswelt- ein Rückblick auf die EKD-Synode von Espelkamp 1955, epd-Dokumentation Nr. 6/ 96

[3] „Schlanker Betrieb? Schlanke Menschen? Schlanke Gesellschaft?“Aus der Mainzer Arbeit, Werkstattbericht Nr. 10, 1. März 1993, Gossner Mission

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